Neueste Geschichte der Stadt Parchim - Vom Jahr 1800 bis zum 30. September 1818 - 9. Denkwürdiges aus dem Jahre 1813

Aus: Neueste Geschichte der Mecklenburg-Schwerinschen Vorderstadt Parchim vom Jahre 1801 bis 1852. Zur Ergänzung und Fortsetzung der Cleemannschen Chronik
Autor: Icke, Wilhelm Ludwig (17?-18?) Prokurator und Advokat in Parchim, Erscheinungsjahr: 1853
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Parchim, Stadt-Geschichte, Chronik,
Im Verlaufe des Jahrs 1813 begab sich in Parchim wiederum manches Denkwürdige, worüber nachstehend zu berichten ist. Der Monat Januar verging noch ziemlich ruhig, unter einzelnen kleinen Einquartierungen aber auch unter mancherlei sich fast täglich mehrenden und von neuem bestätigenden Gerüchten von der bereits erfolgten und mit den furchtbarsten Leiden und Widerwärtigkeiten verknüpften Retirade des kleinen Restes der großen Armee aus Russlands verödetem Gebiete.

Am 18. Februar 1813 hat ein Sturmwind allhier in den Holzungen viele Bäume umgeworfen, und aus der Erde gerissen, auch an den hiesigen Dächern Schaden angerichtet, welcher besonders das Bürgerhaus Nr. 355 getroffen hat, dessen Dach von dem starken Winde in der Mitte zerbrochen und eingefallen ist.

In den Tagen des 21. und 22. Februars 1813 wurden noch 57 Mann von verschiedenen französischen Regimentern, und fünf Dragoner, die nach ihrer Willkür angelangt waren, auf eine Nacht hier einquartiert. Es waren die vorletzten bewaffneten Streiter Frankreichs, welche durch Parchim passierten; denn die drei Wagen, welche ihnen am 25. folgten, enthielten nur eine Anzahl verwundeter Franzosen unter, geringer Eskorte, die Tags darauf von den Stadt-Bauern nach Grabow gefahren wurden. Diese Unglücklichen hatten zum Teil Arm und Fuß in den Schlachten verloren, und gaben uns zuerst ein erschütterndes Bild davon, wie furchtbar es in den Gefechten hergeht. Mit ihnen kam eine neue Bestätigung der schon seit einigen Wochen aufgetauchten Nachrichten über die enormen Verluste, welche nicht nur die Franzosen, sondern auch ihre gezwungenen deutschen Verbündeten, und insbesondere Mecklenburgs Kämpfer erlitten hatten.

Denn von unserem ganzen schonen Regimente war nur gar wenige Mannschaft übrig geblieben. Von derselben trafen am 27. Februar zwei Offiziere und 31 Mann Infanterie, aus dem russischen Feldzuge heimkehrend, hier ein. Einer der ersteren war der Lieutenant, nachherige Hauptmann Voß, Sohn unseres Bürgermeisters, und er brachte am anderen Tage sein kleines Kommando nebst der Fahne des Regiments nach Ludwigslust. Am 28. Februar und 3. März folgten ihm noch einzelne zurückgebliebene Soldaten ebenfalls dahin.

Nun begab sich aber, in Folge jenes großen Welt-Ereignisses, auch in Mecklenburgs politischen Verhältnissen eine bedeutende Änderung schon im Monate März 1813. Unser Landesherr hatte — der erste unter allen deutschen Fürsten — dem mit Napoleon geschlossenen Rheinbunde entsagt, sobald der General Tettenborn mit einer Schaar leichter russischer Truppen in unser Vaterland eingerückt war, auch Hamburg und Lübeck nach dem Abzuge der Franzosen besetzt hatte. Letztere, von denen sich besonders auch die Preußen losgesagt hatten, wurden nun durchgängig als Feinde des deutschen Volks betrachtet, und es erging am 26. März 1813 von unserer Regierung, die öffentliche Aufforderung zu freiwilligen Beitragen zum Kriege wider jene für die allgemeine deutsche Sache. Dieser aber ward willig entsprochen, und es kam auch bald zu der höheren Orts gewünschten Aufstellung neuen Militärs, indem ein reitendes Jäger-Regiment, und ein Corps Fußjäger errichtet wurde, welche beide aus mecklenburgischen Freiwilligen bestanden, wozu auch Parchim einige Mann lieferte, und denen, welche sich nicht selbst ausrüsten konnten, durch die Stadt-Kasse zur nötigen Ausrüstung verhalf. Gleichzeitig erfolgte die Herzogliche Verordnung: dass jeder eingeborene oder nationalisierte Mecklenburger zu seiner Legitimation als solcher vom 19. Lebensjahre an eine Kokarde mit den Landesfarben — blau, gelb und rot — am Hute tragen solle, und ward am 1. April der hiesigen repräsentierenden Bürgerschaft von Magistratswegen bekannt gemacht, worauf alle Einwohner sich beeilten, dieselbe anzulegen.

