Geschichte der Stadt Greifswald - Erster Anhang. - Zur Geschichte des Gymnasiums zu Greifswald.

Aus der Landesgeschichte Mecklenburg-Vorpommerns
Autor: Hahn, J. C. (? - ?) Gymnasiallehrer, Erscheinungsjahr: 1860
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Pommern, Sitten und Gebräuche,
Im Anfange des Jahres 1557 wurde von dem im zwölften Kapitel erwähnten hochverdienten Generalsuperintendenten Runge eine Kirchenvisitation vorgenommen, in Folge deren auch das Schulwesen unserer Stadt neu organisiert wurde. Nach dem Rezess von 1558 wurden die drei bisherigen Schulen an den Kirchen in eine allgemeine Rats- und Stadtschule vereinigt, die im grauen Kloster ihren Sitz erhielt. Daran wurden angestellt: ein Rektor mit einer jährlichen Besoldung von 180 Mrk.; ein Subrektor, der oft auch Konrektor genannt wird, mit einem Salär von 100 Mrk.; ein Kantor mit 90 Mrk.; ein Hypodidascalus mit einem Einkommen von 60 Mrk. Zu diesen Gehalten sollten die Kirchen jährlich 308 1/2 Mrk. beitragen und die übrigen 121 1/2 Mrk. sollten aus den Barkow'schen und Bukow'schen Stiftungen entnommen werden. Auch sollten die drei Küster an den Hauptkirchen an der neuen Schule Unterricht erteilen.

So war denn zwar eine Verordnung über die Errichtung der Schule gegeben, und dieselbe mag auch sehr bald in Ausführung gebracht sein, aber die schweren Kriegszeiten des folgenden Jahrhunderts übten auch auf die Schule einen verderblichen Einfluss, so dass von den Rektoren über ihren Verfall die bittersten Klagen erhoben wurden.

Als erster Rektor wird M. Pauter oder Beuter genannt, von dem man nicht weiß, ob er mit dem gleichnamigen Professor der Geschichte und Poetik eine und dieselbe Person ist. Das älteste Schulreglement ist von 1622.

Vom Jahre 1664 bis 1691 fungierte M. Jacob Prillevitz als Rektor, welcher uns in einer Eingabe an den Rat ein klägliches Bild des damaligen Zustandes der Stadtschule entwirft, aus welcher wir Einiges wörtlich hersetzen wollen, weil es uns eine lebhafte Anschauung der damaligen sittlichen Zustände gewährt. Nach der Einleitung beginnt er:

„Der erste Mangel findet sich jetzt alß fort bey den Cantoris seinen Amtsverrichtungen; denn bei dieser Schule sind keine musikalischen Sachen, welche nach Beschaffenheit dieser Zeiten könnten gebraucht werden. Was in meinen einundzwanzigjährigen Amtsverrichtungen in Kirchen und Schulen Ich habe nützlich müssen gebrauchen, ist von mir gekaufet und zusammen geschrieben worden. Mit waß Abgang meiner Haushaltung und großer beschwerlicher Mühe bey meiner täglichen Schularbeit, welche nicht hat können und sollen versäumt werden, ist ohne mein billiges Klagen nicht zu verstehen. Der andere Mangel ist die erledigte Stelle des scribae. Weil dieses Ampt solange vacant geblieben, hat viele Versäumnis und Unordnung müssen fürfallen. Man hat an dessen Etat einen Knaben setzen müssen. Auch hat dieser Mangel zu Kliph- und Winkelschulen Ursach gegeben. Der dritte Mangel ist, Gott sei es geklagt, so groß, dass er auch den geringsten für Augen steht und ein jeglicher klaget über das große Abnehmen der Schulen . . . denn nicht so viele Knaben sind vorhanden, mit welchen das Singen kann bestellet werden. Und sind dennoch Knaben genug in unserm Greifswald, welches der Augenschein bezeuget, sonderlich des Sonntags unter den Predigten, da so viele junge Knaben. Ich sage nicht von den Lehrjungen der Handwerker, welche sich dennoch dabei befinden, unten im Chor, auf dem Kirchhof sich finden und also verhalten, dass alle Gottesfurcht, Zucht und Ehrbarkeit wird hintan gesetzt, dagegen Gotteslästerungen und alle Leichtfertigkeit ohne Scheu wird gehöret und gesehen, dass ein Christlich Herze darüber muss seufzen und Gott zu seiner Zeit gewisslich wird straffen, dass der Sonntag muss sein ein Sündentag."

