Geschichte der niederdeutschen Städte - 2. Hamburg

Aus: Das Bürgertum und Städtewesen der Deutschen im Mittelalter
Autor: Rauschnick, Gottfried Peter Dr. (1778-1835) Arzt und Schriftsteller, Reiseberichte und historische Abhandlungen, Erscheinungsjahr: 1829
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Hansestadt Rostock, Hansebund, Hansa, Hansetag, Mittelalter, Bürgerstand, Koggen, Handel, Städtewesen, Bürgerleben, Hamburg,
Karl der Große erbaute in Ditmarsen eine Feste und nannte sie Hammenburg. Diese Feste war die Grundlage der Stadt. Im Jahr 811 errichtete er in Hamburg ein Bistum und ernannte den Geistlichen Heridag zum Bischof. Als dieser aber schon im Jahre darauf starb, da blieb die, neue Kirche verwaiset, bis 831 Kaiser Ludwig der Fromme den heiligen Anscharius zum Erzbischof von Hamburg ernannte. Im Jahr 845 ward Hamburg von König Erich von Dänemark zerstört, später aber wieder von Anscharius hergestellt. Im Jahr 915 erlitt Hamburg abermals eine Zerstörung durch die Dänen, genoss aber dann unter dem Schutze der mächtigen Herzog von Sachsen aus dem Billungschen Stamme länger als 100 Jahre eine ungestörte Ruhe und gelangte während der Zeit zu einer großen Wohlhabenheit. Im Jahr 1012 ward Hamburg von den Slawen - Wenden überfallen und bis in den Grund zerstört. Darauf aber wetteiferten der reiche Erzbischof Unwann und der Kaiser Heinrich II. in der Wiederherstellung Hamburgs, die so vollständig bewirkt wurde, dass Hamburg für die schönste Stadt in ganz Sachsen galt. Zu der Zeit trug es viel zum Emporkommen Hamburgs bei, dass sowohl der Erzbischof als der Herzog von Sachsen diese Stadt zu ihrem Wohnsitz wählten. Der unglückliche Zwist des Erzbischofs Adalbert mit den Herzogen von Sachsen schwächte und verwirrte das Land, daher fand der Wendenfürst Kruko, als er im Jahr 1072 in Nordalbingen einfiel, keinen Widerstand und eroberte und zerstörte Hamburg. Von da ab blieb Hamburg über 30 Jahre in den Händen der Slawen-Wenden.

Graf Adolph II. von Schaumburg, der als Adolph I. Stammvater der Grafen von Holstein wurde, entriss als Statthalter von Nordalbingen den Slawen - Wenden Hamburg und stellte es wieder her. Die Stadt wurde nun im Kurzen sehr blühend. Im Jahr 1152 wurde schon darin die Gilde der Gewandschneider bestätigt, 1164 ward den Hamburgern die Erlaubnis zur Niederreißung der neuen Burg erteilt, an deren Stelle sogleich Wohnhäuser und Warenlager erbaut wurden, und 1189 erlangte sie von dem Kaiser Friedrich I. einen wichtigen Freibrief, der als die Grundlage ihrer Freiheit und ihres Wohlstandes angesehen werden kann.

Die Grafen von Holstein behaupteten zwar die Oberherrlichkeit über Hamburg, doch waren die Rechte der Stadt durch viele Privilegien so gut gesichert, dass die Grafen mehr für Bundesgenossen als für Schutzherren anzusehen waren. Als König Waldemar von Dänemark im Jahr 1201 Nordalbingen eroberte, fiel ihm auch Hamburg in die Hände. Im Jahr 1216 wurde ihm zwar die Stadt von Kaiser Otto IV. entrissen, im folgenden Jahre aber eroberte sie Waldemar zurück und verkaufte sie 1218 an den Grafen Albrecht von Orlamünde, der die Stadt im Besitz aller Rechte ließ, die sie von Kaiser Friedrich I. und dem Grafen Adolph III. erhalten hatte und ihr sogar für 700 Mark Silber seine grundherrlichen Rechte abtrat. Graf Albrecht geriet bei einem Unglücklichen Feldzuge in die Gefangenschaft des Grafen von Schwerin und nun gelangte Adolph IV. von Holstein wieder zum Besitz von Nordalbingen und des Hoheitsrechtes über Hamburg, deren Loskauf er nicht gelten ließ. Hamburg unterstützte diesen Grafen mit großen Geldsummen, wofür er aber der Stadt wichtige Vorrechte erteilte, so dass sie im Wesentlichen in ihrer inneren Regierung und in Betreff der Rechtspflege beinahe unabhängig war.

