Eine Fahrt nach Pommern - 1. Bis Stettin

Aus: Neue Reisenovellen. Erster Band
Autor: Laube, Heinrich (1806-1884) deutscher Schriftsteller, Dramatiker und Theaterleiter sowie Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung, Erscheinungsjahr: 1837

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Pommern, Rügen, Reisenovelle, Heinrich Laube, Stettin, Swinemünde, Arkona, Stubbenkammer, Seefahrt, Schill, Badegesellschaft, Bade-Saison, Ostseebad, Badeleben, Baderegeln, Badeurlaub, Ostseeküste
Der Kondukteur war ein dicker, leidenschaftsloser Mann, der ein wenig schwer hörte. Ich saß dicht neben ihm, und die vorfallenden Rippenstöße wurden keines Wortes gewürdigt. Solch eine abgehärtete Reisegleichgültigkeit, ich möchte sagen: diese Objektivität der Post ist Leuten sogar sehr angenehm, die viel gereist sind, jedenfalls angenehmer als die Süßlichkeit einer sorglichen Teilnahme, deren Ursprung selten anderswo als in ausgewaschener Manier oder in Hoffnung auf ein Trinkgeld zu suchen ist. Die meisten Damen denken anders darüber, sie wünschen Sympathie quand même, Sympathie um jeden Preis.

Es war Abend und dunkelte schon, als wir aus Berlin heraus kamen, und ein witzloser Spaßvogel, der mit uns im Kabriolett saß, fragte den Kondukteur, ob wir auch in Pommern sicher wären, Da er den schlechten Spaß wegen Harthörigkeit des Empfängers wiederholen musste, so wurde er noch schlechter, denn Scherz und Witz sind wie weiße Wäsche, sie können nur einmal auftreten. Der Kondukteur hob bloß die Hand und sagte oh! Man kann auch den Pommern eher alles Andere zutrauen, als Spitzbüberei, dafür sind sie zu einfach. Wir waren auch noch lange nicht in Pommern, und hatten gar keine Aussicht, des Nachts hinzukommen. Der Kondukteur nahm aber hiervon Gelegenheit, das Wort zu ergreifen, und ein für allemal zu sprechen. Früher nämlich habe er den Cours von Koblenz nach Gießen gemacht, und da habe wohl so etwas passieren können, da sei der Kondukteur seines Lebens nicht sicher gewesen. Es muss vorausgeschickt werden, dass er Kondukteur und Man und Ich für gleich bedeutend hielt, er hatte sich streng in den absoluten Begriff eines Kondukteurs hineingereift. Was also irgend einem Kodukteur in der Welt begegnet war, das erzählte er in der ersten Person.

Also: Ich hatte viel Geld auf der Post, und fuhr wie heute in die Nacht hinein; meine guten Talglichter brannten in der Laterne, wir fuhren an einem Waldrande hin, und ich dämmerte so, wie man zu sagen pflegt, mit halb zugemachten Augen, Da ging's rak – rak – rak, die Laterne klirrte und war aus, ich kriegte einen Ruck an der Schulter, der Wagen stand still, der Postillon war vom Pferde. Das waren drei Schüsse gewesen, einer hatte das linke Vorderpferd nieder geworfen. Der zweite war in die Laterne gefahren, der dritte hier ins Polster neben mir, das Polster hatte seine Schuldigkeit getan und den Schuss vortrefflich gedämpft. Der Schuft von Postillon war gleich ausgerissen, die Herren Passagiere taten ein Gleiches; sonst muss man zehn Tritte und Türen aufmachen, ehe sie rauskriechen, diesmal waren sie wie 'n Donnerwetter alle zum Teufel, und die Kanaillen von Spitzbuben waren gleich bei der Hand und fielen über mich her. Laut Instruktion wehrte ich mich bis zum letzten Atemzuge, und als sie mich halb tot geschlagen, krumm gebunden und geknebelt hatten, steckten mir meine dreiunddreißig Poststücke noch in der Kehle. Sterben ist 'ne Kleinigkeit, aber sein Eigentum ausräumen zu hören, eins, zwei bis dreiunddreißig, das ist für 'nen rechtschaffenen Kondukteur – nu, die Kanaillen räumten. Alles fort, ich blieb wie 'n zusammen geschnürtes Felleisen am Wege liegen, und die bitterlich kalte Nacht zerfror mir das Bisschen Besinnung, ich hab’ den Morgen nicht erlebt, wie meine Passagiere mit Gensdarmes gekommen sind, und die Bescherung gefunden haben.
Was, rief mein Nachbar, Sie sind schon einmal tot gewesen?
Wie? rief der harthörige Erzähler, der sich ungern gestört sah –
Sie sind gestorben? Ja, maustot war der Kondukteur; aber nun sehn Sie diese rechtschaffene Watte an, die hat die Spitzbuben 'raus gekriegt, hier war der Pfropfen – oder wie er sagte: der Pfropf – vom niederträchtigsten Schuss stecken geblieben, der dem Kondukteur gegolten hatte; den wickelte ein Gerichtsschreiber heraus, und es fand sich, dass es das Schreibeblatt aus einer Kinderschule war, was der Schulmeister mit roter Tinte korrigiert hatte, Man untersuchte im ganzen Kreise die Handschriften und der Schuft von Schulmeister ward Nachts aus dem Bette geholt, er gestand seine fünf Helfershelfer ein, baumstarke Bauern, die gute Kugelflinten hatten; sie hatten die dreiunddreißig Poststücke vergraben, und das Postamt hat alle dreiunddreißig wieder gekriegt, die Kanaillen hängen im Nassau’schen – da sieht man, dass kein Schurke die königliche Post unrespektabel traktieren darf. Ich aber hatte freilich das Meinige weg, aber ich war auf dem Schlachtfelde geblieben, und die Meinigen beziehen eine Pension.

