Einführung der Arbeitsschulen auf dem Lande betreffend

Nur in vermehrter Industrie findet Mecklenburg Heil und Rettung
Autor: Redaktion - Freimütiges Abendblatt, Erscheinungsjahr: 1826
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Einführung der Arbeitsschulen, Bildung, Ausbildung, Handwerk, Landschulen, Mecklenburger
Aus: Freimütiges Abendblatt. Achter Jahrgang. Schwerin, den 20sten Januar 1826.

Über den wichtigen Wunsch eines patriotischen Mecklenburgers in No. 346 d. Bl. die Einführung der Arbeitsschulen auf dem Lande betreffend.
(Vom Pastor Walter zu Diedrichshagen.)

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„Dieser Wunsch — sagt der Patriot — scheint klein und unbedeutend, ist aber in seinen Folgen groß und wichtig; es ist dieser: dass in allen Landschulen Mecklenburgs alle Kinder, sowohl männlichen als weiblichen Geschlechts, im Spinnen von Flachs und Wolle, in Stricken und Knütten mögen unterrichtet werden. Die Folgen würden sein: Entstehung mehrerer Manufakturen und Fabriten, die Sicherung der Arbeiter, beim Mangel an grober körperlicher Arbeit, gegen Nahrungslosigteit, die bessere Benutzung der Winter-Abende, die Mithilfe zur Ernährung der Einlieger und Büdner-Familien durch Kinder, die Vermehrung des Flachsbaues, der stärkere Verbrauch der Wolle im Lande und noch mehrere Vorteile, die dem ganzen Lande durch diese Verfügung zu Teil werden würden.“

Obgleich dieser, eines Patrioten Mecklenburgs höchst würdiger Wunsch, schon an sich wichtig und bedeutend erscheint, so hat derselbe doch noch dadurch für unsere Zeit und unser Vaterland eine besondere Bedeutung erhalten, dass unsre verehrten Landstände auf dem letzten Landtage, statt der Einführung allgemeiner indirekter Steuern und des Mac-Adamschen Straßenbaues, die Einführung der (Gewerb-) Arbeitsschulen empfohlen und dazu die wirksamsten Hände geboten haben.

Unstreitig war dieses mit die wichtigste Erklärung des Landtages; denn diese Erklärung war tief aus der Intelligenz des Bedürfnisses unsers Vaterlandes und aus der Erkenntnis des Notwendigen vor dem Nützlichen, hervorgegangen. Diese Erkenntnis, wenn es auf das große Ganze eines Landes ankommt, ist sehr schwer, selten das Eigentum einzelner Personen, sondern meist nur das Besitztum der Landesberater, des Fürsten und der Stande in ihrer Gesamtheit.

Doch, unserm allerdurchlauchtigsten Beherrscher war es schon vor 34 Jahren nicht entgangen, welch eine heilsame und preiswürdige Einrichtung die Arbeitsschulen seien, Allerhöchstdieselben hegten daher schon damals den Wunsch ihrer Einführung in Mecklenburg, und erließen eine Verordnung, die, da sie so ganz in Vergessenheit zurückgedrückt zu sein scheint, hier um so mehr in extenso mitgeteilt werden muss, als sie in ihrer Fassung eben so sehr das Gefühl, wie den Verstand und den Willen beschäftigt, und alles, was in dem Menschen Edles sich findet, in Anspruch nimmt.“

Friedrich Franz, von Gottes Gnaden etc.

