Doberan im Frühling 1855

Erstes deutsches Ostseebad
Autor: Kortüm, August Karl Friedrich Ludwig (1810-1884) Großherzogl. Mecklenburg. Medizinalrat und Badearzt, Erscheinungsjahr: 1855
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Doberan, Heiligendamm, Ostseebad, Seebad, Kurbad, Heilbad, Ostsee, Ostseestrand, Ostseewellen
Doberan, welches vor länger als sechzig Jahren den Reigen der deutschen Seebäder glanzvoll eröffnete, hat im Lauf der letzten Dezennien Veränderungen erlebt, die man eine Krisis nennen möchte. In früherer Zeit verstand es sich von selbst, dass, wenn vom „Heiligen Damm" die Rede war, nur der Badeplatz der Doberaner Badegäste verstanden würde. Denn aus Motiven, welche im Jahre 1793 nahe lagen, und für die Entwicklung des damals gegründeten Seebades entscheidend wurden, erhoben sich um die Kirche und um das Amtshaus von Doberan herum in rascher Folge die Palais unserer Großherzöge, die Wohnungen für die Fremden, die Restaurationslokale, Theater und Salons; die Privatspekulation ward tätig; der Ort wuchs von Jahr zu Jahr in rascher Progression.

Unterdessen blieb der Heilige Damm noch lange ein struppiger Küstenstrich, mit einem anspruchslosen Badehause für warme Bäder, einigen Badekarren und einem Frühstückslokal; und als schon die Damenbäder geschaffen waren, und Badekabinette für die Herren, und als die Badeanstalten überhaupt sich ihrer gegenwärtigen Einrichtung näherten, änderte sich das alte Verhältnis nicht; der Heilige Damm blieb eben nur der Doberaner Badeplatz.

Jetzt stehen die Sachen anders. So lange Doberan keinen Rivalen hatte, so lange es das einzige deutsche Seebad war, durfte der Badeplatz immerhin eine Stunde von den Wohnungen der Badegäste entfernt sein. Als seine glänzenden Erfolge aber die Bahn für die Seebäder überhaupt gebrochen hatten, als an jeder Flussmündung, in jedem Hafenort, in jeder Stadt, ja in jedem Dorfe, auf jeder Insel der Ost- und Nordsee ein Seebad nach dem andern entstand; da allerdings zeigte es sich, dass im ersten Kalkül ein Rechenfehler gemacht war, und bei der veränderten Sachlage trat die Alternative ein: entweder muss Doberan ruhig zusehen, wie es aus der Reihe der Seebäder gestrichen wird; oder auch am Heiligen Damm müssen Wohnungen für Badegäste eingerichtet werden.

Dies letztere ist geschehen. Da, wo sich sonst Gestrüpp und Granittrümmer zwischen die Küste und den Buchenwald einschoben, welcher sich in der Ausdehnung von fast einer halben deutschen Meile auf dem steilen Ufer entlang zieht; westlich und östlich von dem zeitgemäß umgeschaffenen Badehause hat der Befehl unserer Landesherren ein malerisches Panorama von geschmackvollen Gebäuden und Parkanlagen hervorgerufen. Südlich von schönbestandenem Buchenwald, nördlich von der See begrenzt, bietet der schmale Landstrich, der mit seinen frischen Rasenplätzen in südlichem Bogen von Westen nach Osten streicht, mit den fürstlichen Villen, mit den Logier- und Badehäusern, mit den sauber gepflegten Promenaden eine ungeahnte Überraschung den Gästen, die zum ersten Male den Heiligen Damm besuchen, und stets neuen Genuss denen, die ihn kennen.

Der unbefangene Beobachter muss dieser jugendlichen Kolonie Doberans eine glänzende Zukunft weissagen.

Dem Flecken Doberan selbst, der inzwischen aus einem ärmlichen Dorfe ein freundlicher Ort von 3—4.000 Einwohnern wurde, ist über den Anlagen am Heiligen Damm nichts von der Sorgfalt entzogen worden, womit bisher die Vorzüge gepflegt wurden, welche ihm durch die Natur, durch die Geschichte und durch die Munifizenz seiner Landesherren zu eigen wurden. Leichter, wie sonst, ist jetzt die See von Doberan aus zu erreichen, und wenn es in der Natur der Sache lag, dass das Seebad aufhörte sein Monopol zu sein, so hat es selbst darum nicht aufgehört, ein angenehmer Aufenthalt für diejenigen zu sein, welche Seebäder gebrauchen, aber nicht unmittelbar an der See wohnen wollen; denen das geselligere Leben in Doberan angenehmer ist, als das ruhige, mehr einförmige Leben am Heiligen Damm. Doberan selbst ist der Mittelpunkt der geselligen Vergnügungen geblieben, auch für die Bewohner des Heiligen Damms. Hier ist das Theater, die Bank, die Bibliothek, die Auswahl eleganter Boutiken; hier Handel und Gewerbe, die vom Heiligen Damm ausgeschlossen sind. Es wird durch Musik und Bälle vorzugsweise begünstigt; den Sportsmann ziehen hierher die berühmten Pferderennen, und die Schießbahn bietet ihm ein beliebtes Rendezvous.