Übrigens verlautete bald, dass die Franzosen fortwährend Niederlagen erduldet hatten, und dass in Kurzem wieder ansehnliche Einquartierungen von ihnen, jedoch nur als Kriegs-Gefangenen, und ihren Eskorten zu erwarten sein würden. Dies bestätigte sich auch schon am 6. April 1813, wo angekündigtermaßen 3.000 Mann Gefangene, Sachsen und Franzosen, erstere in weit größerer Anzahl, unter Bedeckung und Botmäßigkeit von nur 70 Mann Kosaken und 60 bewaffneten Grabower Bürgern in Parchim anlangten. Jene Kosaken waren die ersten, welche hier je gesehen worden, und wurden deshalb von einer großen Volksmenge am Neustädter Tore und schon weit vor demselben empfangen; die Bürger aber nahmen diese so weit her gekommenen bärtigen Krieger ungeachtet ihrer fremdartigen Gesichtsbildung und unbekannten Sprache als Mitbefreier Deutschlands freundlich auf, und bewirteten sie bestens. Selbige führten neun bei Lüneburg erbeutete Kanonen mit sich. Den Gefangenen, unter denen besonders die Franzosen, und von diesen wieder vorzugsweise die Offiziere, bleich und abgezehrt, Gespenstern ähnlich, einherwankten, ward jetzt — so sehr und so schrecklich hatte sich das Blatt gewendet, nachdem des Weltenstürmers Macht gebrochen war — eben die Aufnahme und Behandlung hier zu Teil, welche die einst so übermütigen Sieger vor etwas über 6 Jahren den geschlagenen Preußen hatten widerfahren lassen. Auch sie kamen nunmehr entwaffnet und mutlos, aber noch in einem viel traurigeren und abgerisseneren Zustande als jene; auch sie mussten es sich gefallen lassen, in die beiden hiesigen Kirchen eingesperrt und auf Stroh gebettet zu werden, auch sie hatten sich mit dem Essen zu begnügen, welches ihnen von den Einwohnern, nach der hier getroffenen Einrichtung kavelweise dorthin gebracht wurde. Bei der Menge dieser Leute mussten von den Häusern nach dem Maßstab ihres Katasters resp. 12, 6 und 3 Portionen Speise geliefert werden; die während der Nacht hier verweilenden Gefangenen wurden aber am anderen Morgen weiter nach Plau geführt, und von der Dreißiger-Gilde und 40 bewaffneten hiesigen Bürgern als Eskorte dahin begleitet.

Am 19. April rückte eine Abheilung von 106 Kosaken hier ein, zum Rasttag bis zum 21.; auch sie wurden, wie ihre Vorgänger, freudig aufgenommen, und erregten ebenfalls viel Aufsehen. Ihre Bewaffnung mit Lanzen und ihre kleinen Pferde, welche besonders unserer Jugend auffielen, konnten nun mit etwas mehr Muße von jedermann betrachtet werden.

Übrigens war gegen den 27. April 1813 die Nachricht hier eingegangen, dass ein Sohn unseres Landesherrn, Prinz Carl von Mecklenburg-Schwerin, welcher damals General in kaiserlich russischen Diensten war, an solchem Tage hierher kommen würde. Ihn zu empfangen und feierlich in die Stadt zu geleiten, ritt die Dreißiger-Gilde, Nachmittags gegen 5 Uhr in die Gegend von Spornitz. Seine Ankunft verzögerte sich indes bis zum anderen Morgen gegen 4 Uhr. Die Gilde aber hielt auf ihrem einmal erwählten Posten treulich aus, brachte dem alsdann erschienenen hohen Gaste ein freudiges Lebehoch! und begleitete Ihn durch die Seiner Ankunft wegen erleuchtete lange Straße bis zu dem Hause des Hrn. Senators Koß, wo Er mit Seiner Umgebung einkehrte.

Von den schnell errichteten freiwilligen Fußjägern kamen schon am 2. Mai hundert und fünfzig Mann auf Wagen hier an, und wurden Tags darauf nach Grabow gefahren; am 3. aber nahm eine kleine Abteilung der ersten mecklenburgischen reitenden Jäger ihr Nachtlager hieselbst. Der landesfürstliche Aufruf zum Eintritt in dies Corps hatte viel Anklang gefunden; die erste Formation, und die Komplettierung desselben war bald zu Stande gekommen, und schon am 10. Mai — so rasch ward alles betrieben — erfolgte der Einmarsch von 500 Mann dieser Jäger zu Pferde in 4 Schwadronen, welche bis auf weitere Ordre hier einquartiert wurden. Unser Prinz — nachherige Herzog Gustav von Mecklenburg-Schwerin, welcher erst vor Kurzem in hohem Alter verstorben ist — war bei der zweiten Schwadron als Rittmeister angestellt.

