Hünengrab von Mestlin bei Dobbertin

Zur Altertumskunde im engeren Sinne - Vorchristliche Zeit - Steinzeit.
Autor: Lisch, Georg Christian Friedrich (1801 Strelitz - 1883 Schwerin) Prähistoriker, mecklenburgischer Altertumsforscher, Archivar, Konservator, Bibliothekar, Redakteur, Heraldiker und Publizist (Freimaurer), Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Hünengrab, Hünengräber, Heidnische Zeit, vorchristliche Zeit, Feuersteine, Gräber
In einem Gehölze zu Mestlin bei Dobbertin, das „Mühlenholz" genannt, finden sich viele alte heidnische Gräber, namentlich mehrere große Gräber, welche „mit mächtigen Granitblöcken bedeckt" sind. Von diesen musste in neueren Zeiten ein Grab zu baulichen Zwecken abgetragen werden. Dieses Grab war von großen Granitblöcken, welche dicht neben einander standen, aufgebaut und hatte eine längliche, abgerundete oder ovale Form, welche statt der viereckigen mitunter auch vorkommt. Das Innere des Grabes war in mehrere Abteilungen oder Zellen geteilt und wie gewöhnlich mit ausgeglühten, weißen Feuersteinstücken auf dem Boden gepflastert. Kohlenstücke und schwarz gefärbte Erde fanden sich reichlich. — Außerhalb dieses dicht geschlossenen Grabes stand mehrere Fuß davon entfernt ein ovaler Ring von ähnlichen Granitblöcken, welche jedoch nicht neben einander standen, sondern durch weite Zwischenräume von einander getrennt waren.

Die Leichen waren in dem Grabe unverbrannt beigesetzt. Die Arbeiter haben fast alle Gebeine vernichtet; es sind aber doch mehrere größere Stücke gerettet, nämlich mehrere große Schädelstücke und ein Beckenknochen. Hiernach waren in dem Grabe wenigstens zwei Leichen beigesetzt. Die Schädelknochen scheinen wieder sehr merkwürdig zu sein. Von der einen Leiche ist der größte Teil des Stirnbeins von hinten bis in die Stirnhöhlen erhalten; diese Stirn ist ungewöhnlich stach und hintenüber gedrängt und ähnelt den ältesten Schädeln, welche in Mecklenburg immer unter besonderen Umständen gefunden sind. Dieser Schädel ist ziemlich dick und wird einem altern Menschen angehören. Zu diesem Schädel wird das halbe Becken gehören. Von der andern Leiche ist ein Teil der Stirn mit der linken Augenhöhle erhalten. Diese Stirn ist sehr hoch und glatt und im senkrechten Stande sehr grade. Diese Stirn wird einem sehr jugendlichen Menschen angehören, da das Schädelstück sehr dünne ist. Hierzu wird ein Seitenbein von einem Schädel gehören, welches eben so dünne ist.

Auf dem Boden des Grabes, neben den Gebeinen, fanden sich folgende Altertümer:
ein großer, breiter, dünner Keil aus Feuerstein, 7 1/2" lang;
ein dünner Keil aus Feuerstein, 5" lang;
ein dünner Keil aus Feuerstein, 5" lang: alle drei mit gradem Bahnende;
ein kleiner, dicker Keil aus Hornblende (Diorit), 5" lang, mit abgerundetem Bahnende;
ein Schmalmeißel aus Feuerstein, 6" lang;
ein dicker Schmalmeißel aus Feuerstein, über 6" lang;
Scherben von einem braunen, ziemlich gradwandigen und dickwandigen Tongefäß, welches außen am Rande 2" breit mit drei Doppelreihen derber Spitzen oder Zickzacklinien in der eigentümlichen Weise der Steinperiode verziert ist;
Scherben von einem dunkelbraunen, dünnwandigen, kugeligen Tongefäß, welches am Bauchrande nach einigen Spuren mit ähnlichen, aber sehr feinen Linien verziert gewesen ist;
Scherben von einem hellbraunen, sehr dickwandigen, sehr weiten, schalenförmigen Tongefäß, welches in der gradwandigen Öffnung über einen Fuß im Durchmesser gehabt haben muss und nach der unten stehenden Abbildung am Rande auf der inneren Fläche mit drei Reihen derber, tiefer, großer Zickzacklinien verziert ist. Diese Verzierung der inneren Randstächen, welche nur bei großen, sehr weit geöffneten, schalenförmigen Gefäßen passend und von Wirkung sein kann, ist hier zum ersten Male in Mecklenburg beobachtet. Die Schale würde nach der Schwingung des Randes über 1 Fuß im Durchmesser der Öffnung gehabt haben. Die am Bruchrande innerhalb der Scherbe in der Abbildung rechts und unten sichtbaren kleinen quadratischen Körper sind kleine, derbe Feldspathstücke, mit denen der Ton im Inneren durchknetet ist, von getreuer Größe des Originals. Diese Schale hat sicher dazu gedient, um ein Mahl neben dem Toten beizusetzen, und dafür scheinen auch die in dem Grabe gefundenen Tierknochen zu zeigen.

Auch in diesem Grabe wiederholt sich die Erscheinung, dass die in großen, also wichtigen Steingräbern gefundenen Keile gewöhnlich breitschneidig, dünne und mit Sorgfalt gearbeitet, also wohl zum Einklemmen in einen gespaltenen Schaft, also zu Streitbeilen für Helden, benutzt worden sind, während die dicken Keile, von Hacken zur Feldarbeit, in sehr bedeutender Anzahl auf freiem Felde gefunden werden.
Keile aus Hornblende (Diorit) werden in viel geringerer Anzahl in Mecklenburg gefunden, und sind in Gräbern bisher sehr selten beobachtet worden.

Neben den Feuersteingeräten ward auf dem Boden des Grabes noch gefunden:
ein Backenzahn von einem „größeren Wiederkäuer", nach allen Hauptmerkmalen wohl von einem Elen, wenn auch die Spitzen überall etwas abgebrochen sind; einem Rinde oder Hirsche hat der Zahn nicht angehört; ferner:
ein kleiner Schweinshauer, in gerader Richtung nur gegen 3 1/2" lang und sehr dünnwandig.

Endlich ward noch ein Klumpen mürben Kalkes, gegen 2" dick, gefunden.

Alle diese Altertümer verdankt der Verein dem Herrn Klosterhauptmann Freiherrn von Maltzan zu Dobbertin.
            G. C. F. Lisch.
Lisch, Georg Christian Friedrich (1801-1883) mecklenburgischer, Archivar, Altertumsforscher, Bibliothekar, Redakteur, Publizist

Lisch, Georg Christian Friedrich (1801-1883) mecklenburgischer, Archivar, Altertumsforscher, Bibliothekar, Redakteur, Publizist

-Beigabe eines Hünengrabes in Mestlin

-Beigabe eines Hünengrabes in Mestlin