Ähnliche Klagen wiederholen sämtliche Lehrer im Jahr 1685 und führen an, dass diejenigen Schüler, welche wegen ihres Ungehorsams gestraft oder nur gescholten würden, bald sauer sehen und entweichen; dass die Faulheit Überhand nehme, denn wenn die Faulenzer Strafe haben sollten, so werde das von den Eltern übel empfunden, welche das gar artig zu entschuldigen wissen. Lasse man solche Entschuldigung nicht gelten, so nehmen sie die Schüler aus der Schule fort. So wären dann anjetzt in der Stadtschule nur 40 Kinder.

Der hochverdiente M. Westphal, von 1697 — 1712 Rektor, klagt 1708: Es werde sonderlich zu erinnern sein: erstens, dass das Schulgebäude in einem höchst miserablen Zustande und von dem gänzlichen Untergange zu befreien sei; zweitens, dass die Klassen separiert werden müssten, und drittens, dass Holz zum Winter angeschafft würde, das von dem geringen Holzgelde nicht angekauft werden könnte. Viertens müssten die Klippschulen eingestellt werden, wofür eine deutsche Klasse zu errichten sei, dessen Lehrer auch in der Jacobi-Kirche singen könne, zur Erleichterung des Konrektors, der diese Belästigung bisher habe ertragen müssen. Fünftens möchte den Schulkollegen, wie an andern Orten, beständige Wohnungen angewiesen werden.

Erst 1726 nach Beendigung des nordischen Krieges, konnte etwas Wesentliches für die Schulen geschehen. Aus diesem Jahre ist die neue Schulordnung, welche Breithaupt, gesegneten Andenkens, ein Werk richtiger Einsicht und vortrefflichen Sinnes nennt. Im Kirchendienst ist nach den Forderungen der damaligen Zeit noch viel Zeit eingeräumt, aber Religiosität und Sittlichkeit soll der Schüler nicht mehr allein durch das Lesen der Bibel ohne alle Auswahl und aus dem Katechismus, sondern durch engen Anschluss an die Lehrer erwerben.

In den Lektionen vermissen wir Vieles, was man jetzt für ganz unerlässlich hält, aber es ist überall der Grundsatz festgehalten, dass die Schule eine Bürgerschule sei, welche den Bedürfnissen des Bürgerstandes als der überwiegenden Mehrheit, nicht aber vorzugsweise den Anforderungen derer zu entsprechen habe, welche sich den Wissenschaften widmen wollten. So war Latein und Griechisch und was sonst zur gelehrten Bildung gehört, in die Privatstunden verwiesen, welche vornämlich der Rektor und Konrektor gaben, jedoch mussten anfangs noch alle Schüler dieselben mitnehmen. Als der Rektor aber nur erst einen Schüler dispensiert hatte, so meldeten sich bald mehrere, und wollte er seine Schule, deren Frequenz noch immer geringe war, nicht ganz entvölkert sehen, so musste er darin nachgeben. Seitdem gab es sogenannte Deutsche unter den Schülern der unteren Klassen, welche von den gelehrten Sprachen dispensiert waren, eine Einrichtung, welche bis auf die Schulrevision durch den Schulrat Koch vor 26 Jahren bestanden hat. Das Französische fand erst nach der französischen Revolution als öffentliche Lektion einen Platz.