Am 31. Mai kam Serenissimus hierher, um dem Manövrieren der reitenden Jäger beizuwohnen, und am 5. Juni ward die Hälfte desselben nach Grabow verlegt.

Nun aber begannen wieder viele Tage der Störungen, des Schreckens und der Unruhe. In der Zeit vom 7. bis zum 11. Juni hielten sich 700 Mann von den sogenannten schwarzen Jägern hier auf; sie trugen an den zu ihrer dunklen Uniform gehörigen Tschakos ein blechernes Kreuz, worauf die Inschrift stand: „Mit Gott fürs Vaterland.“ Kaum waren diese weiter marschiert, so erschien am 12. Juni eine neue Truppen-Gattung — denn an allen Orten und Enden wurden nunmehr die nur irgend disponiblen Streitkräfte gegen Frankreich aufgeboten — nämlich 400 Mann Lübecker freiwilliger Fußjäger, denen, weil sie aus lauter noch gar nicht militärisch eingeübten jungen Männern bestanden, 200 Mann Preußen, und unter letzteren mehrere alte gediente Unter-Offiziere beigegeben waren. Diese 600 Mann nahmen hier Stand-Quartier, und blieben bis zum 29. Juli 1813.

Am 20. Juni kamen 110 französische Gefangene unter Grabowscher Eskorte hier an, erhielten Nachtlager und Speisung in der sogenannten alten Kirche, und wurden am nächsten Morgen von hiesigen Einwohnern nach Goldberg transportiert.

An eben diesem Tage erging in allen Kaveln der Stadt die Bekanntmachung und obrigkeitliche Anordnung: dass wegen der beschlossenen Errichtung eines mecklenburgischen Landsturms alle Eingesessenen sich bei ihren Kavelmeistern melden, auch in. jeder Kavel 2 Unter-Offiziere gewählt werden sollten. Dies geschah, zur Befolgung der kurz vorher erlassenen landesherrlichen Verordnung, wonach ein Aufgebot der waffenfähigen Mannschaft unseres Vaterlandes in zwei Klassen, vorzüglich der jüngeren bis zum 35. Jahre ihres Alters befohlen war, und legte hier den ersten Grund zur Bildung des nachherigen Parchimschen Landsturm-Bataillons.

Von letzterer hatte schon früher einiges verlautet, und war deshalb von mehreren jungen Leuten allhier, besonders aus den höheren Ständen, die Gelegenheit benutzt worden, bei den mit den Lübecker Hanseaten am 12. Juni hierher gekommenen alten preußischen Unter-Offizieren förmlich Unterricht im militärischen Exerzieren zu nehmen. Es kam solches ihnen wieder zu Statten, und erleichterte die Sache sehr, als gedachtes Bataillon bald darauf wirklich formiert und in 4 Compagnien eingeteilt wurde. Selbiges hielt unter dem Befehl des Herrn Majors v. Bockum genannt v. Dolffs auf Möderitz, welcher königlich preußischer Hauptmann gewesen war, und also den Dienst genau kannte, seine Übungen alle Sonntage nach dem Gottesdienste vor dem hiesigen Kreuzthor auf der Ebene bei den sogenannten kleinen Eichen.

In den Tagen vom 20. bis zum 30. Juni erschienen hier 760 Mann russischer Husaren in 4 Abteilungen, deren eine aus 200 Mann bestehende Rasttag hielt.

Während des Monats Juli 1813 fanden hier gar viele Einquartierungen Statt. Es kamen, jedoch nur zu einem Nacht-Quartier, hannoversche Fußjäger, preußische Füseliere, Jäger und Artillerie, zweimal große Abteilungen der englisch-deutschen und einmal 800 Mann von der russisch-deutschen Legion, auch Hamburger Hanseaten, ferner russische Dragoner und Artillerie, welche alle zum Kampf wider den gemeinschaftlichen Feind schleunigst aufgerufen waren. Als die stärksten darunter zeigten sich die Preußen mit 1.100 Mann, denen auch 3 Kanonen und über 20 Bagage-Wagen folgten.

Am dritten August 1813 passierte der zum Kronprinzen von Schweden erhobene vormalige französische Reichsmarschall Bernadotte mit Gefolge hier ein, und verweilte kurze Zeit im Senator Koß’schen Hause. Zum Transporte seiner ansehnlichen Bagage wurden 200 Pferde requiriert.

