Neueste Geschichte der Stadt Parchim - Vom Jahr 1800 bis zum 30. September 1818 - 2. Das verhängnisvolle Jahr 1806

Aus: Neueste Geschichte der Mecklenburg-Schwerinschen Vorderstadt Parchim vom Jahre 1801 bis 1852. Zur Ergänzung und Fortsetzung der Cleemannschen Chronik
Autor: Icke, Wilhelm Ludwig (17?-18?) Prokurator und Advokat in Parchim, Erscheinungsjahr: 1853
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Parchim, Stadt-Geschichte, Chronik, Russen, Schweden, Napoleon, Preußen, Blücher
Die ersten Wochen desselben waren noch der Ausgleichung zwischen den einzelnen, nach der getroffenen Verteilung zu viel oder zu wenig von der Einquartierungs-Last getragen habenden Hausbesitzern und der Auszahlung der schwedischen Ersatz-Gelder gewidmet, aber schon im Februar erschienen wieder fremde Truppen. Es kam nunmehr russische Infanterie, und zwar zuerst ein Petersburger Grenadier-Regiment, vom 21. bis zum 23. hier verweilend, und dann das Kiccaholmsche Musketier-Regiment, welches am 27. weiter marschierte. Jenes enthielt 51 resp. Stabs- und andere Offiziere nebst 2.148 Unteroffizieren und Gemeinen; auch befand sich dabei der Hr. General Graf von Lieven mit Adjutanten, Chirurgen, Popen und Schreibern. Dieses aber bestand aus 41 Offizieren, 32 Musikanten, Handwerkern und Bedienten, und aus 1.280 Mann Soldaten in 8 Kompanien. Mit ihm kam auch der Generalstab der Herren Grafen von Ostermann und von Werderafsky. Beide Regimenter führten eine Anzahl Wagen zum Transport ihrer Effekten mit sich, wozu Vorspann von der Stadt gestellt werden musste, und auf Requisition der Chefs wurden auch mehrere Fuhrwerke aus den Stadt-Dörfern Damm, Malchow, Paarsch und Gischow herbeigeholt. Viele und mühevolle Geschäfte waren deshalb auszurichten, indes gab es der Schwierigkeiten, welche sich bei der ersten russischen Einquartierung gezeigt hatten, diesmal schon weniger, weil die obrigkeitliche Behörde umsichtiger dafür gesorgt hatte, durch frühe allgemeine Bekanntmachung, durch Aufforderung der Schlächter und Bäcker zur schleunigen Anschaffung von Fleisch und Brot, und durch gestempelte Quartier-Billets eine bessere Ordnung des Ganzen einzuführen.

Überdies hat in den Tagen vom 26. bis zum 28. Februar 1806 das Lazarett der aus dem Hannoverschen zurückkehrenden kaiserlich russischen Truppen hier verpflegt werden müssen. Es kamen nämlich 160 Kranke in 70 großen Kranken-Wagen, wobei 2 Ober-Ärzte, 6 Regiments-Chirurgen und ein Apotheker mit zwei Medizin-Wagen, außerdem aber noch zur Bedeckung ein Offizier und 30 Gemeine sich befanden. Diesen Kranken ein Unterkommen zu verschaffen, war schwerer, als bei den Gesunden, weil man den Bürgern nicht füglich ansinnen konnte, sie in ihre Wohnungen aufzunehmen; auch hatte das Marsch-Kommissariat gewünscht, dass größere Häuser ausgemittelt werden möchten, welche für mehrere Kranken zugleich geheizte Zimmer darbieten könnten. Nach der hiesigen Lokalität wurden dazu das Gebäude der großen Stadt-Schule, so wie das Spinnhaus und die Tor-Wachen bestimmt, und auf magistratisches Ersuchen die Tische und Bänke aus dem Schul-Gebäude weggeräumt. Hierauf aber traf man die übrigen zweckdienlichen Vorkehrungen zum Protokoll vom 25. Februar mit konvozierten Stadtsprechern und Deputierten der Gewerken-Bürger, und ward alles nötige hinlänglich geordnet. Zum Weiter-Transport dieses Lazaretts von hier waren 37 Wagen nebst 36 bis 40 losen Pferden requiriert, die teils von der Stadt, teils von den benachbarten fürstlichen Ämtern gestellt wurden. Gleich nach demselben ward zur Vorbeugung jeglicher Ansteckung und auf den Rat des Kreis-Physici, Hrn. Sanitätsrats Josephi, mit vollständiger Reinigung des Schulhauses, in welchem die größere Anzahl jener Kranken logiert hatte, durch Ausnehmen der Fenster, Weißen der Decken mit Kalk, Anzünden von Schießpulver u. s. w. verfahren.

