Eine Fahrt nach Pommern – 6. Auf Rügen

Aus: Neue Reisenovellen. Erster Band
Autor: Laube, Heinrich (1806-1884) deutscher Schriftsteller, Dramatiker und Theaterleiter sowie Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung, Erscheinungsjahr: 1837

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Pommern, Rügen, Neu-Vor-Pommern, Landesgeschichte, Wenden, Obotriten, Wendetum, Christentum, Heidentum, Götter, Tempel, Aberglauben,
Es war in der ersten Hälfte des Monats September, auf dem Felde erntete man in dieser nördlichen Gegend noch, die Sonne schien noch ganz flanellartig warm, als wir dem großen, weißen Badehaufe zuschritten. Es hat ein sehr stattliches, mit Säulen geschmücktes Ansehen, und weckt große Erwartungen. Die Siebenbürgner fanden es leichtsinnig, in einem unbekannten Meere zu baden, und ließen uns allein durch den Eichenwald nach dem Strande schreiten. Tafeln an den Bäumen, Inschriften auf Inschriften, wo die Damen gehen und die Herrn gehen sollten, bekundeten uns, in welch ein zivilisiertes Ländchen wir gekommen seien, wo anständiger Scham gehuldigt, im passenden Falle auch ein Kasino und eine Partie Boston zu finden sei. Der junge Sache seufzte, alte, wendische Zustände wären ihm lieber, Opferfeste Czernebogs, keine Inschriften mit römischen Lettern „Weg für Herren“ „Weg für Damen“ wären ihm erwünschter gewesen, da er in vielen Dingen den Weg selber suchen wollte, und es ihm auf eine kleine Verirrung durchaus nicht ankam.

Unten am Meeresstrande ist ein artiger Blick zwischen dem Vilm und der schrägüberliegenden Küste hinaus aufs Meer geöffnet, und man sieht weit draußen auf der Wasserfläche die Türme von Greifswald schimmern. Für jeden armen Studenten ein sättigender Anblick, denn es fallen ihm Stipendia und gebratene Heringe ein, deren Auswahl in Greifswald zu haben ist, und zwar die beste Auswahl von der Welt: man kann nämlich wählen was man will, man bekommt immer Beides, kein Stipendium ohne Hering, kein Hering ohne Stipendium. Jedem gebildeten Topographen ist bekannt, dass man sonst in
Greifswald am Tore angehalten und gefragt wurde, ob man ein Stipendium nehmen wolle, nur unter dieser Bedingung war der Eintritt gestattet. Das Abschaffen der Torsperre mag auch diese Zudringlichkeit gemildert haben; im Korrespondenten sah ich zwar, dass sie in Hamburg noch existiert, die Torsperre nämlich, nicht etwa die Zudringlichkeit, weil aber dort keine Universität ist, mag wohl mit den Einpassierenden ein andres Abkommen getroffen sein.

Angesichts jener Stipendienstadt, wo trotz Hering und Stipendium immer so wenig Studenten gewesen sind, dass die Professoren äußerst ökonomisch mit ihnen umgehen mussten, um lesen zu können, wo auch der mathematische Grundsatz erfunden worden ist. „Drei machen ein Kollegium“.

Angesichts dieser edlen Stadt stürzten wir uns ins Meer. Ich kann es mir wohl denken, dass diese Türme, welche man bei gutem Wetter und mit guten Augen am Horizonte sieht, dem Seebade von Putbus nachteilig geworden sind: es hat etwas schamverletzendes, von Türmen im Stande der Unschuld betrachtet zu werden. Wie leicht können Studenten, die nächst den Referendarien und Damen des Serails die meiste Zeit übrig haben, tubusbewaffnet auf diesen Türmen erscheinen, und das größte Unglück anrichten!

