Jahrmarkt in Stavenhagen

Aus: Mecklenburg - Ein Heimatbuch
Autor: Reuter, Fritz (1810-1874) Mecklenburger Volksdichter und Schriftsteller, Erscheinungsjahr: 1925
Themenbereiche
Enthaltene Themen: mecklenburg-Vorpommern, Stavenhagen, Volksfest, Jahrmarkt, Musi und Tanz, Nachwerk, Pferdejuden, Hausierjuden, Viehmarkt, Pferdemarkt, Kuchenweiber,
Ein Jahrmarktstag war ein großes Fest, und unbedingt hätte ich mich für Hanne Schlüters Ansicht erklärt, der, bei der Konfirmation nach den drei christlichen Hauptfesten gefragt, die Antwort gab: "Wihnachten, Pingsten und Harwstmark."

Wie Schwalben, die den Sommer ankündigen, zogen am Abend vor dem Pferdemarkte zwei Gendarmen in die Tore ein und stellten sich der Polizei zur Disposition, ihnen folgte in anspruchslosem Gefieder die Schar der Singvögel, als da sind: Drehorgelmänner und Harfenmädchen, die, den Nachtigallen gleich, vorzugsweise am Abend ihre Ankunft mit Gesang verkündeten, und auf diese folgte dann das schnatternde, krächzende, vom ewigen "Gott schtraf mi!" heisere Geschlecht der Pferdejuden, neugierig und schwätzend wie Elstern, und unverschämt wie schlecht abgerichtete Papageien, ihren unverständlich herausgeschnarreten Jargon für die Sprache vernünftiger Geschöpfe ausgebend. Nach allen Seiten hin wurde nun die Hauptfrage der nächsten Zukunft erörtert, was es morgen für Wetter geben könne und würde. Wenn endlich der nächste Morgen die Entscheidung brachte und dieselbe günstig lautete, so begann auf dem Markte ein von Stunde zu Stunde zunehmendes Gewimmel von Menschen und Vieh aller Art. Bauern aus der Umgegend, Inspektoren und Wirtschafter, Ackerbürger, Pferdejuden, Schacherjuden, Kuchenweiber, Orgeldreher, Bücklingsspekulanten und Semmelhöker wirbelten unter den Pferden, Ochsen und Kühen bunt durcheinander. Peitschenknallen, Pferdegewieher, Kuhgebrüll mischte sich mit Tönen der Drehorgeln und den Liedern der Harfennachtigallen, und dann die Düfte! Man erzählt, dass die duftendsten Parfüms jetzt aus dem Inhalte der Düngergrube und Kloaken gewonnen werden, es komme dabei nur auf die richtige Mischung der einzelnen Ingredienzien an; wir in Stavenhagen haben auf unseren Pferde- und Jahrmärkten nie das Glück gehabt, diese richtige Mischung zu treffen, es herrschte stets auf den selben ein gewisser Knoblauchgeruch vor, der selbst Hering, Bückling und alten Käse siegreich niederkämpfte.

Wenn des Abend die Marktverkäufer ihre Buden aufgeschlagen hatten, jagten wir uns um dieselben, versteckten uns dort und wurden dann auf die heiterste Weise von den Handelsleuten, meist mosaischen Glaubens, verfolgt. Wurde einer von uns ergriffen, so waren ihm Prügel gewiss, denn unsere Neckerei musste aus dem Herzen der Verfolger jede Spur von Großmut vertilgen. Mich ergriff einmal "Unkel Möschen" der als Wache in die Josephysche Bude gesetzt war, "Unkel Herzensjuding" kam dazu, und beide hielten schrecklich Gericht über mich. Wie haben mich diese beiden alten, ehrwürdigen Patriarchen geängstet!

