Pommern - Wolin. Das alte Julin auf dieser Insel

Aus: Deutschland und die Deutschen. Band 2
Autor: Beurmann, Eduard (1804-1883) deutscher Advokat, Journalist und Redakteur, Erscheinungsjahr: 1839
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Pommern, Landesbeschreibung, Land und Leute, Sitten und Gebräuche, Kultur-, Sitten- und Sozialgeschichte, Bildung, Lebensverhältnisse, Besitzverhältnisse, Wolin, Julin, Julmarkt, Jomsburg, Swine, Heimskringla Sage, Eyrbiggia Sage
Die nur durch die Swine von Usedom getrennte Insel Wolin ist wenigstens dem Altertumsforscher durch die alte Stadt Julin, die an derselben Stelle gestanden haben soll, wo jetzt die Stadt Wolin, merkwürdig. Zwar existieren auch über die Lage Julins kontroversen, indes sorgfältige Vergleichungen der verschiedenen Angaben, die die Chroniken enthalten, berechtigen zu dem obigen Schluss. War Julin auch nicht so glänzend, wie die Fama davon in den Chroniken, sondern vielmehr, nach der Beschreibung des Mönches Andreas, der seine Mitteilungen aus Augenzeugen schöpfte, nur im wendischen Style erbaut, aus Lehm, Holz und Schmutz, so ist doch die Ausdehnung der Stadt in weitem Umkreise um das jetzige Wolin sehr unzweifelhaft. Heißt man doch noch heutigen Tages in der Feldmark des letzteren bestimmte Plätze: den Fischmarkt, den Pferdemarkt, den Julmarkt. Wie sollen diese Plätze hierher kommen, als durch die Tradition? „Julmarkt“ kann vielleicht so viel heißen, wie julinischer Markt. Aber nicht nur, dass diese Plätze in der Feldmark von Wolin liegen, sie sind auch in beträchtlicher Weite von einander entfernt; lagen sie also vor Zeiten innerhalb der alten Ringmauern von Julin, so ist der große Umfang desselben dadurch erwiesen.

Ich habe schon, bei Gelegenheit Vinetas, erwähnt, Helmoldus wendet die Beschreibung, die der hundert Jahre früher lebende Adam von Bremen von Julin mitteilt, ohne Weiteres auf Vineta an, und in der Tat, er hat jenen Chronisten so wörtlich abgeschrieben, dass er nur die einzige Stelle ausließ: „Dort ist eine Olla des Vulcans, welche die Einwohner das griechische Feuer nennen, dessen auch Solinus gedenkt.“ Sehen wir nun von Vineta ganz ab, so wäre doch Julin zum mindesten eine sehr prachtvolle Stadt gewesen. Aber ich habe schon gesagt, dass der Biograph des heiligen Otto zur Zeit, als dieser Julin betrat, von einer schmutzigen aus Holz und Lehm bestehenden Stadt spricht. Wie reimen sich diese Widersprüche? Man könnte wohl dafür halten, dass Adam von Bremen sich eine licentia poetica erlaubte und wie so viele Chronisten jener Zeit, die den Übergang aus dem heidnischen Mythus zur christlichen Wahrheit bildete, die Sage aufputzte. Er selbst sah gewiss die Stadt nie, er hörte von ihrer Größe, ihrem Handel u. s. w. und legte nun die Phantasie an ihre äußere Einrichtung, von der er nichts vernommen hatte. Wenn aber auch Andreas nicht aus eigener Anschauung urteilte, und vielmehr sein Werk über Otto erst 310 Jahre nach dessen Tode vollendete, so muss man doch — wie gesagt — der Meinung sein, dass er hinsichtlich der Beschreibung von Julin auf authentischen Beweisen fußt; denn was er mitteilt, trägt das Gepräge eines Tagebuchs des Bischofs selbst, oder eines seiner Begleiter. Bei Julin lag auch die berühmte Jomsburg, deren die Heimskringla Saga, die Jomsvikinger Saga und die Eyrbiggia Saga erwähnt. Wahrscheinlich war sie die Akropolis der Stadt, und wurde von den Dänen erbaut und später zerstört, als die hierher gelegte Besatzung den ursprünglichen Zweck vergaß, die Wenden zu beaufsichtigen, und sich mit den Julinern in Seeräuberei einließ.

Zwischen Wolin und Usedom fließt nur die Swine und wenn die eine Seite der Fähre Ostswine genannt wird, so nannte man Swinemünde früher Westswine. Usedom stellt sich recht zutraulich und einladend dar, fährt man von Wolin hinüber; denn die anmutige Einfassung, die Swinemünde mit seinen Häusern, Gärten und Schiffen dieser Seite der Insel verleiht, verdeckt den sandigen Charakter von Usedom, der sonst allenthalben durchblickt.

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