Eine Fahrt nach Pommern – 5. Nach Rügen

Aus: Neue Reisenovellen. Erster Band
Autor: Laube, Heinrich (1806-1884) deutscher Schriftsteller, Dramatiker und Theaterleiter sowie Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung, Erscheinungsjahr: 1837

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Pommern, Wolin, Usedom, Reisenovelle, Heinrich Laube, Stettin, Swinemünde, Arkona, Stubbenkammer, Seefahrt, Schill, Badegesellschaft, Bade-Saison, Ostseebad, Badeleben, Baderegeln, Badeurlaub, Ostseeküste, Seereise, Seekrankheit, Vineta, Julin, Sagen, Putbus, Mönchgut, Insel Vilm, Greifswalder Oie, Badehaus
Ein gefälliger Hausgenosse weckte mich mit der Nachricht, es liege ein kleiner Schoner zur Abfahrt nach Rügen bereit, in zehn Minuten gehe er in See. Ich entschloss mich schnell, flog in die Kleider, steckte ein Paar Bücher in die Manteltasche, wie arme Leute ein Stück Brot überall mitnehmen, und sprang ans Bollwerk. Das Dampfschiff ging nicht mehr, eine Privatfahrt auf kleinem raschem Schoner war das einzige Mittel, die gepriesene Insel, Deutschlands Thule, zu sehen, und es wäre mir doch eine Schande für die Abendzeitung gewesen, hätte ich mich an der Ostküste herumgetrieben, und die offizielle Insel der Reisenden nicht besucht. Luisa, die dienstbare, stürzte mit zwei Buttersemmeln hinter mir drein, denn ich hatte das Frühstück im Stich gelassen, aber wie Ariadne streckte sie erfolglos die Arme nach dem Wasser, wir lavierten bereits aus dem Hafen; wenn Theseus auch gewollt hätte, und er verlangte wirklich nach den Buttersemmeln, das Geschick und Schiffer Ulrich wollten nicht.

Das kleine Fahrzeug war ganz vollgepfropft von Reisenden, kaum fand ich einen bescheidenen Platz, und dachte, zurückgezogen mich in den Mantel hüllen und den Elementen wie dem kleinen Menschenhäuflein ungestört zuschauen zu können. Aber Schriftsteller sind wie Gebrandmarkte oder Lorbeerbekränzte – in diesen Extremen bewegt sich ja auch zumeist ihre Existenz: sie sind nirgends unbekannt. Aus diesem fremden chaotischen Knäul wickelte sich schnell ein munterer Sachse, dem ich schon einmal begegnet war, und der mich begrüßte. Die Gesellschaft, meist aus Studenten und jungen Gelehrten bestehend, diesen privilegierten Reisenden unseres Vaterlandes, war sehr munter, wenn es auch nur eine angewöhnte Munterkeit war – namentlich die Studenten lärmen vielfach in einer Tradition unechter Lustigkeit – und erklärte, das junge Deutschland sei nur auf dem Lande verboten, und auf der See könnte man’s leben lassen. Öffentliche Personen erkaufen den etwaigen Ruhm, oder die Renommée, wie man das Wort schattiert hat, immer mit verletztem Schamgefühl, die Welt rächt alles Heraustreten auf irgend eine Weise. Das leichtblutige Mädchen bezahlt seine Lust mit Flüstern und Fingerzeigen, was ihr begegnet; die Cavallière fiel darüber ins Kloster und in den Tod, und seit einigen Jahrzehnten behandelt man die kouranten Schriftsteller eben auch wie Maitressen des Publikums. Aber auch das wirkliche, heraustretende Glück findet seinen Neid, findet sein Lob – Lob ist ja auch eine Verletzung, wenn auch mit Blumen.

Indessen früh auf dem Meere gibt's erquickendere Gedanken – die Sonne stieg glänzend über das Wasser empor, frisch und voll blies der Südost in die geteerten kleinen Segel, die pommersche Küste sah grüßend mit dunklem Walde nach uns her, die weißen Häuser von Heringsdorf, was eine Stunde nordwestlich von Swinemünde auf einer Strandhöhe liegt, glänzten und lachten. Dieses kleine Seebadetablissement nimmt die Ruhesuchenden freundlich auf, hier stört kein Gesellschaftshaus, keine eigentliche Saison, das Meer ist im Gegensatze zu Swinemünde dicht dabei, Poeten, die keine bewegte Welt brauchen, die eine halbe Einsamkeit suchen, das Langweiligste für Andere, die Genrebilder wünschen und Sonnenaufgänge nach der Melodie:

