Geschichte der Stadt Greifswald - 23. Der Krieg von 1812 und die letzten Zeiten der schwedischen Herrschaft.

Aus der Landesgeschichte Mecklenburg-Vorpommerns
Autor: Hahn, J. C. (? - ?) Gymnasiallehrer, Erscheinungsjahr: 1860
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Pommern, Sitten und Gebräuche,
Ungeachtet der Marschall Bernadotte unter dem Namen Karl Johann von dem kinderlosen Könige zu seinem Thronfolger ernannt war, so löste sich die Freundschaft zwischen Schweden und Frankreich bald wieder auf, und am 24. Januar 1812 rückten ganz unerwartet französische Truppen unter dem General Friant in Schwedisch-Pommern wieder ein. Sie erklärten sich zwar nicht für Feinde, entwaffneten aber überall das schwedische Militär und bemächtigten sich auch vier schwedischer Kriegsschiffe, welche zu Wolgast Holz für die Flotte eingenommen hatten und dort eingefroren waren. Die Gefangenen wurden nach Frankreich abgeführt und lobten sehr die Behandlung, die ihnen dort zu Teil geworden war. Zur Durchführung der Kontinentalsperre wurden den Schiffen die Masten ausgenommen, die ganze Küste wurde stark besetzt, und selbst das Auslaufen kleiner Fahrzeuge strenge untersagt. Die Duanen suchten nicht bloß bei den Kaufleuten, sondern bei Jedermann nach englischen Waren und nahmen sie, wo sie sie fanden, in Beschlag, um sie zu vernichten. Wie ernstlich es damit gemeint war, mag folgende Anekdote zeigen.

In Wolgast wurde in dem Homeyerschen Hause, in welchem der Kommandant einquartiert war, ein großer Zuckervorrat entdeckt und mit großer Ostentation nach der Fährbrücke gefahren, um in die Peene geworfen zu werden. In der Dunkelheit der Nacht wurde dieser Zucker aber ganz geräuschlos auf die Böden meines elterlichen Hauses gebracht, und die Seeleute fischten am andern Morgen vergeblich, um diese damals sehr kostbare Ware wieder aus dem Wasser heraus zu holen.

Als Napoleon seine Heere gegen Russland in Bewegung setzte, bestimmte er drei große Heerstraßen für dieselben, von welchen die eine durch Mecklenburg und Pommern ging. Seit dem Frühjahr 1812 folgten daher einander unaufhörlich Truppenzüge, und Greifswald, so wie auch Wolgast, war außerordentlich von Einquartierungen heimgesucht, welche das Wenige wieder verschlangen, was die paar Friedensjahre dem tätigen Bürger und Landmann eingebracht hatten.
Die Franzosen waren nun wieder Herren im Lande und zwangen die Städte, am 15. August Napoleons Geburtstag und am 4. Oktober die Einnahme von Moskau durch Illumination und Festlichkeiten feierlich zu begehen.

Die großen Verluste der französischen Hauptarmee in Russland machten es notwendig, die einzelnen Reservecorps immer näher an die russische Grenze zu ziehen, wodurch die Last sehr vermindert wurde, die das ganze Jahr hindurch unser Pommernland gedrückt hatte. Allmählich verbreitete sich selbst das Gerücht von Napoleons gewaltiger Niederlage und Flucht, und sie wurde um so mehr geglaubt, als auch bei uns frühzeitig eine heftige Kälte eingetreten war. Nun drangen auch russische Broschüren und Proklamationen bei uns ein und wurden ganz heimlich bei verschlossenen Türen gelesen. Dieselben riefen eine große Bewegung und eine freudigere Stimmung in den Gemütern hervor, und man hoffte, dass der nahende Frühling Befreiung von dem unerträglich gewordenen französischen Joche bringen würde.

Am 9. März 1813 verließ der französische Gouverneur Morard mit all den Seinigen diese Provinz, und in demselben Monate landete der schwedische Kronprinz mit 24.000 Schweden und wurde mit unbeschreiblichem Jubel empfangen, die Schiffe setzten mit großer Geschwindigkeit ihre Masten wieder ein, und Greifswalds große Handlungshäuser, die beiden Vahl und Weißenborn, erstanden nach einer unfreiwilligen Muße zu neuer gewinnreicher Tätigkeit.