Sonst ist das stille Meer, das heißt die stille Ostsee daran schuld, dass dies Seebad nicht so gesucht wird. Einmal nämlich ist die Bucht überall vom Lande eingeschlossen und nur nach Süden zu teilweise offen, die Südwinde sind ferner an sich seltener und immer schwächer und kommen obendrein vom Lande, vom friedlichen Greifswald her – es fehlt also ganz und gar an Wellenschlag, diesem geheimnisvollen, über alles gesuchten Etwas eines Seebades, die Oberfläche des Wassers ist glatt wie ein Teich. Dass die Entfernung von Putbus eine halbe Stunde weit ist, mag auch hinderlich sein, selbst wenn man zugibt, dass die See von guter Familie ist, und mehr als jedes andere Wasser nur mit wohlhabenden Leuten verkehrt.

Man hat wegen des mangelnden Wellenschlages schon vorgeschlagen, und ich glaube, auch versucht, an der Ostküste, an der sogenannten Granitz, wie dieser waldige Teil der Insel genannt wird, ein Seebad einzurichten, indessen passt aller übrige Zuschnitt, der mit großem Aufwande für Putbus geschehen ist, nicht dafür. Wer mag es dem Fürsten von Putbus verargen, dass er nicht die außerordentlichen Opfer, welche er mit großartiger Liberalität für Putbus gebracht hat, in ihren Ergebnissen vernichte, und seine artige Residenz dadurch veröde? Denn Putbus würde verödet, wenn man an der Granitz eine Saison veranstaltete. Es hat sich denn nun so gestellt, dass Putbus ein heiterer Sommeraufenthalt ohne besonders nachdrückliche Rücksicht für das Seebad geworden ist: die begüterte Welt dieser nördlichen Striche, vorzüglich Neuvorpommerns und Mecklenburgs kommt in großer Zahl mit Equipagen, schönen Pferden und blanken Friedrichsdor’s nach Putbus, ergötzt sich am gegenseitigen Verkehr, an der Aussicht, am Park, an Partien, am Faro, an einem kleinen, artigen Theater. Doberan und Putbus teilen sich in die reichere Badewelt dieses westlicheren Ostseestrichs. Wie dort der regierende Fürst seine Goldstücke der Bank nicht vorenthielt oder hält, so erfreut der hiesige besitzende die Table d'hôte mit seiner Person, und seine Gemahlin tut ein Gleiches. Mit einer solchen halben Offizialität halten diese Herrschaften das Badeleben in einem lebhaften Schwunge und verleihen ihm für viele Besucher einen familiären Reiz.

Dass die Insel preußisch ist, und der Fürst von Putbus, wie Pückler, ein gefürsteter Graf, der als Privateigentum einen großen Teil des Ländchens besitzt, bemerke ich für oberflächliche Statistiker.

Als wir nach dem Badehause zurückkamen, waren die Siebenbürgner mit ihrer Leibeswäsche noch nicht fertig. Zu unserm Erstaunen fanden wir in dem imponierenden Gebäude nur einen ganz kleinen Salon, und gar keine Wirtschaft, da diese nur für die Saison besteht, und um die Septemberzeit aller Badebesuch die Insel schon verlassen hat. Das ist charakteristisch für das eigentliche Bademoment: in den andern Ostseebädern ist der Septemberanfang wegen frischen, bewegten Meeres noch sehr beliebt.

Über die Zweckmäßigkeit solcher Bauart, links und rechts von dem kleinen Saale viereckige, halbdunkle Plätzchen übrig zu lassen, die von Mauern eingesperrt waren, und auf welchen Grasgestrüpp wuchert, hab’ ich mich nicht so schnell unterrichten können. Man fängt es sonst einfacher an, wenn man nur einen kleinen Saal haben will.

In dem großen, stillen Gebäude kam endlich ein Mädchen zum Vorschein, was sich eben den Haarzopf aufsteckte, und in flüchtiger, sinnlicher Persönlichkeit etwas von Flämmchen aus Immermanns Epigruen hatte.

Die stille Abgelegenheit des weißen Hauses, das stille Innere hätte einen ganz hübschen Hintergrund abgegeben, fremd und unerwartet ein zärtliches, sinniges Auge zu finden, von der Welt und ihrem Geräusch zu erzählen und den Abend mit solcher Einsamkeit auf sich herabsinken zu lassen. Ich weiß nicht mehr genau, ob der Sache auch so dachte, der Siebenbürgner im Barte hatte Grundsätze.