„Es ist ein sich von selbst aufdringender, und schon lange Unsre landesherrliche Fürsorge beschäftigender Gedanke, dass das Schulwesen bei den niedrigen Schulen besonders darin einer Verbesserung bedürfe, dass die Kinder neben dem gewöhnlichen Lehr-Unterricht, zugleich in abwechselnden Stunden auch zu allerhand Handarbeiten und andern Kenntnissen, die ihnen in der ganzen Folge ihres Lebens nützlich sein können, als: Nähen, Stricken, Spinnen, Bienenzucht, Körbemachen, Netzstricken, Baumpftanzen, und was dahin gehört, angeführt werden mögen. Mit Vergnügen sehen Wir die Fortschritte, die darin in Unsern Städten hin und wieder schon gemacht sind, und zum Ruhme der sich mit der Direktion befassenden patriotischen Männer, noch immer gemacht werden. Die Besorgnis, dass die Kinder dadurch zu viel vom eigentlichen Lehr- und Religionsunterricht abgehalten werden möchten, hat sich schon längst in sich selbst verloren, nachdem die Erfahrung es bestätigt hat, dass diejenigen Kinder, die zugleich die Arbeits-Schulstunden fleißig besuchen, gewöhnlich auch die besten in den Lesestunden und den Religionskenntnissen sind, statt andere in den Leseschulen, vom Morgen bis Abend, ohne die geringste Abwechselung, bei einer Einförmigkeit, die der menschlichen Natur so sehr zuwider ist, und bei einer trägen Langeweile, wohl über einen einzigen Buchstaben stumpf und stupid sitzen, oder auf Mutwillen und Bosheiten verfallen; welches Übel aber, ohne Gestattung eines noch größern Nachteils, nicht verhütet werden kann, so lange die leeren Stunden der Schuljugend nicht mit Sicherheit besser als bisher ausgefüllt, und die guten Triebe der Kinder in gehöriger Spannung erhalten werden.

Wir wünschen nun recht angelegentlich, auch auf dem Lande in Unsern Domänen dergleichen Arbeitsschulen eingeführt zu sehen. Dass solches nicht sofort durchgehends in allen Dörfern, auch nicht in einem Dorfe sogleich mit vieler Umfassung, angehe, ermessen Wir sehr wohl. Aber wenn nur erst hier und da, in einem Dorfe, wo sich schon eine Person befindet, die zum Unterricht in Handarbeiten geschickt ist, der Anfang gemacht ist, so findet sich die weitere Auswickelung und Verbreitung nachher leicht von selbst. „Und nach den, Vorgange in andern zum Teil nahe benachbarten Staaten lässt sich ein solcher Anfang mit ganz wenigen Kosten machen.

„Wir hegen die Zuversicht, dass Wir auch in Unseren Diensten solche Beamte haben, die aus Gefühl der Würde ihres Berufs, und eigenem Patriotismus zur Beförderung der Industrie und Glückseligkeit des ihnen anvertrauten Teils Unserer Landes-Untertanen, Unsern Wünschen in dieser Angelegenheit gern und mit Eifer entgegen kommen werden. Sie werden sich „auch von den Eltern selbst, wenn sie ihnen die glücklichen Folgen davon darstellen, und ihnen begreiflich machen, wie ihre Kinder ihnen mit der Zeit durch Neben-Verdienst zu Hilfe kommen können, sich selbst „aber, durch Geschick und,Gewöhnung zu mannigfaltigeren Arten von Arbeit, ihre zeitliche Wohlfahrt bauen werden, zumal wenn nur erst einige wirkliche Erfahrung davon vorangegangen sein wird, gewiss Beifall, Dank und Segen einernten.

Solchemnach werden von Uns gesamte Unsere Beamte, besonders aber diejenigen, welche in der Schulkasse jährlich einigen Überschuss haben, hiermit gnädigst aufgefordert und ermuntert, diese Angelegenheit sich zu Herzen zu nehmen, und von obigem Inhalte, jeder in seinem Amte in Dörfern, wo es tunlich ist, unter Einverständnis und Mitwirkung Unserer Ehrn-Prediger und anderer einsichtigen und gutdenkenden Männer, jedoch allemal auf die Art, dass die Kinder nie für den Lehrer oder die Lehrerin, sondern, wenn sie die Materialien mitbringen, für sich selbst, oder wenn ihnen diese auf Kosten des Fonds gegeben werden, für die Kasse zum etwanigen Absatz, arbeiten, die bestmöglichste Anwendung zu machen; auch demnächst, wie solches geschehen, und nach und nach von dem Fortgänge untertänigst zu berichten.

Diejenigen Beamten, die sich hierin am rühmlichsten hervortun werden, können versichert sein, dass sie Unserer gnädigsten Aufmerksamkeit nicht entgehen werden. Wornach sich sämtliche Unsere Beamten zu richten.

