Erziehungsinstitut für angehende Seeleute

Aus: Bremer Sonntagsblatt. Organ des Künstlervereins. Neunter Jahrgang. 1861
Autor: Herausgeber: Heinrich Strack. Redakteur: Dr. Friedrich Pletzer, Erscheinungsjahr: 1861
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Seefahrt, deutsche Flotte, Schifffahrt, Seeleute, Kauffahrteischifffahrt, Marine
Zwei Offiziere der ehemaligen deutschen Flotte, die Herren Gerad Schuirman und Georg Thaulow, haben im Cottaschen Verlag eine Schrift erscheinen lassen, welche betitelt ist „die Errichtung eines Erziehungsinstitutes in Deutschland zur Vor- und Heranbildung junger Leute für das Seefach“ und die zugleich als Vorlage für die deutschen Regierungen und alle Private, die sich für deutsche Schifffahrt interessieren, bezeichnet wird.

Die Verfasser, welche jetzt zu Aurich in Ostfriesland leben und mit den seemännischen Angelegenheiten auch nach der schmählichen Auflösung unserer Flotte stets vertraut gewesen sind, sprechen sich zunächst im Vorwort auf die folgende Weise über ihre Vorlage aus:

„Durch die vorliegende Broschüre hoffen die Verfasser zu beweisen, dass ein Erziehungsinstitut für angehende Seeleute in Deutschland eben so sehr von der Klugheit wie von der Moral gefordert wird, denn ein solches Institut wird nicht nur für die Hebung der deutschen Schifffahrt und Marine in hohem Grade ersprießlich sein, sondern ist auch gegen diejenige Jugend, welche sich für das Seefach bestimmt, eine heilige Gewissenspflicht. Die Verfasser haben alle Stufen der Kauffahrteischifffahrt vom Schiffsjungen bis zum Kapitän durchgemacht, in verschiedenen Ländern ihr nautisches Examen bestanden und als Offiziere der ehemaligen deutschen Kriegsmarine das Marinemilitärwesen praktisch kennen gelernt. Sie befuhren alle Weltmeere, vorzugsweise die Gewässer von Ostindien, China und Japan. Ihre Vorschläge stützen sich daher auf eine reiche Erfahrung. In Folge der auf ihren vieljährigen Seereisen erduldeten Strapazen, sowie des Aufenthalts in den heißen Zonen, müssen die Verfasser von ferneren Fahrten zur See aus Gesundheitsrücksichten jetzt abstehen. Um so eifriger verfolgen dieselben daher einen Plan, bei dem sie, getrieben von ihrer Liebe zum Seefach und gestützt auf ihre seemännischen Erfahrungen, dem Vaterlande nützlich werden zu können, die Überzeugung und den Mut in sich tragen. Möchte es ihnen gelingen, insbesondere die Aufmerksamkeit der deutschen Regierungen auf diesen ihren Plan hinzulenken und deren Teilnahme und Unterstützung für die Realisierung desselben zu gewinnen.“

Wir wollen einen Blick auf die Pläne und Vorschläge der beiden Offiziere werfen. Ihre Hauptgedanken, deren nähere Prüfung den Männern vom Fach vorbehalten ist, sind die folgenden. Es existiert in Deutschland keine Anstalt, in welcher Eltern ihren Söhnen, die sich für den Seedienst bestimmen, eine seemännische Vorbildung und Erziehung geben lassen können. „Die bestehenden Navigations- und Steuermannsschulen entsprechen zwar ihrem Zweck, dem erfahrenen Matrosen die für seine weitere Befähigung zum Steuermann nötigen Kenntnisse beizubringen, allein auf eine praktisch-theoretische Vorbildung der angehenden Seeleute und deren seemännische Erziehung sind diese Schulen nicht berechnet und können diese auch jene nicht ersetzen, weil eben in diesen Schulen nicht mehr gelehrt und gelernt zu werden pflegt, als zur Bestehung der Prüfungen in der Steuermannskunst ausreicht. Gewiss ist es aber ein eben so großes als irriges Vorurteil, wenn man glaubt, der Seemann erwerbe die Befähigung und Tüchtigkeit für seinen Beruf allein in der wirklichen Ausübung dieses Berufs und bedürfe der Vorbildung für denselben nicht. In allen Ständen gewährt in der Regel die lange Praxis eine größere Befähigung und Tüchtigkeit für die betreffenden Leistungen. Der Geistliche, der Richter, der Kaufmann, der Krieger, sie sämtlich erwerben den höheren und höchsten Grad ihrer Befähigung erst in der langen Ausübung ihres Berufs, ohne dass man eine theoretische und praktische Vorbildung für überflüssig erklären wird. Wie wichtig aber eine frühzeitige gründliche Ausbildung des angehenden Seemanns auch für das Gemeinwohl in einem Lande wie Deutschland ist, dessen Wohlstand hauptsächlich auf Handel und Seeverkehr beruht, wird einleuchtend, wenn man bedenkt, welche Verantwortung dem Schiffsführer obliegt, dem nicht nur das Schiff und eine wertvolle Ladung, sondern oft auch Hab und Gut und Menschenleben von Hunderten anvertraut wird. Wie oft ist die mangelnde Befähigung des Kapitäns allein die Ursache des Untergangs und zahlloser Unfälle und Verluste! Wie wichtig und von welchem Interesse ist es da nicht z. B. für Assekuranzgesellschaften und Reeder, wenn die Seeleute und vorzugsweise die Schiffsführer den ganzen Umfang ihrer Verpflichtungen kennen und ihnen volles Vertrauen geschenkt werden kann. Dem Staat, als dessen höchste Aufgabe doch die Beförderung des geistigen und leiblichen Wohls aller Staatsangehörigen betrachtet werden muss, dürfte daher zunächst die Verpflichtung obliegen, die zweckmäßige Heranbildung eines tüchtigen Seemannsstandes aus allen Kräften zu fördern.“