Eine mächtige Anhöhe hinauf, zwischen Feldern führt der Weg nach Putbus, was mit seinen weißen Häusern wie eine Theaterdekoration herunter leuchtet. Wir traten sogleich in den Park– und Schlossbereich, der sich an den Hügellehnen hinzieht, es war ein milder sonniger Tag des Frühherbstes, die Luft war still, unter den schönen großen Bäumen war es still, das stattliche Schloss war ebenfalls still, die Besitzer saßen bei Tafel, alle Entréen und Wege waren fein und rein, dick und behaglich lehnte der bordierte Portier am Schlosseingang, und ein großer, neben ihm ruhender Hund blinzelte uns schläfrig an; samt-grün lockte von der Seite ein schöner Grasabhang, auf welchem das Gewächshaus steht, und von wo das Auge sanft hinabgeleitet wird auf Strand und Meer – aller Reiz vornehmer reicher Existenz, welche sich auch die Natur zu poetischer Lockung bilden kann; alle Ruhe und Behaglichkeit einer schönen, sorgenlosen Erde wehte uns an mit weichem Hauche, wir legten uns auf den Rasen und träumten von Gottes Stille, von schönen Versen, von treuen Augen, von weichen streichelnden Händen, von sanfter Musik, besonders von den elegischen Anfängen des verstorbenen Bellini.

Der tiefe Schatten des schönen Parks mit allerlei schönen Baulichkeiten geht noch weit hinüber zum Tiergarten, wo schöne Hirsche in bequemer Gefangenschaft ihr Leben verträumen. Diese ganze Anlage ist noch ziemlich jung: es war ein Wald, in welchem das Putbusser Steinhaus lag; daraus ist ein Schloss gewachsen, der Wald ist zum Park gelichtet worden, erst im Jahr 1810 ist der Ort Putbus angelegt worden. Und jetzt bewegt man sich unter diesen Bäumen, als sei man in Alt-England auf dem müßigen, reichgepflegten Boden eines Millionenlords, welcher Wald und Meer zu seinem Behagen nötige. Auch der innere Raum des Schlosses soll angemessen, geschmackvoll und reich ausgestattet sein; wir hatten die Stunde nicht getroffen, wo es zu sehen ist, und so nötig und passend solche Einrichtung mit Bildern, Büchern und Kunstwerken natürlich ist, ich beklage es selten, wenn ich den Anblick verliere. Die Vorstellung füllt mir’s genügend aus, und ich habe nicht den störenden, ungerechten, aber natürlichen Einwurf zurückzuweisen, dass ich dies da und dort, wo die Mittel und die Absicht größer waren, vollständiger gesehen habe.

Historisch-charakteristisches trifft da immer noch am eindrücklichsten: ein glücklich gewordenes Ensemble solcher Örtlichkeit mahnt am nachhaltigsten an historische Figuren, historische Momente, in denen eine Schöpfung versucht worden ist, oder an die sich eine knüpfet. Ein kleines Gebetbuch Philipps II. ruht in diesem behaglichen Putbusser Schlosse, eine Beute Wrangels. Die violetten Pergamentblätter mit kostbaren Miniaturgemälden, mit goldenen, weißen, roten und schwarzen Buchstaben, auf denen einst das harte Auge betend geruht hatte, liegen, hier in Frieden, nur die Neugier fällt zuweilen auf sie. Und ihre Charaktere haben einst den Schlüssel zu Himmel und Hölle gehabt. – Auch eine Gipsmaske vom Antlitze des erschossenen Schwedenkönigs Karl XII. mit der Kugelwunde am rechten Schlafe schläft hier ihre gespenstige Existenz.

