Grabow, Parchim, Ludwigslust, Wöbbelin, Schwerin, Crivitz

Aus: Das deutsche Vaterland in Reisebildern und Skizzen für das Jünglingsalter und die Gebildeteren aller Stände
Autor: Heinzelmann, Friedrich (?-?) Herausgeber und Reiseschriftsteller, Erscheinungsjahr: 1858
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Schwerin, Reisebeschreibung, Grabow, Parchim, Ludwigslust, Wöbbelin, Schwerin, Crivitz
Grabow (3.800 E.), die erste mecklenburgische Stadt, welche wir nach Überschreitung der Grenze berühren, gibt uns in seinem Getreidehandel und in seinen von Butter überfließenden Märkten sogleich eine Vorstellung von dem Reichtum des Landes. Die schiffbare Elde, nächst der Warnow der bedeutendste Fluss, bildet hier zwei Inseln, und an der Mündung in die Elbe liegt die kleine Festung Dömitz (2.400 E.), deren verfallene Zitadelle Sträflingen zum Wohnsitz dient.

Eine Meile nordöstlich von Grabow wird von Armen der Elde durchflossen Parchim (6.700 E.), sehr gewerbetätig und alt; einst die angesehenste der mecklenburgischen Landstädte, Geburtsort des in populär-philosophischen Darstellungen ausgezeichneten Schriftstellers Jacob Engel. Die Marien- und Georgenkirche haben Türme von 236 und 216 Fuß. Vor der gartenreichen Stadt liegt ein Stahlbrunnen in romantischer Umgebung. Eine Stunde nördlich von Grabow wird ebenfalls von der Elde umflossen das auenreiche Neustadt mit zwei herzoglichen Schlössern. In dem neuen ist eine Gemäldegalerie; in dem hohen Turm des alten saß Waldemar 1223 gefangen. In dem benachbarten Sommerstorf wurde Johann Heinrich von Voß geboren. —

Die nur eine Stunde von Grabow entfernte Sommer-Residenz der Großherzöge Ludwigslust (5.400 E.) hat schon von weitem ein gar stattliches Ansehen. Der von der Regnitz und Elde eingeschlossene Wald ist ringsum in Alleen gelichtet, und so kommt denn überall frisches Grün zum Vorschein zwischen den sauber gehaltenen weißen einstöckigen Häusern, die auf der Front durch Ketten tragende Pfähle befriedigt sind. Ein schöner Garten und Park, so groß, dass man das kräftigste Mecklenburger Gespann darin müde fahren kann, umbüscht mit domhohen Wipfeln das drei Stockwerk hohe, 250 Fuß lange Schloss (1779 vollendet). Auf dem Dache thronen Götterstatuen, und das Innere ist prächtig mit Gemälden, Kunst- und Naturalien-Sammlungen ausgestattet. Der goldene Saal geht durch zwei Stockwerke. Auf dem Schlossplatze rauscht und schäumt aus einer Höhe von 30 Fuß eine 300 Fuß lange Kaskade. Dem Schloss grade gegenüber liegt die evangelische Kirche. Durch die Haupttür tritt man zuvörderst in die das Gebäude beherrschende fürstliche Loge, wo Alles Gold und roter Sammet. Ein Sarg von grauem mecklenburgischen Marmor umschließt in der Mitte des Gotteshauses die sterblichen Reste des Großherzogs Friedrich. Die Kanzel steht vor dem Altar, und hinter demselben breitet sich auf Wachstaffet über die ganze Wand bis zur Decke ein Gemälde: die Hirten, denen Engel erscheinen, darüber der offene Himmel voll geflügelter Engel. Dieser Vorhang verdeckt einen großen Chor und die Orgel. Man rühmt die Wirkung, wenn die Klänge und der Gesang plötzlich so unsichtbar beginnen, wie aus höheren Sphären. In der russischen Kapelle betrachten wir das Grabmal der Erbgroßherzogin Helena, Großfürstin von Russland (†1803) und vertiefen uns dann in den Park, wo auf einem kleinen Eilande, wie auf einem grünen Teppich, das katholische Kirchlein steht, mit schlankem Glockenturm, aus rochen Glasursteinen aufgeführt. Eben so ansprechend, wie das liebliche Äußere, ist das Innere mit seiner Wölbung, den Gemälden auf Goldgrund, dem Altar, auf dessen Brüstung Vasen stehen mit frischem Asternflor. In der Kapelle rechts vom Eingang wird hinter Gittern ein Sarg sichtbar, in welchem der zur römischen Kirche bekehrte Herzog Adolph ruht, der Sohn des Erbauers, des Großherzogs Friedrich Franz. Hinter dem Chore entdecken wir im Rasen ein Kreuz von süßduftenden glühenden Monatsrosen, welches Epheu umschlingt: ein vielsagendes Sinnbild. Ringsum in schöner Gruppierung das Grün der Waldeinsamkeit: Bäume, Gebüsch, Auen, vom Wasser umschimmert, fern ab vom Getümmel der Welt.

Eine Meile nördlich von Ludwigslust ruht bei Wöbbelin an der Schweriner-Straße der Dichter der Kriegsgesänge Theodor Körner unter einer Eiche auf einem umgitterten Raum, den ein Denkmal ziert. Er fiel 1813 bei Gadebusch, vier Meilen westlich von Schwerin.

Bei Hagenow mündet die von Rostock und Wismar über Schwerin kommende Eisenbahn ein. Die Haupt- und Residenzstadt Schwerin (20.000 E., darunter über 3.000 Juden) wird schon im Jahre 1018 als Wendenburg erwähnt. Sie ist gut gebaut, hat mit ihren vielen villenähnlichen Altanhäusern voll Blumen ein heiteres lebenslustiges Ansehen und eine malerische Lage an dem drei Meilen langen und 3/4 Meilen breiten Spiegel des fischreichen Schweriner Sees. Bei unserer Ankunft sehen wir plötzlich seine blau wallenden Wogen, und aus großartigen Baummassen schießen stolze hochbetürmte Zinnen licht empor. Es ist das Schloss, auf einer Insel gelegen und jüngst prächtig erneuert. Ihm zur Seite steht der 1835 vollendete, dreistöckige Kollegienpalast, Sitz der Regierung, und das überaus hübsche Arsenal vom Jahre 1844. Die gewaltige gotische Domkirche 1222 bis 1248 erbaut und neuerlich restauriert, hat ein von Peter Vischer zu Nürnberg in Erz gegossenes Epitaphium der Herzogin Helena († 1524). Die Kapelle des Großherzogs Paul Friedrich († 1842) zeichnet sich besonders durch Glasmalereien aus. Derselbe Paul wird im alten Garten durch eine Erzstatue von Rauch verherrlicht. Das Gebäude des Antiquariums enthält die Sammlungen des Vereins für mecklenburgische Altertümer, die großherzogliche Gemäldegalerie meistenteils Werke der niederländischen und französischen Schule aus dem 17. Jahrhundert. Der Naturfreund wird angezogen durch den Schlossgarten und die waldbedeckte Insel Schelfwerder. Im Übrigen ist Alles schmuck, militärisch, blank und knapp. Hier Gruppen von Kavalieren, dort von stattlichen Kriegern. Selbst der gemeine Mann zeigt Anstand. Bei den Weibern aus dem Volke bemerkt man eigentümliche Bordenstrohhüte.

In dem zwei Meilen südöstlich von Schwerin entfernten und von Anhöhen umschlossenen Crivitz (2.400 E.) wird bedeutender Weinbau getrieben. Man zählt wohl 6.000 Stöcke, deren Gewächs in heißen Jahren gekeltert wird.

.

.

.