Die vorteilhafte Lage Hamburgs begünstigte den Handel dieser Stadt, der schon zu Anfange des 13. Jahrhunderts von einer sehr großen Bedeutung war. Ihre Bevölkerung und ihr Wohlstand waren zu der Zeit im ununterbrochenen Steigen, wie schon aus der mehrmaligen Erweiterung der Stadt und der Vermehrung der Kirchspiele erhellet. Die blühendsten Gewerbe waren das der Fischer, der Bierbrauer und der Gewandbereiter. Das Vier und die Tuche wurden in großer Menge ins Ausland versendet. Zur Sicherheit des Handels schloss Hamburg 1204 mit den Ditmarsen, 1210 mit den Lübeckern, 1238 mit Wursten, 1239 mit den Hadelern und Friesen und 1241 abermals mit den Lübeckern Verträge und Schutzbündnisse und nach der Stiftung der Hanse gehörte sie zu den wichtigsten Gliedern dieses Bundes.

Bei Hamburg zeigt sich der in den Städtegeschichten selten vorkommende Fall, dass die Bürgerschaft mit ihren Grundherren stets in einem friedlichen, ja freundschaftlichen Verhältnisse lebte, wodurch beide Teile vorteilten. Mehr als einmal fanden die Grafen von Holstein, hart von ihren Feinden bedrängt, Schutz hinter Hamburgs Mauern, und die Bürgerschaft kämpfte wacker zu ihrer Verteidigung. Bedurften sie Geld zur Kriegsrüstung, so versagten ihnen die Hamburger ein Darlehen nie, selbst bei der Vermählung der gräflichen Töchter sorgten die Hamburger für die Aussteuer und begabten die Bräute mit köstlichen Geschenken. Dagegen erließen die Grafen den Hamburgern eine Abgabe nach der anderen, vermehrten ihre Privilegien und verwendeten sich sogar bei fremden Fürsten, um ihnen Handelsbegünstigungen auszuwirken. Das wichtigste von allen Privilegien erteilten die Grafen von Holstein der Stadt 1292. Es wird als die Grundlage der Freiheit Hamburgs angesehen und enthält außen Bestätigung aller früher erteilten Privilegien und Gerechtsame auch das Recht des Rats, nach Gutdünken neue Gesetze zu geben.

In Hinsicht seiner Rechtspflege muss Hamburg bereits sehr früh einen hohen Grad von Unabhängigkeit besessen haben, denn das alte Stadtbuch wurde schon 1270 von Neuem durchgesehen und vervollständigt.

Der Hamburger Rat hat sich während des ganzen 13. Jahrhunderts durch eine sehr weise Regierung ausgezeichnet und war stets darauf bedacht, die Gemeinde einig und bei Kraft zu erhalten. Deshalb wurden im Jahr 1292 die Altstadt und die Neustadt, die bis dahin besondere Privilegien, Kassen und Rathäuser gehabt hatten, vereinigt. Damals wurde auch ausgemacht, dass bei Besetzung der obrigkeitlichen Ämter weder auf Abkunft noch Verwandtschaft, sondern allein auf Tauglichkeit Rücksicht zu nehmen sei. Dann wurde noch festgesetzt, dass kein Ritter oder rittermäßige Person in der Stadt oder deren Weichbilde wohnen, noch daselbst unbewegliche Güter an sich bringen sollte.

Nicht sowohl aus Habsucht, als zur Sicherung ihrer Ruhe, trachtete Hamburg nach Erweiterung ihres Grundgebiets. Schon um die Mitte des 13. Jahrhunderts hatte sich die Stadt der Insel Neuwerk bemächtigt und daselbst einen Leuchtturm errichtet; später kaufte sie auch das Schloss und das Grundgebiet von Ritzebüttel. Diese Erwerbungen und noch andere, die sie auf friedliche Weise machte, waren ihr besonders zu Aufrechterhaltung ihres Stapelrechts notwendig.

