Korrespondenz-Nachrichten von der Ostsee - Eine Woche auf der Insel Usedom

Aus: Morgenblatt für gebildete Leser. 28. Jahrgang. Stuttgart und München, 1864.
Autor: von einem Süddeutschen, Erscheinungsjahr: 1864
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Pommern, Usedom, Zinnowitz, Badeort, Ostseebad, Urlaub, Reise, Kur, Ostsee
Dass ich Usedom aufgesucht habe, hatte einen rein persönlichen Grund. Ich hatte einen dort wohnenden Freund nach Berlin bestellt. Da derselbe diese Reise nicht unternehmen konnte, habe ich mich entschlossen, ihn in seiner Heimat aufzusuchen.

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Man reist jetzt von Berlin auf auf der Eisenkahn in fünf bis sechs Stunden nach Wolgast, von wo aus man auf einer Fähre nach der Insel hinübergeschafft wird. Die bedeutenderen pommerschen Städte, welche auf dem Wege berührt werden, sind Angermünde, wo sich die Stettiner und Stralsunder Bahnen scheiden, Prenzlau und Pasewalk. In letzterer Stadt hätte ich gar zu gern angehalten, da an dem Tage meiner Vorüberfahrt daselbst die Einweihung einer für 100.000 Thaler restaurierten Kirche stattfand. Man hat, wurde von einem der zahlreichen, zu dieser Einweihung reisenden Pastoren, in deren Mitte sich auch der Orgelbauer der neuen Orgel befand, berichtet, diese bedeutende Summe zur Restauration verwendet, weil der Kirchenfonds über die Maßen angeschwollen war und man dem überfließenden Gelde einen Ablauf gewähren musste. Man finde, wurde weiter berichtet, in dieser Gegend Pommerns vielfach überreiche Kirchenfonds. Einzuregistrieren dürfte hier noch sein, dass die Zugführer auf dieser Pommerschen Bahn anstatt des strengen „Fertig“ das viel sanftere „Is jud« (ist gut) ertönen lassen.

In Anklam hatte der Schienenweg sein Ende; dort bestieg ich ein kleines Dampfboot. Die Wasserstraße der Peene war auf der ersten Strecke eine ganz schmale; bald aber erweiterte sich der Fluss bedeutend und wurde Angesichts des Städtchens Usedom meerartig; gegen die Stadt Wolgast wurde die Straße wieder schmal. Beim Betreten des Schiffes, um die Mittagsstunde, hatte die Sonne eben siegreich den Nebel durchbrochen und es war somit auf eine angenehme Fahrt zu rechnen; aber bald erhob sich ein Sturmesbrausen, dem ein Regenschauer um den andern folgte, so dass die Fahrt mit Nichten eine angenehme wurde. Das kleine Boot, welches von Usedom heranfuhr, um ein paar Passagiere vom Dampfschiff abzuholen — denn dieses legt bei dem von der Wasserstraße ziemlich abgelegenen Städtchen nicht an — wurde von den Wogen furchtbar herumgeworfen. Die Speisekarte des Dampfers bot nicht zu verachtende Speisen, wie geräucherten Aal und Pommersche Gänsebrust. Die Getränke konnten einem Süddeutschen nicht einladend erscheinen. Im Hafen von Wolgast waren der Segel eine große Menge zu erschauen. Ein schöner Dreimaster lag an der Werft, um bald vom Stapel gelassen zu werden.

Von Wolgast wird man nach der Insel Usedom, welche einen Umfang von sieben Quadratmeilen hat — die benachbarte Insel Rügen hat deren zwölf — über den schmalen Wasserarm auf einer Fähre hinübergeschafft. Dag Wirtshaus am jenseitigen Ufer mit ein paar andern Gebäuden bildet die zum Kirchspiel Krummin gehörende Parzelle „die Fähre.“

Den einstündigen Weg von dieser Fähre nach dem kleinen Pfarrdorf Krummin, einem schönen Rittergutssitze mit stolzen Ökonomiegebäuden, dem Mittelpunkt einer Anzahl von Fischerdörfern, legte ich auf einem leichten Fuhrwerke zurück. Andere als leichte Fuhrwerke findet man auf der ganzen Insel nicht, denn nur solche taugen zu den sandigen Straßen der Insel, auf welchen schon nach kurzem Regenwetter tüchtige Wassergräben entstehen, und die zu gewissen Zeiten kaum zu passieren sind. Gegen Sonnenuntergang bezog ich mein Quartier im freundlichen Pfarrhof.