„Flammenhufig erhebt sich das Gespann
Der Sonnengott kommt tönend an“

solche Poeten, resigniert habende Mädchen, welche deklamieren: „Nur die Natur ist ewig gerecht“, Professoren – Frauen mit vieler Familie, die einer Seewäsche bedarf, Diätetiker mit starken Grundsätzen und andre ehrliche Leute, alle die mit einem Worte, welche nicht in Swinemünde oder sonst wo baden wollen, wohnen in Heringsdorf. Man lasse sich nicht verleiten, den Namen von Willibald Alexis herzuleiten, weil er im bürgerlichen Leben schlechthin Häring heißt und in Heringsdorf ein Haus besitzt; dieser Name hat eine andre Geschichte: ein Fürst hat hier gefrühstückt, und man hat ihm als Landesprodukt Heringe vorgesetzt, dafür hat er dem Örtchen solchen Namen verliehen.

Übrigens ist’s einer von den Orten, an welchen sich seit Jahren ein und dieselbe Drohung knüpft, man sagt nämlich in jeder Saison: Heringsdorf wird Swinemünde vernichten. Dies soll ein Hauptgenuss in Heringsdorf sein.

Immer weiter linksab blieb uns die Küste, keck und kühn ging’s mitten in See hinein, und die waldigen Uferberge von Usedom wurden ferner und blauer.

Wenn ich in eine unbekannte Gesellschaft trete, so stellt sich mir oft das Bild der bloß idealistischen Poesie entgegen, die in ihrer Phrasen Unbestimmtheit gar keinen Eindruck gewährt; solch eine Gesellschaft ist ein Chaos, aus welchem sich erst nach und nach die Einzelheiten absondern, und durch ihre Einzelheit werden die Gestalten erst Gestalten. Einer spricht viel, der Andre wenig, Einer hat eine große Nase, der Andre rümpft eine kleine, Jener zeigt feine Wäsche, Dieser gar keine. Jener sagt Deutschland und seine Bewohner, Dieser „Deutschlands Söhne.“ Auch auf dem Schoner sonderten sich mir die Figuren erst, als wir schon auf hohem Meere waren. Zunächst unterschied sich ein Privatdozent als sehr ruhmredig, und das Törichte wagend, um einen Teil seiner Versprechungen wahr zu machen: er wollte auf allen Meeren gewesen und auf den Schiffen ganz zu Hause sein. Dies zu beweisen kroch er am Hauptmast in die Höhe, die Strickchen benutzend, welche das Segel daran befestigen, und bald saß er denn auch zu Ulrichs kopfschüttelndem Missbehagen über dem Segel in einer sehr unbequemen Stellung, die er uns als sehr genussreich anpries. Dergleichen erwartet man von einem Schiffsjungen und dem sehen wir ruhig zu, aber ein Privatdozent mit langem schwarzen Rocke nimmt sich ganz schlecht dabei aus, weil es immer eine Gefahr für ihn bleibt, und der Gedanke daran die Zuschauer stört. Wer unnütze Gefahr aufsucht, bloß um die Augen auf sich zu ziehen, ohne dass man ihm ein freches, wirklich innerliches Behagen am Gefahrvollen ansieht, der erreicht auch nicht einmal den nächsten Zweck der Prahlerei.

Weil die Spannung zu lang dauerte, vergaß man am Ende den Privatdozenten und sah nicht mehr hinauf; dies bewog ihn, seinen genussreichen Sitz aufzugeben, und am Spiegel des Schiffes mit Überbaumeln sein Heil zu versuchen, welcher Versuch auch nicht die genügende Würdigung fand. Plötzlich wurde der Polytropos von der Seekrankheit überfallen, und verschwand vom Schauplatz, das heißt, er legte sich den Umständen angemessen nieder.