Auch unser Greifswald sandte seine streitbare Jugend in den Freiheitskampf, und wer, wie der noch lebende Hauptmann Rietow, auf einer auswärtigen oder auf unserer Universität studierte, der verließ die Hörsäle und trat in die Reihen der Freiheitskrieger. Die meisten Pommern schlossen sich dem freiwilligen reitenden Jägercorps an, in welchem unser Organist Peters Trompeter war.

Die Greifswalder nahmen an allen traurigen und freudigen Ereignissen des Freiheitskrieges den lebhaftesten Anteil und jubelten mit ganz Deutschland über den Einzug der Verbündeten in Paris am 31. März 1814. Sehr beunruhigt fühlten sie sich aber, als während des Kongresses zu Wien das Gerücht verbreitet wurde, Pommern solle für Norwegen an die Krone von Dänemark fallen, denn sie hatten sich unter der milden schwedischen Regierung sehr wohl befunden. Der Dichter Kosegarten sagt darüber mit Recht:

      Unter den drei Kronen
      Lässt sich’s vortrefflich wohnen.


Im Jahre 1815 wurde es zur Gewissheit, dass diese Abtretung an Dänemark wirklich erfolgt sei, dass diese Krone die Provinz aber gegen Lauenburg und eine Geldzahlung an Preußen überlassen habe. Am 4. Juni wurde der Ländertausch amtlich bekannt gemacht, und Neuvorpommern trat in die Verbindung mit den übrigen pommerschen Landen als ein eigener Regierungsbezirk zurück.

Mit diesem Ereignisse müssen wir die zusammenhängende Geschichte unserer Stadt schließen. Wir wollen nur noch Einiges über deren Wachstum in diesem Jahrhunderte beibringen, und dann in den Anhängen einzelne interessante Gegenstände weiter ausführen.

Zu Anfang dieses Jahrhunderts wird die Einwohnerzahl unserer Stadt wohl etwas zu klein auf 5.000 Seelen angegeben, denn nach amtlichen Nachrichten in dem Staats-Kalender belief sie sich 1808 auf 6.388. Dies gibt im Durchschnitt eine jährliche Vermehrung von 173 Seelen, die erst dreißig Jahre später, 1837, eintrat, während sie sich bis dahin durchschnittlich auf 150 belaufen hatte In dem genannten Jahre hatte Greifswald 10.291 Einwohner, 1846 war die Zahl auf 12.241 gestiegen, und jetzt beträgt sie nach der letzten Zählung von 1858 14.154 Seelen. Die stärkste Zunahme von 224 im jährlichen Durchschnitt fällt in die nächst vorhergehende dreijährige Zählungsperiode, was wohl den damaligen großen Bauten des Gefängnisses, der Anatomie und des großen Krankenhauses zuzuschreiben ist. Auch hat der damals blühende Zustand unserer Fabriken, darunter der Eisenhammer, der einen lebhaften Seeverkehr erzeugte, und der sehr starke Schiffsbau wohl einen bedeutenden Einfluss darauf gehabt. Die Aussicht auf den baldigen Bau der Eisenbahn sowie der Neubau und die Erweiterung des Hafens zu Wyck erweckte lebhafte Hoffnungen zur Vermehrung des beträchtlich gesunkenen Handels und Verkehrs in unserer Stadt.
Karl XIV. Johann (1763-1844) König von Schweden (2)

Karl XIV. Johann (1763-1844) König von Schweden (2)

Karl XIV. Johann (1763-1844) König von Schweden

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Die Große Armee auf dem Rückzug.

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Kosaken überfallen einen Verwundetentransport.

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Schlacht an der Moskwa bei Borodino am 7. September 1812.

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Blücher, Gemälde von Gebauer (Hohenzollernmuseum)

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Die Trümmer der französischen Armee bei ihrer Rückkehr ins Vaterland. 4

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Die Trümmer der französischen Armee bei ihrer Rückkehr ins Vaterland. 2

Die Trümmer der französischen Armee bei ihrer Rückkehr ins Vaterland. 2

Die Trümmer der französischen Armee bei ihrer Rückkehr ins Vaterland. 3

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Die Trümmer der französischen Armee bei ihrer Rückkehr ins Vaterland. 1

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Ostpreußisches National-Kavallerie-Regiment, Preußen

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