Küsten- und Seeleben in Mecklenburg

Chronik der gebildeten Welt 1847
Autor: Kühne, Ferdinand Gustav (1806-1888) deutscher Schriftsteller und Literaturkritiker, Erscheinungsjahr: 1847
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Seeleben, Fischland, Seefahrt, Fischländer, Dienst auf der See, Küste, Meer, Ostsee
Ja wahrhaftig, an unseren norddeutschen Küsten wohnen so kräftige tüchtige Seeleute, wie nur ein Land der Erde sie besitzt, obgleich bisher die königl. preußische Corvette „Amazone“ unser einziges Kriegsschiff ist und unsere Flaggen (wie gerne schrieben wir Flagge) nicht des mindesten Anhaltes und Schutzes in der Ferne genießen. Man muss dies Geschlecht dem das Meer oft die Wiege und häufiger noch das Grab ist, so recht kennen, muss aus eigner Anschauung wissen welch unbezwingliche Reizung es für seinen Beruf hat, wie nur allein die wogende See sein wahres Element ausmacht, um aus vollem, innigem Herzen es beklagen zu können, dass für eine allgemeine deutsche Marine bisher noch so unendlich wenig getan. Welche Bemannung vermöchten die hannoverschen, oldenburgischen, mecklenburgischen und preußischen Küsten denselben nicht zu liefern, wie könnte sie es darin kühn mit der ganzen Welt, selbst das stolze England nicht ausgenommen, aufnehmen.

Zwei Meilen hinter der alten Hansestadt Rostock, dem wichtigsten Handelsort Mecklenburgs, zieht sich eine mehrere Meilen lange und zwischen 1/4 und l Meile breite Halbinsel weit in das Meer der Insel Rügen, dieser Perle der Ostsee, hinein, die offene See umgibt sie auf der einen, die sogenannte „Ribnitzer Binnensee“, ein tief in das Land einschneidender Meeresbusen, auf der andern Seite, zur Hälfte Mecklenburg, zur Hälfte Preußen angehörend, wird sie auf mecklenburgischer Seite das „Fischland“, auf preußischer aber „der Darß“ genannt, die Natur hat diesen Landstrich gerade nicht besonders mit ihren Gaben begünstigt, und wer so plötzlich aus den schöneren Gegenden Süddeutschlands, z. B. von Linz oder dem Hardtgebirge, oder Berchtesgaden, dahin versetzt würde, könnte leicht bei dem Gedanken schaudern, dass hier viele Menschen ewig ihr Leben zubringen müssen. Spärliche Nadelwaldungen, deren kümmerlicher Wuchs von der Sterilität des Bodens zeugt, ziehen sich in langen Strecken, oft nur von leeren Sandstellen unterbrochen, dahin, und verleihen der Gegend etwas Einförmiges und Düsteres, hie und da nur ist dem Sandboden ein kleiner Fleck abgetrotzt und mit Hafer, Buchweizen oder Kartoffeln, alle nur von höchst dürftiger Vegetation bebaut. Magere, zottige Pferde von so kleinem, elendem Aussehen dass man in ihnen nicht die hochberühmten mecklenburgischen Rosse zu erkennen vermag, mit nicht viel besseren Kühen, oder einigen grobwolligen, schmutzigen Schafen untermischt, laufen wild auf den freien Flächen umher, gierig