Datum auf Unsrer Festung Schwerin, den 29. August 1792.
Friedrich Franz, H. z. M.
St. W. von Dewitz.“


Ich enthalte mich der Bemerkung darüber, warum niemand den Dank und Segen einsammeln mögen, der von höchster Person denen mit Recht verheißen werden könnte, die das Werk fördern würden, sondern gehe, bevor ich über die Einrichtung der Landarbeitsschulen rede, gleich, nach der beliebten Methode, die immer mit den Schwierigkeiten und Hindernissen zuerst beginnt, an die Schwierigkeiten und Hindernisse der Arbeitsschulen.

Die erste Schwierigkeit, die man macht und das erste Hindernis, was man auftischt, um eine Schattenseite zu haben, ist dieses: Die Schulen sind bestimmt für den Unterricht in der Religion und solche Arbeiten, die den Geist beschäftigen.

Ich widerspreche dieser Anführung durch die anerkannte Regel der Staats-Pädagogik, die die Erziehung des Menschen zerfallen lässt in 2 Teile, nämlich:

a) in allgemeine Menschenbildung, und
b) in Bildung für die Geschäfte des Lebens.

Da nun die Schule nicht einseitig bilden darf, sondern den ganzen Menschen und seine Bestimmung umfassen soll, so ist es unrichtig dass die Schulen bloß bestimmt sind, die geistigen Anlagen des Menschen ins Dasein zu befördern; der Mensch soll auch arbeiten lernen, denn nur der arbeitende Mensch kann religiös, kann tugendhaft sein und werden. — Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen, sagt unsere Religionsquelle, die Bibel. Darum legt auch die Religions- wie die Tugendlehre auf die Arbeitsamkeit einen ganz besondern Wert, und wenn sie von den Vorbeugungsmitteln der Wollust redet, so nennt sie die Arbeitsamkeit, preiset sie Mittel an wider die Trunkenheit, so empfiehlt sie ebenfalls Arbeitsamkeit, und will sie vor dem Diebstahl uns verwahren, so ist es wiederum die Tugend der Arbeitsamkeit, der sie die Kraft und Wirksamkeit zuschreibt, uns, und zwar nicht bloß vor diesen Lastern, sondern gegen alle übrigen Begierden in sichern Schutz zu nehmen. Nach der Religionslehre ist es also schon Pflicht, auch Kinder zur Arbeit anzuhalten, und zwar zu solcher Arbeit, die für die Geschäfte des Lebens dienen können. In allen Fertigkeiten gehört eine Gewöhnung von Jugend auf, auch das arbeitsame Leben ist eine solche Gewöhnung, und wer in der Jugend so recht zum Stillsitzen, zum dumpfen Hinbrüten auf der Schulbank gehalten wird, wird schwerlich je ein fleißiger Arbeiter, sondern nur ein Lohn- und Augenknecht werden, um den es weder den Staat noch irgend einen Brotherrn zu tun sein kann.

Aber sollte nicht die Zeit der Schule zu beschränkt sein, als dass man, ohne der intellektuellen Bildung zu schaden, Arbeitsstunden gewinnen könnte? Diese Frage, das zweite angebliche Hindernis, beantwortet sich von selbst, wenn man die Einrichtung der Landschulen kennt, wo immer nur ein Mann unter vielen Kindern dasteht, mit der Unmöglichkeit, sie alle mit einander zu beschäftigen. Während der Schullehrer sich mit der einen Ordnung nur ausschließlich beschäftigen kann, sitzen und müssen die andern Ordnungen sitzen, wie angeheftet. Etwanige Übungsaufgaben tuns noch nicht und verhindern nicht das starre und tote Sein, in das, mindestens Einige, unausbleiblich versinken müssen.

Ein drittes Hindernis wird gewöhnlich von den Kosten hergenommen, die zur Einrichtung von Arbeitsschulen erforderlich sein würden. Dieses Hindernis ist aber nunmehr durch die bekannte Erklärung des Landtages hinlänglich gehoben. Diese Erklärung, mit der landesherrlichen Verordnung von 1792 im vollkommensten Einklänge, macht den Kostenpunkt zu einer geringfügigen Nebensache. Auch können die Kosten nur höchst unbedeutend sein im Verhältnis zu dem großen Gewinn und zu den wohltätigen Folgen, die unser patriotischer Mecklenburger in der Tat nicht chimärisch angedeutet hat.

