Mecklenburg - Malchin und Sternberg, Tagungsorte des Landtags Mecklenburgs

Aus: Deutschland und die Deutschen. Band 2
Autor: Beurmann, Eduard (1804-1883) deutscher Advokat, Journalist und Redakteur, Erscheinungsjahr: 1839
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Mecklenburg-Schwerin, Malchin, Sternberg, Landtag, Aufklärung, Volksbildung, Kirche und Religion, Halbbildung, Freiheit des Gedankens, Pietismus, Geistlichkeit, Egoismus, Reform-Versuche
Malchin und Sternberg interessieren höchstens zur Zeit des Landtages, der abwechselnd hier und dort, aber stets insgeheim gehalten wird. Der Besitz wird hier bis in die kleinsten Einzelheiten vertreten, ein Grund, dass der Nichtbesitz und die Menschen an und für sich keine großen Resultate aus den dortigen Verhandlungen spüren. Ich konnte mich in Malchin bei den Lustbarkeiten, die sich dem aktenmäßigen Geschäftsgang anschlossen, des Gedankens nicht erwehren: was wohl geschehen würde, wenn unter diesen Adeligen, Magistraten und Advokaten plötzlich ein Vicomte von Noailles aufstände, um mit einem Schlage Fronpflichten, persönliche Dienstbarkeiten, Bannrechte, Regalien, Domänen Patrimonial-Gerichtsbarkeiten und Grundabgaben, sie seien welches Titels sie wollen, zu vernichten? aber da ich einem mecklenburgischen Pastor diesen Zweifel mitteilte, antwortete er in voller Überzeugung: „man würde — was sehr natürlich — einen solchen Antragsteller für das Irrenhaus in Schwerin reif halten, könnte man aber je auf den Antrag eingehen, so würde Mecklenburg gewesen sein.“ Man wird einsehen, dass diese Antwort sehr wahr ist, nur konnte ich nicht umhin, zu bemerken: ob es denn ein so großes Unglück sein würde, wenn es von Mecklenburg hieße: es war, falls nur eine menschlichere Staatseinrichtung an die Stelle der alten obotritischen träte? Der Pastor jedoch hielt dafür, dass man in Mecklenburg sehr glücklich lebe und dass, wenn noch etwas zu wünschen übrig bleibe, solches nur die mehrere Befestigung religiöser Tendenzen sein möchte. Der Kuriosität wegen teil’ ich sein Raisonnement, das ihn zweifelsohne in der Gunst des Rostocker Konsistoriums erhalten wird, hier mit. „Nur die Religion kann das Volk gegen die Ausartung der sogenannten Gedankenfreiheit schützen, die man jetzt selbst in den Dorfschulen anregt.“
„ „Was nennen Sie Gedankenfreiheit und was nennen Sie Ausartung derselben?““
„Gedankenfreiheit ist jene unausstehliche Klugrednerei, die sich nie in dem, was ist, heimisch fühlt, und Ausartung der Gedankenfreiheit nenne ich die Anwendung dieser Klugrednerei zum Schaden der Gesellschaft, des Staates und der Kirche. Wohin sollen wir kommen, wenn das letzte Fünkchen des Glaubens, das noch unter dem Volke glimmt, ganz verloren geht? (Er lachte ironisch.) Nach Sachsen, wo der Bauer Journale und Romane liest. Durch solche Anregungen aber werden nur die Faulheit, der Luxus und der Materialismus begünstigt und die Ansprüche der verschiedenen Stände werden ins Ungeheure wachsen. Was soll aus dem Sohne des Bauern werden, wenn nicht wieder ein Bauer? Die Volksbildung, über die man so viel Geschrei erhoben hat, wird noch alle gesellschaftlichen Zustände verwirren, der Bauer wird doch in der Wirklichkeit nicht über den Bauern hinausgebildet werden können, aber die Schulbildung wird die Menschen nur aufsässig und störrig gegen die Vorgesetzten machen, die sich doch vor allen Dingen an das Bestehende zu halten haben und dem Bauern, der da gelernt hat, dass alle Menschen gleichgeboren sind, die Fronden nicht erlassen können. Im gutgemeinten Verbesserungseifer wird man das Volk im besten Falle dahin führen, dass es nicht mit dem zufrieden ist, was es hat, und das nicht ergreifen kann, wonach ihm gelüstet. Nein, man lasse das Volk in seiner Einfalt, ich meine nicht in der krassen, rohen, sondern in der edlen des Glaubens, wonach Religion, etwas Schreiben und
Rechnen die Elemente seiner ganzen Bildung ausmachen.“