Neben mir arbeitete ein kleiner renommistischer Fuchs aus Halle, welcher wie gewöhnlich seine große Unkultur und große Mutlosigkeit hinter großen Worten zu verbergen suchte. Wollen diese Flegeljahre deutscher Bildung, die Studentenjahre, in späterer Zeit überhaupt nicht mehr gefallen, weil sie sich abgerissen von aller Gesamtheit als eine forcierte Idealistik hinstellen, wo für den Erfahreneren die Illusion abgeht, so macht ein Fuchs unserer Tage, der bei einigem Verstande gar nicht mehr an die Tradition seiner Freuden glauben kann, den Eindruck einer kompletten Karikatur. Er erinnert an die jungen Schauspieler oder Schauspielliebhaber, welche pathetisches Deklamieren ungenossener Stellen für poetischen Reiz ausgeben. Dieser Fuchs, dem, wie der Student sich ausdrückt, der Rand nicht stille fand, schwatzte und spektakelte so ununterbrochen, dass ich ihm von Herzen die Seekrankheit an den Hals wünschte. Man hatte ihm gesagt, sie sei dadurch zu vermeiden, dass man fleißig esse und ununterbrochen die Bewegung des Schiffes mitmache: er verzehrte also ein Weißbrot nach dem anderen, und rutschte wie ein Perpendikel an der Banklehne hin und her – je größer die Verhöhnung von seinen Reisegefährten war, desto mehr hielt er seine Tüchtigkeit und Konsequenz für gefährdet, desto lebhafter rutschte er, der Schweiß fand ihm auf der Stirn, er schrie aber doch nach Kräften mit, da seine Genossen allerlei Lieder durcheinander sangen – endlich blieb er auf dem Schlachtfelde. Aber er konnte nicht sterben, und noch im tiefsten Jammer schrie er wieder einmal auf: Mein Lebenslauf ist Lieb und Lust –

Die unermüdlichsten Sänger waren übrigens ein Paar Studenten aus Siebenbürgen – zu Hause, meinten sie, ist nicht vom Singen die Rede, besonders solche Freiheitslieder sind nicht statuieret, da müssen wir uns die Zeit in Deutschland zu nutze machen. Einer von ihnen war ganz bartverwachsen und sah lebensgefährlich aus. Also auf der Ostsee, dachte ich, musst Du solch einen ganzen Demagogen wiederfinden, der für einen schwülstigen Vers von Follenius Mond und Sonne mit Pulver auseinander sprengt; aber ich hatte mich arg getäuscht: erstens war er ein Theologe, der in Ermangelung einer Dogmatik sich ans Moralprinzip hielt und die Liebe zu einem Mädchen für höchst frevelhaft ansah; zweitens hatte er nicht die allerbürgerlichste Courage, fürchtete sich auf der Ostsee vor’m Gubernium in Siebenbürgen, vor dem Wasser, vor dem Winde und vor allen Elementen, die man etwa noch erfinden möchte; aber er trug einen eisernen Ring, einen eisernen Stock und kein Halstuch, und sang in allen Pausen:

Steig aus der Nacht,
O Hermannsschlacht!

Sein schlankerer, jüngerer Landsmann war etwas frischer, und offenbar ein mutigeres Naturell, aber auch wie die tugendhaften Französinnen auf der einen Seite, und wie die leichtsinnigen auf der andern: jusqu’à un certain point, eine Redensart bekanntlich, ohne welche es in Frankreich keine Unterhaltung, keine Tugend, keine Liebenswürdigkeit, kein Gesetz, keinen Geist, und in Siebenbürgen keine Courage gibt. Wie verkümmertes Heidekraut blühte mir auf Ullrichs Schoner und im weiteren Verlauf der Reise siebenbürgische Nationalität entgegen. Zwischen Armut, öde, barbarische Nachbarschaft, straffes Regiment von außen und eigne Schwäche eingewürgt, machte mir das Bild dieses Ländchens den traurigsten Eindruck.

Eine Nationalität, die aus den fremdartigsten Elementen zusammengewürfelt ist, und ihre Ehrenstandarte so mit verliert, um welche sich Stolz und Mut stets wieder zusammenfindet, wird immer einschrumpfen in kleine, niedrige Bezügnisse, vor allen Dingen das kleine Bisschen Leben und das notdürftige tägliche Brod zu erhalten suchen. Von Ausgleichung der Nationalität kann immer erst die Rede sein, wenn die edlen und hohen Beziehungen, das stolze innere Lebenselement erst sicher gestellt sind. Unsere Landsleute, Tuchmacher und Krautpflanzer, welche in die siebenbürgischen Berge eingewandert sind, und dort als Sachsen und Schwaben ihre Plätzchen gefunden, haben sicher reichlich dazu beigetragen mit ihren Notdurftsanforderungen, die Atmosphäre jenes Landes abzuschwächen. - Von ihnen stammte auch der Ostseebramarbas, und das Obige fand eine traurige Bestätigung darin, dass ein Paar Ungarn auf dem Schiffe waren, und zornig die Frage zurückwiesen, ob sie auch Siebenbürgener seien – Sind wir Ungarn, echte Ungarn sagten sie, stolz sich aufrichtend im schwersten Seejammer. Der Bramarbas flüsterte uns zu, dass diese Ungarn, unter denen oft der Schweinehirt ein Edelmann sei, sich immer übermütig appart hielten – dabei sah er sich aber ängstlich um, ob ihn der kranke Ungar etwa am Kragen packe. –