Nun vergingen einige Monate ruhig, während welcher der erste hiesige Bürgermeister Hofrat Dethloff am 31. August 1806 verstarb, und der zweite, Hofrat Voß, in dessen Stelle aufrückte, der Senator Loescher aber zweiter Bürgermeister ward, und der Advokat Wuesthoff schon inzwischen, nämlich am 25. Mai des gedachten Jahres zum Ratsherrn erwählt worden war.

Mittlerweile war Deutschlands politische Lage in Folge des zwischen Frankreich und Österreich zum großen Nachteile des Letzteren geführten und durch den Preßburger Frieden vom 26. Dezember 1805 beendigten Krieges gar sehr verändert und verschlimmert worden. Die Macht und die Anmaßung des französischen Kaisers hatten gleichmäßig zugenommen, und beide veranlassten ihn, Maßregeln einzuleiten, wodurch die alte deutsche Reichs-Verfassung zertrümmert werden sollte. Einer der wichtigsten Schritte zu diesem Zwecke war die auf seinen Befehl angeregte Errichtung des Rheinbundes. Selbiger ward zwischen Frankreich und den, nunmehr zu Königen erhobenen, Churfürsten von Bayern und von Württemberg, so wie mit dem Churfürsten von Baden und einigen kleineren Fürsten Deutschlands verhandelt und am 12. Juli 1806 zu Paris abgeschlossen, in diesem Traktate aber deren Trennung vom deutschen Reiche so wie ihre völlige Unabhängigkeit stipuliert, und ihnen dagegen ein unbedingtes Bündnis mit Frankreich in jedem Kriege des Festlandes unter Bestimmung der zu stellenden Truppen auferlegt. Napoleon bestätigte bald darauf den neuen Bund, sich selbst zum Beschützer desselben ernennend, ließ auch dem Reichstage zu Regensburg anzeigen, dass er kein deutsches Reich mehr anerkenne, und die Bundesglieder erklärten feierlich, dass sie sich von dem bis dahin bestandenen deutschen Reichs-Verband lossagen wollten. Solche Verfügungen und Eingriffe konnten dem deutschen Kaiser Franz dem II. unmöglich gefallen, und im gerechten Unwillen darüber legte er am 6. August 1806 die entweihte deutsche Kaiserkrone nieder, entband auch die Reichsstände der ihnen als solchen obliegenden Verbindlichkeiten. So verschwand das tausendjährige deutsche Reich; mit ihm hörten auch der Reichstag und die Reichs-Gerichte auf, und Österreich sowohl als Preußen konnten nicht umhin, den neuen Bund anzuerkennen. Zwischen Preußen und Frankreich waren aber inzwischen über von Letzterem verheißene Länder-Abtretungen sehr ernste Misshelligkeiten entstanden. Eine Zeitlang wurde noch die Sache nur in diplomatischem Wege verfochten, und von preußischer Seite auch da noch ein Friedens-Vorschlag gemacht, als Napoleon viele Kriegs-Anstalten getroffen hatte, und bereits mit einer Armee über den Rhein gegangen war. Wie jedoch auch dieser bei ihm keinen Eingang fand, so erfolgte am 8. Oktober Preußens Kriegs-Erklärung gegen Frankreich unter Anführung einer Menge von Kränkungen und Beleidigungen, die es von demselben erlitten habe. Leider! aber sollte nach dem Ratschlusse des Schicksals, dieser somit eröffnete Krieg höchst verderblich für Preußen ausfallen. Schon am 14. Oktober 1806 ward das bei Jena und Auerstädt zusammengezogene preußische Heer von dem französischen angegriffen, gänzlich geschlagen und zur Flucht gezwungen, nachdem der Vortrab des ersteren bereits am 10. bei Saalfeld der feindlichen Übermacht unter großem Verluste hatte weichen müssen. Die Franzosen aber drangen in frohem Sieges-Gefühl unaufhaltsam vorwärts; Erfurt und andere feste Orte fielen in ihre Hände und schon am 25., also elf Tage nach der Schlacht bei Jena, ward die Residenzstadt Berlin von ihnen besetzt, welches von Seiten der aus einander gesprengten preußischen Armee nicht zu verhindern gewesen war. Ein Corps derselben unter dem Befehl des Herrn Generals von Blücher nahm gegen Ende Oktobers seinen eiligen Rückzug nach Mecklenburg, und ward von 3 starken französischen Armee-Corps, welche die Marschälle Bernadotte, Murat und Soult befehligten, lebhaft verfolgt. Ganze Scharen waffenloser, ihrer Angabe nach aus der Kriegs-Gefangenschaft wieder entkommener, Preußen, eilten in Haufen von 20 bis 30 Mann durch unser Vaterland, und kamen auch in hiesige Stadt. Es waren notleidende Menschen und deutsche Landsleute; darum wurde jedem von ihnen eine Gabe von 4 ßl. aus der Armen-Kasse gereicht, obwohl bisweilen 150 oder gar 200 Mann an einem Tage durchpassierten. Die schwache Blüchersche Armee war indes von der feindlichen fortwährend hart bedrängt worden. An Mecklenburgs Grenze hatte man es zwar versucht, von Neutralität des Landes zu reden, auch sollen dort Pfähle mit dieser Bezeichnung aufgerichtet gewesen sein; allein die Franzosen kehrten sich nicht im mindesten daran, und überschritten solche Grenze unmittelbar hinter den Blücherschen Truppen kraft ihrer Befehle und der Erklärung ihrer Anführer: dass auch Mecklenburg als ein mit ihren Feinden verbundenes Land betrachtet und daher in Besitz genommen werden solle. So kam es denn am 1. November bei Sülz, wo eine Abteilung Preußen sich noch widersetzt hatte, zu einem für dieselbe wiederum ungünstigen Gefechte. Nach demselben musste sie noch schleuniger retirieren, und es wurden überhaupt die Preußen in jeglicher Richtung verfolgt, so dass sie bald in Parchims Umgegend anlangten, daselbst aber auch nicht verweilen konnten, und schon Tags darauf die ersten französischen Krieger allhier erschienen.