Am ersten Tage meines Aufenthalts in Krummin sollte ich Zeuge einer doppelten Totenfeierlichkeit sehn. Schon in der Frühe ertönten die Glocken von dem schönen, neuen Kirchturme des Ortes, und zwar wurden dieselben nicht bloß wenige Minuten, sondern wohl eine halbe Stunde angezogen. Nach einer kurzen Pause wiederholte sich das Geläute mit derselben Dauer, ihm folgte nach einer wieder nur kurzen Unterbrechung der dritte „Puls“. Da zum Zeichen des Absterbens eines Gemeindegliedes drei solcher Pulse geläutet zu werden pflegen, und bei den Beerdigungen wiederum einige Pulse angezogen werden, so sind die Tage, wo mehrere Sterbe- und Beerdigungsfälle zusammenkommen, in Krummin Tage, wo das Glockenläuten — trotz dem frommsten katholischen Ort — kein Ende nimmt. Merkwürdiger aber noch ist, dass es nicht der Küster oder sonst ein Bediensteter ist, welcher das Läuten besorgt, sondern dass dasselbe von den Leidtragenden selbst, den Verwandten oder Freunden, nach Umständen den Knechten der Verstorbenen vollzogen wird, daher denn nicht selten, wenn Neulinge oder Übereifrige diese Pflicht zu erfüllen haben, der Takt verloren geht.

Das Pulsläuten ist übrigens nicht der einzige letzte Liebesdienst, der den Verstorbenen von den ihnen Näherstehenden erwiesen wird. Diese besorgen auch, die Aushöhlung des Grabes, das Einsenken der Bahre (die von merkwürdiger Höhe zu sein pflegt), die Verschattung derselben und das Zurechtmachen des Grabhügels. Es stehen zu diesem Behuf eine Anzahl Schaufeln zu Gebot. Die Arbeit wird dadurch bedeutend erleichtert, dass der Boden reiner, feiner Sandboden ist. Aber nicht leicht ist die Aufgabe des Pastors, der am Grabe stehen zu bleiben hat, bis die ganze Arbeit vollendet ist, wozu auch noch gehört, dass ein Stein von einem in der Nähe liegenden Steinhaufen herbeigeholt und an den Fuß des Grabes niedergelegt werde, zur Bezeichnung desselben, denn je nachdem ein Wind sich erhebt, ist der Hügel schon über Nacht weggeweht. Der Pastor hat sowohl in der Kirche, wohin der Sarg zunächst gebracht wird, um vor dem Altar aufgestellt zu werden, als auf dem anstoßenden Gottesacker zu sprechen, in der Kirche sogar zweimal, da nach der Beerdigung dahin zurückgekehrt wird. Des Küsters Aufgabe ist es, nach und nach in der Kirche, auf dem Gang nach dem Kirchhof, auf diesem, auf dem Rückwege nach der Kirche und dann noch einmal in der Kirche, einen Gesang von einer großen Anzahl Versen, und zwar, wenn sich keine Sangeskundigen einstellen, ganz Solo durchzusingen. Dem ergrauten Küster, einem goldenen Jubiläumsmanne, den ich diese Pflicht verrichten hörte, mag es wohl selbst gar zu monoton vorgekommen sein, immerfort bloß zu singen: „Das Grab ist hier, hier steht mein Bett, wie der Anfang jeglichen Verses von diesem Gesänge lautete, da er einmal zwischen zwei Strophen hinein für sich hin, aber für die Nahestehenden doch hörbar, die Bemerkung machte: „der Wind hat sich, scheint’s, nach Osten gedreht.“ Von dem etwas erhöhten Platz des Kirchhofes aus hat man nämlich eine freie Aussicht auf die große Wasserfläche des Krumminer Wieks und die Strömungen desselben.