Um diese Ansicht zu unterstützen, bezog sich der Herr Pastor auf verschiedene lebende Beispiele: ein Romanleser habe Frau und Kind verlassen und sei in die weite Welt gegangen, ein anderer sei Atheist geworden, ein dritter habe sich gegen die Kirchenfuhren in einem groben Schreiben an Se. Hochwürden aufgelehnt, und ein vierter — der weder lesen noch schreiben könne — sei der beste Gatte, der beste Vater, der treueste Arbeiter in dem Weinberge des Herrn. Ich konnte nicht umhin, dem Diener der Kirche zu entgegnen: ob denn der, welcher nicht lesen und schreiben könne, nur aus diesem Grunde so vortreffliche Eigenschaften des Charakters und des Herzens aufzuweisen habe, und ob die anderen bloß deshalb ihre Pflichten verabsäumt hätten, weil sie lesen und schreiben konnten? Ein solcher Schluss sage nichts Anderes, als man müsse jemanden das Licht entziehen, weil er ein Mordbrenner werden könne. Gewiss, die Halbaufklärung ist ein großes Übel, aber das größte Übel ist jene halbe Menschlichkeit, die da spricht: diese Menschen sind glücklich, weil sie es nicht besser wissen, weil sie ihr Elend nicht fühlen. Der erwähnte Pastor indes — (er verdiente diesen Titel schon deshalb, weil er die ihm anvertraute Schafherde mit dem Phylax des Glaubens zusammenhielt, der, wenn ein Vieh sich verlaufen wollte, demselben nach den Beinen schnappte und es in Reihe und Glied zurückbiss) war der Meinung: „besser ist besser“ und zitierte einen Kollegen aus Pommern, der da spricht: „wehe diesem Volke, wenn unsere halbgebildeten und größtenteils in der Arroganz ganz aufgelösten Schulmeister es nach Dinter, oder gar nach Paulus abrichten, denken zu lernen.“ Halbgebildete Schulmeister werden überhaupt das Volk nicht denken lehren, aber man sollte für ganz gebildete in Mecklenburg sorgen. Diese werden nicht das Volk zum Denken abrichten, sondern ihm nur die Freiheit dazu geben, die Kraft. Die Freiheit des Gedankens hat aber nie Unheil hervorgerufen, es sei denn augenblickliches, das im Strome des Völkerlebens wie ein Tropfen erscheint. Kurz, man wird einsehen, welche oberflächliche Raisonnements gegen die Aufklärung der niederen Klasse in Mecklenburg und leider allenthalben angewendet werden. „Edle Einfalt“, Religion, Tugend und argumenta ad hominem, die wie die Faust aufs Auge passen, zitiert man noch heut zu Tage gegen sie. Und das geschieht von Leuten, die wenigstens klar sehen könnten, wären sie nicht im Egoismus verstrickt. Was soll von den Anderen geschehen, mit denen „die Götter selbst vergebens kämpfen.“ Gewiss von den Landtagen zu Malchin und Sternberg ist in dieser Hinsicht — ich meine in Hinsicht der Humanität — noch weniger zu hoffen, als von der Geistlichkeit, die neuerdings in Mecklenburg — und zwar von Rostock aus — eine pietistische Hinneigung anzuregen sucht. Das wäre allerdings eine moderne Reaktion gegen etwaige Reform-Versuche; denn bis dahin kannte man den Pietismus noch nicht in Mecklenburg.
Sternberg - Marktplatz.

Sternberg - Marktplatz.

Malchin - Marktplatz.

Malchin - Marktplatz.