Hiermit war seine Pfeife aus, er drückte sich in die Ecke, zog den Mantel über das Kinn und sprach nicht wieder.

Zu meinem Erstaunen fuhren wir einen tiefen Berg hinunter – sind wir irre gefahren? Wie kommt Moses unter die Propheten, ein Berg in die Mark Brandenburg? Wir kamen nach Neustadt Eberswalde, welches da grenzt an die märkische Schweiz, deren Berner Oberland Freienwalde samt Umgegend. Die Schweiz ist in neuerer Zeit ein Luxusartikel geworden, der nachgemacht wird, wie Brüsseler Spitzen und Eau de Cologne nachgemacht werden. Merkwürdigerweise ziehen sich wirklich bis an die pommersche Küste hinab Hügel und Höhen in Menge, die freilich etwas dürftig und pauvre wie unnütze Grillen der letzten Erdüberschwemmung aussehen, aber doch Hügel sind. Man kommt gegen Mitternacht auf fünf Minuten in Neustadt an, also im ersten, träumerischen Postwagenschlafe, und es wird Einem in der Passagierstube zu Neustadt Kaffee, sage Kaffee präsentiert. Verschiedene Generationen von Postreisenden wundern sich seit Jahren über dies ungewöhnliche Phänomen, und stellen Forschungen darüber an, jeder nach Pommern Reisende stellt eine Hypothese darüber auf, wie sonst jeder nach Afrika Kommende eine Vermutung über den Ausfluss des Nigers zu Markte brachte. Für auswärtig Beflissene diene noch die Notiz, dass selbiger Kaffee von ungewöhnlich fremdartigem Geschmacke ist, das will sagen, er kann sehr gut schmecken, und schmeckt nur ganz anders als guter Kaffee. Eine heiratsfähige Dame – mit Respekt zu sagen aus Hinterpommern – welche in ihre Heimat reiste, tat einen lauten Schrei, als sie den ersten Schluck von diesem Kaffee genossen hatte, und man ist doch in Hinterpommern nicht gar zu asiatisch gewöhnt.

Kaffee macht munter, und von diesem Axiome ausgehend kam unsere Gesellschaft zu der Hypothese, man werde in Neustadt um Mitternacht damit bewirtet, um die Nähe der märkischen Schweiz nicht zu verschlafen.

