Nordsee- kontra Ostseebäder

Sind Nordseebäder den Bädern in der Ostsee und namentlich den Doberanern vorzuziehen?
Autor: Geh. Med. R. Dr. Sachse in Ludwigslust, Erscheinungsjahr: 1834
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Ostseebäder, Nordseebäder, Doberan, Badearzt, Seebadeanstalten, Meersalz, Badegast
Wie man sich bald nach Anlage der Badeanstalten in der Nordsee von einigen Seiten bemühte, die größere Wirksamkeit des Wassers derselben auf Unkosten der Ostseebäder herauszuheben, so ist dies von Neuem im vorigen Jahre von A. C. RICHTER in einer kleinen Schrift geschehen.
Dr. Sachse (Beobachtungen über die heilsamen Wirkungen Doberaner Seebäder), hätte gewünscht, Richters Bekanntschaft in Doberan selbst zu machen, da er glaubt, dass derselbe dann die dortigen großartigen Seebadeanstalten in die prüfende Wagschale gelegt haben würde, mit der er die größere Masse des Salzgehalts in der Nordsee abwog. Diese, nicht bloß Bequemlichkeiten der Badenden bezweckenden, sondern auch besonders auf Abwehrungen von Schädlichkeiten für schwache Badende u. auf Herbeiführung von den glücklichsten Herstellungen berechneten Anstalten wurden nicht nur selbst von den an die raueren Nordseebäder gewöhnten Engländern in Lobgedichten gefeiert, sondern auch Formet sprach sich schon 1822 höchst günstig darüber aus. Und was ist in dieser Hinsicht seit dem genannten Jahre geschehen? Wo ist ein Bad, welches eine Anstalt wie die der neuen Frauenbäder hätte? Wo ist mit irgend einem Bade dieser Art eine Trinkanstalt von natürlichen und künstlichen Mineralwässern vereinigt? Wo ist ein Seebad, wo zugleich Eisen - und Schwefelquelle u. jetzt auch ein russisches Dampfbad vorhanden wären? — Was nun Richters Angaben anlangt, nach deren er den Nordseebädern Vorzüge vor den Ostseebädern einräumt, so wiederholt derselbe zuerst den alten Satz: die Nordseebäder sind wirksamer, weil sie noch einmal so reich an Salzgehalt sind, als die der Ostsee. In dieser Beziehung fragt es sich aber, ob denn größere Wirksamkeit auch allgemeinere Heilsamkeit einschließe? Warum schickt man die Kranken zum Meere? Die Salinen bieten ja ein noch weit kräftigeres Salzwasser dar, ja, man kann Meersalz in Hausbädern auflösen, um es dadurch in Soole zu verwandeln. Betrachtet man den Salzgehalt rücksichtlich der kalten Bäder, so kann man ohnehin von ihrer Einsaugung nicht sprechen, da Kälte die Haut verschließt u. sie auch nur wenige Minuten benutzt werden. Betrachtet man den Hautreiz, der allerdings von größerer Salzmenge auch größer angenommen werden kann, so ist dieser in der Ostsee schon so stark, dass die Meisten ganz gerötet das Bad verlassen u. bald Ausschläge bekommen, die oft den ganzen Körper bedecken. Da nun in der Nordsee die Hautausschläge nicht einmal am ganzen Körper, sondern meist nur am Rücken ausbrechen, der den Wellen dargeboten wird, so muss es doch auch mit der größeren Reizung nicht so viel zu bedeuten haben und S. kann sich vielmehr die größere Wirkung der Ostseebäder in dieser Beziehung dadurch erklären, dass sich der ganze Körper anhaltend im Wasser befindet, während er in der Nordsee nur in Intervallen überschüttet wird. — Bei warmen Bädern kann größerer Salzgehalt allerdings der Einsaugung wegen von größerer Bedeutung sein, aber ihretwegen reist man gewöhnlich nicht zum Meere: sie dienen meist nur zu Vorbereitungsbädern. Oder wollte man sie ab Erschlaffungsmittel der zu trocknen Faser lange fortsetzen, so könnte grade der doppelte Salzgehalt eine Kontraindikation abgeben. Wollte man aber ja bei eingewurzelten Hautkrankheiten