die wenigen dünnen Grashalme aufsuchend. Ein schlechtes Loos ist diesen fischländischen Pferden zu Teil geworden, denn ist der Winter lang und streng und reicht der nicht zu große gesammelte Heuvorrat zu ihrer Erhaltung nicht aus, so müssen getrocknete und dann zerstoßene Fischgräten, Tannennadeln und Schilf und Torfgruß zur Aushilfe mit dienen. Doch sind sie trotz alle dem flink, gewandt und von fast unermüdlicher Ausdauer, daher auch für leichteren Gebrauch im ganzen Lande beliebt, wie auch 1813 die Kosacken viele ihnen abgängig gewordene Pferde durch „Fischländer“ wieder ersetzten. Hohe Dünen von ewig lockerem Triebsand, denen ein Windstoß oft eine veränderte Gestalt zu geben vermag, begrenzen den Saum des Meeres, und ihre blendend weiße Farbe kontrastiert scharf mit dem dunkeln Grün desselben, hie und da wächst etwas Strandhafer mit seinen schwankenden, stets vom Winde bewegten Halmen auf denselben, und dient mehr dazu den lockeren Triebsand zu befestigen, damit er nicht auf die etwa angebauten Felder weht, als sonst recht reellen Nutzen zu gewähren. Oft aber fehlt auch dieser ganz und in gewaltigem Wirbel hebt sich dann der Sand der Dünen in die Luft, fahrt ein Windstoß brausend in dieselben. Und Wind gibt es hier auf dem schmalen, zwischen zwei Meeren gelegenen Fischland gar viel und stark, und Gott Boreas scheint eins seiner Hauptquartiere dort aufgeschlagen zu haben. Zahllose Möwen aller Art bewohnen diese Dünen und geben dem sonst öden Bild eine lebendige Staffage. Wäre das widrige, heisere Angstgeschrei dieser Vögel nicht, es wären sonst in jeder Weise schöne Tiere. Wie schneeweiß und dann wieder perl- oder isabellenfarbig ist ihr Gefieder, welche Leichtigkeit, ja selbst Eleganz liegt in ihrem wilden Herumtummeln. Gleich einem Pfeil, so schnell taucht einer in die Flut einen armen Fisch als Beute zu erhaschen, kreischend stürzt sich der Gefährtinnen Schar auf dieselbe, um den Raub ihr wieder zu rauben. Welche Wendungen macht nicht die Verfolgte ihrer Feindinnen Schar zu entgehen, bald ist sie tief unter derselben und scheint fast von den Wellen verschlungen, dann wieder hoch oben über den Dünen. Und immer folgt ihr die hungernde Schar und immer entgeht sie ihnen wieder durch neue unerwartete Wendungen. So treiben sie es ganze Stunden, ja Tage in neuer Abwechslung, nie im Fluge ermüdend, nie im Hunger gestillt, nie in der Kehle verstummt. Gar aber wenn ein Sturm im Anzug ist, wenn dunkle Wolken schon den fernen Horizont bedecken, wie verdoppelt sich dann ihre Tätigkeit, wie schreien sie dann so gellend und kreischend, als ob eine innere Angst ihnen diese Klagetöne auspresste. Und der kleine Fischländer Bube läuft dann zu Hause und ruft: „Moder et wat weihn dee Meev dee schriet so doull!“ (Mutter es wird wehen, die Möwe die schreit so toll.)

