Plattdeutsche Dichtung - Rothgeter Meister Lamp un sin Dochter. Plattdeutsches Gedicht von Klaus Groth. Rezension

Aus: Deutsches Museum. Zeitschrift für Literatur, Kunst und öffentliches Leben. Herausgegeben von Robert Prutz. 12ter Jahrgang 1862. Januar-Juni.
Autor: Redaktion - Deutsches Museum, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, plattdeutsch, Lyrik, Groth, Reuter, Literatur, Rezension
Die Wärme der Empfindung und die Unmittelbarkeit der Darstellung ist es denn nun auch, was wir, unbeschadet aller sonstigen Vorzüge, die wir ihm gewiss nicht absprechen wollen, an Fritz Reuters berühmtem Rivalen, dem Dichter des „Quickborn“, von seinem ersten Auftreten an vermisst haben, und was wir auch in seinem neuesten Werkchen vergeblich suchen: „Rothgeter Meister Lamp un sin Dochter. Plattdeutsches Gedicht von Klaus Groth" (Hamburg, Perthes-Besser & Mauke).

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Klaus Groth ist ohne Zweifel ein poetisches Gemüt, er ist sogar noch mehr: er ist auch ein Mann von Geschmack und umfassender Bildung, er hat seinen Kursus der Ästhetik gründlich durchgemacht und weiß sich über die Bedingungen der Kunst klare und deutliche Rechenschaft zu geben. Als hochdeutscher Dichter würde er zwar nicht zu den Originalen, den epochemachenden Geistern zählen — wie viele gibt es deren noch überhaupt?! — wohl aber würde er unter den Dichtern zweiten und dritten Ranges, den bei uns so zahlreichen Dichtern, welche fremde Eindrücke verarbeiten und von außen her empfangene Melodien weiter fortpflanzen, seinen Platz mit Ehren behaupten. Dagegen um plattdeutscher Dichter zu sein, fehlt ihm unsers Bedenkens Eins: er denkt und empfindet nicht plattdeutsch, seine Gedichte sind nur von außen plattdeutsch, es ist nur die Form, welche die Sprache des Volks redet, während der Inhalt hochdeutsch ist und in Gedanken und Empfindungen die Herkunft aus der hochdeutschen Bildung keinen Augenblick zu verleugnen vermag. Klaus Groth hat das interessante Problem gelöst, zu zeigen, wie etwa Goethe, Uhland, Heine etc. sich im plattdeutschen Idiom ausnehmen würden, das Volk selbst aber, das unmittelbare unverfälschte Volk, kommt bei ihm nicht zum Wort.

Und gerade aus dieser Schwäche des Dichters oder wenn man will aus dieser seiner kulturhistorischen Eigentümlichkeit erklären wir uns den außerordentlichen Beifall, der ihm zu Teil geworden. Wo sind Klaus Groths Gedichte am meisten verbreitet und aus welchen Kreisen der Gesellschaft ist sein Ruhm so eigentlich erwachsen? Lesen etwa die Bauern ihn? Ist er im Munde der Pächter und Inspektoren? Hört man seine Lieder, wo die wohlgenährten rotweinleuchtenden Gestalten unserer Amtsleute zusammen-kommen? O nein, Klaus Groths Dichterruhm stammt der Hauptsache nach aus dem Salon, seine ersten und eifrigsten Apostel waren nervöse Damen und gelehrte Professoren, denen es höchst pikant vorkam, hier einen gebildeten Mann zu sehen, der die Sprache der Ungebildeten, die Sprache des Hauses und der Familie so geschickt zu künstlerischen Zwecken zu verwenden wusste, ja der uns die Quintessenz unserer modernen Kunstdichtung in demselben Idiom zu hören gab, das wir für gewöhnlich nur von den Lippen unserer Knechte und Mägde zu hören gewohnt waren oder, wenn wir es selbst auch sprechen, so sprechen wir es gleichsam nur inkognito, im engsten Freundeskreise oder zwischen den stillen Wänden des Hauses.

Damit, wie gesagt, soll weder Klaus Groths literarische Stellung herabgesetzt, noch seinem eigentümlichen Verdienst zu nahe getreten werden; er ist ganz gewiss eine anmutige und liebenswürdige poetische Persönlichkeit und auch als Vermittler zwischen der hochdeutschen und plattdeutschen Bildung wird ihm eine ehrenvolle und dauernde Stellung in der Geschichte unserer Literatur nicht entgehen. Nur wenn man, wie es von seinen einseitigen Bewunderern geschehen ist, Klaus Groth als das eigentliche Genie der plattdeutschen Literatur, sozusagen den plattdeutschen Musterdichter proklamieren will, so müssen wir dagegen Einspruch tun, weniger zu Gunsten Fritz Reuters, als vielmehr zu Gunsten der Wahrheit, die man nie und nirgends verleugnen soll.