In Preußen besteht nun allerdings zu Danzig eine Schiffsjungenschule, allein dieselbe ist nur für Preußens Marine und für die Söhne unbemittelter Eltern bestimmt. „Es handelt sich aber darum, der gesamten deutschen Jugend, die sich dem Seemannsstände widmen will, eine Gelegenheit zu geben, sich theoretisch und praktisch vorzubereiten, und daher dürfte es einleuchten, welchen Nutzen ein Seemannserziehungsinstitut für die deutsche Schifffahrt und den ganzen Seemannsstand haben muss, dessen Zweck ist: „jungen Leuten (namentlich aus den gebildeten Ständen und aus dem Innern Deutschlands), die sich dem Seefache widmen wollen. Gelegenheit zu geben, in möglichst kurzer Zeit den praktischen Dienst auf Seeschiffen vollständig mit allen zu demselben gehörigen mechanischen Fertigkeiten, seemännischer Gewandtheit, Disziplin u. s. w. kennen zu lernen, außerdem aber auch ihnen in den für den gebildeten Seemann nützlichen und nötigen Wissenschaften: Mathematik, Navigation, mathematischer und physischer Geographie, in den neueren Sprachen, im Zeichnen u. a. m. einen gründlichen theoretischen Unterricht erteilen zu lassen.“

Dazu müsste sich der Unterricht im Gebrauche der Handwaffen, in der Disziplin der Kriegsmarine gesellen, ferner auf Ausbildung einer sittlichen Denkungsweise und mutvollen Selbständigkeit Bedacht genommen werden. Um alle diese Dinge ist Holland längst bemüht gewesen und besitzt in seinem Seemanns-Erziehungsinstitut in Amsterdam (Kweekschool) eine Einrichtung, deren Zöglinge sich durchschnittlich an Bildung und Tüchtigkeit vor vielen andern rühmlich auszeichnen und von Reedern Vorzugsweise gesucht werden.

Die Verfasser der Schrift geben nun auch einen detaillierten Plan des von ihnen vorgeschlagenen Institutes. Es müsste an einem gesund gelegenen, mit allen Seehäfen Deutschlands in Verbindung stehenden Ort und an einem Flusse oder See (der Übungen wegen) liegen und unter der Direktion von erfahrenen, gebildeten Seeleuten stehen. Köln, Oldenburg oder eine Stadt an der Ems, Elbe, Weser würden sich empfehlen. Lehrer für Mathematik und Nautik, das Deutsche, Englische und Französische, Geschichte, Geographie und Handelswissenschaft wären anzustellen, neben denselben praktische Seeleute für die Übungen, ein Schiffszimmermann, Segelmacher, Ingenieur, Unteroffizier u. s. w. An Material verlangen die Verfasser ein Haupt- und ein Nebengebäude, ein Schulschiff mit allem Zubehör, zwei Boote und ein kleines eisernes Dampfschiff. Bei einem Anlagekapital von etwa 32.000 und einer jährlichen Ausgabe von 18.000 Thalern wird, wenn etwa 150 Schüler da wären, ein jährlicher Überschuss von 2.000 Thalern in Aussicht gestellt.

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