Warum spinnen, knütten und stricken unsere Knechte nicht in den langen Winterabenden, sondern gehen entweder zu Kruge, oder rauchen oder schlafen hinter dem Ofen? Warum haben wir so elende weibliche Dienstboten, die weder eine Naht nähen, weder einen Strumpf stricken, noch einen ordentlichen Faden Flachs oder Wolle zu spinnen vermögen? — Woher anders, als weil es an Arbeitsschulen fehlt.

Für das weibliche Geschlecht also besonders sind auf dem Lande Arbeitsschulen notwendig und es ist gewiss sehr richtig, dass wir eher Hochpflaster und Zuchthäuser zur Zeit noch entbehren können, als die Arbeitsschulen.

Als Grundzüge zur Errichtung oder vielmehr zur Verbindung solcher Arbeitsschulen mit den Lehrschulen, dürften folgende sich als zweckmäßig und ausführbar erweisen:
Alle schulfähigen Kinder, vorzugsweise die Mädchen, besuchen im Winterhalbjahr, Mittwochs und Sonnabends von 1 bis 4 Uhr und im Sommer von 2 bis 8 Uhr die Arbeitsschule. In solcher Arbeitsschule werde zuerst das Notwendige, später das Nützliche gelehrt. — Das Notwendige dürfte sein:

1) Stricken mit Garn, Wolle und Baumwolle;

2) Haken, eine recht treffliche Fertigkeit, welche für den Landmann einen viel dauerhafteren Handschuh und Strumpf liefert, als das Stricken;

3) Spinnen. Wie erstaunlich weit Kinder es in dieser so notwendigen Beschäftigung bringen können, kann man aus dem Göttingschen Magazin ersehen; selbst ein Knabe hatte aus 3 Pfund Wolle eine Fadenlänge von 48.000 Ellen geliefert. Kinder aus den dortigen Arbeitsschulen lehren ihre Eltern.

4) Der Gebrauch der Nadel, zu welchem auch besonders eine Anweisung zur Ausbesserung der Kleidungsstücke gehört; denn eine Anweisung, sich durch das Alte noch Vorteile zu erringen, ist von der größten Wichtigkeit, ländliche Haushaltungen besonders ersprießlich.

Will man gleich weiter gehen und im Flechten verschiedener Schnüre, Korb- und Mattenflechten, Geflechte von Stroh, Bast, Pferdehaaren und Draht Anweisung geben lassen, desto besser. Jetzt angefangen, würde man schon nach 5 Jahren die herrlichsten Folgen an unseren Dienstleuten wahrnehmen, die dann ihren Herrschaften und später sich selbst noch um ein Mal so viel nützlich werden könnten. Dass der Wohlstand unseres Bauern, selbst bei diesen Zeiten, um vieles sich heben würde, wenn seine zahlreichen Dienstleute, männlichen und weiblichen Geschlechts, etwas verstünden, insbesondere die am Abend so müßigen Knechte in das Getriebe der Wirtschaft mit eingreifen müssten, ist eine Behauptung, der man nicht leicht dürfte widersprechen können. Ich begnüge mich aber bloß mit den Andeutungen der nächsten klar vorliegenden Vorteile, und verweisen nun noch auf den gediegenen, inhaltsschweren Aufsatz in No. 315 und 316 des Abendblattes:

„Nur in vermehrter Industrie findet Mecklenburg Heil und Rettung“

Hätte man vor 34 Jahren der merkwürdigen landesherrlichen Aufforderung Genüge getan oder sie nur nicht ganz vergessen, so wäre darüber jetzt nicht nötig zu reden; der Geist zur Industrie wäre geweckt, jetzt in voller Tätigkeit, und große Erfolge würden uns vorliegen, statt dass wir jetzt erst anfangen müssen an Erfolg zu denken!
Friedrich Franz, Großherzog von Mecklenburg-Schwerin

Friedrich Franz, Großherzog von Mecklenburg-Schwerin