Auch das neueste Produkt des Dichters, die obengenannte Idylle „Rothgeter Meister Lamp un sin Dochter“ scheint uns das eben Gesagte nur zu bestätigen. Es ist ein sorgsam angelegtes und mit Liebe durchgeführtes Kunstwerk, reich an allerhand zarten und sinnigen Zügen, aber den Charakter unserer niederdeutschen Bevölkerung finden wir darin so wenig wieder, als wir die Notwendigkeit abzusehen vermögen, weshalb das Gedicht plattdeutsch geschrieben ist und nicht hochdeutsch. Die Figuren desselben sind sehr sauber, sehr zierlich und werden dem ästhetisch gebildeten Geschmack unserer Damen ohne Zweifel viel besser zusagen als z. B. Fritz Reuters „Entspekter Bräsig“ mit seinen derben Witzen und Schwänken. Aber sind es auch wirkliche plattdeutsche Figuren? Fließt wirklich niederdeutsches Blut in ihnen? Nein, es ist poetischer Nippes, der überall entstehen konnte und der sein Plattdeutsches Kostüm lediglich wie ein Maskenkleid trägt. Einen besonders verhängnisvollen Fehlgriff scheint der Dichter uns dabei in Betreff der Form getan zu haben. Das Gedicht ist in Hexametern geschrieben. Nun ist der Hexameter allerdings von altersher gleichsam das kanonische Versmaß der Idylle und auch an plattdeutschen Idyllen haben wir seit Johann Heinrich Voß bekanntlich keinen Mangel. Bei alledem will es uns scheinen, als ob die plattdeutsche Sprache sich für kein Versmaß weniger eignet als für den Hexameter. Der Hexameter wie überhaupt jedes daktylische Maß erfordert einen reichgegliederten Silbenbau; in rastlosem Wechsel, aus Längen und Kürzen gemischt, tanzen die Füße dahin, leicht beflügelt, das Ohr mit melodischem Tonfall umschmeichelnd. Die plattdeutsche Sprache dagegen hat das Bestreben, die Silben möglichst abzuschleifen und jenes vielgestaltige Spiel von Vor- und Nachsilben möglichst zu vereinfachen; der Niederdeutsche ist eben zu phlegmatisch, zu träg, er mag den Mund nicht ohne Not auftun, darum, wo er mit einer Silbe wegkommen kann statt mit dreien oder vieren, begnügt er sich gern mit der einen Silbe, die dann allerdings etwas schwer und massenhaft ausfällt; er sagt „gään“ statt gegangen, „kloen“ statt erzählen und dergl. mehr. Mit einem Wort, wie er selbst an ein isoliertes Dasein gewöhnt ist, starr und fest auf sich selbst beruhend, liebt er auch die einsilbigen Wörter; keine europäische Sprache, mit einziger Ausnahme des Englischen, das sich eben darin als richtige Schwestertochter des Plattdeutschen kund gibt, ist so reich an einsilbigen Wörtern. Eine Sprache aber, in welcher die einsilbigen Wörter dominieren, ja in welcher überhaupt alle Wörter eine Neigung haben, durch Zusammenziehen, Abschleifen etc. einsilbig zu werden, eine solche Sprache ist für den Hexameter nicht geeignet und ist dies, beiläufig bemerkt, auch der Grund, weshalb es der englischen Sprache bis zu dieser Stunde trotz vielfacher Versuche nicht hat gelingen wollen, sich den Hexameter dauernd anzueignen. Auch der Dichter des „Rothgeter Meister Lamp und sin Dochter“ ist nicht im Stande gewesen, diese Schwierigkeit zu überwinden; trotz seines ausgebildeten Tongefühls und trotz seiner sonstigen sprachlichen Meisterschaft machen die vorliegenden Hexameter doch der Mehrzahl nach den Eindruck, als ginge man über einen Knüppeldamm. Ja zur vollsten Bestätigung des eben Gesagten stoßen wir bei ihm auf Hexameter, die buchstäblich aus lauter einsilbigen Wörtern bestehen; man sehe z. B. folgenden Vers (S. 73):

Vaer de Luft, un det Licht, un det Grön, un dat dat se mit waer’.

Das ist ein Hexameter aus wohlgezählt 15 einsilbigen Wörtern; wer den lesen kann, ohne sich die Zunge zu zerbrechen oder wer danach noch behaupten will, der Hexameter sei ein für das plattdeutsche Idiom geeignetes Versmaß, nun ja doch, der hat seinen Geschmack für sich....

Im übrigen ist es ein alter Spruch, dass, wo die Könige bauen, die Kärrner zu tun haben und so haben auch die glänzenden Erfolge, welche Klaus Groth und Fritz Reuter, ein jeder in seiner Art, davongetragen, eine Menge von Nachfolgern wach gerufen, so das es auf dem sonst so schweigsamen plattdeutschen Parnass gegenwärtig ziemlich lebhaft zugeht.
Groth, Klaus (1819-1899) Hosteiner, plattdeutscher Lyriker (1844, von Wilhelm Krauskopf)

Groth, Klaus (1819-1899) Hosteiner, plattdeutscher Lyriker (1844, von Wilhelm Krauskopf)