Alles Mögliche bei Seite gesetzt, bewiesen die Ungarn offenbar einen vollen inneren Kern neben diesem holen, mutlosen Gesellen.

Es darf nicht in Verwunderung setzen, dass auf ein scheinbar so Alltägliches, wie der ordinäre Mut, solcher Wert gelegt sei – in dem Worte Mut liegt eine ganze Welt, eine Welt des Willens, der Fähigkeit und schöpferischen Kraft, Zugestanden, dass diese moralische Tätigkeit, welche mit dem Namen Mut benannt wird, oft nur der Instinkt eines starken Körpers, oft wirklich nur ein materielles Häuflein Sehnen und Muskeln sei; zugestanden, dass zwei Dritteile der Mutigen nur darum vorwärts gehen, weil sie durch die Nebenleute, die Redensarten, die Terminologie des Lebens so gewöhnt worden sind; zugestanden also, dass der Mut großen Teils eine Sache des Körpers und eine des Herkommens, der Sitte ist – läge darin ein Vorwurf? Ist unser Leib nicht ein Bedingendes für das Außerordentliche selbst, was ein Mensch leisten kann? und wo hört er auf, wo fängt er an, wo stehen die weißen Grenzfarben des reinen Geistes? Eine schlechte Leber, eine verstopfte Milz, welche Gedanken und Gefühlsrichtungen können sie in Bewegung setzen, wenn sie sich bei einem sonst gewaltigen Menschen und mit diesem an einem gewaltigen Orte vorfinden! Werdet Ihr deshalb das Recht haben, eine welthistorische Epoche leber- oder milzkrank zu nennen, weil diese körperlichen Organe auf den Urheber der Epoche einen starken Einfluss geäußert? Alle Leute, die an der Leber leiden, zum Beispiel, sind leicht grillig, hypochondrisch, in diesem üblen Zustande gehen sie allen Dingen mehr an die Spitze, die Anfänge, auf diese Weise erfinden sie – ist das Verdienst des Erfinders geringer, weil er durch Leberkrankheit dazu gekommen ist? Eine frische Lunge und Leber unterstützen den Mut, das ist wahr, wer Beides schlecht hat, wird doppelten Aufwand nötig haben, um eben so viel Mut zu gewinnen – tut dies der Absolutheit des Mutes etwas? Gewiss nicht – bei Beurteilung der Personen mögen wir darauf Rücksicht nehmen, der Mut an sich bleibt uns ein außerordentliches Moment, und seine Zeitigung im Menschen bleibt etwas Notwendiges und Verdienstliches. Was haben wir denn ursprünglich? Anlagen, Alles muss gelernt werden, und auch der Mut lässt sich lernen. In jedem Helden steckt ein Hundsfott; dass der nie zum Vorschein komme, ist eben Sache des Helden. –

Dass Herkommen und Sitte ein Teil des Mutes sind, ist gewiss wahr, Verschiedene Völkerschaften haben sehr verschiedene Äußerungen des Muts, was diesen für Feigheit gilt, ist es Anderen nicht – ist der Mut darum ein Geringeres, weil er ein Übereinkommen menschlicher Gemeinschaftlichkeit ist? ruht nicht in Sitten und Gebräuchen das Wesentlichste gemeinschaftlicher Seele?