Mondschein, Erlengebüsch, Hügel auf, Hügel ab, frische Luft – so weit gehen meine Erinnerungen an diese Naturreize, ich schlief ein trotz des Neustädter Kaffees, und erwachte erst wieder auf der nächsten Station. Es hat einen eigentümlichen Reiz, Nachts, bei Mondschein in einer schlafenden, schwarzen Stadt aufzuwachen, deren Existenz und Namen uns unbekannt sind – die Welt bedünkt Einen so reich, so unauslernbar an sillen Plätzen, wo Menschen neben einander sich freuen, intrigieren, leiden und lieben. Ich fragte den ausspannenden Leinwandkittel – Angermünde, beschied er mich. Es kann in Angermünde außerordentlich schön sein, und das schönste Mädchen von der Welt kann dort leben und schlafen. Der polternde Postwagen stört ihren süßen Traum, in welchem sie den Sultan – er ist bei Tageszeit Registrator oder Kanzellist am Stadtgerichte zu Angermünde, und hat sein Auskommen – also, in welchem sie dem Sultan mit dem Pfauenwedel sanft über das Gesicht streicht; sie lächelt Glück und Liebe, und fährt eben mit dem weißen Arme nach dem Schlafhäubchen, erschreckt von unserm Gerassel, Dämmern, Einschlafen, Träumen, halb Poesie, halb Ewigkeit, halb Glück, halb Nichts – „fünfzehn Minuten, meine Herren!“ ich hatte wieder geschlafen, der Wagen hielt bei grauer Morgendämmerung in Schwedt, Schwedt, Schwedt, dacht’ ich, das Wort hast Du oft in Tertia gehört auf dem Gymnasium zu Glogau in der Brandenburgischen Geschichtsstunde, wie man sich kurzweg ausdrückt. Es hat Markgrafen von Schwedt gegeben, die haben Reiter und Fußleute gehabt, und Kriege geführt, auch gibt es Tabakpakete mit der Firma „Kanaster von Schwedt.“ Also orientiert über Geschichte und Geographie des Terrains setzte ich mich neben die Dame aus Hinterpommern, die laut zugeflüsterter Nachrichten hartnäckig geschwiegen hatte, seit die Äußerung gefallen war „mit Respekt zu sagen aus Hinterpommern.“ Ich präsentierte ohne Unterlass Zwieback, gnädiges Fräulein, Sie befehlen? sprach von gemischter Gesellschaft, und löste den Zorn in so weit, dass sie etwas von Vorurteilen fallen ließ.

Bei Schwedt hat man die Oder erreicht, lässt sie aber auf dem ganzen Wege nach Stettin rechts liegen; der Charakter ihrer Ufer ist gegen Schlesien wenig gesteigert, wenn auch ein Wenig verändert, es bleibt ein armer Taglöhnerfluss, der es nie zu einer glänzenden Umgebung bringt; statt des Weiden- und Waldufers, das er oben in seiner Jugend sieht, hat er hier in der nördlichen Mark und in Pommern einen mit Schilfgras bewachsenen Strand, der eigentlich gar kein Ufer, sondern nur eine Begrenzung ist. Er gleicht in diesem Mangel scharf geschnittener Abgrenzung den traurigen, kriechenden Binnenseen der Mark, die ohne Mut daliegen wie dunkles Wassergewürm. Dieser triste Charakter, welchen die Berliner bei Treptow so emphatisch übersehen, verleidet die Wassermassen, welche ein Hauptreiz dieses östlichen Nordens von unserm Vaterlande sein könnten.

Die Post fliegt am Markgrafenschloss von Schwedt vorüber, und durch eine breite Lindenallee, die Berliner Linden von Schwedt, dahin. Das könnte hier recht hübsch sein, wenn hübsche Menschen darunter spazieren gingen, so in der Morgendämmerung und wahrscheinlich auch sonst bei einer kleinen Provinzialstadt, neben einem verlassenen Fürstenschloss hat das Ganze ein öd historisches Ansehen. Als die vielen hundert kleinen Souveränitäten noch bestanden haben, da müssen die Länder allerdings viel interessanter, charakteristisch gefärbter und belebter gewesen sein – wo man jetzt auf solche Reiter stößt, da haben sie so etwas von alten Bibliotheken oder Bücherschränken, in denen Chroniken stehen.

