Mecklenburg - Ludwigslust, das Versailles von Mecklenburg

Aus: Deutschland und die Deutschen. Band 2
Autor: Beurmann, Eduard (1804-1883) deutscher Advokat, Journalist und Redakteur, Erscheinungsjahr: 1839
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Mecklenburg-Schwerin, Ludwigslust, das Versailles von Mecklenburg, Residenzstadt, Körner, Wöbbelin, Börne, Heine
Mit Schwerin alterniert Ludwigslust in der Ehre einer Residenz der Großherzige von Mecklenburg-Schwerin. Man wird sich der Zeit erinnern, wo der Hof der Tuilerien sich Hof von Versailles nannte. So könnte sich auch der mecklenburgische Hof, je nach der Teilnahme, die der eine, oder der andere Regent Schwerin, oder Ludwigslust widmete, Hof von Schwerin, oder Hof von Ludwigslust nennen.

Ludwigslust ist das Versailles von Mecklenburg, aber — wie gesagt — Mecklenburg hat keine Geschichte, und die Herren von Mecklenburg sind nie dem Lande zur Last gefallen, wie jene Destendenz, die aus dem „Hirschpark“ von Versailles hervorging. Nichts desto weniger ist Ludwigslust in neuester Zeit in größere Beziehungen geraten, ja vielleicht reißt dieser kleine reinliche und zierliche Flecken mit holländischen Häusern und Kettengirlanden, die den Frieden der Häuser von der Stille der Straße trennen, Mecklenburg doch noch einmal in die Strömung der Zeit; denn man verehrt die Prinzessin Helene leidenschaftlich fast in beiden Großherzogtümern und spricht mit Stolz davon, dass die Gemahlin des Thronerben von Frankreich in Mecklenburg, in dem weichen, plattdeutschen Mecklenburg ein so vortreffliches Französisch gelernt habe, dass von deutschem Akzent so wenig, wie von deutschen Sympathien annoch bei ihr die Rede sei.

Mich versicherte sogar ein Advokat aus Güstrow, das Herz habe ihm höher geschlagen, als er die Auseinandersetzung der Prinzessin über das Schlachtfeld von Bergen in den, Zeitungen gelesen habe. Wer nur einmal in Mecklenburg hineingerochen hat, wird wissen, was es fügen will, wenn ein Mecklenburger Advokat ein Herz hat, und nun gar ein Herz, das „höher schlägt.“ Gewiss, die Mecklenburger wurden jeden Augenblick Frankreich mit Krieg überziehen, sollte der geliebten Helene dort Unbill drohen, aber Deutsche sind sie doch in dem Grade auch, dass sie Patriotismus und Nationalität über die Ehre vergessen, eine Tochter aus Pribislaus Stamm auf dem Throne von Frankreich zu erblicken. Kein Franzose würde in einem ähnlichen Falle einer französischen Prinzessin die geschickte Geschichtserzählung einer verlorenen Schlacht verziehen haben, keine französische Zeitung würde eine solche Geschichtserzählung ohne bittere Randglossen mitgeteilt haben, aber selbst ein Mecklenburger gerät in den unpatriotischsten Enthusiasmus über die Kenntniskrämerei einer deutschen Prinzessin. Muss der Herzog von Broglie nicht entzückt gewesen sein über eine Galanterie, die man einem Deutschen in den Pariser Salons gar nicht zutrauen wird, muss es ihn nicht Wunder genommen haben, dass die Tochter eines kleinen Fürstenhauses, das der Geschichte so fern liegt, wie ein Professor am collège de France über die Schlacht bei Bergen spricht, die ein Broglie siegreich schlug. — Ich muss gestehen, ich halte die Kronprinzessin von Frankreich für eine treffliche, gelehrte Dame, und eben weil sie gelehrt ist, weil sie in Jena Philosophie studiert hat — eine Wissenschaft, die über irdischen Rücksichten steht — verzeihe ich ihr eine Taktlosigkeit, die überall den Gelehrten zu Gute gehalten wird, aber es freute mich denn doch sehr, als die gazette de France nur von einer Madmoiselle de Schwerin sprach und der „Charivari“ gar mit den drei Millionen Apanage, wenn sie in Fünffrankenstücken auseinander gelegt werden würden, das ganze Großherzogtum „Méchant-Bourg-Serin“ zehnmal pflastern wollte.

