Geschichte der Buchdruckerkunst in Mecklenburg bis zum Jahre 1540. Mit einem Anhange über die niederdeutsche Bearbeitung des Reineke Voss - Rezension

Aus: Allgemeine Literatur-Zeitung. Junius 1840
Autor: Lisch, Georg Christian Friedrich (1801-1883) mecklenburgischer, Archivar, Altertumsforscher, Bibliothekar, Redakteur, Publizist, Erscheinungsjahr: 1840
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Rostock, Buchdruckerkunst, Stadtgeschichte, Landesgeschichte,
Zu einer Bearbeitung der älteren Geschichte der Buchdruckerkunst in Mecklenburg war bisher wenig geschehen; nur einige abgerissene Bemerkungen und wenige Büchertitel standen im „Etwas von gelehrten Rostockischen Nachrichten“ (Jahrg. 1740), andere Notizen sind bei Panzer und sonst zerstreut. Diese Arbeit ist daher als eine ganz neue zu betrachten, für deren Veranlassung dem Vereine für mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde, aus dessen Jahrbüchern sie besonders abgedruckt ist, für deren Vollendung dem durch andere Arbeiten rühmlichst bekannten Verfasser unser Dank und allgemeine Anerkennung gebührt.

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Die sorgfältigen Nachforschungen in den Archiven zu Schwerin und Rostock und in verschiedenen norddeutschen Bibliotheken sind mit dem glücklichsten Erfolge gekrönt werden und eine große Menge neuer Data und überraschender Resultate hat sich ergeben, welche der Verfasser in vier größeren Abschnitten übersichtlich geordnet und in einfacher schmuckloser Darstellung, wie es der Gegenstand erfordert, vorgelegt hat. Die Ausübung der Buchdruckerkunst in Mecklenburg bis zu dem auf dem Titel angegebenen Jahre 1540 beschränkt sich auf die Stadt Rostock, die fast alle typographischen Bedürfnisse jenes Landes allein befriedigt hat. Der erste Abschnitt (S. 1—62) behandelt die Buchdruckerei der Brüder vom gemeinsamen Leben zu St. Michael in Rostock. Nachdem Einiges im Allgemeinen über die Brüderschaft vom gemeinsamen Leben (fratres communis vitae) mit Benutzung von Ullmanns gründlicher Darstellung im Johann Wessel darausgeschickt ist (andere Nachweisungen über dieselben und ihr segensreiches Wirken liefert Niemeyers Pädagogik Bd. III. S.333 und besonders die unter Nr. 4 von uns angezeigte Schrift), geht der Verfasser auf das Fraterhaus zu St. Michael in Rostock (S. 7—34) über, dessen Geschichte zu schreiben erst durch die Benutzung von etwa 60 im städtischen Archiv zu Rostock auf bewahrten und von Lisch aufgefundenen Urkunden möglich geworden ist, daher auch dieselben als die untrüglichsten Zeugnisse teils wörtlich mitgeteilt, teils in die Erzählung auszugsweise verflochten sind. Die Gründung jenes Fraterhauses hängt mit der Stiftung der Universität Rostock (1419) zusammen, die als eine niederdeutsche viele Niederländer an sich zog; es wurde gestiftet von dem Fraterhause zum Springborn in Münster. Um 1462 waren die Brüder nach Rostock gekommen und hatten ihrer Stiftung den Namen des grünen Gartens oder des grünen Hofes beigelegt. Sixtus IV. verlieh ihnen päpstliche Anerkennung in einer Bulle vom 25. August 1471, der Bischof Werner von Schwerin erteilte die Konfirmation am 3. August 1472. In der blühendsten Zeitlebten 17 Mitglieder im Hause, das später (1559) mit allen übrigen Besitzungen dem Rate übergeben wurde. Jetzt ist Kloster und Kirche zu einem Wollmagazin eingerichtet. Der tätige Rektor Nicolaus von Deer, der allseitig die Brüderschaft zu fördern bemüht war, legte 1475 die Druckerei an, deren erster Druck ins Jahr 1476, der letzte bekannte ins Jahr 1531 fällt, so dass die nachweisliche typographische Tätigkeit der Brüderschaft einen Zeitraum von beinahe sechzig Jahren umfasst. Zwanzig verschiedene Werke sind aus dieser Offizin hervorgegangen, die nächst Merseburg (wovon bei Nr. 2.) und Lübeck, wo 1475 das Rudimentum noviliorum in der Offizin des Lucas Brandis de Schass gedruckt wurde, die