Ewig jung und blühend ist nur der Tabak; dies moderne Gewächs, vaterländisch Blatt, gedeiht hier bei Schwedt in fetter, grüner Üppigkeit, durch eine stolze Allee führt der Weg nach dem tabakklassischen Vierraden, berühmt durch seine Blätter wie Arabien durch seinen Weihrauch; der Vierradener stinkt nur ein Wenig. Üppige Aussicht links und rechts für einen Schmaucher, und in Vierraden trocknen aus allen Bodenluken heraus die langen Blätter dem Genuss oder Genossen werden entgegen. Vierraden, das duftende, soll früher kriegerisch gewesen sein. Ein miserabel zerfallenes Gemäuer um einen kleinen brutalen Turm am Ende des Örtchens ist Sitz der Kampfeslustigen von Vierraden gewesen, und sie haben mit denen von Schwedt in vielen Fehden gelegen. Von allem Ruhm ist jetzt nichts übrig als Tabak. Aber in unserer Zeit der großen Reiche, der Allgemeinheit, der gleichen Militärpflichtigkeit sind mir die Erinnerungen an die Selbstständigkeit den vielen einzelnen von Soundso immer sehr interessant, und wenn man ein Edelmann ist, so mag es von ganz angenehmem Reize sein, just einen Namen zu haben, der in Chroniken und Sagen also selbstständig genannt wird; es ist so etwas homerisch Episches darin im Gegensatze zu denen von Müller, von Schmidt, von Hoffmann. Es wäre schade, wenn der Schriftsteller Maltitz keine Nachkommen hätte, weil die Erinnerung an jene römische Antwort verloren gehen könnte, die er einst gegeben hat, als er wegen eines Schauspiels mit der Berliner Polizei brouilliert gewesen ist. „Wenn die von Maltitz“, hat er gesprochen, „dreimal hunderttausend Mann kommandierten, so würden sie den von Zollern eine andre Antwort geben.“ Dieses phantasiestarke Ignorieren einiger Jahrhunderte, diese unabhängige, von allen Möglichkeiten unabhängige Kombination ist mir viel interessanter gewesen, als alle Schriftstellerei des Herrn von Maltitz, welchem Eindrucke unbeschadet dessen „Pfefferkörner“ und Sonstiges sehr schön und lehrreich sein können. Bei den Tabakspflanzungen und denen von Vierraden kam ich auf solche Abwege.

Hinter Vierraden ging die Sonne tönend auf, das Land dampfte, aus der Tiefe neben einem erhöhten Städtchen blinkte silbern hier und da die Oder auf, wir waren an der Grenze von Pommern, das vor uns liegende erste pommersche Städtchen heißt Garz. Hügelzüge nach mehreren Seiten geben der Aussicht Abwechselndes. So denkt man sich Pommern gar nicht. Freilich muss man überhaupt dreierlei Pommern unterscheiden: dasjenige, in welches wir eben hineinfahren, ist Vorpommern, ein fruchtbares, wohlhabendes Land mit der lebhaften, tätigen Haupt- und Handelsstadt Stettin; nordwestlich davon das sogenannte schwedische Pommern, jetzt Neuvorpommern, mit der stipendienreichen, studentenarmen Universitätsstadt Greifswald und dem durch Wallensteins Renommage berühmtem Stralsund. Dieser Strich Landes hat noch heute von seiner früheren schwedischen Zeit eine abstechend fremdartige Färbung; nordöstlich das betrübte Hinterpommern, das eigentlich arme, traurige Land, was man mit dem Ausdrucke meint: er ist ein armer Pommer. Hinter Stargard, einer artigen, rührigen Stadt, dem Gemüsegarten Pommerns, beginnt. Hinterpommern. Die Stargarder mögen durchaus nicht zu Hinterpommern gerechnet werden, und gehören immer zur lebhaftesten Opposition, wenn das melancholische, tiefsinnige Volkslied gesungen wird:

„Maikäfer flieg!
Mein Vater ist im Krieg,
Meine Mutter ist im Pommerland
Und’s Pommerland ist abgebrannt,
Maikäfer flieg!“


Nein! Schrien sie in Passendorf, dem mons sacer der neuen Römer, nein, 's ist nicht wahr, Pommerland ist nicht abgebrannt! – Das Ding mag wohl aus dem dreißigjährigen Kriege stammen, wo in Pommern oft Nachtquartier gemacht wurde. Wenn man von Garz aus noch einige Male die Hügel hinauf und herunter gefahren ist, sieht man Stettin mit einem breiten Turme auf einem der höchsten liegen. Da die Stadt sich mehr nach der Ostseite zur Oder hinabzieht, so zeigt sie dem von Berlin Kommenden mehr eine feste Burgspitze; wie bei allen Festungen und spröden Jungfern muss man lange und durch mancherlei Biegungen sich wenden, eh' man ihm Aug' in Auge gegenüber kommt.

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Stettin

Stettin

Johann F. Zöllner

Johann F. Zöllner

Greifswald, Universität, Hauptgebäude 1920

Greifswald, Universität, Hauptgebäude 1920

Greifswald, Nikolaikirche von Südwesten

Greifswald, Nikolaikirche von Südwesten

Greifswald, Giebelhaus Markt 13, 1920

Greifswald, Giebelhaus Markt 13, 1920