Ich sage, diese Bosheit freut mich, durchaus nicht der Prinzessin wegen — wer möchte ihr nur die Eitelkeit in Rechnung stellen! sondern der deutschen Zeitungen wegen, des deutschen Volks wegen, der Mecklenburger wegen, Wolfgang Menzels wegen. In Gedichten, Novellen, Literaturblättern, Festreden und Festtoasten tragen wir unseren Patriotismus und unsere Nationalität zur Schau, wir nennen Börne einen Verräter, wenn er behauptet, wir verkröchen uns in den Teutoburger Wald und schnitzten aus seinen Eichenstammen große Erinnerungen, während wir in der Wirklichkeit, in praxi, in der Tat, in der Gegenwart unnational, unpatriotisch und schwachköpfig seien — und doch muss man eingestehen, dass die Presse nur den Patriotismus und die Nationalität unterstützt, dieselben aber nicht erzeugt, und dass die Eichen des Teutoburger Waldes besser zu großen Taten rauschen, denn zu großen Worten, kurz, man muss eingestehen, wenn man die Impromptus der Prinzessin Helene von Mecklenburg zum Besten Frankreichs gelesen hat, dass unsere Literatur nur zum Teil Recht hat, und Börne ganz. Ist es außer dem „Berliner politischen Wochenblatt“ irgend jemanden eingefallen, Anstoß zu nehmen an den Worten der Prinzessin, an den Berichten der Zeitungen, an dem Enthusiasmus der Mecklenburger?

Ludwigslust ist hübscher als Versailles, will man es einmal Helenens wegen damit vergleichen, zarter, gemütlicher, deutscher. Es liegt mitten in einem von der Regnitz und Elde eingeschlossenen Walde, der in Alleen gelichtet ist und wie ein Kranz die weißen reinen ein Stock hohen Häuser umflicht. Der Schlossgarten ist vortrefflich; denn die Kunst hat sich hier der Natur vermählt und eine sinnige Stille tritt an die Stelle der kühlen Hofluft, die allerdings die Straßen von Ludwigslust auszeichnet. Schweizereien, Wasser, Kanäle, Ruinen, Fontänen, die freilich nicht an die von Wilhelmshöhe reichen, aber recht gemütlich aus der Ebene aufsteigen, Ruinen, Wasserfälle sogar bilden eine stete Abwechslung in der lauschenden Natur, die hier nicht von Menschenandrang gestört wird. — Im Friederico-Franciscum findet man eine sehr vollständige Sammlung obotritischer und altgermanischer Altertümer und auf dem Schloss eine Gemäldegalerie, die der Anschauung wert ist. In der Nähe von Ludwigslust ist das Dorf Wöbbelin, wo die Geschichte, als sie — wie Mundt bemerkt — Mecklenburg flüchtig streifte, Theodor Körner, dem deutschen Tyrtäus, ein Denkmal setzte. Unter einer Eiche ruht der Verfasser von „Leyer und Schwerdt“, Dichtungen, die gleich als Tat niedergeschrieben wurden und erst nach dem glorreichen Tode des Verfassers unter diesem Titel erschienen. Was auch die Kritik an Körner auszusetzen haben mag, sie wird ihm doch die Konzession gewähren müssen, dass er das Horazische „Dulce et decorum est pro patria mori“ in soweit übertraf, als er seinen Enthusiasmus für das Vaterland mit dem Tode besiegelte. Die moderne Poesie mag schöner singen, als Theodor Körner, allein auch Heine ergriff die Flucht in der Schlacht bei Philippi, der letzten für die Freiheit, in welcher Börne fiel.

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Ludwigslust, Schloss

Ludwigslust, Schloss