Herthaburg und Herthasee auf der Insel Rügen

Aus: Meine Reise durch Schlesien, Galicien, Podolien nach Odessa, der Krim, Konstantinopel und zurück über Moskau, Petersburg, durch Finnland und die Insel Rügen im Sommer 1832. Zweiter Teil. Leipzig, 1834.
Autor: Behr, August von (?-?), Erscheinungsjahr: 1834
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Insel Rügen, Reisebeschreibung, Aale, Neuendorf, Pommern, Arkona, Jasmund, Wiek, Greifswald, Putbus, Stubbenkammer
Die Herthaburg, ein ungeheuer hoher und dicker, ganz runder Erdwall, mit alten bemoosten Buchen umgeben und bedeckt; und vor ihm ein eben so runder, doch einen größeren Raum einnehmender ganz schwarz aussehender, mit Fichten und Buchen bekränzter See, lagen einsam und düster da.

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Wir umkreisten Erdwall und See, ohne eine menschliche Seele zu erblicken; ja, Alles war ausgestorben; wir hörten keinen Vogel singen, sahen kein Wild, kein Insekt; es war, wie Wieland im Wintermärchen so schön singt :

„Kein Fischchen regt den stillen Teich,
Der Hain ist einem Grabmal gleich,
Kein Vogel singt aus Zweig, noch Luft,
Kein Schmetterling saugt Lilienduft,
Kein Laubfrosch zwischen den Blumen hüpft,
Kein Eidech’s durch die Hecken schlüpft;
Was lebt, was Leben lügt sogar,
Verbannt aus diesem Haine (Garten) war.“

Es wurde uns ganz schaurig zu Mute; alle die alten Sagen von den blutigen, der Hertha geweihten Opferfesten: wie von Zeit zu Zeit das Bild der Göttin von reinen Jungfrauen im See gebadet und diese dann mittelst eigener Vorrichtung an den Badeschiffen im See ertränkt wurden, und nimmer wieder das rosige Tageslicht erblickten – kamen in unsere Erinnerung. Der See soll allerdings unergründlich tief sein und große Kriegsschiffe – sagt man – soll man darin versenken können, ohne dass die Masten hervorragen würden. Dieser runde Kessel zwischen hohen Waldbergen, von welchen herab alle Quellen und das geschmolzene Schneewasser in ihn fließen, ohne dass er selbst irgend einen bemerkbaren Abfluss hat, und der, in seiner versteckten beschatteten Lage, wohl auch nur wenig verdünstet, muss wohl ein sehr tiefes Wasserreservoir bilden und – wenn auch die Traditionen und Sagen über die dort stattgefundenen heidnischen Gebräuche und greulichen Opfer weniger bestimmt wären – so würde schon diese geheime schaurige Lage, und der, offenbar durch Kunst aufgetürmte hohe Erdwall mit uns bedeutendem Gemäuer, der sich zu Burgen und menschlichen Wohnungen etc. eben so wenig eignete, als sich Spuren davon vorfinden – die Überbleibsel des Götzendienstes verraten, der bekanntlich hier weit länger, als im übrigen Deutschland sich erhielt und erst im zwölften Jahrhundert von den Dänen ausgerottet wurde. Uns zog die Lokalität, die Vergleichung mit den Sagen sehr an, stieß uns aber auch Schauder erregend ab; wir folgten einem betretenen Fuß-Steg, der uns abwärts nach Westen führte. Unsere Gesellschaft konnte doch nicht verschwunden sein, wir sehnten uns eben so nach ihr als weg von diesem düstern schaurigen Ort, und erklommen endlich einen Baum – der mit Leitern und Stufen zu solchem Zweck bestimmt schien – um die Gegend zu überschauen, und die Sonne glänzend über Arkona in den Wellen versinken zu sehen. Das nordwestlich gelegene Arkona kann man, da es durch den Stubnitzwald versteckt ist, sonst von der Stubbenkammer aus nicht erblicken. Wir übersahen eine weite Gegend, genossen, das schöne Schauspiel des Sonnenuntergangs; aber von unseren Schönen sahen wir keine Spur. Mir wurde es unwahrscheinlich, sie auf diesem Wege zu finden, aber mein Herr Sohn demonstrierte, dass wir ihnen bald begegnen müssten, da dieser Weg wahrscheinlich zu dem sogenannten Pfennigkasten, einem großen Opferstein führte, von woher sie auf demselben Wege zurückkehren würden. Nach Allem, was man uns von diesem Pfennigkasten erzählt hatte, schien er uns übrigens eines weiten Ausflugs nicht wert. Als endlich die Dämmerung heranrückte und wir uns immer weiter von unserm Nachtquartier entfernten, bestand ich auf die Rückkehr und zum Glück; denn wir hätten uns noch artig verirren und die Nacht im Walde zubringen können, ohne unsere Schönen zu treffen, die - wie ich geahnt hatte, und wir hernach erfuhren – Töchter von Förstern und Predigern der Umgegend und mit ihren Begleitern auf diesem Wege nach ihren in der Nähe gelegenen oder ferneren Wohnplätzen zurückgekehrt waren. Wir hatten Vollmond, worauf ich schon früher – als vorzüglich geeignet für solche Gegenden – gerechnet und mich darauf gefreut hatte. Er übertrug die Dämmerung. Herthaburg und See, die wir wieder passieren mussten, sahen in seiner Beleuchtung noch um eins so düster und grass aus, aber doch schön. Wir eilten vorüber; mein phantastischer Gefährte pflückte aber noch beim Schimmer des Mondes einige Vergissmeinnicht am Ufer des Sees, und füllte seine Feldflasche mit dessen Wasser; denn es gilt als ein bewährtes Schönheitsmittel, und soll auch ersehnten Ehesegen kräftigst befördern. Es war ja der Hertha geweiht!

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