Eine tiefe Bedeutung liegt darin, dass ihr bei den ordinärsten Menschen, welche nicht durch Nahrungssorgen entmannt find, allen Bezug der Achtung und des Wertes auf den Mut konzentriert findet, dass der Mut beim einfachsten Mädchen zuerst und am sicherten die Liebe zum Manne weckt. Die Österreicher haben seit einiger Zeit die Erlaubnis, in Deutschland die Berliner Universität besuchen zu dürfen. Von dort bekommen sie denn auch wohl die Erlaubnis zu kleinen Reisen in Preußen; wenn nun diese zum Beispiele in die Nähe von Hamburg führen, so ist wohl auch bei einem Siebenbürgner das Verlangen natürlich, und nicht so ganz strafwürdig, Hamburg zu sehen, besonders wenn sich der Siebenbürgner so innig seiner Unbedeutendheit und des bloßen Verlangens bewusst ist, den Jungfernstieg betrachten zu wollen, und einmal Austern in der Nähe zu sehn. Der Bärtige hielt aber diesen Wunsch für unmoralisch und frevelhaft, weil er die österreichische Studienfreiheit kompromittieren könne.

Die Notwendigkeit eines Passes hat nur dies Bedenken, dass guterzogene Menschen am Ende noch weniger und noch papierner werden können als ein Pass.

Mein Heimatstolz ward durch das Schicksal eines andern Reisegenossen sehr verletzt; ich halte es aber doch für meine Schuldigkeit, nicht darüber hinwegzugehen: ein kleiner Breslauer nämlich, mit einem kleinen blauen Röckchen angetan, ward viel gehänselt, er trug unter dem kleinen Röckchen einen kleinen Überfluss auf dem Rücken, fror immerwährend, und rauchte trotz Seebeschwerden unermüdet aus einer kleinen Pfeife Tabak. Sein Akzent war mit all den kleinen, behenden Breslau’schen Worten eingefleischt schlesisch, und weil er alle Maßstäbe von der Breslauer Oder und den Breslauer Bierbrauern hernahm, übrigens auch in stetem Frost und Tabakrauchen nicht den kleinsten Reisegenuss dokumentierte, so war er wirklich wie ein kleiner Ableger des Dr. Syntax, eine komische Figur; ein Reisender quand même, der unter allerlei Unbehaglichkeit doch reiste, obwohl er nicht das geringste Vergnügen davon hatte, dem es anzusehen war, wie er von den Reizen seiner großen Reise erzählen und rühmen werde, sobald er erst wieder das warme Stübchen „auf der Hummorei“ in Breslau erreicht hätte. Gott schütze die Reisenden, die um jeden Preis reisen, sie haben’s nötig.

Ich sehnte mich sehr nach dem offenen Meere, das heißt nach einem Meere, wo nichts zu sehen ist, als Himmel und Wasser. Unsre Illusion ist noch eigensinniger als ein Frauenzimmer: ein Frauenzimmer ist zufrieden, wenn sie keine Nebenbuhlerin der Liebenswürdigkeit sieht, die Illusion aber ist zerstört, sobald eine Grenze geahnt werden kann; ein schlechtes Auge, was nichts als Himmel und Wasser sieht, bringt doch keine Illusion, sobald der Schiffer sagt: Bei gutem Wetter sieht man in Südost diese Küste, in Nordwest jenes Eiland; und nach Rügen hin wird selbst ein mittelmäßig Gesicht die brutalsten Störungen nicht los. Rückwärts verlässt Einen der blaue Streif und die Spitze von Usedom nicht, heillose Spitze, wo ich später einen direkten Blick in den Acheron tun musste, und rückwärts erhoben sich bald aus den Wogen zwei Eilande, Ruden und die Oie, genannt die Greifswalder Oie, zwischen welchen hindurch die Fahrt sich wendet. Hinter ihnen erblickt man bereits den blauen Punkt von Mönchgut, dem südlichen Teil Rügens.