kräftigere Einwirkung des Salzes bewirken, so könnte man leicht durch Zusätze von Seesalz das Fehlende ersetzen. — Ein zweiter Vorzug, den die Nordseebäder haben sollen, soll im steten u. stärkeren Wellenschlage zu suchen sein. Nach Richter soll derselbe in der Ostsee selten u. an den Badeplätzen nur in geringem Grade bei stürmischer Witterung bemerkbar sein. Dass aber in Doberan kein starker Wind dazu gehört, um einen kräftigen Wellenschlag zu bereiten, wird jeder Badegast bezeugen, auch erfährt es die Badekasse jährlich sehr empfindlich. So wahr es übrigens auch ist, dass starke Flut u. stürmische Witterung schneller erwärmen u. stärker erquicken, als Baden im ruhigen Meere, so Schade ist es, dass diese Wirkung durch Sturm u. zu starke Bewegung zu sehr beeinträchtigt wird, wenn Furcht die Badenden ergreift. Wo aber, wie in der Nordsee, Männer mit vollster Muskelkraft umgerissen werden können, wie soll es da Frauen u. Kindern gehen? Wäre überdies das Meer ruhig, so findet man an dem Doberaner Strande Vorrichtungen, woran man sich stets den künstlichen Wellenschlag bereiten kann, zu dessen Hervorbringung die wohltätigste Körperbewegung erforderlich ist. — Schließlich macht der Verfasser noch auf einige Vorteile aufmerksam, die Doberan darbietet, in der Nordsee fallen die großen Heilmittel: Begießung von einer Höhe herab und die Anwendung der Dusche im kalten Bade ganz weg. Man begießt dort auch, aber die Kranken müssen sich dazu bücken, man kann es höchstens ein Anspülen nennen. Das Schwimmen gewährt in Doberan ferner bei meist nicht zu hohen Wellen großes Vergnügen und großen Nutzen u. das hier mögliche, den Kranken nicht genug anzuratende plötzliche Einspringen ins Meer gehört nicht nur zu den herrlichsten Erquickungsmitteln, sondern ist auch Abkürzungsmittel der Furcht und der Beklemmung des Atmens. In der Ostsee kann man sich ferner, da es bei kalter, windiger Witterung höchst unangenehm ist, wenn man beim Auftauchen einzelner Teile sich derselben aussetzt, immer unter Wasser halten. Auch kann sich S., was auch neuerlich dagegen geschrieben worden ist, noch nicht von dem Gedanken an elektrische Einwirkungen im Meere trennen und wäre eine solche elektrische Kraft im Meere vorhanden, wo könnte sie dann größer gefunden werden, als am heiligen Damm in Doberan, wo mehr ab eine halbe Meile weit der Saum des Meeres von 5 Millionen Kubikfuß Steinen gebildet wird, die von Tausenden von Wellen in jeder Sekunde über einander gerollt u. so hart an einander gerieben werden, dass die meisten wie abgeschliffen sind. Endlich bedarf es bei keiner Art von Bädern mehr der anhaltenden Bewegung in reiner Luft als bei Seebädern, und wo gibt es eine dazu so einladende Küste, als Doberan? [Ebendas. Nr. 20.] (Kneschke.)
Heiligendamm, Kurhaus und Chaussee

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Heiligendamm von See aus

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Der Heilige Damm bei Bad Doberan

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Schloss Puttbus auf Rügen

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Nordseebad Norderney - Strandpartie und Seebrücke

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Nordseebad Norderney - Strand und Seebrücke

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Ostseebad Arendsee - Kuhrhaus und Warmbad

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Kühlung - Blick auf Arendsee

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Ostseebad Arendsee - Park Hotel

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