Mittelalterliches Wanderleben

Aus: Unterhaltungen am häuslichen Herd. Herausgeber: Gutzkow, Karl. Neue Folge . Band 5
Autor: Matusch Dr. (?), Erscheinungsjahr: 1860
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Mittelalter, fahrendes Volk, Gaukler, Musikanten, Spielmann, Seiltänzer,
Bei einer oberflächlichen Betrachtung der Vergangenheit scheint es, als habe dem Mittelalter das gefehlt, was wir unter öffentlichem Leben verstehen. Bei der strengen Sonderung der Stände, der Abgeschlossenheit, mit der der Bürger sich in sein Giebelhaus einpfercht, bei der eigentümlichen Zusammensetzung des Reichskörpers aus autonomischen Korporationen kann allerdings das politische Leben nicht in unserm Sinne ein öffentliches sein, jedoch macht sich eine andere Art von öffentlichem Leben bemerkbar, hauptsächlich durch das Treiben der fahrenden Schüler und Spielleute charakterisiert.

Im deutschen Nationalcharakter verbinden sich stets die Gegensätze, die man sonst unter verschiedene Nationen verteilt findet. So wie der Deutsche den Frieden liebt, wird seine Kampfluft, einmal angeregt, auch durch langwieriges Kriegsgetümmel nicht geschwächt, so wie er sich leicht elegischem Idealismus hingibt, so belehrt uns doch die Gegenwart, dass der Deutsche, wenn er will, realistischer sein kann als irgendein Volk der Erde. Und so findet sich auch im germanischen Volkscharakter zu allen Zeiten der Gegensatz von Wanderlust und zähem Festhalten an der Heimat, am Vaterhause.

Es ist ein eigentümliches, rein poetisches Gemisch vom Zauber der Freiheit und dem Elend der Recht- und Ehrlosigkeit im Leben der fahrenden Schüler und Spielleute. Ein poetisches Moment liegt insofern darin, als nur ein kraftvoller, weltverachtender Humor das männliche Gemüt zum Sprunge über die Standes- und Ehrbegriffe hinaus beflügeln kann. Denn ein bloßes Lumpengesindel, das aus Widerwillen gegen Arbeit und bürgerliche Verhältnisse zur Fiedel greift, um in seiner vogelfreien Erbärmlichkeit von Dorf zu Dorf zu schweifen, war jene Klasse der fahrenden Schüler und Spielleute nicht durchaus. Zum großen Teil waren es Menschen, die aus irgendeinem Grunde — wie jetzt viele europamüde Auswanderer — die Zwangsjacke der Standespflichten abwarfen, um nichts anderes zu sein als Menschen.

Achten wir einen solchen Trieb! Im Mittelalter konnte eine starke Männerseele durch nichts erwärmt werden als durch eine Illusion. Ritterehre, Lehnstreue, klösterliche Keuschheit, Herrengunst — damit war man fertig. Unmöglich war das Gefühl der wahren Menschenwürde, denn nach dem Stande allein schätzte man die Würde ab; undenkbar war das Bewusstsein der staatsbürgerlichen Freiheit, die in der allgemeinen Achtung vor Gesetz und Verfassung sich sicher und geheiligt fühlt, denn es gab ja im eigentlichen Sinne gar keinen Staat im Mittelalter, sondern nur Reiche und Länder, Städte und Gefolgschaften. Es gab kein Volk, weil es keine eigentlichen Verfassungen gab. Wenn die Gegenwart sich beim Hinblick auf Prinzipien und Ideen über die Schattenseiten der Zeitverhältnisse tröstet, so war es im Mittelalter mit einem solchen Tröste nichts. Eine Illusion musste die Idee ersetzen, und wem es nicht beschieden war, in ritterlichem oder klerikalem Ruhm Befriedigung zu finden, wem für seine Opfer und Anstrengungen, für seine Lehnstreue die Herrengunst nicht genügte, dem waren die Schranken der Verhältnisse Kerkerwände, die er entweder gewaltsam zu sprengen suchte, wie mancher ritterliche Trotzkopf und Friedbrecher, oder aus denen er sich durch Verzicht auf alle korporative Ehre loskaufte, wie mancher Spielmann, Komödiant und fahrende Ritter oder Schüler. Wie manches Genie mag im Meere dieser Vogelfreiheit versunken sein!