Ich ließ mir das erzählen, und blieb still auf dem prächtigen Rasenabhange, grün, wie England in meinem Sinne ruht, auf diesem prächtigen Aussichtspunkte liegen, dachte an die Welt, die so Vieles versucht, und an den Tag, der mit seiner goldenen Sonne unparteiisch darüber hingeht, an die Welt, die nach all den Andeutungen zunächst kommen könnte, und sang, und klagte und hoffte in meinem Herzen – was finden wir? Ein kleines Wort, das Wort heißt „Weiter!“, weiter! riefen sie, nach dem Fürstenhofe! Das ist ein Wirtshaus, da wollen wir Beefsteak essen. Nach der Saison hat dieses weiße Städtchen in seiner Leere etwas Verstorbenes, man hört seine Tritte schallen, man zählt die Leute – ich kaufte mir für zwei Silbergroschen einen Eichenstab, und schritt samt meinen Gefährten aus dem offenen Örtchen hinaus, nach dem Walde zu, um gegen Bergen zu gelangen.

So wie man den Menschen handlicher bekommt, wenn man erst weiß, ob er von Jugend auf Hofrat oder Kanzleiinspektor gewesen ist, ob er niemals Anlage zu Polizeiwidrigem, zu Eigenem bewiesen hat, ob er in Liebe oder Hass befangen war, so verständigt man sich auch erst mit der Auffassung eines Landes, wenn man einen Blick in dessen Geschichte werfen kann. Da hat man nun hier große Not! Was ist wendisch, was ist germanisch auf Rügen? Das hat schon heiße Mühe gekostet, wenn’s irgend angeht, entscheid ich’s nicht, das getraue ich mir zu versprechen; was soll ich mir um der alten Wenden halber Ungelegenheiten machen, der ich um der neuen halber schon genug habe? Ruhe und Genuss meiner Reise ist durch diese Unzulänglichkeit unserer Historiker sehr gestört worden.

Natürlich ist Rügen den Klassikern bekannt gewesen, sie haben sich nur nicht die Mühe genommen, dafür einen Namen auszusuchen, und man begnügt sich nicht mit dem Bernsteinlande der Römer, womit diese den grauen Norden abfinden, sondern auch die Phönizier müssen da gewesen sein.

Da wir nun aus Phönizien alle möglichen Vermutungen und sehr wenig Bücher gezogen haben, so ist es besonders der Insel Rügen wegen sehr zu bedauern, dass der Hannöversche Sanchuniathon abortiert worden ist. Das war nämlich der Versuch, in einem nicht existierenden Kloster Oportos ein Manuskript aufgefunden zu haben; der Versuch hat sein Möglichstes getan, Hannover hat aber kein Glück mit Oporto; wir sind auf dem alten Punkte mit Rügen und den Aufklärungen durch die Phönizier.

Etwa dreißig Jahre nach Karl dem Großen soll die Insel in einer wirklichen Urkunde zum ersten Male erwähnt sein, das genügt für unsern Zweck. Man hat sie früher Reidgodland und Raneninsel geheißen, wie denn Ranen überhaupt ein alter, beliebter Ausdruck für Rügener ist, und ähnlich klingende und nicht minder wohlklingende, nach Fischtran schmeckende Namen, wie „Ratze“ ein Fürst, Bog, Bialbog, Czernebog, die Namen diverser Götter auf einen sehr kräftigen Geschmack deuten. Die alten Römer nannten es, wie sie, glaube ich, mit den meisten Inseln taten, Rö oder Roe. Der Name Rugia kommt später vor, und wechselt auch noch mannigfalt; kein Mensch weiß, ob er von den germanischen Rugiern herrührt, von denen uns in Tertia erzählt worden ist, dass sie mit den Herulern beliebte Soldaten in Rom gewesen, und durch ihren Führer, Herrn Odoaker, das weströmische Reich gestürzt haben.

Kurz, es sind mir wenig Forschungen auf meiner Durchreise gelungen, und ich folge zumeist dem Herrn von Schönholz, welcher unter der bescheidenen Chiffre Fr. v. Sch. und unter steter Verehrung der Insel das neuste und beste Reisehandbuch über Rügen herausgegeben hat. Außerdem habe ich auch das dicke Buch des Herrn Pastor Grämbke gelesen, welches zum Teil auch die Quelle des Herrn v. Schönholz und ein sehr dankeswertes, mit Pastorenfleiß und reicher Kenntnis gearbeitetes Werk ist.