Mit der Geistlichkeit hat die Stadt sehr lange und ernsthafte Zwistigkeiten gehabt, die zwar 1337 beigelegt wurden, doch gleich darauf wieder begannen, und der Stadt im Jahr 1338 den Kirchenbann zuzogen, der erst 1356 gelöst ward. Durch die Standhaftigkeit, womit der Rat, unbekümmert um den ungerechten Bann, auf seinem Rechte beharrte, ist die Stadt von vielen Anmaßungen der Geistlichkeit frei geblieben. Da der erzbischöfliche Sitz bereits 1223 von Hamburg nach Bremen verlegt worden war, so hatte die Stadt nicht eigentlich mit dem Erzbischof selbst, sondern nur mit dem noch in Hamburg bestehen gebliebenen Kapitel Streit.

Bis in die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts bestand eine vollkommene Einigkeit zwischen dem Rat und der Bürgerschaft zu Hamburg, wovon wohl mit ein Hauptgrund war, dass hier nicht wie in anderen Städten das Vorrecht der Geburt, sondern allein Tüchtigkeit zu obrigkeitlichen Ämtern verhalf. Dennoch konnte es nicht fehlen, dass nicht Reichtum, Stand und Familienverbindungen einigen Einfluss auf die Ratsherrenwahlen ausgeübt hätten und da gebrach es auch an Missvergnügen und Beschwerden nicht; doch selbst die Art dieser Beschwerden zeugt vorteilhaft für die Regierung des Rats.

Im Jahr 1376 verschworen sich einige Gewerke, um den Rat zu zwingen, dass er den Schoß zur Hälfte herab setzen und einige andere Beschwerden erledigen sollte. Diese Verschwörung wurde aber noch vor dem Ausbruch entdeckt und mit Hilfe einiger dem Rat treu gebliebenen Gewerke, besonders der Kaufleute, unterdrückt. Der Rat bewies bei Dämpfung dieser Unruhe durch seine weise Mäßigung, dass er sich wegen seiner Verwaltung vorwurfsfrei wisse, darum gelang es ihm auch ohne große Mühe, die Gemüter zu beruhigen. Die wegen der häufigen Kriege der Hanse nötig gewordenen großen Abgaben veranlassten im Jahr 1403 neues Missvergnügen, welches dadurch, dass der Rat den Bürgern allen Verkehr mit den Ditmarsen verbot, beträchtlich vergrößert wurde. Die Gemeinde zeigte bei mehreren Gelegenheiten ein Streben, die Gewalt des Rats einzuschränken, darum bewilligte derselbe das einstimmig verlangte Gesetz, dass kein Bürger ohne rechtliches Erkenntnis verhaftet werden könne, im Jahr 1404. Dieses heilsame Gesetz hat unstreitig dazu beigetragen, Hamburgs Wohlfahrt auf die Dauer zu begründen; auch wurde es die Veranlassung zu einer durchgreifenden Verbesserung der Verfassung dieser Stadt.

Auf die Klage des Herzogs von SachsenLauenburg, dass er von dem Bürger Heine Brand persönlich beleidigt sei, ließ im Jahr 1410 der Rat den Brand verhaften. Die Bürgerschaft versammelte sich, erklärte das vor sechs Jahren gegebene Gesetz gebrochen, drang auch auf die Befreiung des Brand, und wählte 60 Männer aus ihrer Mitte, die als Stellvertreter der Gemeinde die Wünsche und Klagen der Bürger zur Sprache brachten und eine Reihe von Gesetzen veranlassten, die zusammen den sogenannten ersten Rezess bilden, durch welchen die Verfassung eine wesentliche Veränderung erhielt und die Gewalt des Rats beschränkt wurde, doch ohne dass die Bürgerschaft eine verwirrende Einmischung in die Verwaltung begehrt oder erhalten hätte. Dass diese Umwälzung ohne alle Blutvergießen und Ausschweifungen vor sich ging, gibt ein unzweideutiges Zeugnis von dem ehrenwerten Charakter der Hamburger, der sich bei dieser Begebenheit in einem vorteilhaften Lichte zeigt.