So sind aus dem alten Doberan und seinem Badeplatze, dem Heiligen Damm, zwei Kurörter geworden, die zwar immer noch zusammen ein Ensemble bilden, deren jedes aber zugleich ein Ganzes für sich darstellt. Wie sich diese Verhältnisse im Einzelnen entwickelt haben, gehört nicht hieher. Ich glaubte aber, denen, welchen diese Teilung nicht aus eigner Anschauung bekannt ist, andeuten zu müssen, dass der Name Doberan eine Kollektivbezeichnung ist, welche diese beiden Kurörter umfasst.

Dass die ersten Anlagen an unserem Platze sich auf Seebäder beziehen, ist bekannt. Wie sich unsere Seebadeanstalten gegenwärtig verhalten, welche Eigentümlichkeiten sie besitzen, darüber zu berichten, spare ich mir für eine andere Gelegenheit auf. Für diesmal will ich nur die Gründe anführen, aus welchen Doberan und der Heilige Damm auch im Frühling, vor dem Beginn der eigentlichen Seebade-Saison, als Kurort berücksichtigt zu werden verdient.

Die Saison für die kalten Bäder beginnt bei uns, wie an der nördlichen Küste Deutschlands überhaupt, um die Mitte des Juli. Wenn auch einzelne Badegäste, zumal die mutigen Damen, die frühen Bäder benutzen, so macht doch auch hierbei die Ausnahme nicht die Regel. Die Durchschnittszahlen der Temperaturmessungen sind im Juni und in der ersten Hälfte Juli noch niedrig, selten über 9 —10° R. und vor Mitte Juli ist die Sehnsucht nach der frischen See nicht allgemein. Der Zug der Badegäste geht südlich, in die warmen Bäder.

Wenn wir unsere Vorzüge für den Frühling geltend machen wollen, so müssen wir unsere warmen Bäder und die Kurmittel in Betracht zu ziehen bitten, welche wir außer den kalten Seebädern besitzen.

Ich nenne in erster Reihe unser Stahlbad in Doberan. Die reiche Quelle, die uns das eisenhaltige Wasser liefert, veranlasste die Errichtung eines geräumigen, einfach aber geschmackvoll ausgestatteten Gebäudes, in welchem zu Stahl- und einfachen Wasserbädern Vorkehrungen getroffen sind, die kaum etwas zu wünschen übrig lassen.

Die letzte Analyse des Wassers ergab:
auf 1 Pfd. Wasser
Gran 0,813 Eisenoxydhydrat,
Gran 1,0 kohlensauren Kalk,
Gran 2,0 kohlensauren Kalk,
Gran 0,65 Kieselerde,
Gran 0,075 salzsauren Kalk,
Gran 0,05 schwefelsauren Kalk,
Gran 0,551 schwefelsaures Natron,
Gran 0,748 salzsaures Natron,
Gran 4,5 Kubikzoll kohlensaures Gas,
Gran 0,594 Kubikzoll Stickstoffgas mit
Gran 4,3 Kubikzoll Sauerstoffgas gemengt.

Daraus folgt von selbst die empirische Grundlage für die Indikationen, auf welche sich die Anwendung der hiesigen Stahlbäder stützt. Sie erfüllen alle billigen Ansprüche, welche an sie gestellt werden. Leider sind wir aber nicht im Stande, den Wünschen unserer Kollegen zu entsprechen, die ihren Patienten das Trinken des Doberaner Eisensäuerlings empfehlen; dazu eignet sich unsere Quelle bedauerlich nicht, wahrscheinlich wegen ihrer Armut an Kohlensäure. Diesem Mangel hilft aber gern unsere Brunnentrinkanstalt ab, und es wird gerade nicht darauf ankommen, ob zum Doberaner Stahlbade ein Driburger, oder Pyrmonter oder anderer Eisensäuerling getrunken wird.