Die Ranen waren denn also unverschämte Seeräuber, die mit Mecklenburgern, Pommern und Dänen in steten Kriegen lagen, und eine Zeit lang auch vom Christentum und Dänemark, besonders von Kanut dem Großen unterjocht wurden. Bekanntlich war die Nordküste Deutschlands am widerspenstigsten und feindseligsten gegen das Christentum, da gab’s viel Schlachten und Blutvergießen, das in uninteressanter Weise durch einander geht, die Kraft der Insel bricht, deutsche Einwanderungen nötig macht, und so am Ende den wendischen Schlag vermischt. Man erzählt sogar detailliert romantisch, dass die letzte Wendin auf Rügen, die noch wendisch gesprochen habe, Madame oder Mamsell Gülzin, im Jahr 1804 verstorben sei.

Item, Rügen war eine pommerische Provinz geworden.

Die alten rügenschen Wenden genießen einen schlechten Ruf, sie gelten für grausam und räuberisch, dem Fraß und Suff ergeben; ihre Sprache soll sich noch ziemlich rein bei den Kassuben in Hinterpommern erhalten haben. Eine Gattung derselben findet man noch in einzelnen Strichen der Lausitz, wo sanft-gebildete Reisende noch heute vor diesen heidnischen Lauten erschrecken. Gegen den eingelernten blond-blauen Begriff der Germanen werden uns auch diese Wenden blond mit blauen Augen geschildert. Man möchte sagen, die nordische Luft erzeuge in ihrer Schärfe und Herbe solche blasse Farben, lasse satter Gefärbtes nicht zu, denn der lichte Charakter geht noch heute durch, die preußische Armee aus den alten nördlichen Provinzen ist beinahe ganz blond, und erinnert in Deutschland damit zum stärksten an die alten Germanen. Freilich sind unterdessen die Haarschneider erfunden worden, die Todfeinde geschichtlicher Sitte; ferner Holstein, Dänemark, England sprechen im Ganzen noch heut für den lichten Charakter; aber Schweden mit seinen dunklen Köpfen, mit seinem durch Schönheit berühmten brünetten Menschenschlage macht alle Regel zu Schanden, wenn man selbst für die dunklen Irländer zugäbe, dass sie ein ursprünglich südlicher Schlag seien.

Die alten blendend weißen, wie alle nordischen Völker hoch gewachsenen Wenden auf Rügen sollen lange Bärte, und kurze Röcke von Tuch oder Lein, kurze Mäntel, kleine Mützen mit einer Feder getragen haben. Daneben sind die Frauen schlecht bedacht gewesen mit einem langen, grauen Kleide aus Flachs, ohne Ärmel – die Weiber haben überhaupt durch die moderne Geschichtsentwicklung das meiste gewonnen; die Weiber und die Kaufleute; die Galanterie des Mittelalters war doch nur Zuckerwerk, und wenn es kein Zuckerwerk gab, da gab’s viel Langeweile.

Interessant scheint mir’s, dass die alten Ranen echt nordisch, wo es mehr Nacht als Tag ist, die Zeit nach Nächten und nicht nach Tagen gezählt haben; auch haben sie von dem erfrorenen Frühlinge und dem rheumatischen Herbste keine Notiz genommen, sondern nur Sommer und Winter unterschieden. Wenn Einem warm ist, da gibt’s Sommer, wenn man friert, Winter. Ihre zwölf Monate haben sie auch viel eigentümlicher benannt als wir mit unseren romanischen Namen, die uns nichts bedeuten, sie hatten folgende Monate: Winter, Krähen, Tauben, Kukkuks, Birken, Salat, Linden, Getreide, Brunft, Blätterfall, Erdfrost, dürrer Mond. Damit weiß man doch gleich, was in der Natur vorgeht, und mit ein Paar kleinen Geschmacksänderungen wäre die ächtete Poesie in den Kalender eingeführt.