Sieht man hie und da auf dem Fischlande einzelne wenige Menschen auf dem Felde mit ländlichen Arbeiten beschäftigt, so werden es während der Sommermonate gewöhnlich nur Frauen sein, Männer wird man nur ausnahmsweise erblicken. Wie staunt aber der fremde Reisende, den ein äußerst seltener Zufall, Neugierde oder irgend ein Geschäft in diese entlegene Gegend verschlagen, und der bisher diesen Weg verwünschend, sich Schritt vor Schritt von den keuchenden Pferden durch den tiefen bis an die Achsen gehenden Sand schleppen ließ, biegt der Wagen um eine Ecke des Waldes und eins der sehr weit zerstreuten Dörfer liegt vor ihm; wie nimmt das Staunen noch zu, fährt er in die breite ungepflasterte Straße desselben erst ein. Kaum vermag er zu fassen wie eine solche armselige Gegend so wohnliche, zierliche Häuser hervorzubringen vermag; zwar nur ein Stockwerk hoch, und auch nicht von bedeutender Größe, ist sonst das Äußere derselben, besonders durch seine Zierlichkeit und Sauberkeit, sehr ansprechend. Das gut gehaltene Dach ist gewöhnlich von roten Ziegelsteinen, selten nur von Stroh, stets jedoch mit einem Schornstein versehen, den man sonst nicht allzuhäufig auf den mecklenburgischen Bauernhäusern findet. Die Wände des Hauses sind von Backsteinen, und oft ganz, oft aber nur die Balken mit einer hellen Farbe angemalt, die Tür und Fensterrahmen in denen große hellgeputzte Scheiben, oft sogar vom besten holländischen Glase schimmern, sind stets mit grüner Ölfarbe angemalt und das Beschläge daran ist so blank geputzt wie es nur auf einem Kriegsschiffe sein könnte. Gewöhnlich ist vor dem Hause, durch einen Zaun oder ein Stacket geschützt, ein kleiner sorgsam gepflegter Blumen- und Gemüsegarten mit einigen Obstbäumen. Alles ist gut erhalten, im höchsten Grade reinlich, und keine Spur von Verfall und Vernachlässigung verratend. So ist die Mehrzahl der Häuser, natürlich etwas mehr oder weniger ansprechend, im Dorfe, und nur einzelne sind zwar größer und mit mehr Stallungen umgeben, sonst aber viel weniger gut gehalten, und auch in ihrer Bauart und Einrichtung mehr den übrigen mecklenburgischen Bauernhäusern gleichend, und in Vergleich zu den anderen wüste und ärmlich aussehend. Man wird über die Quellen fragen, die den Bewohnern es möglich machen solche Wohnungen sich zu bauen, sie so im Stand zu halten, da der früher gesehene Feldbau und der ärmliche Viehstand es doch gewiss nicht können. Die weite See ist das Ackerfeld derselben, das schnelle Schiff ihr Pflug und Spaten, ihr Alles. Hier ist fast Alles Seemann, nur ein sehr geringer Teil der Bewohner, der in den größeren aber schmutzigeren Häusern wohnt, treibt ausschließlich den Ackerbau, sonst liegt diese Sorge den Frauen und Greisen ob, und die übrigen Männer legen nur Hand mit an wenn sie vielleicht in