Am folgenden Tage begann die eigentliche Jahrmarktslust. Vor unserem Haus standen die Drechsler aus mit Sägemännern und bunten Kloeterpuppen, mit Knarren und Pfeifen und den schönsten Steckenpferden von der Welt, die alle herkommenmäßig vorn an der Brust mit einer bleuen hinten am Schwanz mit einer roten Tulpen verziert waren. Wie schön begann dann der Tag, wie wonneverheißend ging die Sonne an demselben auf! Pfeifen und Knarren und Trompeten läuteten ihn freundlich ein, und wenn ich am Morgen mit reinem Hemdkragen und wohlgebürstetem Haar hinaustrat auf den weiten Flur des elterlichen Hauses, da standen sie da mit ihren Körben, alle die Kuchencharitinnen, die einen Hausierzettel von meinem Vater verlangten. Oh, währe ich doch nicht so ein materieller Schlingel gewesen! Von dem Duft allein hätte ich zehren können mein lebelang.

Des Morgens zehn Uhr erschien Grützmacher mit seinen Helfershelfern. Grützmacher war ein kleiner blasser Man mit Pockennarben und grauem Haar; es schien, als hätte er sein bisschen Leben ganz in die Klarinette hinein- und hinausgeblasen. Er sah sehr unbedeutend aus, doch das hatte er mit dem Haydn und Beethoven gemein.

"Fik!", rief das Stubenmädchen in die Küche hinein, "de Muskanten kamen!" - "Herr du meines Lebens!", rief die Köchin aus der Küche heraus, ließ Suppe und Braten im Stich und rief dem Kindermädchen, bei welchem meine jugendlichen Knochen in Assekuranz gegeben waren, zu: "Diern, mak un kumm!", und alle drei klappten mit ihren Pantoffeln hinter Grützmacher und Konsorten her, zwei Treppen hoch auf den Kornboden hinauf, und während die Töne in die wogende Jahrmarktsszene hineinschallten und Käufern und Verkäufern das Zeichen zum erlaubten Handel gaben, wurde zwischen Hafer- und Erbsenhaufen ein bal champêtre arrangiert, dem ich die Anfangsgründe der Tanzkunst verdanke, in dem Marieken Wienken mich in die Geheimnisse des Beinsatzes einführte, leider aber vergaß, mir die heilsamen Fesseln des Taktes anzulegen, und dadurch die Ursache wurde, das ich trotz Tanzmeister Stengel und Madame Buschenheuer in genialer Taktlosigkeit und in allerlei fessellosen Sprüngen das Leben durchtanzt habe. Ach, wäre Marieken Wienken doch weniger nachsichtiger gegen mich gewesen, was hätte aus mir als Tänzer werden können! -

So wurde denn unter wechselnder Lust und wechselndem Leide unter fessellosem Sehnen, riesenhaften Wünschen und knapp zugemessenem Genusse der Haupttag des Jahrmarktes verlebt, und wenn ich des Abends eingefangen und ohne weiteres zu Bette gebracht wurde, tröstete mich der schließlich von Bernasconi eingehandelte Bleistift oder Rotstift - für die väterlichen zwei Groschen durfte nur "etwas Nützliches" gekauft werden - nur schwach für die Entsagung aller bunten und süßen Herrlichkeiten, die noch lange in meiner Phantasie umhertanzten.

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Reuter, Fritz (1810-1874) Mecklenburger, Dichter und Schriftsteller der niederdeutschen Sprache

Reuter, Fritz (1810-1874) Mecklenburger, Dichter und Schriftsteller der niederdeutschen Sprache

Ehemaliges Rathaus von Stavenhagen mit Fritz-Reuter-Denkmal, heute als Fritz-Reuter-Literaturmuseum dem Dichter gewidmet

Ehemaliges Rathaus von Stavenhagen mit Fritz-Reuter-Denkmal, heute als Fritz-Reuter-Literaturmuseum dem Dichter gewidmet

Viehmarkt

Viehmarkt

Bauerntanz

Bauerntanz

Bauernjunge

Bauernjunge