Ein Bild Rostocker Theaterlebens von 1784 bis 1786

Aus: Zur Geschichte des Rostocker Theaters (1756-1791)
Autor: Schacht, Wilhelm Dr. (1878- ?), Erscheinungsjahr: 1908
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Hansestadt Rostock, Theater, Theaterleben
Als Tilly mit seiner dritten Spielzeit — 1784 — anhebt, wird ihm zur Pflicht gemacht, den Wochenplan zu einer „vorgängigen Zensur“ einzureichen. (Damit ist aber auch das Kapitel der Zensur erschöpft.) Drei Monate kann Tilly spielen, Juni bis August, einige Wochen scheint er ausgesetzt zu haben, um vielleicht in einer kleineren Nachbarstadt zu spielen. Die eigene Bude steht am alten Platz. Herr Fischer aus Güstrow tritt zehnmal als Gast auf. Das Personal, von gleicher Größe, hat neue Namen; das Ballett wird zur Liebhaberei des Direktors.

Tilly konnte 1785 nicht spielen, da die Landestrauer — Friedrich der Fromme war gestorben — auch während des Marktes jedes Schauspiel verbot. Sein Interesse am Bau des neuen Hauses — er selbst war schon 1782 für einen Neubau eingetreten — machte es natürlich, dass er das Haus eröffnete. Über die Miete einigte man sich schwer; am Ende sollte Tilly für den Tag der Eröffnung 15 Taler, an Markttagen 8 und sonst 4 zahlen, dafür an Markttagen 32, 16 und 8, an den übrigen 24, 16 und 6 Schillinge Eintrittsgeld erheben.

Ein Prolog des Hamburger d'Arien, eigens für Rostock geschrieben, vielmehr umgeschrieben — die Musik stammte von dem der Truppe zugehörenden Musiker Hanke, eröffnet; es folgt das Modestück Ifflands Verbrechen aus Ehrfurcht, das Karl Christian Engel, der Bruder Johann Jakobs, zwei Jahre später bei einer Schweriner Aufführung „in jedem Betracht eines der vorzüglichsten Stücke unseres Deutschland“ nennt.

Im Prolog träumt die Muse des Schauspiels von ihrer Sehnsucht, einem stolzen Tempel der Kunst. Sie erwacht und erschrickt über die trostlose Wirklichkeit — träumt weiter, da ihr süße Täuschung lieber ist. Da naht die Göttin des Schicksals:

Rostocks Name müsse glänzen!
Reicht in der Ferne
Bis an die Sterne
Seiner Söhne Preis.

Und sie kündet: dein Traum ist Wahrheit. Das Schauspielhaus wird sichtbar, davor die jubelnden Künstler:

Majestätisch ging die Sonne
Und mit sanfter Herzenswonne
Heut in Rostocks Mauern auf.
Endet sie des Tages Lauf.

Diese Herzenswonne hat ein Ratsherr nicht gespürt. In einer Rats-Missive der nächsten Tage klagt er: „Darüber bin ich aber nicht böse, dass ich kein Freibillet bekommen; allein, dass bei der Einweihung nicht Plätze für den gesamten Rat offenblieben, hat mich allerdings verdrossen. Wer ist vermögend, von 4 Uhr an bis 10 Uhr zu sitzen: und wer um 4 Uhr nicht gekommen, musste entweder an der Tür bleiben oder sich dem äußersten Gedränge exponieren, ja wohl sich gar insultieren lassen, wenn er den mit den großen Hüten belegten Plätzen zu nahe kam, oder so unglücklich war, mit seinen Strümpfen an den gespornten und gewichsten Reiterstiefeln unserer Musensöhne hängen zu bleiben. Diese Herren hatten die drei ersten Bänke auf dem Parterre fast allein besetzt, und da sie bei einem jeden veränderten Akt aus- und einliefen, so ist man sehr zu bedauern, wenn man die Rippenstöße nicht gewohnt ist. Müssen diese Herren so wie alle übrigen Leute bezahlen, so habe ich nichts dagegen, dass ihnen frei bleibe, welchen Platz sie einnehmen; sonst ist es unschicklich, dass man von ihnen verdrängt wird. Und wie sollte es werden, wenn die Akademie einmal einige hundert Studenten bekäme! Auch dünkt mich, müsste es reguliert werden, wie sich jeder Zuschauer im Komödienhause zu verhalten habe. Wer nicht eine mehr als mittelmäßige Größe von der Natur empfangen hat, kann vor den Sturmhüten der Mannspersonen sowohl als der Frauenzimmer nicht recht nach der Bühne hinsehen.“ —

Schon der erste Abend war schlecht besucht; Tilly kommt sofort in finanzielle Bedrängnis. Die Dekorationen werden sehr dürftig gewesen sein. Lübeck baut sich zwanzig Jahre später ein Komödienhaus und dort fehlten an Dekorationen eine Kirche, eine freie Gegend, ein Handwerkszimmer, ein orientalisches Zimmer, eine Straße für kleine Städte; Seitentüren mussten in der Szene vor die Fenster gestellt werden, Schränke standen vor den Spiegeln, an diesen hingen oft Gemälde — und das Lübecker Theater stand schon fünf Jahre, als ein Herr von Magius dies in einem Schriftchen feststellt, das durch unbefangenen verständigen Rat dem Theater seiner Stadt aufhelfen will, in Tillys Repertoir hat das Familienschauspiel Ifflands und Jüngers Weiße und Brandes abgelöst. Von Schiller Fiesco und Kabale und Liebe.