Unsern Stahlbädern eigentümlich sind die bedeutenden Wasservolumina, die zu jedem Bade verwendet werden. Die in den Boden eingesenkten Wannen, von Eichenholz mit Ölfarbe gestrichen, fassen etwa 35 bis 40 Kubikfuß Wasser. Man steigt auf Treppen in dieselben hinab, die man zurückschlagen kann oder nicht; das Bad gewährt dem Badenden auch im letzten Fall noch reichlichen Spielraum.
Ausserdem werden in dem Gebäude des Stahlbades einfache Flusswasserbäder, verschiedene Duschen und Schwefeldampfbäder gegeben. Dass zu den erstem alle gewünschten medikamentösen Zusätze verabfolgt werden, versteht sich von selbst. Sie werden in denselben grossen Wannen genommen, wie die Stahlbäder; und ich denke, wir haben nicht Unrecht, auf ihre bedeutende Kapazität einen grossen Wert zu legen.

Für die Duschen, worunter auch eine aufsteigende, ist ein besonderes Lokal mit entsprechenden Vorrichtungen bestimmt; doch werden die gewöhnlichen Duschen auch in einzelnen Badekabinetten gegeben.

Das Schwefeldampfbad ist in Doberan sowie am Heiligen
Damm eingerichtet. Seine Wirkungen, welche direkt natürlich nur den Rumpf, exklusive des Kopfes, treffen, sind in vielen Fällen überraschend. Tempestive interponirt, unterstützen sie auch die Stahlbadkuren oft in erfreulicher Weise.

Neben diesen Bädern steht dem Kurgast in Doberan die süsse Molke zu Gebot, die in der Hofapotheke nach demselben Prinzip wie am Heiligen Damm bereitet wird; ferner eine Auswahl der schönsten Kräutersäfte, wozu unsere üppigen Wiesen ein herrliches Material liefern; und endlich in der Brunnentrinkanstalt am „Camp" alle gangbaren natürlichen und künstlichen Brunnen.

Bedenkt man dabei die selten schöne Umgebung von Doberan, die große Auswahl der offenen und geschützten Promenaden in und außer dem Orte, die fürstlichen Parks mit ihrer saubern Pflege, die dem Publikum immer geöffnet sind, und die dem Frühling in Doberan einen hohen Reiz gewähren; bedenkt man, dass der Frühlingsflor in der Nähe der Seeküste in der Regel später eintritt und länger dauert als im Binnenland, so dass hier die üppige Natur noch in voller Pracht ist, wenn anderswo schon die Sonne das Grün versengt; bedenkt man, dass die Nähe der See nicht bloß nach Belieben die Seeluft zu genießen gestattet, sondern auch die begonnene Kur mit einigen kalten Bädern zu beschließen erlaubt, ohne dass der Badegast zu diesem Zweck andre Reisen zu machen hat; so hoffe ich keiner Parteilichkeit geziehen zu werden, wenn ich für Doberan das Recht in Anspruch nehme, als Kurort für sich, auch abgesehen von den kalten Seebädern, betrachtet zu werden.

Andere, aber nicht minder günstige Verhältnisse findet der Badegast am Heiligen Damm. Wenn schöne Promenaden für jeden Badeort ein unerlässliches Requisit sind, so ist es gewiss für ein Seebad einer der grössten Vorzüge, wenn es mit diesen in reichem Maße ausgestattet ist. Und dies gerade ist es, was der Heilige Damm vor vielen andern Seebädern voraus hat, dass es eine Auswahl von Spaziergängen besitzt, die den verwöhntesten Badegast zufrieden stellen. Es vergeht kein Jahr, wo nicht neue Promenaden, neue großartige Anlagen entstehen, die für sich selbst volle Berücksichtigung finden, ohne von dem früher Vorhandenen das Interesse abzuziehen. Der Strand mit seinem weitbekannten Geröll „der Heiligen Dammsteine" zieht wie ein Magnet noch heute die Aufmerksamkeit der Fremden auf sich, und fesselt die Kinder, so lange sie dort sind. — Früher war die Promenade am westlichen Strande zuweilen durch hohe See unterbrochen; jetzt zieht sich dort, vom Damenbade an, ein granitner Kai schon fast eine englische Meile weit in halber Höhe am steilen Ufer entlang, und erfüllt eine doppelte Aufgabe: er schützt das Ufer mit seinem dichten Buchenwalde vor dem Andrang der See, und bietet den Badegästen eine Promenade, wie sie vielleicht einzig in ihrer Art ist. In gewissen Distanzen führen Treppen vom Kai an den Strand hinab und in den Wald hinauf. — Östlich, nach den Herrenbädern zu, ist der bei weitem beliebteste Spaziergang aller Fremden: zwei breite Brücken nämlich, die parallel neben einander mehrere hundert Fuß weit vom Lande in die See hinausführen und an ihrer Spitze durch eine ebenso breite Querbrücke verbunden und reichlich mit Sitzen und Tischen versehen sind. In dem Raum, den sie einschließen, ankert die kleine Badeflotte. Es gewährt einen hohen Genuss, bei bewegter See auf diesem schlank, aber sicher gebauten „Steg" die Wellen unter sich fort, landwärts rollen zu lassen, bis sie in der Brandung zerschäumen; noch mehr aber ladet der Sonnenuntergang die Badegäste auf den Steg. Es gibt keine reinere und schönere Seeluft als hier.