Man hielt bei uns die Gefahr noch nicht so nahe, wenn sich gleich schon am 1. November bedenkliche Gerüchte vom Zurückziehen der Preußen durch unser Land und vom raschen Annähern der Franzosen in hiesiger Stadt verbreitet hatten. Am Morgen darauf, Sonntags den zweiten November 1806 kamen aber bestätigende und zugleich höchst beunruhigende Nachrichten. Die Preußen sollten schon bei Passow in der Gegend von Lübz stehen, und es würde mindestens von ihnen Einquartierung zu erwarten sein. Manche zweifelten indes noch an der Wahrheit solches Berichts; der Gottesdienst ward ungestört vollzogen, und der Nachmittag verfloss eben so. Quartiermacher waren im Laufe desselben nicht angelangt; man hoffte daher wieder, dass die Sache doch noch eine bessere Wendung bekommen hätte, vermöge deren Parchim vielleicht ganz verschont bleiben könnte, und die Klub-Gesellschaft hatte sich, um die gewöhnliche Sonntags-Assemblee zu halten, in ihrem beim Kaufmann Roever gemieteten Lokale eingefunden. Da erscholl plötzlich, Abends 9 Uhr, in den Straßen der Stadt die Kunde: es sei auf dem Markte fremde Reiterei angekommen und halte am Rathause. In der Meinung, preußische Husaren dort anzutreffen, gingen mehrere Menschen dahin, unter denen sich auch der Verfasser dieser Schrift als damals noch sehr junger Mann befand; doch tönten uns keine deutschen Laute entgegen, die Erschienenen waren — französische Chasseurs zu Pferde, welche unverzüglich den Magistrat, oder wie sie sich ausdrückten, den Maire des Orts zu sprechen verlangten. Von diesem Zeitpunkte an datiert sich gewissermaßen eine neue Ära für Parchims Bewohner. Schrecken der Überraschung und bange Ahnung eines großen Unglücks, falls die Franzosen uns feindlich behandeln würden, mindestens aber die Befürchtung drückender militärischer Requisitionen war hier allgemein geworden. Von dem Benehmen und der Energie des Magistrats-Collegii hing jetzt sehr viel ab, wo es darauf ankam, den zu erwartenden enormen Forderungen zu genügen, zugleich aber auch Ruhe und Ordnung in der Stadt zu erhalten. Es nahmen sich aber sämtliche Mitglieder desselben, die Bürgermeister Voß und Loescher, so wie die Senatoren Koß, Kaeselau, Duve, Rönnberg und Wuesthoff, alle noch in mittleren Jahren und rüstig, der einstweiligen Not getreulich an, so dass keine allzu schweren Opfer erfordert wurden.