Rostock hatte nun eine ständige Bühne, damit aber keineswegs ein ständiges Theater. Der Rat, wie um die hohen Kosten zu verzinsen, erteilte mit der gewohnten Unbedenklichkeit die Spielerlaubnis. Die „neue Epoche in der hiesigen Theater-Geschichte“, die ein neues kurzlebiges Rostocker Wochenblatt mit der Eröffnung des Schauspielhauses beginnen möchte, bestand darin, dass nun nicht nur zu Pfingsten und im Spätherbst, sondern einander fast ablösend Truppe auf Truppe spielte. Aber keine Truppe wurde heimisch in der Stadt oder gar finanziell von ihr gestützt. Warum sollte sich da der Spielplan ändern: Oper und Schauspiel blieben zusammengespannt, das Ballett und Pantomimen-Unwesen bestehen.

Der Tod des Herzogs hatte auch andere Städte Mecklenburgs zu Theaterstädten gemacht; und zahlreiche Gesellschaften kamen ins Land, darunter zum erstenmal solche, die Mecklenburg ausschließlich bereisten.

Tilly hatte eben Rostock verlassen — er spielte bis in den Juli hinein — als Toscani, der Führer eines Teiles der Lorenzschen Truppe, die schon zu Pfingsten 1786 hatte kommen wollen, im August begann, es aber nur auf zwei Vorstellungen brachte; denn das Publikum nahm seinen angebotenen guten Willen nicht als Tat an und pochte ihn tapfer aus. Für den September 1786 bemühten sich Rostocker Studenten um das Schauspielhaus zu einer Dilettantenaufführung, mit der sie schon einmal, im Januar und Februar, schönen Erfolg gehabt hatten. Beils Spieler und Ifflands Jünger brachten sie damals mit eigenen Kräften heraus und konnten jedes Stück wiederholen. Über ihr Spiel im September ließ sich nichts ermitteln. Vorangegangen im privaten Theaterspiel war ihnen ein Schneider Rosenfeld, der vor zwei Jahren wohl nur gelegentlich ein Dienstbotentheater aufgetan hatte, um die Autorfreuden seiner Lust- und Trauerspiele zu genießen, zu denen ihm auch das nur dem Stande der Diener und Zöfchen angehörende Publikum gewiss gerne verhalf.

Die Bühne des Schauspielhauses eröffnet am 18. Oktober Lorenz, der erst seit kurzem Prinzipal und in komischen Rollen geschätzt war. Wie mit Gewalt will er sich in Mecklenburg festsetzen; in Rostock klagt er sehr bald über den schlechten Besuch; doch spielt er bis in den Advent hinein, das Singspiel selten pflegend, das Ballett meidend; Ende Dezember beginnt er wieder und im Januar wird’s von Tag zu Tag schlechter, die Studenten lärmen, im Februar löst sich die Gesellschaft auf. Das war das Schicksal des Mannes, der Tilly verdrängt hatte. Die Kritik tadelt; wieder war es Koppe mit einer Wochenschrift, der entweder selbst oder durch einen Speerträger von vornherein persönliche Fehde gegen Lorenz erhebt, der freilich die guten Sitten Tillys verachtete und fast die Gebärde eines Ilgener zeigte.

Rostock war 1786 der Witwensitz Louise Friederikens geworden, der Gemahlin Friedrichs des Frommen. Von ihrer schwäbischen Heimat hatte sie die Liebe zum Theater mitgenommen und als Erbprinzessin Schönemann kenntnisvoll unterstützt. Nach dem Tode ihres Gemahls lebte sie ganz ihrer Theaterfreude, war jedes Jahr wochenlang in Hamburg zur Oper und hat in Rostock bis zu ihrem Tode — 1791 — dem Theater ihre Gunst erhalten; nicht immer zum Besten der Prinzipale, die ihrem Wunsche gehorchten, länger blieben, als es die Besuchskraft des Publikums zuließ, und denen durch die verbindlichen Festaufführungen doppelte Kosten erwuchsen. So wurde es üblich, ihren Geburtstag im Schauspielhaus zu feiern. Lorenz brachte da Diderots Hausvater und einer seiner Schauspieler, der später gut bekannte Schauspieldichter F. G. Hagemann dichtete als Prolog die Geburtsfeier. Zum Beginn der Spielzeit hatte schon derselbe Hagemann bei der Ankunft der Herzogin in Rostock, am Tage ihres ersten Theaterbesuches, in einem Epilog die Fürstin als die Beschützerin der Kunst gepriesen, in seiner Schlussrede am 7. Dezember verbeugt sich auch Lorenz vor der Herzogin.

Aus den Trümmern der Lorenzschen Gesellschaft erhebt sich eine neue. Die Schauspieler der alten Truppe, Hostovsky und Hagemann glauben, die beste Empfehlung ihres neuen Unternehmens sei die schonungslose Preisgabe des früheren Prinzipals. Der Rat erlaubt ihnen das Spiel; 12 Mitglieder der alten Truppe behalten sie; aus Güstrow ziehen sie einige neue Akteurs heran und Anfang April können sie die Schaubühne öffnen. Sie spielen über Pfingsten hinaus bis zum Juli, setzen bis zum 25. September aus und schließen erst Mitte November. An die Stelle Hagemanns trat Fendler. Andere Truppen wies der Rat ab; Madame Köppi, Direktrice einer deutschen Schauspieler-Gesellschaft in Güstrow und Wilhelm Huber aus Stralsund kamen vergeblich um Spielerlaubnis ein.

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