Die Seeluft ist schön; aber sie hat auch ihre Lücken. Es gibt Tage, wo die spröden Nord- und Ostwinde sie dem empfindlichen Kurgast verleiden. An solchen Tagen besonders tritt unser Stolz, der dichte Buchenwald, als ein sicherer Vermittler ein. In wenig Schritten ist er erreicht, und wenn draussen ein harter Wind das Wandern unangenehm, ja für Manchen bedenklich macht, flüchtet man in die schöne, milde Waldluft, wo nichts als ein geheimnisvolles, fernes Bauschen an die See erinnert. Der Wald nimmt der Luft ihre Schärfe, dem Sturm seine Gewalt, und schützt gegen die Sonne, wenn sie lästig wird. Weil aber wenig Promenaden weit von der See fortführen, kann man überall, sobald man will, wieder die See erreichen, oder die Promenaden in den Gazons der Parkanlagen, oder die Wohnungen.

Ich habe mit Vorliebe diese Punkte zuerst genannt; denn hierin gerade besteht nach meiner Ansicht das Wesentlich-Eigentümliche des Heiligen Damms. Hätten wir den Wald und die Promenaden nicht, wir würden nicht glauben, berechtigt zu sein, sensible Gäste im Frühling zu uns einzuladen. Durch sie aber gewinnen wir für unsere warmen Seebäder und für unsere Molkenanstalt einen erweiterten Wirkungskreis, indem wir für reizbare und empfindliche Konstitutionen ein natürliches Bollwerk gegen die Witterung besitzen, die im Frühling mitunter noch rasch wechseln, und tagelang recht unbequem sein kann. Übrigens bin ich weit entfernt, floriden Konstitutionen den Aufenthalt unmittelbar an der See in zu früher Jahreszeit empfehlen zu wollen. Bleiben, wie in den letzten Jahren, die harten Tage fast ganz aus, dann gibt es auch für sie kaum einen passendem Platz, als an der See am Heiligen Damm; aber die „milde Seeluft", wie sie sich häufig der Binnenländer denkt, ist an Ort und Stelle oftmals leider ganz etwas anderes. Und weil manche Leute, die ihre Natur gründlich zu kennen glauben, nicht alle Rücksichten nehmen, welche die Erfahrung, empfiehlt, können leicht unangenehme Folgen eintreten, die lieber dem Bade, als dem Verhalten des Gastes zugeschrieben zu werden pflegen.

Hierdurch ergibt sich zwar für die Frühlings-Kuren an der See eine gewisse natürliche Grenze; aber trotzdem sind die Vorzüge, welche vor Allem die warmen Seebäder als Frühlingskur versprechen, beachtenswert. Ich will mich hier nicht auf die Indikationen einlassen, unter welche sich die Anwendung der warmen Seebäder reiht. Sie sind eben muriatische Bäder, die genommen werden an der See. Es ist empirisch gewiss, dass sie, zweckmässig verwendet, zu denselben Heilerfolgen führen, wie ihre pharmazeutischen Äquivalente im Binnenlande. Und darin sind sich, wenn wir nur die Qualität des Wassers bedenken, alle Seebäder gleich. Aber eine warme Seebadekur gelingt am vorzüglichsten dann, wenn, ausser dem Wasser, auch die übrigen Bedingungen für dieselbe möglichst vollständig vereinigt sind. So ist es ein großer Unterschied, ob wir warme Seebäder an Küsten nehmen, wo weder Baum noch Strauch den Badegast schützt, oder ob wir die Wahl der Promenaden in der Hand haben, die uns gegen die Unbilden der Witterung bewahren, wodurch oft die Kurerfolge in Frage gestellt werden. Sie gestatten dem Badegast, sich den Umständen entsprechend durch reichliche Bewegung auszuarbeiten, oder an geschützten Orten, und doch in der Seeluft, zu ruhen, und in Ruhe Kraft zu sammeln.