Gegen die Frauen waren diese Wenden keineswegs blöde, sie durften deren drei heiraten, und der Pantoffel war auf Rügen unbekannt: die erkaufte Frau war dem Manne leibeigen, eine Magd, sie durfte nicht mit am Tische essen und musste dem Manne und seinen Gästen die niedrigsten Dienste verrichten. Nur an den zweiten Frauen entschädigte sich die erste und knechtete sie. Jede Braut sang ein Klagelied, wenn sie das Elternhaus verließ, angeblich, weil sie das heimische Feuer auf dem Herde unbehütet verlassen müsse, dann stieg sie auf den Wagen, welchen der Bräutigam sandte. Er bewillkommte sie an der Grenze seines Eigentums mit einem Feuerbrande und einem Trinkgefäß. Jener war Symbol, dass sie nun den neuen Herd hüten solle, aus diesem durfte sie trinken. Dies geschah, wenn sie die Wohnung betrat, noch einmal, und darauf wurde ihr das Haar abgeschnitten und der Brautkranz aufgesetzt. Kinder gehörten dem Vater, er machte mit ihnen, was er wollte, nur Söhne erbten gesetzmäßig, missgestaltete Kinder durfte der Vater töten, auch Töchter, wenn sich deren zu viel einfanden. Die Erbschaft der Söhne ging nach dem Verdienste im Wettlauf. Laufen war also die erste Tugend und das einträglichste Geschäft.

Die Griewen, oberste Priester, waren Hauptpersonen, sie machten auch die Gesetze, vor denen nichts rettete. Ehebrecher wurden von Hunden zerrissen, Jungfrauenverführer starben in den Flammen, Weiber, die nach dem Manne schlugen, büßten ihre Nase ein, auf Verleumdung stand Stäupung oder Tod, auf Diebstahl Prügel oder Tod durch wilde Hunde, wer den Gastfreund beleidigte, musste sterben, gegen Mord stand die Blutrache offen.

Man sieht, die Gesetze waren nicht viel weniger als die Drakonischen mit Blut geschrieben, und man konnte leicht zu einem Schaden kommen, der keinen zweiten zulässt.

Ihre Religion war heidnische Vielgötterei, und hier spielen die Bog’s, Bog als Hauptgott, Bialbog als weißer und Gott des Guten, Czernebog als schwarzer und Gott des Bösen ihre Rollen. Dreieinigkeit und persischer Dualismus beisammen. Nun gab’s aber noch viel apanagierte Gottheiten, die Vit's, Swantevit, Rugevit, Borevit und Poromur, von denen Swantevit mit sehr gesuchten Eigenschaften der bei Weitem beliebteste und auf Arkona, an der Nordspitze, zu Hause war. Er hatte ein weißes Pferd, welches mit den Priestern die einflussreichste, prophetische Rolle spielte,

Wie sie ihre Toten begruben, interessiert uns indes am meisten, da hiervon allein noch die Spuren in den verschiedenen Grabmälern übrig sind.

Die Leichname wurden verbrannt, oft in Gesellschaft mit Gesinde und sonstigem Zubehör des Herrn, da die naive Ansicht, wie bei den alten Germanen vorherrschend war, im neuen Leben finge man Geschäfte und Interessen just wieder da an, wo man sie hier gelassen habe. Die Asche ward in eine Urne getan, und diese auf verschiedene Weise bedeckt, entweder mit Steinblöcken oder mit Erdhaufen. Davon finden sich nun viele Variationen, und dieser Reste sind noch so viele übrig, dass man wie durch einen großen Begräbnisplatz durch diese Insel reist. Frei liegen die alten Recken in Gottes Welt, das Meer kann oft zu ihnen aufsehen, die Vögel des Himmels umkreisen sie in weiten Bogen, der Wind trägt ihnen ungehindert von allen Seiten Nachrichten und Grüße zu, kein Dorfschulmeister hat mit dem Tischler seine Lamentationen auf ein schwarzes Täfelchen geschrieben, und den Tod eingeengt in alltägliche Beziehungen, die alten Rügener schlafen frei und groß wie die Elemente.

