Familien-Erinnerungen aus der napoleonischen Zeit.

Autor: Dr. Ernst Georg Bardey (*1855), Erscheinungsjahr: 1891

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Unter diesem Titel erzählt in Nr. 9 der Mittheilungen des Vereins für die Geschichte Berlins von 1890 der Gymnasiallehrer Dr. Ernst Georg Bardey zu Nauen Erlebnisse seiner Vorfahren. Wir geben hier die für Meklenburg bezüglichen wieder:

„Sehr merkwürdige und für die Familie meines Namens folgewichtige Erlebnisse hatte auch mein Großvater, der Pastor Carl Bardey, welcher im Jahre 1809 zu Gorlosen in Mecklenburg-Schwerin an der Grenze der Priegnitz wohnte. Nachdem das Dorf bereits mehrmals von den Franzosen ausgeplündert worden war, erschien wieder einmal eine Abtheilung derselben, um den Bauern Lieferungen aufzuerlegen. Mein Großvater übernahm es aus Liebe zu seiner Gemeinde, zu verhandeln, und lud die Führer zu sich ins Pfarrhaus, wo er sie bestmöglichst bewirthete, um sie dadurch zur Herabminderung ihrer Forderungen zu bewegen. Plötzlich bringt die Nachricht, daß die Schillschen 1 ) aus dem Preußischen anrücken, alle in Bewegung. Sie schieben meinem Großvater die verrätherische Absicht unter, als habe er sie nur deswegen gut traktirt, um sie aufzuhalten und den Feinden in die Hände zu liefern. Nichts helfen Betheuerungen. Sie nehmen ihn, wie er geht und steht, ohne Mütze und Stiefel mit und ziehen in der Richtung nach Grabow ab. Seine Frau stürzt auf den Kirchhof an der Straße und schreit jammernd und händeringend um Hülfe. Zum Glück reitet noch ein Offizier vom Nachtrab vorbei und ruft in deutscher Sprache die Jammernde mitleidig an, was ihr fehle. „Sie haben meinen Mann mitgenommen, der nichts verbrochen hat“, ist die flehende Antwort. Mit dem Versprechen, thun zu wollen, was er vermöge, reitet der Offizier von dannen. In Grabow kommt er in dem Augenblick an, wo die Soldaten meinen Großvater bereits in einem Halbkreise umstellt haben und sich anschicken, ihre Gewehre auf ihn zu richten. Er hatte es zurückgewiesen, sich an einen Baum binden zu lassen, und hatte selbst seine Brust zum Ziel entblößt. Der Einspruch des Offiziers in diesem Augenblick rettete ihm das Leben. Er durfte fliehen. Er lief gerade feldeinwärts, durchschwamm die Elde und kehrte nach Gorlosen zurück. Seine Gattin aber erkrankte infolge des Schrecks und starb sehr bald, ohne daß die Ehe mit Kindern gesegnet war.

Wie der Krieg meinem Großvater die eine Gattin geraubt hatte, so brachte er ihm auf gleich merkwürdige Weise eine andere. Denn als der Großvater später nach Muchow bei Grabow versetzt worden war, begab es sich in den immer noch trüben Zeiten, wo der schreckliche Davoust von Hamburg aus auch Mecklenburg heimsuchte, daß das Nachbargut Zierzow, wo mein Urgroßvater, der Staatsrath von Kossel, wohnte, völlig ausgeplündert wurde. Die sechszehnjährige Tochter desselben, Sophie, flüchtete mit einem Kästlein voll Werthsachen ins Feld, um sich selbst vor den Barbaren zu retten und das Kästlein, welches ihr vom Vater anvertraut war, unter einem bezeichneten Baume zu verscharren. Bei dieser Arbeit traf mein Großvater, welcher gerade einen Spaziergang nach seinem Acker machte, die Weinende. Er tröstete sie als Seelsorger und bot ihr Aufnahme in seinem Hause an, wohin sie mitging. Da sie dem frommen Mann als eine vom Himmel gesendete Lebensgefährtin erschien, so warb er um ihre Hand, die sie nicht versagte. Sie wurde dann seine glückliche Gattin und als solche meine Groß- und überhaupt die Stammmutter der blühenden Familie meines Namens.




1) Es war der Zeitpunkt, wo der Major von Schill, welcher mit seinen Freischaaren die Feinde in Norddeutschland überall aufsuchte, gegen die Citadelle von Dömitz vorrückte.

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