Unter diesen Bedingungen bildete sich ein eigentümliches Wanderleben auf den Straßen des Deutschen Reichs. Heruntergekommene Ritter, die für Geld bei Turnieren und Gottesgerichten fochten (campiones), Mönche, die dem Kloster entlaufen waren, Spielleute, Histrionen, Seiltänzer, Narren, Schacherer, trieben sich überall umher. Man kann eine vollständige Rangordnung annehmen. Durchaus nicht ohne Achtung war die vornehmere Klasse der Fahrenden, die aus ritterlichen oder klerikalen Dichtern bestand. Diese waren in Ritterburgen und an Höfen gern gesehen, wo sie bei Festlichkeiten die Freuden des Mahles durch ihren Gesang oder rhapsodischen Vortrag ausgezeichneter Dichterwerke veredelten. Sie trugen hauptsächlich dazu bei, lebende Dichter in einer Zeit, die noch nichts von gedruckten Büchern wusste, im ganzen Reiche bekannt zu machen, nach der Art der Rhapsoden bei den griechischen Festspielen im Altertum. Insofern haben sie eine Höhere kulturhistorische Bedeutung. Einen ähnlichen Beruf hatten auch die gewöhnlichen Spielleute, die jedoch mehr das Volkslied als Gesänge gebildeter Dichter, mehr den gereimten Humor als die heroische oder lyrische Poesie, mehr die Posse endlich als die feinere Komik in Umlauf brachten. Im Range, d. h. in der öffentlichen Achtung, standen sie jenen schon durch den früheren Stand mehr ausgezeichneten Troubadours nach und sangen auch nicht an Höfen der Ritter und Fürsten, sondern in Heerlagern, in Herbergen, in Dörfern, bei Volksfesten.

In Südfrankreich hatte das Ganze ein mehr stitterhaftes, mehr vornehmes, mitunter fast idyllisches Gepräge. Wurde doch sogar der Prior des Klosters Montaudon Troubadour, ohne seine Obern dadurch zu erzürnen, weil er den Ertrag seines Sängerlebens dem Kloster zuwandte. Sonst aber war die Kirche solchem Treiben abhold, was aus dem Eifer der Synoden und Konzilien im 13. und 14. Jahrhundert gegen die fahrenden Sänger, soweit sich Kleriker unter diese mischten, hervorgeht. Am tiefsten standen in der allgemeinen Achtung und auch dem Gesetze nach, (worüber beispielsweise der Sachsenspiegel Auskunft gibt), die gemeinen Spielleute, Kämpfer, Histrionen und Schalksnarren. Die Kenntnisse der vagabundierenden Kleriker und fahrenden Schüler waren mit Mystik und Magie stark versetzt. Geisterbeschwörungen, Zauberbücher und verunstalteter mythologischer Kram spielten eine große Rolle, und insofern diese halbgelehrten Betrüger in aller Herren Länder zogen, von einem Ende Europas zum andern, zur Zeit der Kreuzzüge auch nach Palästina, insofern lässt sich wohl die Vermutung aufstellen, dass die auffallende Ähnlichkeit von Volkssagen und Zaubergeschichten, die man bei Völkern antrifft, welche weder politisch noch kulturhistorisch jemals während des Mittelalters in Wechselwirkung getreten sind, durch solche Fahrende vermittelt worden. Es ist wenigstens festgestellt, dass die letzteren aus dem Orient Erzählungen und Sagen herüberbrachten, die, durch byzantinische Lauge gezogen, zum Teil unter Mitwirkung der Geistlichkeit den Sinn für das Metaphysische, Traumhafte und Märchendunkle im deutschen Volke steigerten. Mag dabei auch nicht viel Gutes gewonnen worden sein, so haben doch jene zigeunerhaften Wanderer insofern eine Mission erfüllt, als sie die in starrer Absonderung hinlebenden Völker der Vergangenheit in eine Art von geistigem Verkehr versetzten — ein ähnliches Verdienst wie das der Kreuzfahrer.