älteste in Norddeutschland ist. Die Wirksamkeit derselben war eine rein kirchliche, ihr Druck einfach und ohne Schmuck; das älteste Druckerzeichen eine Weltkugel mit einem auf derselben errichteten Kreuze, das jüngere St. Michael auf einer Weltkugel, wie er mit Kreuzstab und Schwert den Drachen überwindet. Wenn Ebert meinte, diese Druckerei stamme aus Brüssel oder wenigstens mit der Brüsseler aus derselben niederländischen Quelle, wenn er namentlich die Typen entschieden für brüsselisch erklärte, so hat dagegen, was an und für sich schon wahrscheinlicher ist, Lisch die Übereinstimmung der kleinen gotischen Lettern des Lactaptius von 1476 mit den Lübecker Drucken nachgewiesen. Eine Berichtigung und Vervollständigung der Angaben auf S. 61 gibt Mohnike in der unter Nr. 4 angezeigten Schrift. Der zweite Abschnitt (S. 63—91) handelt von der Buchdruckerei des Rostocker Stadt-Sekretärs Hermann Barckhusen, über dessen Leben bisher nur wenige und noch dazu falsche Nachrichten verbreitet waren. Archivalische Forschungen haben gezeigt, dass er von 1503—1526 das Amt eines Stadtsekretärs bekleidet hat; er hatte eine Privatdruckerei angelegt und dieselbe fast nur zu seinen wissenschaftlichen Zwecken benutzt, ja die Werke auch größtenteils selbst bearbeitet. Acht seiner Drucke sind sicher nachzuweisen; 1505 der Commentarius in Donalum per Bartholdum Moller, 1506 das Spiruntissimum opusculum in officio misse von Albert Crantz, 1509 ein Fraternitätsbrief des St. Claren-Ordens und vielleicht über missali: secundum rilum eccleseue Hamburgensis (obgleich hier der Verfasser zu schnell die Identität des Hermannus de Emden und Hermann Barckhusen angenommen zu haben scheint), 1510 die Bambergische Halsgerichtsordnung, das Lübische Recht und einiges andere. 1515 trat er seine Buchdruckerei an L. Diez ab. Der dritte Abschnitt (S. 92—133) handelt von Dr. Nicolaus Marschalk. Dieser merkwürdige Mann, der, einer der ersten, das Studium der griechischen Sprache nach dem Norden Deutschlands verpflanzte und es durch Lehre und Druckschriften zu verbreiten suchte, hat seinen literarhistorischen Verdiensten nach einen Lebensbeschreiber an Schöttgen gefunden, zu dessen vita Nicolai Marschalei Thurii (Rostock 1752) einzelne Nachträge und Berichtigungen von Krey und andern bereits gegeben waren, daher Hr. Lisch sich begnügt, nur eine kritisch geordnete Übersicht seiner Lebensumstände mitzuteilen. Er war um 1470 zu Rossla in Thüringen geboren, bezog die Universität Erfurt, wo er zuerst den akademischen Lehrstuhl betrat, und ging dann nach Wittenberg hinüber, um die neue Universität (1502) begründen zu helfen. 1505 wandte er sich nach Alt-Brandenburg, um allein den Studien zu leben; von dort wollte ihn Kurfürst Joachim nach Frankfurt, Herzog Heinrich von Mecklenburg in seine Dienste ziehen. Dies letztere schien ihm vorzuziehen. Er erhielt den Titel eines Rats und übernahm seit dem Herbste 1505 mehrere Gesandtschaften. 1510 erscheint er bei der Universität zu Rostock, wo er juristische und historische Collegia las, auch das neue Testament erklärte, bis er am 12. Juli 1525 starb und ihm in der Kirche zu Doberan ein ehrenvolles Denkmal gesetzt würde. Schon zu Erfurt hatte dieser gelehrte Mann eine Druckerei besessen; auch in Rostock richtete er mit Hilfe eines Erfurter Druckers, Günther Winter, eine Druckerei in seinem Hause ein, welche ungefähr zehn Jahre (von 1514—1522) bestand. Seine lateinischen Lettern sind sehr schön; großes Verdienst aber erwarb er sich durch Anschaffung griechischer Typen und selbst einen Holzschneider hatte er in seinen Diensten. 25 Drucke von ihm sind bekannt, unter denen der letzte, ein deutscher Auszug der Mecklenburgischen Chronik, ziemlich eckige und stumpfe Lettern zeigt. Der vierte Abschnitt (S. 134—185) bespricht den ersten öffentlichen Buchdrucker in Mecklenburg, der die Buchdruckerei als ein künstlerisches Gewerbe trieb, Ludwig Dietz, aus Speier gebürtig, welcher zuerst in Barckhusens Druckerei beschäftigt war und an den literarischen Arbeiten seines Herrn so viel Anteil nahm, dass ihn dieser als Verfasser wichtiger juristischer Werke verschieben konnte. 