Pommern - Usedom. Einwohner und örtliche Zustände. Die Ruinen von Vineta und Beschiffung derselben.

Aus: Deutschland und die Deutschen. Band 2
Autor: Beurmann, Eduard (1804-1883) deutscher Advokat, Journalist und Redakteur, Erscheinungsjahr: 1839
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Pommern, Landesbeschreibung, Land und Leute, Sitten und Gebräuche, Kultur-, Sitten- und Sozialgeschichte, Bildung, Lebensverhältnisse, Besitzverhältnisse, Usedom, Vineta, Fischerei, Heringsfang, Lotsenlohn, Robbenschlag, Arbeitsteilung, Streckelberg, Koserow, Peenemünde, Damerow
Usedom, wie Wollin, trägt in seiner ganzen Oberfläche den Eindruck des Meeres, das hier einst seine Wogen rollte. Hohe Sanddünen durchkreuzen die Insel, Granitschichten ragen aus dem Boden hervor. Nur da, wo die Vegetation gegen den Sturm und die Einwirkungen der Ostsee durch die Abhänge der Dünen gesichert ist, hat sich eine fruchtbare Dammerde gesammelt. Die Wiesen findet man in den noch niedrigeren Tälern, und da, wo die tiefsten Gründe der Insel, Seen die eine lebendige Abwechslung bieten zwischen Buchen, Eichen, Tannen, Wiesen und Dünen.

Wenn die Männer der der See zuliegenden Dörfer dem Fischfang und der Schifffahrt nachgehen, so sind es die Weiber, welche den Acker verwalten. Der letztere ist immer Nebensache im Verhältnis zum Meere, das für alle, die sich ihm einmal hingegeben haben, eine seltene Anziehungskraft zu besitzen scheint, vermutlich nur der Gefahr wegen, die auf Usedom und allenthalben, wo die See Gewalt über die Menschen ausübt, als die Würze des Lebens erscheint, als eine ergötzliche Abwechslung des ewigen Einerleis. Sie setzen es ein in die hüpfenden Wellen für einen Heringsfang, für einen Robbenschlag, für einen Lotsenlohn, und die Spannung zwischen Leben und Tod ist jenen Menschen die Poesie des Daseins. Deshalb bauen die Weiber den Acker und weben die schwarzen und roten Jacken, die immer wie ein Symbol des Todes anzusehen sind; denn auch hier hört man von ganzen Geschlechtern, die ununterbrochen von Vater auf Sohn und von Sohn auf Enkel ihr Grab auf tiefem Meeresgrunde wählten und nie des Zimmermanns bedurften, dass er ihnen das Bett einrichte. Es ist eine schauerliche Bestimmung, aber die See lässt sie nicht, und wenn man in Peenemünde, wie ich, bei brausendem Sturm ein Lotsenboot ausrüsten sieht, weiß man auch, warum sie sie nicht lässt. Die See ist ihre Braut, und wenn sie wehklagend den Buhlen zuruft und ihr Angstruf durch die langen Tannen und die uralten Eichen von Usedom rauscht, dann müssen sie wohl hinaus, um zu tosen mit der Liebsten, oder auf ewig in ihren Armen zu ruhen und zu träumen.

Im Sturme nimmt sich die Sage von Vineta auch um so hübscher aus. Ich stand auf dem Streckelberg bei Koserow, der ungefähr dreihundert Fuß über die Gewässer zu seinen Füßen emporragt, über die tückischen Gewässer, die diesem König, dessen Thron, wie so mancher andere, auf Sand gebaut, spielend ein Stück Zepter nach dem andern entreißen, und mein Auge schweifte hinaus auf die unendliche Wasserfläche, die sich hob und senkte und nach allen Richtungen hin Ruhepunkte bot, hier die gelben, waldeingefassten Ufer von Wollin, dort Jasmunds weißes gespenstiges Antlitz, dort selbst, wenn man zum Fernrohr griff, Stralsunds weitgestreckte Türme; aber näher brach sich an zwei verschiedenen Stellen die Brandung und wie Lämmer irrten die Wellen am Strande umher und eilten zurück in die gewaltige Herde, die der Sturm trieb.