Dass sich auch bei den Lebenden noch deutliche Zeichen einer uns fremdartigen Nationalität vorfinden sollen, mag ich nicht ohne Weiteres zugeben, noch auch in Abrede stellen, da ich die eigentlichen offiziellen Striche der alten Rügener, wo sie sich am deutlichsten erhalten haben sollen, nicht gesehen habe. Dies ist der südliche Teil Rügens, das sogenannte Mönchgut, und es sind einige Inseln, besonders Hiddensee und Ummanz. Was übrigens dem aus Mittel- und Süddeutschland Kommenden Fremdartiges hier entgegentritt, scheint sich nicht allein auf Rügen zu beschränken: es ist entweder ein derbes, biederes, halb seemännisches Wesen, was dem Norddeutschen im Allgemeinen eigen sein mag, oder es ist jener Anstrich von Dänemark und Schweden, der sich wie eine Lufttinte bis hierher erstreckt. Besonders von Schweden. Das frühere Schwedisch-Pommern mit Greifswald, Stralsund und dem anliegenden Striche bietet heut noch mancherlei Sitte und Äußerung, welche aus der früheren Herrschverbindung übrig geblieben ist.

Rührend ist die aristokratische Absonderung solcher kleinen Inseln, wie Hiddensee und Ummanz: so wie der Neapolitaner und der Pariser stolz auf die übrigen Italiener und Franzosen sieht, so nennen die Ummanzer ihr Inselchen vorzugsweise „das Land“, verkehren ungern mit den Rügenern, und sehen es sehr ungern, wenn einer von ihnen eine Rügnerin „friet“ (freit). Die Hiddenseeer nennen ihre kleine Insel das süße Ländchen, „söte Länneken“, und manche von ihnen kommen ihr Lebtag nicht nach Rügen. Auch die Sprache sondert sich ab als rein seemännisch-plattdeutsch, sie fertigen sich, ganz unabhängig von aller Nachbarwelt, auch ihre Kleidung selber, und sind ein hoch und schlank gewachsener Stamm mit blauen Augen und blonden Haaren. Ganz verschieden von ihnen sind die groß und starkknochigen Mönchguter mit vorherrschend dunklem Haare. Ihr verdorbenes Plattdeutsch wird selbst von den andern Rügenern schwer verstanden, sie recken die Worte aus wie die Meereswelle, welche sich breitet: Milch nennen sie Melek, Kalb – Kallef, der Seehund heißt bei ihnen Sahl, die Gerste – Gaß, die Semmel – Peit, Worte, die nur bei ihnen gekannt sind. Nur schwedische Anklänge finden sich auch hier: Königin heißt bei ihnen auch de Dronning, König – de Köning; ihr eigen Land nennen sie Mönnichgaud.

Vor Allem charakteristisch ist ihre Tracht, die noch vom Fürst Ratze herzustammen scheint: Schwarz ist vorherrschend. Alles, eine selbstgewebte weite Jacke, zwei Paar Beinkleider über einander, und darüber noch weite Fischerhosen. Die Frauen tragen eine hohe, kegelförmige Mütze, in welcher so viel Zeug steckt, als eine Grisette zur ganzen Bekleidung ihres muntern Körpers braucht; darüber wird noch ein Strohhut gestülpt. „Ehefrauen und Jungfrauen unterscheiden sich durch das Band an der Mütze.“ Der Busenlatz ist bei Festkleidern rot und mit Silber oder Goldspitzen besetzt, dieser und die weiße, steif gestärkte Schürze stechen allein vom schwarzen Grundton ab. Wie die Männer ihre Beine, verwahren die Frauen den Busen mit doppelten Tüchern.

