Ein russischer Staatsmann. Band 1

Des Grafen Jakob Johann Sievers Denkwürdigkeiten zur Geschichte Russlands.
Autor: Blum, Karl Ludwig (1796-1869) deutscher Historiker und Professor für Geographie und Statistikwissenschaften an der russischen Universität Dorpat., Erscheinungsjahr: 1857
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Russland, Deutschland, Russen, Deutsche, Auswanderer, Kolonisten, Fortschritt
Wahrheit ist die erste Erfordernis der Geschichte.
                                        Friedrich der Große

Als der Russische Staat zuerst in die großen Weltverhältnisse eintrat, umgaben ihn nah und fern Staaten, die dem Anscheine nach alterssiech ihrer Auflösung entgegenwankten. Man durfte glauben, der russische Adler brauche sich nur auf einen nach dem andern zu stürzen, damit er als gute Beute sie insgesamt verschlinge. Aber gleich das Land, das seine Schläge am empfindlichsten trafen, Schweden, erhielt sich in den alten Grenzen, obgleich es frühere Eroberungen opfern musste. Ja, die hohe Pforte, der Russlands Wachstum unter seinem ersten Kaiser am meisten drohte, schickte diesen, nachdem er früher gesiegt hatte, zuletzt geschlagen heim. Es bedurfte ganzer 25 Jahre und der Entschlossenheit Münnichs, um die russischen Scharen wieder mit Glück dem Halbmond entgegenzuführen. Zwei Jahrzehnte später sammelten diese sogar auf preußischem Boden ihre Lorbeeren. Aber der große König, dem sie dieselben abgerungen, setzte nachher im Frieden ihrem Vordringen nach Westen einen solchen Widerstand, und mit den Trümmern eines Slawenreichs solch mächtigen Damm entgegen, dass sie ihn feindlich nie überfluteten. Ihre große Kaiserin lenkte den Zug übersprudelnder Kraft nach Süden, wo sie denn auch Erfolge ruhmvollster Art erkämpften. Erst der tollkühne Übermut eines fremden Eroberers und das Geschick, mit dem die Russen und andere bedrängte Völker die dargebotene Gunst des Schicksals benutzten, öffneten dem slawischen Drang nach dem Westen die Bahn, auf der er vorerst friedlich zurückgedrängt, seitdem immer aufs neue vorbrechen möchte.

Dies Alles liegt scheinbar klar vor Augen. Will man aber näher zusehen, so zerfließen bald einzelne Gegenstände in Nebel; andere weichen unfassbar zurück; noch andere stellt eine Fata Morgana, grade zu auf den Kopf, oder zeigt sie an einem ganz andern Platz, als wohin sie gehören. Es gibt eben keine Geschichte, die so durchaus gefälscht wäre, als die russische grade seit der Zeit, da man glauben sollte, sie sei aus der Dämmerung ans Tageslicht getreten. Bereits zu Anfang unsres Jahrhunderts sagt der große Mann, dessen Lebensbeschreibung hier folgt: das erste Viertel des vorigen Jahrhunderts umziehe sich schon stark mit Finsternis, und das zweite Viertel umdunkele sich beinahe gleicherweise. Dass seitdem die Russische Geschichtsschreibung von Russland aus besondere Aufforderung erhielt, jene Finsternis zu zerstreuen, oder missliche Punkte in ihr wahres Licht zu stellen, wird kein Mensch behaupten. Sie erinnert uns vielmehr an jenen Maler, der einer gnädigen Frau das Portrait ihrer Fräulein Tochter malen sollte. Er ward öfter heimgeschickt, weil er das holdselige Lächeln, das die Mama dem Fräulein vor dem Spiegel lehrte, nicht treffen könnte. Als er dies endlich traf, gab ihm jene noch auf, die plumpe hässliche Nase des Portraits in eine feine schöne zu verwandeln. Ob er die Aufgabe richtig löste, ist uns unbekannt.