Als die Ankunft des vorerwähnten französischen Kommandos dem worthabenden Bürgermeister gemeldet worden war, so vernahm derselbe sofort von dessen Offizier, dass er und die seinigen im Verfolgen der flüchtigen Preußen, welche ihre Stellung in der Nähe von Lübz bereits wieder verlassen gehabt, begriffen sei, und zugleich die Aufforderung:

zum nächsten Morgen in der Frühe eine ansehnliche Quantität Brot, Branntwein und sonstige Lebensmittel, außerhalb des Tors in Bereitschaft zu halten,

um damit die in großer Anzahl heranrückenden französischen Truppen zu erfrischen. Wenn nun gleich dies Ansinnen nicht geringe Bestürzung erregte — welche auch durch die gleich darauf eingegangene Nachricht vermehrt ward, dass einzelne jener Chasseurs unter dem Vorwande, etwas kaufen, oder Thalerstücke wechseln lassen zu wollen, in die Häuser einiger Kaufleute gedrungen seien, und dort eine kleine Quantität Waren, wie auch etwas Geld gewaltsam weggenommen hätten, weshalb man schon Plünderung befürchtet habe — so musste doch dem dringenden Bedürfnisse augenblicklich abgeholfen werden.

Deshalb wurden schleunigst alle Bäcker des Orts befehligt, noch in der Nacht zu backen, auch die Schlächter, und wer sonst Esswaren in Vorrat hatte, aufgeboten, selbige herzugeben, so wie die Brauer und Branntwein-Verkäufer in Bewegung gesetzt. Es sind auch auf diese Weise viele Lebensmittel zusammengebracht, und einige Tausend Franzosen vom Marschall Soult’schen Corps, welche am Morgen des 3. Novembers aus der Lübzer Gegend kommend, dicht am Wokertor vorbeizogen, allda gutwillig mit Speise und Trank erquickt worden; eine Menge andrer aber hat solche auch in der Stadt selbst empfangen oder erpresst, und dabei mehrere Bürger zu unentgeltlichen Leistungen genötigt. So haben unsere Schmiede die Pferde der Franzosen beschlagen und die Riemer und Sattler ihr zerrissenes Geschirr ausbessern müssen; bei den Bäckern und Kaufleuten aber ist Brot und Tabak, mitunter Sackweise, weggenommen, noch dazu mit den spöttelnden Worten: „die Preußen bezahlten alles“. Nicht minder haben die herumstreifenden Soldaten sich in den Häusern anderer Einwohner bar Geld, Uhren, Wein u. dgl. m. zwangsweise zugeeignet.

Über die bedeutenden Kriegslasten, welche Parchim seitdem zu erdulden gehabt, hat der Herausgeber dieses Werkes bei der ihm von Magistratswegen gestatteten Akten-Inspektion einer vorgefundenen ausführlichen Berechnung der Kriegsschäden der Stadt Parchim vom 2. November 1806 bis zum 21. April 1809 manche wichtige Notizen entnommen, und in folgenden Hauptpunkten zusammengestellt.

1) Nachdem am Abend jenes 2. November ein Chasseur-Leutnant mit 23 Mann die vorgedachte Requisition ausgerichtet hatte, hier beköstigt und nach einem nur zweistündigen Aufenthalte zu seinem Regimente zurückgekehrt war, sind am 3. desselben Monats an sechstausend Mann kaiserlich französischer Truppen von 8 Uhr Morgens bis 4 Uhr Nachmittags durch die Stadt und neben ihr passiert, und ist diesen teils Quartier gegeben, teils sind sie auf Stadt-Rechnung bewirtet, teils haben sie sich selbst in die Hauser einquartiert; auch ist ihnen Wein, Fleisch und Brot vor dem Wokertor geliefert worden. Dabei haben sich ihren Angaben und den sonst eingezogenen Nachrichten zufolge 1 Divisions-General, 2 andere Generäle-Obersten, 60 Kapitäns und 180 Lieutenants befunden.