den Wintermonaten wo das Eis die Schifffahrt hemmt, aus kurze Zeit zu Hause sind. Der größte Teil der Kapitäne und Bemannung der 240 Seeschiffe, welche die einzige Stadt Rostock besitzt, wohnt auf dem mecklenburgischen Anteil dieser Halbinsel; der preußische liefert ein Gleiches der Stadt Stralsund. Fehlte dies „Fischland“, es würde schlecht mit der mecklenburgischen Schifffahrt aussehen, die jetzt doch trotz aller ungünstigen Verhältnisse die auf ihr lasten, so wesentlich zum Wohlstand des ganzen Landes beiträgt. Es ist ein ganz eigentümlicher Schlag von Menschen, diese „Fischländer“, nur zum Dienst auf der See geeignet, darin sich nur auszeichnend. Kaum hat der Knabe die Schule verlassen, so will und muss er fort, weit auf das Meer, das er sobald er nur gehen konnte, auch schon an der Küste mit dem leichten Nachen befuhr, ein unwiderstehlicher Drang zieht ihn dort hinaus, er würde auf dem Festlande nur verkümmern, dürfte er ihn nicht befriedigen. Was für eine traurige Rolle spielten diese armen Fischländer Matrosen früher, wenn das Loos sie zwang in das Militär einzutreten, und sie gewöhnlich wegen ihrer Größe und Stärke unter das Grenadierbataillon oder die Artillerie in Schwerin eingereiht wurden. Welche Unbeholfenheit, Tölpelhaftigkeit, Verdrossenheit zeigten sie nicht, wie vermochten sie kaum ihre Gliedmaßen zu rühren, wie waren sie oft ein Spott der dümmsten Bauernburschen. Und doch können sie wie die Katzen in dunkler Nacht bis auf den höchsten Mastkorb klettern, werden wenn der Sturm das Schiff wie einen Spielball umherschleudert, und es gleich der Tauchente vorne mit dem Kiel in die Wogen taucht, auf die äußerste schwankende Spitze des „Jagers“ hinausgetrieben, dort ein Segel zu reffen, werden sich keinen Augenblick bedenken im winzigen Boot durch die hochauftürmende Brandung zusteuern, wenn es gilt ein Menschenleben zu retten. Das ist ihre Luft, ihr Beruf, darum wollen sie leben und sterben. Um diesem Joch des Soldatenwesens zu entgehen, mieden Viele für lange, lange Jahre, ja oft für immer, das Vaterland so schwer ihnen auch sonst dasselbe ist, und dienten auf fremden Fahrzeugen, besonders holländischen Ostindienfahrern wo sie als in jeder Weise sehr zuverlässige Matrosen gesucht und gut bezahlt wurden. Jetzt ist wie in Preußen so auch in Mecklenburg, das Gesetz dass eine bestimmte Reihe von Jahren auf einheimischen Schiffen gedient, vom Militärdienst befreit, was mit allgemeinem Jubel aufgenommen wurde und von den besten Erfolgen ist. Hier holen wir uns einst mit unsere Matrosen für unsere zukünftigen Kriegsschiffe, und sollte die Gefahr des Vaterlandes es fordern, werden sie mit freudigerem Eifer und größerem Nutzen ihr Blut auf denselben für dessen Rettung verspritzen, wie sie es jemals in dessen Landheeren vermöchten.

