Mitteilung über Hiddensee in Betreff des Bernsteins.

Ein Nachtrag zu den im Jahrgang 1838, Nr. 25., gegebenen Nachrichten über diese Insel
Autor: Sundine. Neu-Vorpommersches Unterhaltungsblatt, Erscheinungsjahr: 1844

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Vorpommern, Hiddensee, Bernstein, Ostsee, Fischer, Sagen, Urlauber
Der Bernstein findet sich zu Hiddensee nicht bloß in der See, sondern auch in der Erde, selbst in den hohen Seeufern, und man könnte ihn deshalb als Fossil und als Seebernstein unterscheiden. Dieser, auf den Ort, wo der Bernstein angetroffen wird, sich beziehenden Unterscheidung dürfen indessen nicht auch eine Verschiedenheit der Art und Weise seiner Entstehung zum Grunde zu legen sein. Da der Bernstein in der Erde vornehmlich in der nähe der See gefunden wird, so lässt sich nicht ohne Wahrscheinlichkeit annehmen, dass er auch in dem Boden der See vorhanden sei, und dass er aus dem Boden derselben von heftigen Sturmfluten allmählich losgerissen worden ist.*)

Der Seebernstein wird zu Hiddensee größtenteils mit Handnetzen (Keschern) aus der See aufgefischt, welches geschieht, wenn nach Stürmen, die aus der See wehten, das aufgeregte Wasser anfängt wieder ruhiger zu werden. Alsdann pflegen nämlich in den Strandgewässern Seegras (Tang) und andere Seepflanzen in großer Menge angehäuft zu sein, vermischt mit Muscheln und sonstigen Schalentieren, Holzstückchen und dergleichen Gegenständen, unter welchen sich auch Bernstein befindet. Der aufgefischte Seetang wird aus dem Wasser an Land gebracht, indem man in der Brandung watet, wobei man oft so weit in die See hineingeht, dass das Wasser bis unter die Arme reicht. Ist der Tang zum Ufer getragen, so sucht man dort den darunter befindlichen Bernstein hervor. Außerdem wird derselbe auch längs der ganzen Küste von der Erde ausgeworfen, denn er ist leicht und schwimmt bei aufgeregter Flut im Wasser. Im Binnenwasser wird er dagegen selten angetroffen.

*) Rosenthal (siehe Greifswaldische Akademische Zeitschrift, Heft 2., vom Jahre 1823, Seite 185) hat mit neuen Gründen die Ansicht unterstützt, dass der Bernstein zu den Baumharzen, und nicht zu den Erdharzen, zu rechnen sei. Da hiernach der Bernstein nicht in der Erde, sondern auf derselben erzeugt worden sein, so möchte sein Vorhandensein in der Erde, und ebenso auch in dem Boden der See, daraus sich erklären lassen, dass er bei einer geschehenen gänzlichen Umgestaltung der Erdkugel, wodurch, wie man vermutet, die Baumgattung, welche den Bernstein hervorgebracht, untergegangen sein soll, erst seinen jetzigen Ort erhalten habe.

Der Hiddenseeische Bernstein ist, wie der an anderen Orten gefundene, von verschiedener Farbe: hellgelb, honiggelb, zuweilen auch rötlich und braun. Er ist mehr oder weniger durchscheinend, auch oft ganz trübe, und von verschiedener Form und Größe. Die trüben Stücke, wenn sie ohne Fehler sind, werden zu höheren Preisen gehandelt, als die durchscheinenden, wovon der Grund dem Referenten nicht bekannt ist. Für ein Pfund [500 Gramm] von den kleineren Stücken erhielten die Finder gewöhnlich 10 bis 12 Groschen, die größeren Stücke verkauften sie dagegen lothweise, nur wenn ein Stück, welches natürlich zu den Seltenheiten gehört, mehrere Loth wog und ohne Fehler war, wurde das Loth überwiegend mit einem Thaler bezahlt.

Der Bernstein, welchen man in den sandigen Seeufern findet, ist gewöhnlich mürbe und zerbricht leicht; doch hat sich noch bei manchem Stück in der Mitte ein fester Kern erhalten. Referent besitzt einige Stücke dieser Art, die er an den Ufern der See fand, und die größtenteils so mürbe waren, dass sie schon voneinander brachen, als er sie beim Aufnehmen von dem Sande, der sie umgab, reinigen wollte.

Die Bewohner von Hiddensee beschäftigen sich wenig oder gar nicht mit dem Bearbeiten des Bernsteins zu Kunstprodukten, sondern verkaufen ihn roh, größtenteils zu Stralsund oder an Aufkäufer, die sich gewöhnlich nach stürmischem Wetter auf der Insel einfinden. Referent erinnert sich hierbei an die zur Abwehr der Cholera im Jahre 1832 auf der Insel postierten Feldjäger und Ulanen, welche zu ihrem Vergnügen und zum Zeitvertreib aus Bernstein, den sie auf der Insel gefunden oder gekauft hatten, mancherlei kleine Schmucksachen verfertigte, die sie teils den Ihrigen in der Heimat schickten, teils auf der Insel an die Kinder in ihren Quartieren verschenkten und die von letzteren noch lange als Schmuck getragen wurden.

Referent ist auch im Besitz eines kleinen Kunstproduktes aus Bernstein, welches er auf einem der heidnischen Begräbnisplätze, deren mehrere auf der Insel vorhanden sind, gefunden hat. Es hat die Form eines kleinen Knopfes und wurde vielleicht an einem Halsbande getragen. Es schein sehr alt zu sein, da fast alle Politur desselben verschwunden sei, und mag wohl schon aus der heidnischen Zeit herstammen.

Die meisten Einwohner der Insel haben einige Stücke Bernstein; auch Referent besaß eine kleine Sammlung von demselben, welche er auf seinen Wanderungen an der See allmählich zusammengesucht hatte, mehrere Stücke seinen Vorrats hat er aber wieder an Reisende verschenkt, die ihn auf der Insel besuchten, und nur einen kleinen Teil desselben bewahrte er bisher zur Erinnerung an Hiddensee auf. Manche Stücke waren abgerundet, wie Kiesel, woraus man schließen könnte, dass sie schon lange im Wasser herumgespült worden sind.

Bekannt ist die Sage von dem großen Bernsteinstück, welches einst zwei Fischern von Hiddensee in ihrem Netz fanden, als sie dieses in der Nacht beim Fischen ins Boot zogen, jedoch, weil sie es für einen Stein hielten, verdrießlich wieder über Bord warfen. Da sie nun bei Tagesanbruch viele kleine Stückchen Bernstein in dem Boot erblickten, und daher inne wurden, dass der vermeinte Stein ein Stück Bernstein gewesen sein müsse, bemühten sie sich zwar, es wieder zu erlangen, allein alles Suchen im Strande nach demselben war vergeblich und der Schatz nicht wieder aufzufinden.

Bei Neuendorf auf der Insel sind vor mehreren Jahren auf Veranlassung der damaligen Grundherrschaft förmliche Nachgrabungen nach Bernstein vorgenommen worden, die auch nicht ohne Erfolg geblieben sein sollen. Das Nachgraben war übrigens den Bewohnern von der Grundherrschaft untersagt worden, obschon ihnen das Auffischen und das Absuchen des Strandes gerne vergönnt wurde.

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Hart ist das Leben für die Fischer an der Ostsee.

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Fischeralltag

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In der Saison wird jede Hand gebraucht

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Hiddensee, historische Karte 1829

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Hiddensee, Blick in Richtung Rügen

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Hiddensee, Fischer 1963

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Hiddensee, Leuchtturm auf dem Dornbusch

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