Im allgemeinen steht der fahrende Spielmann im Mittelalter da als vogelfreier Lump. Sein Schicksal ruht im Humor, in der Duldung, im Mitleid des großen Haufens. Er ist rechtlos, ehrlos, friedlos — nicht viel besser als ein Verfemter. Er ist mit dem Aussatz der öffentlichen Geringschätzung behaftet und mit dem unheilbaren Krebs der Vereinzelung, der Vereinsamung, auch unter der dichtesten Volksmenge. Der Spielmann kann, wie der Klopfflechter um Geld, straflos erschlagen werden; des letztem Leben wird dem Glanz des Schildes in der Sonne (nach dem Sachsenspiegel) gleichgeachtet. Wer den Tod des erschlagenen Spielmanns als Erbe sühnen will, kann es (nach gothländischem Rechte) nur in dem Fall, dass er im Stande ist, mit fettiger Hand eine Kuh, die mit Peitschenhieben bergab getrieben wird, festzuhalten. Selbst vom Landfrieden wurden die Spielleute 1287 durch König Rudolf I. ausgeschlossen. Also Vogelfreiheit und alle ihre Folgen waren Spielmanns Los. Bis hierher reicht allerdings jenes obenerwähnte poetische Moment nicht. Da der Schmuck des freien Mannes im langen Haar bestand, so folgte von selbst, dass der fahrende Spielmann wie der Knecht dieses Schmuckes entbehren musste.

Selbst die Stellung jener geachtetem Klasse von Fahrenden wird durch die romanhaften Vorstellungen der Halbgebildeten unserer Zeit viel zu poetisch aufgefasst. Es kam einem Gewaltigen gar nicht darauf an, aus Eifersucht einen Troubadour niederzuhauen; auch waren diese Sänger mehr von den Frauen als von den Männern geschätzt. Dem Ritter galt überhaupt nur kriegerische Tüchtigkeit als bewunderungswürdig, und ein wandernder Sänger musste zugleich auch ein tüchtiger Fechter und Zecher sein, wenn er ehrende Behandlung verdienen sollte. Dies gilt wenigstens im allgemeinen.

Es lässt sich nicht leugnen, dass wir bei der Betrachtung der Verhältnisse des ganzen fahrenden Volks an die Zigeuner erinnert werden. Die Fahrenden hielten sich nicht an die im Mittelalter allgemein üblichen Trachten. Seidene Gewänder des Orient über den bunten Lappen des Okzident, Schellen, Quasten, Pfauenfedern — alles dies freilich durch Landstraßenleben möglichst abgenutzt und verunstaltet — das bezeichnete die originelle Erscheinung eines Fahrenden. Dass eine solche Menschenklasse sich des Bettelns nicht enthält, versteht sich von selbst, wenn auch vielleicht ihre Entsittlichung nie den Grad erreicht hat, der bei den Zigeunern Mährens und Galiziens herrscht.

Es wird durch das eben Gesagte nicht die obige Äußerung zurückgenommen, dass in dem Leben des fahrenden Volks ein poetisches Moment liege, da hier nur die Schattenseiten der interessanten kulturhistorischen Erscheinung dargestellt wurden.

So geht es ja in den meisten Fällen, wenn es sich um Darstellung ethischer Verhältnisse handelt. Immer lässt sich mehr über die Schatten- als über die Lichtseiten sagen. Das trifft aber hauptsächlich die Vergangenheit. Der Lebendige steht nach der Sonne gerichtet und sein Antlitz und seine Brust empfangen viel Licht; der Tote hat der Sonne den Rücken gekehrt und nur seine Umrisse erscheinen noch beleuchtet.
006. Fahrendes Volk

006. Fahrendes Volk

002. Enge Gasse

002. Enge Gasse

007. Rathausplatz

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010. Gerichtszene

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012. Bauerfamilie zum Markt ziehend

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