Man braucht nicht selbst auf langen Seereisen mit diesen Fischländern gewesen zu sein, um ihre Tüchtigkeit und Beherztheit auf dem Meere zu erkennen, man hat auch bisweilen Gelegenheit dies vom Lande aus zu beobachten. Ein schwerer Sturm ist losgebrochen, tiefschwarz sind die Wolken des Horizonts, fast von gleicher Farbe, am unteren Teile, nur an der Spitze sich in weißen zischenden Schaum zerschellend, die hoch auf einander sich türmenden Wogen des Meeres, ängstlich klopft dem Landbewohner, der vielleicht vom sichern Hause diesen Kampf der Elemente mit ansieht, das Herz bei dem Gedanken an die Tausende, die auf wildem Ocean ihn bestehen müssen, und er ist hoch erfreut nicht zur Zahl derselben zu gehören. Da wird im Fischländischen Dorfe die Kunde laut, ein dänischer Westindienfahrer sei auf dem langen Sandriff, was sich längs dem Fischlande in der See hinzieht, und schon manches Opfer gefordert, auf den Strand geraten und die Mannschaft gebe Hilfszeichen. Wie wird die ganze Bevölkerung dadurch aufgeregt, welch Leben kommt in dieselbe. Alles was nur irgend vermag, eilt der Düne zu, nicht achtend des Sturmes Wehen und des sie fast blendenden aufgewirbelten Sandes. Es sind nur wenige kräftige Seeleute, die aus Zufall oder Krankheit von der Reise zurückgehalten waren; im Dorf aber was nur irgend vermag, springt in die kleinen Fischerbote dem Schiff zu Hilfe zu eilen. Selbst alte Greise und kleine Buben die kaum die Hosen angezogen, wollen sich nicht ausschließen, und Letztere klatschen vor Freude in die Hände, haben sie die Erlaubnis dazu bekommen. Fehlt es an Händen, fahren selbst die Frauen die eben so geschickt wie die Männer die Ruder zu handhaben wissen, mit, um ja recht schnelle Hilfe zu bringen. So wagen sie freudig ihr Leben, lenken kühn den schwachen Kahn durch die wilde Brandung, um so viel Menschen und geht es an auch Schiffsgut, wofür ihnen nachher ein Bergelohn bezahlt wird, zu retten. Und wie gastfreundlich pflegen und beherbergen sie nachher nicht die Gescheiterten, wie suchen sie den Kummer derselben auf alle Weise zu mildern. Freilich es ist so leicht keine Familie, in der nicht irgend ein Mitglied schon Schiffbruch gelitten, keine die nicht stündlich einer gleichen Nachricht entgegensehen kann. Oder der harte nordische Winter hat die Ostsee, so weit das Auge reicht, mit mächtigen, teils mit einander verbundenen, teils freischwimmenden Eisschollen bedeckt, ein schneidender Nordwind pfeift dabei durch die Luft und dunkle Wolken verkünden ein baldiges Schneegestöber. Da wird ein Schiff zwischen diesen Eisschollen eingefroren sichtbar, was durch Notzeichen andeutet dass ihm der Proviant ausgegangen. Oft in strengen Wintern geschieht es in den nördlichen Meeren, dass Schiffe in große Eisfelder geraten, darin einfrieren, und dann oft Wochen lang mit ihnen herumtreiben müssen. Unendliche Beschwerden muss dann bisweilen die Mannschaft solcher Fahrzeuge ertragen, das hartgefrorene Tauwerk zerschneidet den Matrosen, die damit umgehen müssen, die Hände, Proviant und Feuerung beginnen oft auszugehen, und man hat schon Beispiele dass sämtliche Leute darauf vor Hunger und Kälte umgekommen sind. So wie die Matrosen im Dorfe die im Winter in großer Zahl zu Hause sind, dies sehen, bereiten sie sich vor, Hilfe zu bringen. Trotz Kälte und Sturm ziehen 20 — 30 junge Burschen alle einen Sack mit Kohlen, Brot, Fleisch und Rumflaschen auf den Nacken gebunden aus, um das Schiff zu erreichen. Es ist dies oft ein sehr gefährliches langwieriges Unternehmen. Mit Eissporen an den großen Wasserstiefeln die das Ausgleiten verhindern, müssen sie oft von Scholle zu Scholle springen, stets in Gefahr abzugleiten oder den Sprung zu kurz zu machen. Sind die Schollen zu weit von einander entfernt um den Sprung zu wagen, so legen sie Bretter herüber, deren sie zu diesem Zweck stets einige bei sich führen. So erreichen sie oft erst nach vielen mühevollen Stunden das Schiff, bringen der Mannschaft darauf die ersehnte Zufuhr, wofür sie bloß den Preis, den sie selbst dafür bezahlt haben, sonst aber weiter keinen Vorteil nehmen, sprechen derselben Mut zu, wenn sie dessen bedarf, und treten dann getrost den Heimweg wieder an. Oft überfällt ein alles verdunkelndes Schneegestöber sie dabei, was die Gefährlichkeit des Weges, den sie dann nur vermittelst ihrer Taschenkompasse zu finden vermögen, sehr erhöht. Mitunter hat es sich auch wohl schon ereignet dass die Eismasse sich unterdes vom festen Lande trennte und die so Abgeschnittenen mehrere Tage darauf herumtrieben, bevor sie wieder die Heimat erreichen konnten, ja selbst Alle darauf erfroren sind. Alles dies wird aber die jungen Burschen des Fischlandes nie abhalten, eingefrornen Schiffen im Winter alle mögliche Hilfe zu bringen, sobald nur irgend wie eine Aussicht vorhanden, dieselben zu erreichen.