In den Tagen vom 6. bis zum 15. August fanden wiederum einige, indes nur kleine, Truppen-Abteilungen hier Aufnahme und Verpflegung. Am 16. Vor- und Nachmittags marschierten wohl 2.000 Mann, Infanterie und Kavallerie, durch die Stadt, und wenn uns gleich an diesem Tage die Hamburger Hanseaten, welche seit dem 25. Juli hier in Quartier lagen, verließen, so rückten doch schon am 18. Aug. 150 Mann ihrer Artillerie auf unbestimmte Zeit hier wiederum ein.

Unterdessen hatten sich die politischen Aspekte überhaupt, und besonders auch für Mecklenburg von neuem verfinstert. Der Waffenstillstand, welcher von russischer und preußischer Seite mit Frankreich abgeschlossen war, und bis zum 20. Juli dauern sollte, von da aber bis zum 10. Aug. verlängert ward, hatte keinen Frieden herbeigeführt. Nachdem auch die in letzterer Frist gepflogenen Unterhandlungen fruchtlos geblieben waren, brach vielmehr der Krieg abermals mit Heftigkeit aus. Mecklenburg und dessen nähere Umgebung ward ebenfalls ein Teil seines Schauplatzes, zumal da die Franzosen in der ersten Hälfte des August-Monats Hamburg wieder besetzt, auch eine kurze Zeit hindurch von Schwerin Besitz genommen hatten. Unter diesen Umständen und bei solcher Nähe des noch immer mächtigen, von einem Heerführer, wie Marschall Davoust, befehligten feindlichen Armee-Corps entstand in unserem ganzen Lande große Besorgnis, und auch Parchims Einwohner hatten wohl Ursache, selbige zu teilen, weil es gar nicht geheuer zu sein und die Gefahr sie zuerst zu bedrohen schien. Das Tagebuch des Bäckermeisters Herrn J. M. Hilgendorff schildert unter mehreren Notizen, welche ich der Gefälligkeit dieses Mannes verdanke, namentlich die hiesigen Vorfälle und Zustände der Tage vom 19. bis zum 24. Aug. 1813 wahrheitsgemäß dahin, dass

1) am 20., Abends 11 Uhr, 10 Wagen mit Kranken und Blessierten hier angelangt, und am 21. weiter gefahren wären, dass ferner
2) am 23. über 100 Wagen angekommen seien, und sich mit ihrer Bedeckung eine Nacht auf dem Eichberge, wohin aus hiesiger Stadt Fourage und Lebensmittel gebracht werden müssen, aufgehalten, wie auch
3) dass an demselben Tage Durchmärsche und Einquartierungen bis spät in die Nacht fortgedauert, und
4) dass man am 24. Aug. — wo eben dies der Fall gewesen — nichts als beängstigende Nachrichten von dem Feinde gehört, daher viele Einwohne; ihre besten Sachen eingepackt und so gut wie möglich verborgen, auch einige sogar ihre Wohnungen verlassen hätten, und geflüchtet waren, so wie
5) dass noch Abends 8 Uhr alles hier einquartierte Militär mit Brot- und Bagage-Wagen von hier abmarschiert sei, welches man als ein Zeichen großer Gefahr angesehen, und endlich
6) dass wiederum zwei Stunden später, also Abends 10 Uhr, die Einwohner durch öffentlichen Ausruf in den Straßen aufgefordert worden, am nächsten Morgen 20, 10 und 5 Pfund Brot, nach der Größe jedes Hauses, bei den Kavelmeistern abzuliefern.

Indes ging das hier befürchtete Eindringen der Franzosen doch noch glücklich vorüber, und statt ihrer erschien, nach einem vollen Tage der Angst und Unruhe, am 25. Aug. Abends wieder ein Bataillon Hamburger Hanseaten, dem am 26. einige Kavallerie und ein Transport Verwundeter auf 2 Wagen folgte, welche letzteren im hiesigen Lazarett untergebracht wurden. Eben dies geschah mit anderen Blessierten, welche am 27. anlangten; auch kam damals eine kleine Zahl Kosaken und Preußen hier durch.

Unterm 29. Aug. 1813 ward von hoher Regierung ein Teil des mecklenburgischen Landsturms zum aktiven Dienste aufgeboten; man exerzierte deshalb auch hier fleißiger und rüstete sich zum Aufbruch. Für den 30. war eine ähnliche Brot-Lieferung, wie die am 24. begehrte, ausgeschrieben.