Diese östliche Meeresküste Usedoms, aus welcher wir herausgesteuert waren, hat den pommerschen Historikern viel zu schaffen gemacht mit den Geheimnissen der Unterwelt. Da sollen versunkene Städte schlafen von wunderbarer Pracht und Herrlichkeit, mit goldenen Toren und silbernen Türmen, die sollen in Handelsverkehr gewesen sein mit den Griechen, das heißt mit den ordentlichen Griechen, mit den Häusern Solon, Cimon und Comp., aus welcher Zeit der klassische Hauch noch stammen soll, der über Pommern, respektive Hinterpommern lagert. So tief liegt der Autoritätstrieb in uns, dass Länder, sonst so unbefangen und genügsam wie Pommern, in den Meeresgrund steigen, um Gewährnis zu holen für alte, historische Verbindung. Man wird mich im Verlauf dieser Reise schiffbrüchig, in großen Filzschuhen, den Mantel statt des gewünschten Schlafrocks umschlagend, auf einem sandigen Eilande liegen sehen, wo ich nichts zu genießen finde als etwas Rauchfleisch und eine von Fliegen beleidigte pommersche Monatsschrift. In dieser stehen alle Nachrichten, Sagen, Scholien und Glossen von den versunkenen Städten Vineta und Julia, welche Städte auch eine Stadt gewesen sein können, da es an Taufzeugnissen aus jener heidnischen Zeit fehlt und Saxo Grammatikus nicht vereidigt und klar genug geschrieben hat. Kurz: am hellen, stillen Sonnentagen will man die Glocken von Vineta unter dem Meere läuten hören und die Turm- und Kirchendächer durch das Wasser leuchten sehen; die größte Handelsstadt des Nordens von außerordentlichem Umfange und Reichtum sei dort von den Fluten verschlungen worden, und wenn heutiges Tags ein Schiffer drüber fahre, der gottlos und schlechtdenkend sei, da passiere ihm dort das größte Unglück.

Wenn ihm zum Exempel seine Liebste nicht mehr gefallen, und er sie verlassen habe, so finde er sie dort wieder – dies erzählte Ulrich, der Schiffer und sagte Brr! dabei, schüttelte den Kopf und nahm einen Schluck aus der Strohflasche.

Wie überall hin, haben denn auch hier ins Meer die Stationalisten ihre Laternen gesteckt und die unterirdische, wie sonst die überirdische Welt vernichten wollen mit der Bemerkung, die goldenen und silbernen Mauern, Tore und Türme der klassischen Handelsstadt Vineta seien einfache Felsenriffe, die man bei gutem Sonnenscheine sehen könne. Als ob die wichtigsten Dinge mit einer Bemerkung zu erledigen wären – das Wort Bemerkung ist überhaupt schon ein naseweises Wort. Ferner: als ob an einer Küste, wo mit vortrefflichstem Auge gar kein Felsencharakter, sondern nur Sand, Düne, Sandbank zu entdecken ist, als ob an solcher Küste eigensinnig allein Felsen etabliert sein würden, lediglich, um den Leuten eine klassische Anknüpfung zu rauben! O, pfui! Wenn man artig wäre, gäben die Pommern sicherlich die alten Griechen drein, und begnügten sich mit einer überschwemmten Wendenstadt. Heide ist Heide, indessen, ich will kein historisches Recht vergeben, und fahre mit Ulrich weiter.

Artig braun und blau hob sich die Küste von Mönchgut immer deutlicher vor uns aus den Fluten; unser Südost war stetig und frisch, und legte sich mit vollen Armen in die Segel; die bebuschte Insel Vilm, welche in der Bucht von Putbus liegt, stieg ebenfalls aus der See, und bei einer kleinen Wendung nach Rechts sahen wir auf der Strandhöhe hinter dem Vilm die weißen Punkte, welche in der Nähe die weißen Häuser von Putbus sind. Es liegt eine kleine halbe Stunde vom Strande, und hat mit den schneeweißen, in einzelnen Partien etwas kahl sich bietenden Häusern ein wunderlich Ansehen von frischer Wäsche, die aufs Plätten wartet.

Die Küste, zwischen welcher und dem Vilm zum Landungsplatze gesteuert wird, ist schön bewaldet, im Meere stehen bunt wie stille Pagoden die Badehütten, durch die Büsche winkt lockend ein stattlich weißes Badehaus.

Ich verhandelte mit Ulrich, dass er drei Tage und drei Nächte auf mich warten soll, unverführt von etwaigem günstigem Nordwest, der eintreten könne, und wendete mich zu Fuße mit dem muntern Sachsen, einem jungen rüstigen Pommer und den trübseligen Siebenbürgern rechts nach dem Badehause, um in der See zu baden. Die Ungarn und der Bruder Breslauer, dessen Pfeife noch brannte, ließen sich vom Privatdozenten gen Putbus leiten. Er hatte wie Columbus und Wilhelm Tell einige unbequeme Begrüßungsversuche mit dem Rügenschen Erdboden vorgenommen, und sich den schwarzen Rock dabei beschmutzt, sonst schien ihm der ganze Meeresmut wieder gekommen zu ein, wir hörten ihn noch weithin lärmen.
Zeit für eine Bootspartie

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Wie die Heringe

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Sonne Sand und Meer

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