Der an Jahren gereiftere, wohlhabendere und gebildetere Teil der Bewohner der fischländischen Dörfer, deren es etwa 5 — 6 dort gibt, führt Rostocker Schiffe als Kapitäne, die jüngeren Burschen oder die auch im Alter nicht Vermögen und Kenntnisse genug haben, um diese Würde zu erlangen, dienen als Steuermann, Matrose oder Schiffsjunge auf denselben. Stets muss er aber von unten als Schiffsjunge anfangen und mehrere Jahre in solchen Stellen zubringen, bevor ein junger Mann Steuermann oder gar Kapitän werden kann. Die Kapitäne, ja selbst die Steuermänner und oft fast die ganze Mannschaft bis zum Jungen herab haben fast immer einen Anteil, „Part“ genannt, an dem Schiffe welches sie führen, das sonst einen Kaufmann in Rostock als „Korrespondent – Rheder“ der den größten Anteil darin hat und die sonstigen Geldgeschäfte dafür besorgt, besitzt. In diesen Schiffsparten steckt außer dem kleinen Hause und einigen wenigen unfruchtbaren Ländereien das ganze Vermögen dieser Leute, und sie verwenden alle ihre Ersparnisse dazu, um solche zu vergrößern. Dies gibt nun sowohl dem Führer wie auch der Mannschaft eine so außerordentliche Sorgfalt um die Erhaltung des Schiffes als auch dass dasselbe ja recht viel verdient, da ihnen dies selbst Vorteil bringt. Versichert ist fast nie ein solches Schiff, was die Kapitäne auch für eine Art von Feigheit halten, und in solchem Fall zu sagen pflegen „He truht sich nich up sien eegen Fööt up dee See“ (Er traut sich nicht auf seinen eigenen Füßen auf die See). Scheitert daher dasselbe, und bei der besonders im Herbst so sehr gefährlichen Schifffahrt auf der Ostsee geschieht dies nicht selten, so verliert Kapitän wie oft sämtliche Mannschaft fast ihr ganzes Vermögen. Dann zeigt sich aber der edle Charakter der „Fischländer“ in vollem Lichte. Ist ihnen nur irgend bekannt dass der Kapitän beim Untergang keine Schuld trug, so ruhen sie nicht eher und legen so viel zusammen, bis sie ihm wieder ein neues Schiff und darin auch einen „Part“ verschafft haben. Alles dies trägt sehr viel dazu bei die Rostocker Schiffe und besonders diejenigen derselben welche „Fischländer“ zum Führer haben, so allgemein beliebt in fremden Häfen zu machen und ihnen so leicht Fracht zu verschaffen, da der Verlader die Überzeugung hat dass Führer wie Mannschaft, und sehr oft dient eine ganze Verwandtschaft vom Großvater als Kapitän bis zum Enkel als Schiffsjungen zusammen, schon aus eigenem Interesse Alles anwenden, um in jeder Weise ihn zufrieden zu stellen. Uns sagte noch kürzlich in einem süddeutschen Bade ein angesehener Assecuradeur aus Amsterdam, wie sie dort an der Börse vorzugsweise gern Assecuranzen auf Waren die in von fischländischen Kapitänen geführten Schiffen verladen würden zeichneten, da sie sicher wären dass diese auf alle mögliche Weise dieselben in Obhut behielten.

