I. Ursachen und Entstehung der Hanse - 03. Erwerbung der Herrschaft über die großen Tieflandsströme ...

Aus: Beiträge zur Geschichte der deutschen Hanse bis um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts
Autor: Stein, Walther (1864-1920) deutscher Historiker und Hochschullehrer, Erscheinungsjahr: 1900
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Hansestadt Rostock, Hansebund, Hansa, Hansetag, Mittelalter, Bürgerstand, Koggen, Handel, Städtewesen, Bürgerleben,
Der nächste Weg, auf welchem die westfälischen Kaufleute schon in der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts die Ostsee aufsuchten, um einen unmittelbaren Anschluss an den älteren skandinavisch-russischen Warenverkehr zu gewinnen, führte in den südwestlichen Winkel der Ostsee. Lübecks Gründung an dieser Stelle und die fortschreitende Eroberung des Ostens boten dem Auftreten der deutschen Kaufleute in der Ostsee einen kräftigeren Rückhalt. Neben der doppelsprachigen Stadtgemeinde Wisbys entstand wahrscheinlich noch vor Ablauf des zwölften Jahrhunderts eine organisierte Gemeinschaft der deutschen Kaufleute: die gotländische Genossenschaft. Diese einigte zum ersten Mal die Kaufleute aus zahlreichen und hervorragenden niederdeutschen Städten in der Fremde; sie vertrat zuerst die kommerziellen Gesamtinteressen der Deutschen in der Ostsee; sie errang, den Spuren der Gotländer folgend und an deren Seite tretend, in Nowgorod, dem mächtigen Mittelpunkt des jetzt aus den Ostseegebieten zurückgedrängten nordrussischen Handels, eine sichere Stellung und gewann im dreizehnten Jahrhundert einen außerordentlichen Einfluss auf den Ostseehandel. Dass eine so bedeutende Kaufmannsvereinigung, die wesentlich durch eigene Kräfte Erfolge errungen hatte und mit einer späten unerhörten Selbständigkeit aufzutreten vermochte, der geeignete Boden war, aus dem für Nordeuropa die Idee des gemeinen Kaufmanns hervorwachsen konnte*), ist begreiflich.

*) Die erste urkundliche Erwähnung der „universita(s) communium mercatorum" im Privileg Herzog Albrechts I. von Sachsen von 1232, Höhlbaum, Hansisches Urkundenbuch (später HUB.) 1 n. 243. Vgl. Schäfer, Die Hansestädte und König Waldemar von Dänemark S. 46 u. Anm. 2. Die Entstehung der Idee des gemeinen Kaufmanns im Ostseegebiet erscheint, soweit die bisherigen Forschungen ein Urteil zulassen, selbständig und unabhängig von der der Verbände italienischer Kaufleute verschiedener Städte oder der Kaufleute verschiedener Nationen in Süd- und Westeuropa. Außer der provencalischen Gesamtgemeinde in Tyrus (seit 1187, s. Heyd, Gesch. des Levantehandels im M. A. 1 S. 368) werden die „societas et communitas mercatorum de Francia" (provencalische Kaufleute auf den französischen Messen) oder die „universitas mercatorum Lombardorum et Tuscanorum" oder die „universitas mercatorum Italiae" u. s. w. nicht früher, sondern erst seit 1246 bzw. 1278 erwähnt, s. Goldschmidt, Handb. d. Handelsrechts 1 S. 193 ff.
Hansewappen

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Hanse Kogge

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