Das Tüchtigste, was neuerdings über die erste Hälfte jener Zeit erschien, ist E. Herrmanns Werk. Aber grade der Fleiß und die Umsicht, womit der Verfasser das Material zusammentrug, tut den Mangel an lauteren Quellen aufs sprechendste dar. Jungrussland wird diesem nicht so leicht abhelfen, wie sehr es vielleicht auch über deutsche Gründlichkeit und Ausdauer die Achsel zucke. Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf. Da gehören wir guten Deutschen nicht zu den Seinen. Wir lassend uns sauer werden, um irgend ein neues Feld anzubauen, oder in ein unbekanntes Gebiet zu dringen. Je größere Mühe uns dergleichen macht, um so eifriger wenden wir ihm unsre Teilnahme zu. Ein Anhänger Jungrusslands setzt sich nicht in solche Unkosten; mit wenigen Phrasen Hegels oder Schellings, die er besser als wir Deutschen versteht, leicht ausgerüstet, schwebt er über den Verhältnissen, und sieht unter sich Alles klein. Er schafft Völker und Staaten um, wie durch Taschenspielerkunst. Das Größte, was sein Volk aufzuweisen hat, der Begründer der europäischen Großmacht, wird ihm zum Gegenstand des Mitleids und des Zorns.

So feindselig die Panslawisten gegen Jungrussland auftreten, haben beide doch Vieles mit einander gemein. Beide wollen die Güte haben, Alles als ihr eigen anzusprechen und einzustreichen, was slawisch ist, oder jemals war. Beide vergessen, dass sie die Größe und den Ruhm des Reiches, womit sie gern sich brüsten, vorzugsweise dem Kaiserhause verdanken, das seit anderthalb Jahrhunderten sie beherrscht. Beide lassen sich nicht gern erinnern, dass dies Kaiserhaus die großen Erfolge besonders seinem klugen und entschlossenen Bestreben verdankt, alle Kräfte, die sich im Reiche vorfinden, zu dessen Stärkung und Vergrößerung zu benutzen. Und welche Kräfte waren dafür ergiebiger als die der Deutschen? Ebenso derer, die im Lande wohnten, als derer, die von außen her zuströmten. Seit Peter des Großen Regierung können wir in der Geschichte Russlands kaum einen Schritt tun, ohne Deutschen zu begegnen. Sie lehrten den Russen die Bearbeitung von Eisen, Stahl und Messing, seitdem das volkstümlichste Geschäft unter den russischen Arbeitern; sie brachten ihnen kunstmäßigen Berg-, Schiff- und Wasserbau. Das deutsche Handwerk gewann in Russland solche Achtung, dass die Benennung „deutsche Arbeit“ noch jetzt als höchste Empfehlung gilt. Tausende von Offizieren und Generalen deutscher Geburt führen das Heer; Tausende von deutschen Beamten, Ärzten, Lehrern und Künstlern wirken im großen Reich. Apotheker und Schornsteinfeger, als Leute des Vertrauens, sind alle deutsch. Die deutschen Firmen sind, die englischen selbst nicht ausgenommen, die reichsten und geachtetsten.

Lauter Dinge, die den jungen slawischen Weltverbesserern ein Dorn im Auge sind. Ginge es ihren Hirngespinnsten nach, so müsste die Regierung die gesamten Bewohner des unermesslichen Reiches mit Feuer und Schwert zu einer Sprache und zu einem Glauben bringen. Und wozu? sie etwa zu bessern Untertanen zu machen? Befolgen doch die Deutschen in den Ostseeprovinzen, den Hauptstädten, den Kolonien, trotz den Russen, ja diesen oft zum Muster, das Gebot: Seid untertan der Obrigkeit, die Gewalt über Euch hat. Ich brachte ein Menschenalter bei jenen Deutschen zu, und freue mich, hier öffentlich erklären zu können, dass mir dort so herrliche Erscheinungen unter Männern und Frauen vorgekommen sind, als irgend im eigenen Vaterland. Da wird’s denn gleich heißen! aber der verrusste Deutsche ist schlechter als der schlechteste Russe. Ganz richtig! Der Deutsche treibt eben Alles gründlich, und wird gelegentlich, zumal in schlimmer Gesellschaft, ein grundschlechter Gesell.