In der Regel kommen die meisten Ostseefahrzeuge die nicht auf sehr entfernten Reisen sind, für einige Wintermonate zu Hause und entlassen dann ihre Leute, um das Winterlohn zu sparen. So kommen oft Ende Oktober und im November 20 — 30 Schiffe an einem Tage im Rostocker Hafen an, die alle so schnell wie möglich abgetakelt und am Pfahl gelegt werden. Dann herrscht auf den fischländischen Dörfern gar ein munteres, reges Leben, was sehr von der Stille des Sommers absticht. Die verheirateten Kapitäne und älteren Männer besorgen ihre kleine Wirtschaft, streichen ihre Häuser und Hausgerätschaften selbst mit Ölfarbe an und versammeln sich am Abend im Wirtshause beim Glas Grog, um sich die Abenteuer und Ergebnisse der letzten Reisen zu erzählen. Das junge Volk, was gerade nicht stets häusliche Arbeiten genug hat, treibt vielerlei Kurzweil, wozu besonders auch die Jagd auf wilde Schwäne und Enten gehört, die sich beim Frost zahlreich an den offenen Stellen der Küsten einfinden. Sonntags ertönt stets die Violine um zum Tanze aufzuspielen, was die Jugend beiderlei Geschlechts eifrig treibt. Bisweilen wird diese Ruhe auch wohl unterbrochen, weil irgend ein Rostocker Kaufmann eine günstige Handelskonjunktur in England benutzen und mitten im Winter ein Schiff mit Korn dahin befrachten will, was dann oft mehrere Meilen weit durch das Eis durchgehauen werden muss. Froh, etwas zu verdienen und wieder in die See zu kommen, eilt die dazu bestimmte Mannschaft fort, obgleich die Beschwerden und Gefahren einer solchen Winterreise doppelt groß sind. Die Mehrzahl bricht aber erst im März, wo die Schifffahrt wieder beginnt, auf. Zu dieser Zeit herrscht im Rostocker Hafen ein gar reges Leben, denn 40 - 50 Schiffe werden oft zu gleicher Zeit segelfertig gemacht, und mit Korn oder Ballast beladen. Es kommen dann zum „Ribnitzer Tor“ lange Reihen von mit den kleinen verkümmerten Pferden bespannten Wagen herein, jeder von 8 —12 lustigen kräftigen Matrosen begleitet, die die Schiffskisten derselben herbeiführen. Jubelnd trifft man dann auf den Straßen die ganze Bemannung eines Schiffes vereint, den Steuermann an der Spitze, die vom Rathause kommen, wo die Musterung verlesen und die Namen eingezeichnet sind. Wohin die Reise geht, ist dem Matrosen ganz gleichgültig, ob das Schiff nach Konstantinopel oder Rio de Janeiro segelt, oder ob er Dienste auf einem „Grönlandfahrer“ bekommt und bei Spitzbergen mit Wallrossen und Eisbären kämpfen muss, was kümmerts ihn, wenn er nur wieder hinaus in die See kommt, und die „Heuer“ (Monatsgeld), gewöhnlich 12 Thaler (= 24 Gulden) betragend, hoch ist. Auch ein großer Teil der Schiffe, die in Rostock nicht zur Hälfte beladen werden können, geht in Ballast in die hohe See und sucht sich erst mühsam in fremden, besonders russischen Häfen Fracht und Verdienst. Reisen die vorzugsweise viel von Rostocker Schiffen gemacht werden, sind nach Riga, Antwerpen, Amsterdam, in das nördliche Eismeer nach Archangel, oder auch nach Konstantinopel und von dort in das schwarze Meer nach Odessa und nach Alexandrien, weniger im Allgemeinen nach Amerika und dann besonders nach Brasilien und Westindien für Hamburger Rechnung. Oft kommt es vor dass so ein Schiff immer von fremden zu fremden Häfen fährt und bisweilen in 4 – 5 Jahren nicht wieder die Heimat begrüßt. Und der kleine Bube des Kapitäns, den beim Weggang noch die Mutter als Säugling auf dem Arme trug, springt jetzt munter dem Vater, von dem ihm so viel erzählt, entgegen und weiß schon die Schiffsleiter flink wie eine Katze zu erklimmen, und der Braut des Steuermanns sind in den langen Jahren die Rosen der Wangen verblüht, und die Zeit hat ihre Stirn mit Runzeln bedeckt. Aber mit gleicher Inbrunst wird er doch die Geliebte umfassen und ob ihm auch des Südens feurige Töchter gewinkt, er ist zu der Braut auf dem Fischlande zurückgekehrt. Treu sind alle diese Fischländer eben so im Erfüllen ihres Versprechens, wobei der Handschlag Brief und Siegel vertritt, wie im Bunde der Liebe, und es wird nie der Fall vorkommen dass ein dortiger Bursch das einmal angelobte Mädchen böswillig verlassen hätte. Oft freilich kommt statt des heißersehnten Fahrzeuges die Trauerpost, dass es im letzten Sturm mit „Mann und Maus verloren gegangen“, und man findet in den fischländischen Dörfern gar manche junge Wittwe, manche verlobte Braut, die für das Leben den untergegangenen Geliebten in stiller Abgeschiedenheit betrauert. Das ist die Poesie des Seelebens, in wenigen Stunden im Arm der heißen Liebe, oder im Schooß des kühlen Meeres.