Am andern Tag war es mir vergönnt, den vor allen andern Ausflügen erwünschten Gang nach dem Meeresstrande mit seiner besonders großartigen und prachtvollen Dünenkette zu machen. Wahrhaftig, der Anblick dieses Strandes — bei dem Fischerdorfe und Badeorte Zinnowitz — lohnt aufs reichlichste die Mühen und Kosten einer langen Reise; auf der muschelbedeckten festen Sandfläche desselben lustzuwandeln, bietet einen unbeschreiblichen Reiz.

Ein ganz eigentümliches Erlebnis aber war es, dass, wie ich einst im tobten Meere am Strande hin ritt, da das Pferd das Wasser aufsuchte, ich nun in der Ostsee auf einem offenen Wagen fahren durfte. Mein Freund hatte seinen leichten Wagen, der mich nach Krummin gebracht hatte, anspannen lassen, um das nahezu zwei Stunden entfernte Zinnowitz schneller zu erreichen. Als wir nach einer einstündigen Fahrt am Strande angekommen waren, rückte der Kutscher, der die beschmutzten Räder des Wagens gerne und ohne Mühe gereinigt gesehen hätte, mit der Anfrage heraus, ob er nicht ins Wasser hinein, fahren dürfe. Seine Anfrage wurde ihm um so bereitwilliger bejaht, als wir wussten, dass auch den Pferden dadurch ein Dienst geleistet würde. Es ist natürlich, dass man nur eine geringe Anzahl von Schritten und bloß bis zu einer Tiefe von etwa anderthalb Fuß in das Meer hineinfuhr, und zu bemerken ist, dass der Sandboden des Meeres am Strande hin vollkommen fest und glatt ist, so sehr, dass dieses Fahren im Meer einem Fahren auf einem geebneten Bretterboden gleichkam, auch dass bei dem hellen Wasser leicht auf den Grund zu sehen war. Die Strecke, welche wir auf diese Weise im Meere, dem Strande entlang, fuhren, betrug eine halbe Stunde. Da mir diese Meerfahrt nachgerade doch etwas unheimlich vorkam, wurde die Wasserstraße verlassen. Wir machten dann noch eine Strecke von einer guten halben Stunde zu Fuß, die niedlichsten der Muschelchen in die Taschen steckend und auch emsig, aber mit wenig Erfolg, nach Bernstein suchend. Verschiedene Wasserpflanzen fanden auch unsere Berücksichtigung.

Der Badeort Zinnowitz mit lauter bloß einstöckigen Häusern steht in schneidendem Kontrast zu dem andern Badeorte der Insel, dem viel aufgesuchten Heringsdorf, und wohl zu allen Seebädern Deutschlands. In Zinnowitz findet sich weder Bademusik, noch sonst etwas zur Unterhaltung dienendes. Die dortigen Badegäste sind auch nicht bloß auf die einfachste, übrigens saubere Wohnung, sondern auch auf eine sehr einfache Kost — hartes Roggenbrot und überweiche Semmeln, Milch-, Schokolade- und süße Biersuppen mit gedörrten Pflaumen, Schöpsenfleisch und ähnliches — angewiesen. Wer die Einfachheit und Zurückgezogenheit liebt und es versteht, sowohl durch geistige Beschäftigung als reinen Naturgenuss sich die Langeweile zu vertreiben, dem könnte daher kein Badeort so sehr empfohlen werden, als Zinnowitz. Nach der Badestätte zu führt eine einfache Allee. Ein nahegelegener Eichenwald bietet manch reizendes Plätzchen. Von der Spitze desselben aus genießt man den schönsten Anblick des Meeres. Bei heller Witterung ist die Insel Rügen zu erschauen. Es wird behauptet, dass das Seebad bei Zinnowitz besonders Frauen, welche der Nervenstärkung bedürfen, zuträglich sei.