Am 1. Septbr. 1813 langten hier 34 Wagen mit Mehl an, und wurden im großen Rathause, welches zum Magazin bestimmt war, abgeladen; auch passierten 80 Wagen mit Fleisch, Brot, Grütze, Kartoffeln und Mehl beladen hier durch nach Neustadt, zum Bedarf der befreundeten Truppen, die jenseits jener Stadt also etwas über 2 Meilen von Parchim, ein Lager bezogen hatten. Eben dahin wurde auch eine bedeutende Quantität hieselbst verfertigten Brots transportiert, indem noch Abends 8 Uhr allen hiesigen Bäckern auferlegt war, jeder 400 Pfund Brot, wozu das Mehl aus dem Magazin verabreicht ward, zum anderen Morgen 10 Uhr abzuliefern. Übrigens trafen am Abend des 1. September auch noch mehrere Bagage und andere Wagen, wie auch etliche Kanonen ein, unter Bedeckung von 60 Mann Kavallerie. Letztere wurden auf 2 Nächte allhier einquartiert, am 3. September aber musste ein Kommando vom Parchimschen Landsturm bei jenen Kanonen und Wagen auf Wache ziehen.

In den Tagen vom 3. bis 5. September sind hier viele Ochsen, Hammel und Schafe angekommen, und einstweilen auf, die Weide gebracht, auch große Quantitäten sonstiger Lebensmittel in das hiesige Magazin geliefert. Ferner kamen am 7. desselben Monats 50 Stück Ochsen von anderen Orten für die alliierten Truppen.

Überhaupt haben hinsichtlich ihrer im Monat September, wie auch zum Teil schon im August 1813 viele Kriegslieferungen von der Stadt Parchim und ihren Kämmerei-Gütern beschafft werden müssen. Dazu waren vorerst mancherlei Bestellungen und häufige Botengänge erforderlich, welche letztere von den Landsturm-Männern der zweiten Klasse, also den über 35 Jahr alten, die auch einigermaßen organisiert war, und sich mit Piken und sonstigem Gewehr bewaffnet, einmal unter Anführung des Professors Wehnert auf dem altstädter Markte in Reih und Glied gestellt hatte, geleistet wurden. Zuerst waren zur Verpflegung des gegen die Franzosen agierenden v. Wallmoden’schen Armee-Corps 6.000 Portionen und 3.000 Rationen Lebensmittel und Fourage nach Neustadt zu liefern; dann musste von jeder, zum Stadt-Gebiete gehörigen Hufe eine Menge Hafer, Heu und Stroh, auch Fleisch, Brot und Branntwein resp. nach Schwerin und Hagenow aufgebracht werden, und endlich wurden 20 Anker Branntwein für das hiesige Magazin requiriert. Am 8. September erging die Aufforderung an den Magistrat allhier, sämtliche Parchimsche Zimmerleute nach Dömitz zu senden, um dort eine Schiffsbrücke über die Elbe zu bauen, und kaum waren diese dahin expediert, so mussten auf Verlangen der Mecklenburgischen Militär-Verpflegungs-Kommission sechzig Arbeiter beordert werden, sich zwecks der Errichtung eines Brückenkopfs jenseits der Elbe ebenfalls nach Dömitz zu verfügen, welches wegen mancherlei von Seiten der Tagelöhner erfolgenden Reklamationen nicht ohne Mühe zu bewerkstelligen war. Den Bäckern war im Anfang des Monats aufgegeben: 42.000 Pfund Brot von geschrotetem Roggenmehl in Stücken von 1 Pfund zu backen, die auch binnen 8 Tagen dorthin befördert werden sollten; vom 9. September an aber hatten sie täglich 14.000 Pfund solchen Brots bis auf weitere Verfügung zum hiesigen Magazin einzuliefern. — Von den Seilern haben 110 Klafter Stricke, jede von 1 Pfund Stärke, angefertigt und gleichfalls nach Dömitz gebracht werden müssen. Man sieht, wie sehr unsere Arbeitskräfte in Anspruch genommen worden sind, und kann schon aus dieser einfachen Aufzählung leicht ermessen, mit wie vieler Last und Beschwerde diese, zumal so schleunig erforderten, Besorgungen verbunden gewesen sind; doch ist auch, wenn gleich erst in späterer Zeit, angemessene Bezahlung dafür aus der Landes-Kasse erfolgt.

Am 11. September Morgens gingen 5 Wagen mit Brot von hier nach Hagenow ab. Nachmittags trafen vier Menschen aus Schwerin, unter denen sich der vormalige Ober-Amtmann Susemihl befand, als Gefangene unter militärischer Eskorte hier ein. Selbige sollten sich, während diese Hauptstadt auf kurze Zeit vom Marschall Davoust okkupiert war, des Landes-Verrats schuldig gemacht haben, und wurden, nachdem sie hier einige Stunden inhaftiert, aber mit Erfrischungen versehen worden, zu Wagen unter Bedeckung von 4 Landsturm-Männern weiter nach Neustadt gebracht. Am 12. wurden wieder 8 Wagen mit Brot nach Hagenow gesandt.