In ihren sehr niedrigen Wohnstuben leben sie höchst einfach, meist von Fischen, – wir Binnenleute könnten bezweifeln, dass diese Nahrung für so weitläufige Gestalten ausreiche. Ihre Antipathien sind das Kalbfleisch und der Putbusser. Jenes essen sie nie, und mit diesem verkehren sie höchst ungern. Sie unterschreiben fast nie ihren Namen, sondern malen statt dessen ein Hauszeichen hin, was ihnen heiliger ist denn Alles. Fr. v. Schönholz erzählt, dass die Frauenzimmer das Recht haben, den Mann, welcher ihnen gefällt, selbst anzusprechen, „na ehn’ utstellen“ (nach Einem ausstellen), wie sie’s ausdrücken. Dies will mir zu einer originellen Landessitte nur halb passen, welche unseren jungen Dichtern zu einem Gedicht empfohlen werden kann: Wenn ein Mädchen nämlich heiratsfähig ist, so hängt sie ihre Schürze ans Fenster, und darf nur unter den Männern wählen, welche vorübergehen. Sind nun Eltern und Verwandte gegen eine Liebschaft, so wählen sie den Zeitpunkt, wo der Liebste zur See ist, und den Schürzengang nicht mitmachen kann. Da steht nun das arme Mädchen weinend hinter der Schürze und schilt das Meer und hofft, es werde hereintreten ins Land und das Boot des Geliebten im Bereich der Schürze stranden. Weinend kuckt sie aber doch durch die Lücke, ob nicht wenigstens ein leidlicher Stellvertreter gewählt werden könne. Diesen abscheulich modernen Zusatz werden die Dichter weglassen mögen.

Der Hauptfeind Mönchguts ist der Seehund, der zahlreich an der Küste streift. Ist einer in die Netze gebrochen, so gibt’s ein Landesaufgebot, ihn zu fangen, Weiber und Männer tanzen am Strande, und singen einen uralten Reigen, ehe sie an den Feind gehen:

Hahl mi den Sahlhund ut’n Stranne
To Lanne!
He hett mi all de Fisch, ux fräten,
Hett mi’t ganze Nett terräten,
Hahl mi den Sahlhund ut'n Stranne
To Lanne!

Man sieht, es ist wenig Idealistik in dieser Poesie.

Ich habe oft gedankenvoll auf diese Küste hinübergesehen, und den Reiz eines solchen Lebens ohne Kalbfleisch und mit der einzigen Feindschaft gegen den Seehund vorzustellen gesucht – es kommt Alles auf die Frage hinaus: Viel oder wenig Bedürfnisse? Mein Glaube hält es durchweg mit den Bedürfnissen, je mehr, je besser; Herz, Geist und Leib, je mehr sie wollen, desto reicher sind sie mir, denn desto mehr haben sie. Wer viel braucht, entbehrt mehr, aber er hat auch mehr.

Doch will ich Euer Glück nicht antasten, schwarze Mönchguter! Das Essen schmeckt Euch, Eure niedrigen Stuben wärmen Euch zum Behagen, die stille Gewohnheit macht Euch einander lieb und wert, Ihr hofft fürs nächste Jahr auf reichen Heringsfang, und lebt mit drei Interessen des Jahres siebzig Jahre hin und sterbt auch nicht gern.

Aber Alles kommt sicher nicht in gleiche Verhältnisse auf einer andern Welt – des Mönchguters Seele hat ja doch eine ganz andere Geschichte und ist deshalb eine ganz andere als die des Parisers.

Und so wird der Unterschied fort gehen in andere Welten, und das von der Erde gleich Zusammenkommende wird sich wieder in neue Unterschiede sondern. Das ist die Welt.

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Bergen auf Rügen

Bergen auf Rügen

Greifswald, Giebelhaus am Markt

Greifswald, Giebelhaus am Markt

Rügen, Jagdschloss Granitz

Rügen, Jagdschloss Granitz

Rügen, Schloss Ralswieck

Rügen, Schloss Ralswieck

Hiddensee, Blick in Richtung Rügen

Hiddensee, Blick in Richtung Rügen

Hiddensee, Fischer 1963

Hiddensee, Fischer 1963

Hiddensee, Leuchtturm auf dem Dornbusch

Hiddensee, Leuchtturm auf dem Dornbusch

Hiddensee, historische Karte 1829

Hiddensee, historische Karte 1829