Sind wir nun natürlich nicht die Einzigen an der See, welche dieser Vorzüge teilhaftig sind, so sind wir durch unsere Badeanstalten selbst in anderer Weise begünstigt. Namentlich zeichnen sich auch am Heiligen Damm unsere warmen Bäder durch das große Wasserquantum aus welches zu ihnen verwandt wird. Die Badewannen sind auch hier von Eichenholz und mit weißer Ölfarbe gestrichen, und fassen ungefähr dieselbe Wassermenge, wie die im Stahlbade zu Doberan. Der Badegast steigt in nahezu 40 Kubikfuß Seewasser. Auch hier steht es bei ihm, ob er die Treppe zurückschlagen will oder nicht; sie beengt den Raum wenig, und gestattet ihm die ausgedehnteste Bewegung. — An den meisten Bädern ist ein Apparat zu kalten Regenbädern angebracht, die der Badende selbst öffnen und schliessen kann. Sie werden nicht von jedem vertragen, selbst nicht von denselben Individuen immer, geben aber dem, der sie vertragen kann, eine Frische nach dem Bade, die ihm fast das kalte Bad ersetzt.

Als empirisch gerechtfertigte Zusätze zu den Seebädern nennen wir 1) die verschiedenen Mutterlaugen, 2) Schwefelleber, 3) Stahl, und zwar als Tr. Ferri muriatici und als Globuli. Diese Stahlseebäder stehen in besonders gutem Renommee und sind entschieden sehr wirksam, wo Stahlbäder überhaupt indiziert sind, 4) Malz, 5) aromatische Kräuter.

Auch natürliche Schwefelbäder werden am Heiligen Damm gegeben. Das Schwefelwasser wird aus einer zugleich muriatischen Quelle aus den Salzwiesen zum Badehause geleitet; sein Schwefelgehalt ist nur gering, und als Wiesenschwefel zu betrachten, als ein Zersetzungsprodukt aus schwefelsauren Salzen und Vegetabilien. Der milde Charakter dieses Wassers macht nicht auf großartige heilkräftige Wirkungen Anspruch; es ist aber eine angenehme Zugabe zu unserm Heilapparate, namentlich wenn der Teint zur Frage kommt. Doch werden die Schwefelbäder auch vielfach gegen „Rheumatismus" gerühmt und gewünscht.

Auch am Heiligen Damm befindet sich, wie oben erwähnt, ein Apparat zu Schwefeldampfbädern. Gegen diese Bäder herrscht hier im Allgemeinen einige Abneigung, weil eben die meisten Gäste kommen, um kalte Seebäder zu nehmen: Ich kann aber versichern, dass die Bewohner des Armenkrankenhauses am Heiligen Damm — Badegäste aus den niedern Ständen, die hier freie Kur und Aufenthalt haben — sich zu dieser Vorrichtung drängen, und dass wir gerade diesen Schwefeldampfbädern, als einer Vorbereitung zu kalten Bädern, einen Teil der schönen Erfolge und Erfahrungen verdanken, deren wir uns im Armenkrankenhaus zu erfreuen gehabt haben. Sie waren uns u. A. bei arthritischen Leiden, bei Pseudo-Ankylosen, Dysmenorrhöen, syphilitischen Knochenleiden, von entschiedenem Nutzen.

Anders ist es mit einer Einrichtung, die ihrer Bequemlichkeit wegen und weil sie minder gewaltig erscheint, als ein schwächeres Äquivalent der letzgenannten Bäder zu betrachten ist und darum sehr häufig gebraucht wird. Das ist die Dampfdouche. In mehrere Badekabinette ist von dem Dampfkessel ab, durch welchen das Seewasser erhitzt wird, ein Rohr geleitet mit einem beweglichen, durch einen Hahn verschlossenen Mundstück, mit welchem der Dampfstrahl auf jede Körperstelle mit beliebiger Intensität dirigiert werden kann. Wir haben z. B. bei zufällig eingetretenen und bei habituellen „rheumatischen" Schmerzen in Nacken, Schulter und Brust, bei Spinalirritation mit oder ohne die sogenannten hysterischen Krämpfe, bei Hexenschuss, bei den lästigen Folgen von Knochen- und Gelenkverletzungen, namentlich auch Pseudo-Ankylosen und bei weißen Kniegeschwulsten, Erfolge von der Anwendung dieser kleinen Einrichtung gesehen, die alle Erwartung übertrafen.