1515 trat er selbstständig auf; da aber die Zeitverhältnisse der Kunst nicht günstig waren, so suchte er bei dem Rate zu Lübeck um das Bürgerrecht nach und errichtete in jener Stadt so wie für kurze Zeit auch in Kopenhagen Filialanstalten, namentlich zur Vollendung und besseren Verbreitung einiger größeren Werke. Am 25. April 1558 ward er zum ersten Universitäts-Buchdrucker bestellt, starb aber bereits am 1. Sept. 1559 nach einer mehr als fünfzigjährigen Wirksamkeit. Seine Lettern sind geschmackvoll, der Satz rein und korrekt, treffliche Holzschnitte sind den Werken beigefügt. 61 seiner Drucke werden aufgeführt, unter denen die nur noch in einem einzigen Exemplare zu Dresden vorhandene Ausgabe des niederdeutschen Reineke de Voss von 1517, die niederdeutsche freie Übertragung von Sebastian Brants Narrenschitf (1519) und der Reineke von 1539. -—Dies ist eine gedrängte Übersicht des in dem Buche vorliegenden reichen Stoffes, an deren Schluss Ref. nicht umhin kann, rühmend die Sorgfalt hervorzuheben, welche der Verfasser nicht bloß in dem historischen Teile seiner Arbeit, sondern auch in den Beschreibungen der einzelnen Druckwerke und in den Nachweisungen über anderweitige Notizen, namentlich über die Sammlungen, in welchen dieselben sich finden, und in der Genauigkeit, mit welcher der Abdruck zahlreicher Urkunden (es sind 31 am Ende des Buches hinzugefügt) besorgt ist, durchweg gezeigt hat. Eine sehr schätzenswerte Zugabe zu den historischen Untersuchungen über die Rostockische Typographie liefert der Anhang über das Leben und die amtliche Tätigkeit des Nicolaus Baumann in Mecklenburg und dessen Anteil an der Herausgabe des niederdeutschen Reineke Voss. Der erste Abschnitt, ganz aus zuverlässigen archivalischen Quellen geschöpft, bietet des Neuen sehr viel da. Bereits 1507 kommt Baumann unter dem Namen „Nicolaus der Schreiber“ vor, als solcher bezog er 30 Gulden festen Gehalt; 1513 erhielt er eine Bestallung auf Lebenszeit, 1515 war er sicher in Rostock ansässig, wo er im Monat April des Jahres 1526 starb. Was nun den Reineke Voss anlangt, so versteht es sich heut zu Tage von selbst, dass nach Jacob Grimms klassischen Untersuchungen nicht mehr nach Erfinder und Dichter dieses Werks, sondern nur nach dem Verfasser der niederdeutschen Bearbeitung gefragt werden darf. Mehrere Jahrhunderte haben diese Ehre dem Nicolaus Baumann zugesprochen; Peter Lindbergs chronicon Rostochiense p. 173, eine handschriftliche Nachricht des Rostocker Berend Frese und besonders Rollenhagens Vorrede zum Froschmäuseler sind die Zeugen dafür; auch Lisch findet es mehr als wahrscheinlich, dass diese Nachrichten begründet seien. Dem Ref. scheint die Suche noch sehr‚ zweifelhaft und namentlich die Identität des Heinrich von Alcmar und des Baumann auf so schwachen Füssen zu stehen, dass nur dem Patriotismus des Hrn. Vf. ein solches Resultat zu Gute gehalten werden kann. — Der Druck des Werkes ist korrekt, die hinzugefügten lithographierten Faksimiles von Druckerzeichen und Lettern gut.

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Lisch, Georg Christian Friedrich (1801-1883) mecklenburgischer, Archivar, Altertumsforscher, Bibliothekar, Redakteur, Publizist

Lisch, Georg Christian Friedrich (1801-1883) mecklenburgischer, Archivar, Altertumsforscher, Bibliothekar, Redakteur, Publizist

Rostock Blücherplatz 1844

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Rostock Hopfenmarkt.

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Rostock - Neuer Markt um 1820.

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Rostock vom Steintor 1841.

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