„Woher die Brandung dort und der dampfende Gischt?“ fragte ich den Führer, einen Schneider aus Koserow.
„Da liegt die alte Stadt Vineta“.
„Und die Mauern von Menschenhand sind nach Jahrhunderten noch fester, als das Meer von Gottes Hand, dass es sich brechen muss über ihrem Haupte?“

Der Schneider meinte ja, aber ein Freund erinnerte mich, dass die Wenden bekanntlich nur aus Holz und Lehm gebaut hätten und dass solche Bauten wahrscheinlich nicht den Jahrhunderten Trotz bieten dürften und dem leisesten Wogenschlag. Ich ließ mich nicht enttäuschen durch diese kritische Glosse unter dem poetischen Text des Augenblicks, ich dachte an die Mauern aus Jaspis und Marmor und an die goldenen Zinnen, ich überhörte es ganz, dass ein Schiffer versicherte, diese Mauern seien von Backsteinen, (eine Bemerkung, die meinen Freund nur überzeugte, dass man sich auf „das, was die Leute von Vineta sagten“, gar nicht verlassen könne, denn Backsteine hätten die Wenden gewiss gar nicht gekannt, und Backsteine seien gewiss längst dem Meere erlegen) und siehe da! der Sturm verflog und die Brandung ließ ab und die Sonne lächelte durch den grauen Ostseeschleier. „Siehst du dort, wo Vineta liegt, nicht lange goldene Streifen durch die grüne Wasserdecke leuchten?“ Mein Freund lachte, und am nächsten Tage fuhren wir von Damerow 5.000 Fuß hinaus in die Ostsee, denn die See hielt gerade Mittagsruhe, und ihr weiter Mantel war so durchsichtig, dass wir viele Steine, die hier und dort auf dem Boden umher lagen, deutlich erkennen konnten. „Wir halten über Vineta“, sagte der Schiffer „und diese Steine sind Grabsteine.“ Schließlich muss ich doch noch hinsichtlich Vineta bemerken, dass man sich wohl fragen mag: wenn diese Steinmassen nicht Vineta sind, woher rühren sie denn? Kreide, neuer Kalkstein und neuer Gips würden den Fluten nicht lange Widerstand leisten, an Urgebirge ist hier nicht zu denken, Sandstein aber, alter Kalk, oder alter Gips werden in der ganzen Gegend umher nicht angetroffen. Was sind also diese Steinmassen, wenn nicht Mauern von Vineta? Auf diese Frage blieb mir selbst mein nüchterner kritischer Freund die Antwort schuldig. Zu bemerken ist noch, dass die Magnetnadel auf den Ruinen von Vineta in Unordnung gerät, was eben das Scheitern vieler Schiffe daselbst erklärt. Der pommersche Regierungspräsident von Keffenbrink, der die Ruinen zu Ende des vorigen Jahrhunderts untersuchte, bringt diesen Umstand mit der Sage in Verbindung, zwischen Vineta und dem Dorfe Damerow seien Wiesen gewesen, wohin die Einwohner von Vineta ihr Vieh ausgetrieben, indem er annimmt, der in den versunkenen Wiesen enthaltene Eisenstein sei die Ursache jener Verwirrung der Magnetnadel.

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Ostseebda Koserow, Abstieg zum Strand

Ostseebda Koserow, Abstieg zum Strand

Ostseebad Koserow, Damenbad

Ostseebad Koserow, Damenbad

Osteebad Koserow auf Usedom

Osteebad Koserow auf Usedom

Ostseebad Koserow, Fischerhütten

Ostseebad Koserow, Fischerhütten

00 Ostseebad Koserow, Packhütten

00 Ostseebad Koserow, Packhütten

Ostseebad Koserow, Blick auf den Streckelberg

Ostseebad Koserow, Blick auf den Streckelberg