Fahrt nach der Stubbenkammer auf Rügen

Aus: Meine Reise durch Schlesien, Galicien, Podolien nach Odessa, der Krim, Konstantinopel und zurück über Moskau, Petersburg, durch Finnland und die Insel Rügen im Sommer 1832. Zweiter Teil. Leipzig, 1834.
Autor: Behr, August von (?-?), Erscheinungsjahr: 1834
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Insel Rügen, Reisebeschreibung, Aale, Neuendorf, Pommern, Arkona, Jasmund, Wiek, Greifswald, Putbus, Stubbenkammer
Wir mieteten uns für die Inselfahrt einen hier üblichen langen Stuhlwagen mit zwei raschen Pferden, bespannt, und fuhren nach eingenommenen Dejeuner dinatoire, und nachdem wir uns mit Karte, Wegweisern und einigen Beschreibungen von Rügen wohlversehen, und darin zu studieren und uns zu orientieren nicht versäumt hatten, ab, um noch bei Zeiten nach der vier Meilen entfernten Stubbenkammer zu gelangen, wo nach eingezogener, Erkundigung, jetzt ein Wirtshaus existierte, in welchem man recht füglich die Nacht zubringen könne.

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Nach einer kurzen Fahrt über fruchtbare Getreidefelder und durch wohlhabende Dörfer gelangten wir nach der sogenannten Schmale, einer allerdings schmalen, oft nur ein paar hundert Schritte breiten Erdzunge, welche die Insel Jasmund mit Rügen vereinigt, und rechts die Ostsee, oder vielmehr einen von ihr gebildeten weiten Meerbusen, das Prorer Wiek genannt, zur Linken aber, den kleinen Jasmunder Bodden hat, einen tief ins Land westlich von Wittow herreichenden Meerbusen, welcher wie der große Jasmunder Bodden, mit dem er zusammenhängt, fast überall von Land umgeben, und wie ein großer Landsee zu betrachten ist. Diese beiden und der Wieker Bodden (Buchten, Busen) auf der westlichen Seite, das Tromper und Prorer Wiek auf der andern östlichen Seite, bilden die sonderbaren Gestalten der beiden Halbinseln Jasmund und Wittow, welche durch die schmalen Erdzungen, die Schmale und die Schabe, mit Rügen vereinigt werden.

Von der sonderbaren ausgezackten, große Erdrevolutionen und Einbrüche des Meeres bekundenden Gestalt Rügens, war schon oben die Rede. Überall treten Meeresbuchten tief hinein und formieren Halbinseln, Inseln, Landzungen und Vorsprünge.

Die Bedeutendsten davon sind: östlich die Insel Vilm, Putbus gegenüber, die Halbinsel Mönchgut und Jasmund: nördlich: Wittow, mit der sich nordwestlich hinstreckenden Halbinsel: der Bug, westlich die Inseln Hiddensee und Ummannz und südlich die Halbinsel Zudar. Die Landzungen bestehen entweder aus steinigem Heidegrund, oder aus hohen Sandhügeln. Die Schmale, die wir passierten, gehörte zur ersten Kategorie. Man fährt auf dem festen Heidegrunde wie auf einer Chaussee; wir passierten sie schnell und kamen nach Sagard, einem kleinen Städtchen, dem Hauptort von Jasmund. Hier wurde Halt gemacht, um die Pferde etwas zu erfrischen.

Der Wirt, Herr Schepler, ist ein großer Sammler von Versteinerungen und Altertümern, deren sich Viele auf Rügen vorfinden, und die zum Teil aus den Hünengräbern ausgegraben sind. Ihrer gibt’s eine Masse größtenteils noch intakt, vorzüglich auf Jasmund, und sie eröffnen den Altertumsforschern ein weites Feld. Herr Schepler zeigte uns mit eben so viel gutmütiger Bereitwilligkeit als weitschweifiger Ruhmredigkeit viele recht interessante Petrefakten und Fossilien, Belemniten, Echiniten, Stücke von Urnen, Opfermesser und Streitäxte, zum Teil versteinert, zum Teil noch wohl konserviert vor. Mit meinem Sohn, dem er Einiges davon, aber freilich das Unbedeutendste verehrte, wurde ein Tauschhandel aus dessen wohl versehener Mineraliensammlung verabredet. So verstrich uns die Zeit, welche die Pferde zu ihrer Erfrischung bedurften nur allzu schnell, und es war schon angespannt, als wir noch beim Beschauen der Sammlung begriffen und in tiefen Gesprächen mit Herrn Schepler waren. Wir versprachen wiederzukommen, konnten aber dies Versprechen nicht halten, da unser Weg nicht wieder durch Sagard führte.

Von hier an hebt sich die Gegend und führt bald in den herrlichen Buchenwald, die Stubbnitz, und an einigen Försterhäusern vorbei. Noch einmal tritt man aus dem Walde, und er blickt ein freundlich gelegenes Dörfchen, am hohen nördlichen Seeufer. Wir begrüßten mit Freude unsere alteFreundin, wandten uns aber bald rechts östlich, und versenkten uns nun erst recht in die Tiefe des prachtvollen Buchenwaldes. Nach Verlauf einer Stunde von da an hört man schon ein dumpfes Seegebrause und befindet sich bei einem, im Kreise hoher schöner Buchen, und im Stil der Schweizerhäuser mit hohem vorspringendem Dach, erbauten Gasthaus.

Wir traten ein und fanden große Gesellschaft, und unter ihr, wie wir mit Vergnügen bemerkten, ausgezeichnet schöne Frauenzimmer. Sie gehörten wohl nicht den höheren Ständen an, und schienen uns nicht Fremde, sondern Prediger oder Förstertöchter aus der Umgegend, die sich hier auch einmal an der Großartigkeit der Naturszenen ergötzen wollten.

Die schon gemachte Bemerkung drängte sich hier uns wiederholt auf, und erneuerte sich beim Umfluge durch Rügen noch oft, dass seine Schönen eine ausgezeichnete Rolle spielen, und es trug dieser Umstand gerade nicht dazu bei, uns das liebe Rügen weniger angenehm darzustellen. Mancher geheime Wunsch zur Ansiedelung unter diesem kräftigen, gesunden, von Super- und Hyper-Kult nur noch nicht verweichlichten und verderbten ehrlichen Stamme nordischer Helden und lieblicher Schönen in paradiesischer Gegend stieg in uns auf, nebst einem Seufzer über die wahrscheinlich unmögliche Erfüllung. So viele Anziehungskraft die vorgefundene Gesellschaft auch übte, so trieb es uns doch zum Meeresstrand.

Wir trafen nur kurze Arrangements für das Nachtquartier, hofften die Schönen noch beim gemeinschaftlichen Souper zu treffen und ihre nähere Bekanntschaft machen zu können, und eilten an den Rand des Felsens, die sogenannte Stubbenkammer, kaum 100 Schritte vom Wirtshause entfernt. Herrlich ist der Anblick, wie die über den Widerstand aufgebrachte See anstürmt gegen den Fuß der Kreidefelsen, welche, oben mit den schönsten Buchenkränzen garniert, in senkrechter Höhe und in grotesken Formen zu ihr niedersteigen.

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