2) Außerdem sind 2.000 Mann Kavallerie, deren General-Stab laut Kriegs-Rechnung Nr. 1 bei der Witwe Hancke bewirtet worden, in die Stadt gekommen, und haben Lebensmittel erhalten, wie auch für ihre Pferde 500 Scheffel Hafer und 358 Zentner Heu.

3) Am 7. und 8. Novbr. 1806 ist die erste Abteilung der nach der Einnahme von Lübeck, wo das v. Blücher’sche Armee-Korps sich zu Gefangenen hatte ergeben müssen, zurückmarschierenden Franzosen hier eingetroffen, bestehend aus 19 Offizieren und 434 Mann als Eskorte von 1.200 preußischen Kriegsgefangenen, worunter auch viele Husaren vom Usedom’schen Regimente. Letztere waren große stattliche Leute, gegen welche die kleinen französischen Voltigeurs, welche sie transportierten, und nun doch die mächtigeren waren, in ihren grauen Kaput-Röcken seltsam genug abstachen. Von diesen Gefangenen sind die Gemeinen beim Mangel eines anderen Unterbringungs-Orts in die beiden Stadt-Kirchen geführt, wohin die Einwohner der Alt- und Neustadt ihnen frisches Stroh zum Lager und die nötigen, auf alle Häuser repartierten, Lebensmittel gebracht haben.

4) Ferner sind außer einzelnen zwischendurch angekommenen kleinen Detachements am 11. November hier einquartiert gewesen 30 Offiziere und 834 Mann Franzosen nebst 50 Pferden, wie auch der preußische General von Osten mit seinen 16 Offizieren.

5) Vom 13. bis zum 14. desselben Monats haben hier Quartier erhalten 2 Offiziere und 109 Mann nebst 630 Gefangenen, und vom 15. bis zum 16. 90 Gefangene unter Bedeckung eines Offiziers und 28 Mann.

6) Am 16. aber haben hier verweilt 58 Offiziere und 1.540 Mann Franzosen mit 52 Pferden, wie auch noch 3 Generäle, ein Regiments-Chef, ein Kriegs-Commissair, 2 Obersten, 10 Capitains, 54 Offiziere nebst 100 Pferden, und 2 hohe preußische Offiziere, nebst 15 anderen und 24 Mann, welche 70 Pferde bei sich gehabt.

7) Überdies ist an demselben Tage das zehnte französische Infanterie-Regiment durch die Stadt marschiert, und hat dessen Mannschaft, aus 47 Offizieren und 1.500 Gemeinen bestehend, hier teils in Güte Erfrischung erhalten, teils solche in den Häusern gewaltsamerweise erpresst.

8) Nachdem nun noch bis zum 28. November einzelne schwache Abteilungen Soldaten nebst einigen Offizieren, worunter auch ein bayerischer Leutnant, sich 1 oder 2 Tage hier aufgehalten, so erschien am 7. Dezember 1806 ein französischer General mit seinem Adjutanten, welcher die öffentlichen Kassen versiegelte.

Hinsichtlich dieses in der allegierten „Berechnung“ vorkommenden Ausdrucks so wie überhaupt der Wichtigkeit dieses Gegenstandes wegen muss nunmehr folgendes erläuternd bemerkt werden.