Als der Großherzog von Mecklenburg vor einigen Jahren auf seiner größeren Reise im Orient auch in Konstantinopel verweilte, ward im dortigen Hafen sein Auge durch den Anblick der mecklenburgischen Flagge erfreut, die auf den Masten zweier stattlichen Schiffe, von denen eins ein sehr schöner Dreimaster war, wehte. Er fuhr am Bord derselben, unterhielt sich lange mit den Kapitänen, beide ächte „Fischländer“, und erbot sich Briefe und Grüße an ihre Frauen zu überbringen, da er doch wohl früher die Heimat wie sie, die noch nach dem schwarzen Meere wollten, wieder erreichte, was denn auch von denselben dankbar angenommen wurde. Bei seiner Rückkehr nach Mecklenburg hielt er auch getreulich Wort, machte gleich einen Ausflug nach dem „Fischland“, besuchte die Familien der Kapitäne und schenkte jeder einen silbernen Becher mit dem Datum, an dem er in Konstantinopel bei ihren Männern am Bord gewesen war, zum Andenken.

Ist das Äußere der Wohnungen auf dem „Fischlande“ schon im hohen Grade ansprechend und gut gepflegt, so ist es noch mehr das Innere. Die sauber geweißte Diele, auf der gewöhnlich einige blank polierte Schränke stehen, ist mit zierlichen holländischen Klinken, stets rein gewaschen, in bunten Mustern belegt. Das Wohnzimmer ist ganz wie eine Schiffskajüte, nur in vergrößerter Weise eingerichtet, mit vielen Wandschränken in den Wänden, die oft ganz mit gefirnisstem Holz ausgetäfelt sind. An der Decke hängt gewöhnlich ein gut geschnitztes, bis auf das kleinste Tauwerk getreues Modell des Schiffes, auf dem der Mann fährt, von diesem in müßigen Winterstunden zur Freude und Belehrung ausgeschnitzt, sonst aber noch Kokosnüsse, große Muscheln, ausgetrocknete Delphine, kurz ähnliche von den Reisen mitgebrachte Merkwürdigkeiten. Kommt man als Fremder in solche Kapitäns Wohnung, so wird man auf eben so dringende wie gutmütige Weise eingeladen, eine Tasse Kaffee oder Tee, oder ein Gläschen Rum, wenn es kalt ist, zu trinken, dass man es unmöglich abschlagen kann, was auch sehr übel genommen würde. Man bekommt dann so guten, starken Kaffee oder so seinen Zucker, so ächten Rum, was alles der Mann von seinen Reisen mitbringt, wie man es nur selten in einer deutschen Binnenstadt finden wird.
Was aber sehr überrascht, ist das vollständige Service vom feinsten englischen Porzellan, die kristallene mit Silber eingefasste Zuckerdose, die schweren gut gearbeiteten silbernen Löffel. Es ist nämlich Sitte dass jeder fischländische Seemann bei der Heimkehr im Herbst, seiner Frau oder Braut irgend ein derartiges Geschenk für den Hausstand mitbringt, und so sammelt sich denn in den Wohnungen der wohlhabenderen Kapitäne allmählich eine Menge solcher, oft ganz wertvoller Sachen. Sonst sind die „Fischländer“ selbst bis auf die gemeinen Matrosen herab in der Regel sehr sparsam, ordentlich, nicht zu Exzessen geneigt, und dem Trunke nicht sehr ergeben, Eigenschaften die man nicht allzu häufig an Seeleuten findet. Kommen im Rostocker Hafen Schlägereien vor, so sind es gewöhnlich geborene Rostocker oder fremde Matrosen die dabei beteiligt sind, selten „Fischländer“, obgleich ihrer an 1.000 auf dortigen Schiffen dienen. In ihrer Kleidung unterscheiden sie sich gar nicht von andern Matrosen, und auch wohlhabende Kapitäne gehen am Bord in kurzer Jacke von grobem blauem Tuch und essen mit ihrer Mannschaft aus gleicher Schüssel. Eigentlich Arme gibt es unter ihnen nicht, denn wird ein Matrose alt und schwach, und kann nichts mehr verdienen, hat auch vielleicht nichts erspart, so nimmt die ganze Gemeinde sich und seiner Familie auf das Bereitwilligste an. Überhaupt herrscht ein enges Zusammenhalten unter allen „Fischländern“, sie werden sowohl in der Heimat wie Ferne stets bei einander zusammen sein, und sich auf jede Weise mit Rat und Tat unterstützen.

Dies das mecklenburgische „Fischland“ und seine Bewohner. Man sieht, trotz seiner Öde und Rauheit wohnen so glückliche, rechtschaffene Menschen auf demselben wie nur auf irgend einem Punkte der Welt. Die Erde gibt ihnen wenig, desto mehr aber das weite, unendliche Meer.
Wismar, Ansicht aus der 2ten Hälfte des XVII. Jahrhunderts

Wismar, Ansicht aus der 2ten Hälfte des XVII. Jahrhunderts

Hansestadt Rostock, Stadthafen mit Großsegler, 1968

Hansestadt Rostock, Stadthafen mit Großsegler, 1968

Rostock, Stadthafen, 1968

Rostock, Stadthafen, 1968

Rostock - Kröpeliner Tor

Rostock - Kröpeliner Tor