Zu den edelsten Eigenschaften, die den Mann schmücken, gehört lebhaftes Rechtsgefühl und entschlossener Sinn für Wahrheit. Ich fürchte, jene slawischen Weltverbesserer haben keinen Überfluss am einen, noch am andern. Sonst sprängen sie weder mit der Geschichte, noch mit den Völkern und Staaten so gottlos um, die Geschichte soll durchaus nichts sagen, als was ihnen gefällt, und wäre es noch so unwahr; und die Völker und Staaten dürfen nichts anderes sein, als jenen behagt, sonst taugen sie nichts. Aber freilich auf den Slawen lastet eine große Sendung, und da kümmert man sich nicht um Kleinigkeiten. Jene Apostel haben das Geheimnis ausgeplaudert: sie sollen die germanische Welt ausbeuten, und an die Stelle der Germanen treten, sowie diese einst an die Stelle der alten Römer getreten sind.

Ein gut Stück Arbeit! Ich wünsche ihnen Glück dazu, und sogar vollständigen Erfolg, sowie sie ein tieferes Gemüt als die Germanen, mehr Ehr- und Pflichtgefühl, mehr Liebe für Wahrheit, größere Kühnheit im Denken und nachhaltigeren Unternehmungsgeist, mehr Fleiß und Ausdauer betätigen. Die Wogen des germanischen Lebens gehen noch immer hoch! wenn auch jene Apostel deren bewegtem Spiele mit Neid zuschauen, oder sich keck hineinstürzen, doch möchte noch manches Jahrhundert hingehen, bevor die Gewässer sich verlaufen.

Unterdes wollen wir, jeder in seinem Kreise, schaffen und wirken nach unserm geistigen Bedürfnis. Leben und leben lassen, ist ein großes Wort. Dessen eingedenk, bin ich drei Jahrzehnte mit steigender Teilnahme der Entwicklung Russlands gefolgt; die letzten zwanzig Jahre vorzugsweise, wenn ich so sagen darf, an der Hand des großen Staatsmannes, dessen Leben, Schaffen und Wirken vorliegendes Werk schildert. Seine Wirksamkeit berührte allmählich das ganze Reich, und übt noch jetzt durch die Arbeiten und Schöpfungen, die er seiner Zeit durchführte, bedeutenden Einfluss aus. Ihre Betrachtung geleitet uns somit aufs tiefste in die Zustände und Verhältnisse Russlands, und gibt uns zugleich ein Bild von der wunderbaren Tätigkeit großer Söhne der deutschen Ostseeprovinzen, denen Russland so unendlich Vieles verdankt.

Tausende von Briefen, amtlichen und vertrauten Berichten, Reskripten, Ukasen und Denkschriften, russischen, polnischen, deutschen, englischen, französischen und italienischen, wurden mir zur Benutzung anvertraut. Hochstehende Männer und Frauen machten mir mündliche Mitteilungen, nicht selten über dunkle Punkte, die sie aus eigener Kenntnis, oder Erfahrung aufhellen konnten. Dass die gedruckten Nachrichten nicht vernachlässigt sind, wird jeder finden, der sie kennt. Ich habe redlich nach Wahrheit geforscht, und hielt ihr die Ehre zu geben, für höchste Pflicht. Irren ist menschlich, und wo ich geirrt, möge man mir’s vergeben. Aber meine Darstellung ist immer dem Panier des einzigen Königs gefolgt, der die Wahrheit als erste Erfordernis der Geschichte bezeichnete. Möge sie jeder zu achten wissen, wie jener größte unter allen, die je eine Krone trugen!

Heidelberg, heil. drei Kön. 1857.

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Universität in Dorpat

Universität in Dorpat

Katharina II, die Große (1729-1796), Zarin des russischen Reiches

Katharina II, die Große (1729-1796), Zarin des russischen Reiches

Das heutige Russland

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Russisches Kaiserpaar in historischen Kostümen

Russisches Kaiserpaar in historischen Kostümen

An der Neva mit Blick auf den Winter-Palast

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