Jene Versiegelung geschah in Folge der Besitznahme der mecklenburgischen Lande, welche Napoleon mit der Erklärung, dass selbige von Frankreich nicht als neutral anerkannt werden könnten, sondern als dessen Feinden Hilfe geleistet habend — was insbesondere auf die gestatteten mit unserer Macht doch nicht zu verhindern gewesenen Durchzüge der Schweden und Russen und deren freundschaftliche Aufnahme Bezug haben sollte — betrachtet werden müssten, anbefohlen hatte, und welche in seinem Namen bereits am 28. November 1806 durch den General Michaud zu Schwerin verfügt worden war. Dieser hatte zugleich verlangt, dass seinem Kaiser Unterwürfigkeit und Gehorsam bewiesen werde, und alle Obrigkeiten nur ihm verpflichtet sein sollten. Von Seiten des hierauf zum Gouverneur des Herzogtums Mecklenburg-Schwerin ernannten französischen Brigade-Generals Laval wurden demnächst alle Collegien, Beamte und fürstliche Gerichte im Lande beeidigt, und ward eine Administration der gesamten Staats- Einkünfte unter Leitung eines Ober-Intendanten eingeführt, wozu denn allerdings, die Beschlagnahme der landesherrlichen Kassen mit gehörte. Unsere Regierung vermochte dies nicht abzuwehren, und sah sich veranlasst, in ihren Ausfertigungen statt des bisherigen Prädikats „Herzogliche“ bloß die Unterschrift: „Mecklenburg-Schwerinsche Landes-Regierung“ zu gebrauchen. Der neue Gouverneur aber ließ bald darauf in den Städten und Flecken die mecklenburgischen Wappen von den öffentlichen Gebäuden abnehmen, und an deren Stelle vergoldete französische Adler anbringen. Solches geschah denn auch hier am Posthause und an dem damaligen Lokale der fürstlichen Steuer-Stube in der sogenannten Rats-Bude.

Diese Adler waren jedoch den Parchimschen Gamins neue und unbekannte Geschöpfe. Sie standen auf der Straße vor ihnen, guckten sie an, und riefen: Kukuk! es ward ihnen aber bald in eindringlicher Art begreiflich gemacht, dass sie auch vor diesem Zeichen der Fremdherrschaft Respekt haben müssten.

So sehr nun aber auch die Stadt Parchim schon durch die bisher angeführten Einquartierungen und Leistungen gelitten hatte, so verblieb es doch dabei noch keineswegs. Vielmehr mussten aus deren Kassen in jenem unglücklichen November-Monate bedeutende Summen verwendet werden:

A) für Fuhren, auch für reitende und Fußboten,
B) für Lieferungen an Schlachtvieh, Brot, Wein, Branntwein, Korn, Futter, Tuch, Leder u. dgl. m.
C)) für Brenn- und Nutzholz,
D) an Douceur-Geldern,
E) an Plünderungen und Exaktionen,
F) an Ausgaben für Magazine, und
G) an Medizin- und Lazarett-Rechnungen.

Es sind nämlich laut vorerwähnter „Berechnung“ bis zu Ende November 1806 von Stadtwegen verausgabt:
ad A) 226 Thaler 32 ß N 2/3. für diverse Kriegs-Fuhren und 70 Thaler 17 ß für Boten zu Pferde und zu Fuß, und ist
ad B) bis G) eine Gesamt-Summe von etwas über sechzehntausend Thaler verzeichnet. Die erheblichsten Ansätze darunter sind für Vieh 636 Thaler 19 ß; für Brot, welches teils hier von den Truppen verzehrt, zum größeren Teile aber nach Neustadt und anderen Orten, insbesondere auch für 7.000 Kriegs-Gefangene, resp. mit 14.000 und 16.000 Pfund geliefert worden, 1.408 Thaler 16 ß; für Branntwein 731 Thaler 5 ß; für Douceur-Gelder 1.079 Thaler 8 ß und der größte Ansatz von allen ad E) für Plünderungen und Exaktionen 11.301 Thaler.

Letzteren anlangend, heißt es in jener Berechnung:

„Als die französischen Truppen im Verfolgen der Preußen und nachher bei ihrer Rückkehr von Lübeck ihrer großen Anzahl wegen nicht gehörig in der Stadt Lebensmittel und Getränke erhalten konnten, hätten sie solche von den Einwohnern mit Gewalt erpresst, und es seien bei dieser Gelegenheit mehrere Plünderungen und Exaktionen vorgefallen.“