So ging es fort bis in die 80ger und 90ger Jahre des vorigen Jahrhunderts, wo für das Schulwesen überhaupt durch den Philanthropismus in Deutschland von Basedow, Campe u. A. eine neue Zeit eintrat. Man verließ den Boden des Glaubens und Gemüts und strebte nur nach dem, was handgreiflich und begreiflich ist, dem Spruche folgend: Non schola sed vitae discendum est, (man soll nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen); aber man ging darin wieder zu weit und beraubte der Schul- und Kinderzucht ihres sittlichen Ernstes und verflachte die Wissenschaft.

Zu dieser Zeit war Warnekros Rektor. In seinen Reformen erkennt man den Reformationsgeist der Zeitperiode Joseps II. und in seinen Erklärungen überall den Widerhall der allgemeinen deutschen Bibliothek und des Campschen Revisionswerkes. Indessen kann doch nicht übersehen werden, dass die neue Verfassung viel Gutes hatte, und dass der Gang, de n die Schule einnahm, ein wirkliches Fortschreiten war.

Der sich im nordamerikanischen Kriege hebende Wohlstand unserer Stadt machte es möglich, dass das jetzige Schulgebäude auf dem Platze errichtet werden konnte, wo die Kirche des grauen Klosters stand. Es wurde in den 90ger Jahren von Gottfried Quistorp erbaut, hatte aber in seinem mittleren, für die Klassen bestimmten Teile nur einen Stock; der zweite ist erst im vorigen Jahrzehnt errichtet worden. Das Wachstum der Stadt springt an demselben recht deutlich in die Augen. Die Schülerzahl war bis dahin fast immer unter hundert gewesen, deshalb glaubte Quistorp ganz vortrefflich für die Nachkommenschaft gesorgt zu haben, wenn er ein Gebäude errichtete, das 200 Schüler fassen konnte, und nun ist, trotz des neuen Ausbaues, dasselbe doch nicht mehr im Stande, die über 300 hinausgehende Schülerzahl zu fassen.

Zu den verdienstvollsten Männern, die an unserer Schule gewirkt haben, gehört der Rektor Andreas Nitze von 1808 bis 1810, und der Konrektor Gottlieb Christian Mohnike, von 1810 bis 1814, Männer, die nicht bloß durch gründliche Gelehrsamkeit die wissenschaftliche Bildung ihrer Schüler auf einen hohen Grad brachten, sondern auch durch ihr väterliches Verhalten die Liebe und das vollste Vertrauen derselben erwarben, Nitze war vorher längere Zeit Rektor in Wolgast, wo sein Name neben dem von Kosegarten noch den vollsten Klang hat. Ihre Tür und ihr Herz stand jederzeit ihren Schülern offen, und die wenigen noch jetzt lebenden erinnern sich mit Vergnügen der Spaziergänge mit ihnen im Sommer und der Abendunterhaltungen im Winter, welche nicht weniger bildend waren als die Lektionen selbst. In ihre Fußtapfen traten als Rektoren Christian Wilhelm Ahlwardt, von 1811 bis 1817, und Christian David Breithaupt. 1819 bis 1834. Von noch Neuerem zu sprechen stehen wir billig ab; doch zeugt die stets wachsende Frequenz der Anstalt, ungeachtet in den Nachbarstädten, wie in Anklam, hochwichtige Konkurrenten entstanden sind, welche viele Schüler vom Lande an sich ziehen, dass dieselbe ihre Aufgabe noch im vollen Maße zu erfüllen vermag.

Die Frequenz des Gymnasiums ist gegenwärtig folgende: In den Gymnasialklassen befinden sich in Prima 22, in Secunda 31, in Tertia 37, in Quarta 31, in Quinta 56, in Sexta 69. — In den Realklassen befinden sich in Prima 10, in Secunda 15, in Tertia 15, in Quarta 19, mithin zusammen 305 Schüler.
Greifswald Stadtansicht

Greifswald Stadtansicht

Greifswald, Giebelhaus Markt 13, 1920

Greifswald, Giebelhaus Markt 13, 1920

Greifswald, Nikolaikirche von Südwesten

Greifswald, Nikolaikirche von Südwesten

Greifswald, Universität, Hauptgebäude 1920

Greifswald, Universität, Hauptgebäude 1920