Mittlerweile waren einzelne Einquartierungs-Fälle vorgekommen, und da 60 Kranke angemeldet waren, so musste am 13. das Schul-Gebäude von neuem zum Lazarett eingerichtet werden, weil grade kein anderes dazu passendes Lokal zu erlangen stand. Diesen Kranken folgten bis zum 16. noch mehrere Verwundete, und es sollte daher der Unterricht der Schüler in einem dazu vom Magistrate gemieteten Privathanse Statt finden, die dortige Lokalität ward aber vom Herrn Superintendenten Francke nicht geeignet befunden, und es entstand daraus die unangenehme Folge, dass für die Klassen mit Ausnahme von Prima, welche im Hause des Rektors Unterricht erhielt, die Lehrstunden bis zum 11. Oktober ausgesetzt werden mussten.

Statt des täglichen Brotbackens für das Militär ward jetzt die Lieferung von 12.000 Pfund getrockneten Zwiebacks verordnet und ausgeführt.

Am 20. September erhielt jeder unserer Hausbesitzer die Weisung: einen brauchbaren drei Scheffel haltenden Sack den Kavelmeistern zur Abgabe an das Magazin zuzustellen, weil aus letzterem requisitionsmäßig 300 Säcke Hafer nach Dömitz transportiert werden sollten.

Von da an bis zu Ende des September-Monats folgten Einquartierungen und Kranken-Transporte rasch auf einander, und bestanden erstere in 600 Mann von der englischdeutschen Legion und einigen Hundert schwarzen Husaren, auch 700 Mann von der russisch-deutschen Legion. Die Zahl der Kranken und Verwundeten aber ward hier übermäßig groß; zwar gingen am 23. zweihundert wieder Genesene zu ihren Regimentern ab, allein an demselben Tage kamen 20 und am 24. gar 37 Wagen mit Verwundeten, für die von jedem Hause 4 Ellen Leinewand zu Bandagen geliefert werden mussten. Das waren allerdings schlimme Anzeichen vom Ausgange der an Mecklenburgs Grenze noch wider die Franzosen vorgefallenen schweren Kämpfe. Zuletzt häuften die Blessierten sich so sehr an, dass sie gar keinen Platz hier mehr finden konnten, und man war deshalb genötigt, sie nach dem weiter zurück in Güstrow angelegten Lazarett fahren zu lassen.

In den Tagen vom 14. bis zum 29. Oktober 1813 hatten die Parchimschen Kämmerei-Güter dreimal Lieferungen nach Hagenow, Dömitz und Neustadt zu beschaffen, welche auf deren Hufenzahl repartiert waren, und in Fleisch, Brot, Salz, Kartoffeln, Erbsen, Branntwein, Hafer, Heu und Stroh, auch Roggen bestanden.

Übrigens gab es den ganzen Monat Oktober hindurch hier wiederum viele Einquartierungen. Den Anfang machten am 1. etwas über hundert mit der Krätze behaftete fremde Soldaten, welche eine Nacht hier verweilen sollten. Man hatte sie dieser Krankheit halber, um die Ansteckung von den Häusern abzuwehren, in den Turmraum der hiesigen St. Marien-Kirche gebracht, und ihnen, als sie dort nicht bleiben wollen, auf Verlangen ihres Anführers die Kirche selbst zum Nachtlager anweisen muffen; dort aber, war allerlei Unfug von ihnen angerichtet und auch an der Orgel einiges ruiniert worden. Dies erregte wiederum Kontestationen zwischen der geistlichen und städtischen Behörde, von denen letztere jedoch am Ende die Reparatur des Schadens übernehmen musste. Am 2., Abends 8 Uhr, ward durch Ausruf bekannt gemacht, dass Tags darauf größere Einquartierung vom mecklenburgischen Landsturm erfolgen würde, so dass auf ein volles Haus 8 Mann kommen dürften. Es traf auch deren eine große Anzahl ein, teils von den auswärtigen, d. h. zwar formierten aber in ihren Ortschaften bis dahin verbliebenen Kompanien des Parchimschen Bataillons, teils aber und besonders von Dömitzer, Grabower und Neustädter Landsturms-Männern. Das Ganze hat mit Inbegriff der unter ihnen selbst erwählten Offiziere gegen 1.500 Mann betragen.

Von ihnen machte zuerst das Parchimsche Landsturm-Bataillon Platz, indem es zwar nur noch mit Piken bewaffnet, sonst aber gut organisiert, am 14. nach Schwerin abmarschierte, wohin Tags zuvor dessen förmliche Anmeldung durch Quartiermacher und Fouriere geschah, und überhaupt die ganze Landsturms-Mannschaft des Herzogtums Mecklenburg kommandiert war. Es ward dort mit den anderen, nach den übrigen 5 größeren Städten des Landes benannten Bataillonen unter den Oberbefehl des durchl. Erb-Prinzen Friedrich Ludwig gestellt, erhielt, wie sie, Gewehre, so wie eine von Damen gestickte Fahne zum Geschenk, und exerzierte fast täglich ungeachtet der sehr rauen Witterung in der Gegend des Schloss-Gartens. Es blieb in Schwerin bis Anfangs Dezember 1813, wo es mit den übrigen nach Bergedorf bei Hamburg, auch überhaupt in die Nahe des Feindes vorrückte, und hatte sich von Anfang an, wie auch bei seiner einige Monate darauf erfolgten Rückkehr durch gute militärische Haltung und treue Befolgung seiner Dienst-Pflichten den Ruhm erworben und bewahrt, unter den sechs Bataillonen dieser Landes-Kämpfer eins der besten zu sein.