Bevor noch diese Veränderung im Inneren Hamburgs vor sich ging und auch lange nachher hatte diese Stadt viele wichtige Kriege zu führen, die beinah alle mit Glück und Gewinn beendigt wurden. Gegen die seeräuberischen Vitalienbrüder kriegten zuerst Lübeck und Hamburg gemeinschaftlich und eroberten einen großen Teil von Ostfriesland, woselbst die Vitaliner gehegt worden waren; dann sandte Hamburg allein im Jahr 1402 gegen die gefürchteten Hauptleute der Vitaliner, Klaus Störtebecker, Gödeke, Michel und Wiegbold, eine Flotte aus, nahm sie und 80 ihrer Genossen gefangen, ließ ihnen die Köpfe abschlagen und sie zur Warnung an der Küste aufpflanzen. Das eroberte Ostfriesland trat Hamburg erst im Jahr 1493 an den Dynasten Ulrich Birksena ab. In einer Streitigkeit mit den Holländern nahmen die Hamburger 52 beladene holländische Schiffe in Beschlag und zwangen dadurch die Holländer, ihnen Recht widerfahren zu lassen. Im Jahr 1420 eroberten die Hamburger mit den Lübeckern gemeinschaftlich Bergedorf mit den dazu gehörigen bedeutenden Ländereien und teilten sich in dieses ansehnliche Besitztum.

Nachdem im Jahr 1459 die Schleswig-Schaumburgsche Fürstenlinie ausgestorben war, forderte König Christian von Dänemark als deren Erbe von Hamburg die Huldigung. Der Rat verweigerte sie ihm, wusste sich aber dabei so klug zu benehmen, dass der König den Hamburgern sehr ausgedehnte Handelsvorrechte in seinen Staaten zugestand. Hamburg schloss sich nun an das deutsche Reich an, wurde für eine freie Reichsstadt anerkannt und als solche im Jahr 1460 zum ersten mal zum Reichstage einberufen.

Hamburg erhielt bei stets wachsendem Wohlstande den inneren Frieden während des größten Teiles des 15. Jahrhunderts, denn einige Misshelligkeiten wurden im Jahr 1458 durch einen zweiten Rezess schnell beseitiget. Im Jahr 1481 aber wiegelten die Geistlichen in Hamburg wegen der Visitation eines Klosters zu Hervestehude den Pöbel gegen den Rat auf und einige böswillige Bürger unterhielten die Währung, die endlich doch durch die Vermittlung des Bürgermeister Langenbeck und des Ratsherren Mieger beigelegt wurde. Im Jahr 1483 zettelten aber einige Meuterer eine Verschwörung an und wollten während eines Tanzes am Johannisabend den Rat und die angesehensten Bürger ermorden. Gute Vorkehrungen des Rats vereitelten den Plan der Verschwörer, die, durch Milde kühn gemacht, am 18. Juli einen zweiten Versuch wagten, den Rat zu stürzen. Alle rechtliche Bürger sammelten sich um den Rat, die Aufrührer wurden gefangen genommen und hingerichtet. Durch eine zeitgemäße Verbesserung des Stadtbuchs im Jahr 1497 wurde die Ruhe Hamburgs befestigt und diese Stadt war am Ende des Mittelalters blühend, wohlverwaltet und eine Zierde des deutschen Bürgertums.

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Hamburg 001 Blick auf die Binnen- und Außen-Alster

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Hamburg 002 Südwestlicher Stadtteil mit dem Blick auf die Unterelbe

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Hamburg 003 Rathaus und Alsterarkaden

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Hamburg 004 Kontorhäuser in der Mönckebergstraße

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Hamburg 005 Nikolai-Flet mit Gemüseevern

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Hamburg 006 Flet in der Altstadt

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Hamburg 007 Johannisbollwerk am Niederhafen mit Hochbahn

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Hamburg 008 Elbhöhe mit Bismarck-Denkmal

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Hamburg 010 Elbe im Hafen

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Hamburg 011 Segelschiffhafen

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Hamburg 014 Freihafen-Lagerhäuser

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Hamburg 016 Australiakai am Indiahafen mit Doppelkränen

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Hamburg 017 Kohlenkipper am Kirchenpauer-Kai

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Hamburg 018 Getreideheber im Kuhwärderhafen

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Hamburg 019 Umschlag im Strom

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Hamburg 020 Eisenbahn-Elbbrücke

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Hamburg 021 Börse

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Hamburg 024 Gelehrtenschule des Johanneums

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Hamburg Uhlmann & Co

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