Die weiteren Tage meines Aufenthalts verflossen schnell. Bei verschiedenen Spaziergängen in der Umgebung Krummins nahm ich wahr, dass die Insel von nicht geringer Fruchtbarkeit ist. Das Gras ihrer Wiesen ist besonders würzhaft, weil dieselben, so oft der Nordwind stärker weht, von salzigem Meerwasser bespült werden, daher sich auch der Viehstand auf der Insel gut befindet. Eigentümlich ist, dass die Kühe nicht im Stall, sondern auf der Weide gemolken werden. — Mehrfach habe ich Gelegenheit gehabt, Spazierfahrten zu Wasser auf dem Krumminer Wiek zu machen. Die Jungen des Pfarrhofes eilten, auch bei ungünstiger Witterung, nach den Lehrstunden mit ihrem Hofmeister, einem Rügener, immer sofort dem Boot zu, um die Segel desselben aufzuspannen und in dem seeartigen Wasser herumzurudern.

Ein paar mal habe ich auch noch die Kirche und den Kirchhof besucht. Bei der Beerdigung eines Erwachsenen wurde ein bestellter „Ruhmeszettel“ verlesen. Wir heißen das „Lebenslauf.“ Dem pommerschen Ausdruck gebührt gewiss der Vorzug der richtigeren Bezeichnung. Bei einer Taufe von drei Kindern fiel mir auf, dass dieselben sämtlich in aufrechter Stellung zur Taufe gebracht wurden, so dass ich meinte, es seien lauter Täuflinge, die schon ein paar Monate zählen; aber sie zählten nur ein paar Tage; ein pommersches Inselkind habe, sagte man mir, etwas von russischer Natur.

Von Usedomer wahren Anekdoten, die mir zu Ohren gekommen, möge es gestattet sein, hier zwei beizubringen. Als an einem Sonntag sich ein besonders festlicher Zug vom Pfarrhause nach der Kirche bewegte, da es die Einweihung der schönen neuerbauten Kirche galt, näherte sich ein mit Schweinehandel sich beschäftigendes Pfarrkind dem Pastor mit der Frage: „Herr Pastor, verkofen Sie keene Ferkeln?“ — Es mag daraus zu ersehen sein, wie ungezwungen sich die Usedomer Insulaner bewegen. — Die andere Geschichte ist eine im Winter auf dem Eise spielende Diebesgeschichte. In verschiedenen Dörfern Usedoms waren in einem Winter längere Zeit allnächtlich freche Diebstähle vorgekommen. Alle Nachforschungen der Gendarmen, dem Diebe auf die Spur zu kommen, waren vergeblich gewesen; denn der Dieb war ein unter Schloss und Riegel sitzender Gauner, den der Gefängniswärter gegen entsprechende Repartition des Errungenen jeden Abend nach eingetretener Dunkelheit herausließ, um ihn vor Tagesanbruch wieder aufzunehmen. Diese nächtlichen Diebsexpeditionen des Gefangenen wurden über die gefrorenen Gewässer auf Schlittschuhen ausgeführt. Als der Dieb nun eben doch einmal ertappt wurde, galt es, denselben auf dem Schub nach seiner Station zurückzuschaffen. Es wurden damit zwei Privatkondukteure beauftragt. Diese hatten schwer zu tun. Denn während der Einzuliefernde auf seinen Schlittschuhen leicht über die Eisstraße wegfuhr, gleiteten sie häufig aus und fielen zu Boden. Da machte der Delinquent einen Vorschlag zur Güte, nämlich dass sich seine Geleitsmänner einen Schiebeschlitten verschaffen möchten, indem er sich erbot, sie in demselben nach dem Städtchen zu schieben. Der Vorschlag wurde mit gebührendem Dank angenommen, und der Dieb lieferte richtig seine Kondukteure und die Kondukteure richtig den Dieb ein. Ist das nicht klassisch?

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Wolgast, Hafen mit Zugbrücke

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Wolgast, Marktplatz und Rathaus

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Ostseebad Zinnowitz, Schiffsanleger

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Ostseebad Zinnowitz, Seebrücke

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Ostseebad Zinnowitz, Strand und Kurhaus

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Ostseebad Zinnowitz, Strand und Promenade

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Ostseebad Zinnowitz, Strandleben

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Ostseebad Zinnowitz, Strandblick und Seebrücke

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Ostseebad Zinnowitz, Strandpartie

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