Darauf folgen nun zu mehrerer Motivierung die nach den Angaben der Haus-Eigentümer angefertigten Verzeichnisse der Kavelmeister aus allen 24 Kaveln der Stadt, welche nach den Rubriken: an barem Gelde, Gold, Silber und Pretiosis, Korn und Brot, Pferden, zerstörten Mobilien, Wein und Branntwein, Kleidung, Leinen und Betten, Viktualien, Heu und Stroh, auch Wagen und Geschirr eine Menge Ansätze in folle enthalten. Eben deshalb ist deren faktische Richtigkeit eben so wenig zu verbürgen, als der Wert, wozu sie geschätzt worden, auch sind dagegen im Jahr 1810 mancherlei Einwendungen zu Protokoll erhoben worden, als der Hofrat und Bürgermeister Sibeth aus Güstrow am 10. September die Rechnungen der hiesigen Kriegs-Schäden revidierte, zufolge welcher er als Commissarius sogar der Meinung war, dass darnach etwa 3.115 Thaler aus der Haupt-Berechnung wegfallen dürften; allein man ersieht doch immer so viel aus dem Ganzen: dass es mit diesen Plünderungs-Szenen auch hier arg genug hergegangen sein muss, wenn gleich Parchim und dessen Gebiet in Vergleichung mit den Zerstörungen, welche von den Franzosen damals in Lübz, so wie auf mehreren fürstlichen und ritterschaftlichen Gütern angerichtet sind, noch kein Übermaß des Leidens zu ertragen gehabt hat.

In Ansehung der vorhin sub D) erwähnten Geschenk- und Vergütungs-Gelder wird noch die spezielle Mitteilung dem Leser vielleicht nicht uninteressant sein, dass in den Tagen vom 3. bis zum 12. November 1806 ganze Hände voll Gold an einzelne französische Offiziere haben weggegeben werden müssen, um Plünderung zu verhüten, und die Quantitäten der begehrten Lieferungen abzumindern, auch Pferde und Wagen zu salvieren.

So finden sich in dem betreffenden Kapitel der oftgedachten Berechnung folgende Ansätze der Ausgabe, deren beide erstere sogar mit quittierenden Belägen versehen sind: a. an den Platz-Kommandanten zur Abfindung von 8 requirierten Wagen-Pferden 24 Louisd’or, b. an dessen Adjutanten zur Abfindung wegen eines requirierten Reit-Pferdes 16 Louisd’or, c. an den Kommandanten bei Eskortierung der Gefangenen wegen Abminderung der mitgenommenen Lebensmittel 20 Louisd’or, d. an einen Dragoner-Offizier aus Neustadt zur Abminderung der requirierten Fourage und des Brots 85 Louisd’or, e. an die französischen Schlächter für requirierte Ochsen 36 Louisd’or, f. an die französischen Commissaire für fehlendes Brot und Branntwein 18 Louisd’or, g. an den Platz-Kommandanten Douceur, um Sicherheit in der Stadt zu erhalten, 20 Louisd’or, also zusammen 219 Louisd’or, welche einstweilen von den reicheren Einwohnern hergegeben worden, und außerdem noch 28 Thaler preuß. Courant, so wie einige kleinere Depensen für gestellte Sauvegarden.

Übrigens möchte es noch viel schlimmer geworden sein, wenn nicht die Einrichtung getroffen wäre, dass die Tor-Wachen in der unruhigsten Zeit des Jahres 1806 sehr stark von hiesigen Bürgern, sogar 80 bis 100 Mann an der Zahl, besetzt wurden, um die von den Regimentern abgewichenen vielen Marodeurs zu entfernen, von den Toren wegzuzeigen und nur gegen Bezahlung mit Lebensmitteln zu versorgen. Diese wachhabenden Bürger haben großen Unfug abgehalten und manchen Schaden verhütet, auch selbst den nachbarlichen Ortschaften nützliche Dienste geleistet, indem z. B. einigen solcher marodierenden Soldaten mehrere vom Gute Klein-Niendorf gewaltsam requirierte Pferde wieder abgenommen, und dem Eigentümer zurückgeliefert sind.

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Parchim, St. Georgen-Kirche

Parchim, St. Georgen-Kirche

Parchim, Rathaus

Parchim, Rathaus

Parchim, Wasserberg

Parchim, Wasserberg

Parchim, Wockertal

Parchim, Wockertal

Parchim, zur Markower Mühle

Parchim, zur Markower Mühle

Parchim, Moltke-Denkmal

Parchim, Moltke-Denkmal

Parchim, Kirche

Parchim, Kirche

Parchim, Elde

Parchim, Elde

Parchim, Buchholz-Allee

Parchim, Buchholz-Allee

Parchim, am Eichberg

Parchim, am Eichberg