In Parchim hatten inzwischen die Einquartierungen und Durchmarsche fortgedauert, wie auch die Kriegslieferungen. Von letzteren sind noch die bedeutenderen, schon Ende August und Anfangs September 1813 requirierten dahin nachträglich anzuführen, dass vier Last Hafer und vier Oxhoft Branntwein nach Neustadt, 400 Pfund Brot, 2 Oxhoft Branntwein und 1 Last Roggen nach Dömitz, 720 Schfl. Hafer, 9.000 Pfund Brot und 4 Oxh. Branntwein nach Grabow, nach Schwerin aber 20 Oxh. Branntwein, 200 Schfl. Erbsen und 200 Schfl. Roggen, alles zum Bedarf der Truppen, von hier aus haben gebracht werden müssen. Einquartiert wurden starke Abteilungen der englisch- und russisch-deutschen Legionen, zu 400, 200 und 500 Mann, auch viele bei Bremen erbeutete Wagen und 200 französische Gefangene.

Im Anfange des Oktober-Monats blieb es nicht bloß bei den erforderten National-Lieferungen, sondern es musste auch ein nach dem Hufenstande der Parchimschen Kämmerei- Güter repartierter barer Geld-Beitrag zu den Kosten der Anschaffung von 80 Artillerie-Pferden für die Schweden und 50 Kavallerie-Pferden für die mecklenburgischen Jäger, welche beide vom ganzen Lande übernommen worden, geleistet und je mit 51 Thaler und 52 Thaler 37 ß binnen 4 Tagen zur Vermeidung sofortiger Exekution — denn so dringend lautete das mit landesherrlicher Genehmigung erlassene Ausschreiben der Mecklenburg-Schwerinschen allgemeinen Landes-Kredit-Kommission — aufgebracht werden.

Im Monat November 1813 hat man teils Kranke und Verwundete in das hiesige Lazarett aufnehmen, teils mehrere Truppen hier beherbergen müssen, namentlich 400 Mann englische Husaren, 36 Wagen mit Kriegs-Munition und 100 Kosaken, welche 300 Pferde bei sich führten.

Am 7. November aber ist in hiesiger St. Georgen-Kirche ein Dankfest wegen des von den verbündeten Machten am 18. Oktober in der großen Schlacht bei Leipzig über die Franzosen erfochtenen Sieges unter Absingung des Ambrosianischen Lob-Gesangs gehalten, und auch von den hier befindlichen Landsturms-Männern durch schon am Morgen ertönenden Kanonen-Donner und nach Beendigung der Predigt durchweine dreifache Salve aus ihren Gewehren gefeiert worden.

Im Dezember 1813 sind allerlei Kriegs, Effekten und Waffen hier durchpassiert, auch viele französische Gefangene, zur Zeit 300 bis 400 Mann. — Am 16. Dezember trafen 60 französische Offiziere hier ein, welche auf ihr gegebenes Ehrenwort: nicht weiter gegen die Verbündeten dienen zu wollen, entlassen waren, und wurden auf eine Nacht einquartiert. Dagegen langte am 29. Dezember das Warensche Landsturms-Bataillon, ungefähr 500 Mann stark, hier an, und blieb bis zum 10. Febr. 1814. In den beiden letzten Tagen des Jahres kamen dazu 150 Mann schwedische Infanterie und 40 Mann Franzosen, welche letztere aus der Kriegs-Gefangenschaft ausgewechselt waren und zu Hause gehen konnten.

Vom Jahr 1813 ist hier noch im Allgemeinen zu bemerken, dass in demselben der Neubau des massiven Superintendenten-Hauses, welcher 6.150 Thaler N2/3 gekostet haben soll, vollendet, und zuerst vom Hrn. Superintendenten Francke bezogen worden.

Insbesondere steht an jetziger Stelle derjenigen Veränderung zu gedenken, welche im Jahr 1813 mit der Parchimschen Rats-Apotheke vorgegangen ist, weil selbige einen für das Publikum der Stadt und Umgegend günstigen Erfolg hervorgebracht hat. Die Verhältnisse der Eingangs dieses Werks (im Berichte über das Jahr 1801) erwähnten in der alten Ratsbude mit angebrachter Offizin waren anfangs sehr beschränkt gewesen, hatten sich jedoch in den seitdem verflossenen 12 Jahren ziemlich gehoben, und es möglich gemacht, dass die von dem Pächter jährlich zu erlegende Leistung, welche zuerst nur in 100 Thaler bar und der Verpflichtung, den Stadt-Armen freie Medizin zu verabreichen, bestanden haben soll, nach und nach erhöhet und zuletzt auf ein Fixum von 400 Thalern N 2/3 gesetzt werden konnte. Auch war ihr damaliger Pächter, Herr Harder, ein dem Verfasser dieses nahe befreundeter Mann, aus einer braven Bürgerfamilie allhier abstammend, in die Lage versetzt worden, sich ein eigenes größeres Haus ankaufen, und die Apotheke dahin verlegen, auch ein besseres Laboratorium, als die frühere Lokalität gestattet hatte, auf dem Hofe desselben errichten zu können. Gegen Ende des Jahrs 1812 ward ihm jedoch der längere Aufenthalt hierselbst durch mancherlei unangenehme Vorkommenheiten, insbesondere auch durch Prozesse wider den löbl. Magistrat, in die er über den Bestand der, freilich ansehnlichen, Rechnungen für die zum Behuf der Lazarette gelieferten Arzneien, und über die großen Kosten der Verpflegung eines bei ihm in längeres Stand-Quartier gelegten französischen Obersten geraten war, gar sehr verleidet, so dass er hatte verlauten lassen, sein noch mehrere Jahre dauerndes Pachtrecht, wie auch sein Wohnhaus mit Zubehör an einen soliden Zessionar und Käufer abstehen zu wollen. Als dies auch in ferneren Kreisen bekannt geworden war, fand sich ein Kompetent zur Übernahme dieses Geschäfts in der Person des Hrn. Apothekers Friedr. Schumacher aus Schwerin, und es kam zwischen ihm und dem Hrn. Harder nach erteiltem magistratischen Konsense ein Zessions- und Kauf-Kontrakt am 20.—27. Juni 1813 zu Stande. Darin verpflichtete er sich, diesem für die Überlassung seines Pacht-Kontrakts und seines zur Apotheke eingerichteten Wohnhauses cum pertinentiis mit allen vorrätigen Medikamenten, Vasen und Gefäßen ein Kauf- und Abstands-Geld von 14.000 Thaler N 2/3. zu zahlen, und die von seinem Vorgänger ausgelobte jährliche Pacht der 400 Thaler N 2/3. an die Kämmerei-Kasse zu entrichten, so wie dessen sonstige kontraktliche Verpflichtungen zu erfüllen. Von diesem Kauf-Gelde wurden auch 5.500 Thaler N2/3. sogleich bezahlt, und die Tradition der Apotheke an den Zessionar geschah sofort noch im Johannis-Termin 1813. Hr. Schumacher ließ es sich von da an vorzüglich angelegen sein, die Offizin, das Laboratorium und überhaupt alles, was zum Apotheken-Betriebe gehört, zu verbessern, konnte auch, da er mehr Vermögen besaß, als sein Verkäufer, ein mehreres darauf verwenden, und es sind seitdem die von ihm angebrachten Meliorationen und Verschönerungen nebst der Echtheit und Güte seiner Medizinal-Waren von den Ärzten und Kranken allgemein anerkannt worden. Auch die Stadt-Obrigkeit sah dies ein, und war um so geneigter, ihm nach Ablauf der übernommenen Pacht-Periode weitere Prolongation seines Pacht-Kontrakts zuzugestehen, der als solcher bis zum Jahre 1849 bestanden hat, wo er in einen Kauf-Handel übergegangen ist; das nähere hierüber wird im 3. Abschnitte dieses Werks angeführt werden. Herr Harder aber verließ seine Vaterstadt, nahm im Herbste 1813 Dienste als königlich hannoverscher Feld-Apotheker, kaufte dann eine kleine Apotheke im Auslande, und ist dem Vernehmen nach schon vor mehreren Jahren daselbst verstorben.

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3. Husaren-Regiment unter Napoleon I.

3. Husaren-Regiment unter Napoleon I.

Die Befreiungskriege 1813-1815. Original-Cover.

Die Befreiungskriege 1813-1815. Original-Cover.

Elb-National-Husaren-Regiment. Preußen. 1813-1815

Elb-National-Husaren-Regiment. Preußen. 1813-1815

Friedrich Wilhelm III. König von Preußen (1770-1840)

Friedrich Wilhelm III. König von Preußen (1770-1840)

Pommersches National-Kavallerie-Regiment. Preußen.

Pommersches National-Kavallerie-Regiment. Preußen.