Eine sehr willkommene Einrichtung ist die Molkenanstalt am Heiligen Damm. Sie ist verbunden mit der Filialapotheke, welche von der Hofapotheke in Doberan hier seit einigen Jahren etabliert wurde. Es werden in einem besondern Lokal süße Molken bereitet aus Milch von Kühen, welche ihre Weide auf den Salzwiesen haben, in einem kleinen zweckmäßigen Dampfapparate, der ebenfalls von dem großen Dampfkessel gespeist wird, und die pointilleuseste Sauberkeit gestattet; aus Laabmagen und Milch nach einer Methode, welche nie im Stiche lässt. Sie halten nach dem Urteil der Kurgäste jeden Vergleich mit irgend einer anderen Kuhmolke aus. Medikamentöse Molken werden nur auf besondere Bestellung bereitet.

Dass wir mit diesem Ensemble von Kurmitteln und von unübertrefflich günstiger Örtlichkeit im Stande sind, Erfolge zu erzielen, welche nicht auf Rechnung der kalten Seebäder kommen, Erfolge, mit denen wir zufrieden sein können, bedarf wohl keiner Versicherung. Zur besondern Empfehlung für Frühlingskuren am Seestrand aber gereicht der Umstand, dass wir die erreichten Erfolge in sehr vielen Fällen durch einige kalte Bäder ergänzen und befestigen können. Wer sich überzeugt hat, welches Vertrauen in die gefährdet gewesene oder gefährdet geglaubte Gesundheit der günstige Erfolg einiger kalten Seebäder solchen Konstitutionen gewährt, die sich für zu schwach dazu hielten, der wird begreifen, dass ich hierauf Wert lege. Aber es ist nicht diese subjektive Satisfaktion allein, die gewonnen wird, sondern es ist auch die reale Kräftigung, welche dem empfindlichen Körper durch diese Nachkur zu Teil wird. Durch diese Kräftigung der ganzen Konstitution werden gewissermassen die Erfolge fixiert die durch die voraufgegangene Kur erreicht wurden. Und oft bringen sie die organischen Krisen rascher zu Ende, welche durch die warmen Bäder eingeleitet, aber nicht durchgeführt wurden. Es bedarf in der Regel nur einer geringen Anzahl von kalten Bädern, um diesen Zweck in befriedigender Weise zu erreichen.

Wenn wir die Werke meines berühmten Vorgängers, S. G. v. Vogels, nachlesen, werden wir finden, dass ihm der größte Teil seiner glänzenden Kuren eben durch den Vorgebrauch von warmen Bädern gelang, also durch eine zweckmäßige Kombination der warmen und der kalten Badekur. Ich selbst habe mich nicht bloß von der Zweckmäßigkeit dieser kombinierten Kuren überzeugt, sondern glaube auch, dass es wichtig ist, dem Vorgebrauch warmer Bäder eine andere Bedeutung zu geben, als es zu geschehen pflegt. Ich werde mir erlauben, diesen Punkt weiter zur Sprache zu bringen, und einige von meinen Erfahrungen, wie ich sie namentlich in unserm Armenkrankenhaus am Heiligen Damm seit sieben Sommern gemacht habe, zu gelegener Zeit in diesen Blättern mitzuteilen.

Auf dasselbe Prinzip rekurriert auch, gewissermaßen im Großen, der Rat, den die einsichtsvollen Koryphäen unserer Kunst in ihrer konsultativen Praxis so vielen Hilfesuchenden geben: erst ein südliches Bad zu gebrauchen, und dann noch einige Seebäder zu nehmen. Dieser Rat ist gewiss theoretisch und empirisch vollkommen begründet. Nun gestatten die Verhältnisse Vielen allerdings, ihn zu befolgen, und wohl denen, die es können Andere aber würden um große Opfer die Möglichkeit erkaufen mit Einer Kur fertig zu werden; für noch Andere ist eine doppelte Kur geradezu unausführbar. Die letzten beiden Kategorien von Patienten sind es, für welche der Nachweis willkommen sein könnte, dass an keinem Orte so leicht eine Berücksichtigung der einen und der andern Indikation möglich ist, als in den Seebädern wo sich die erforderlichen Bedingungen dazu vereinigt finden. Zu diesen gehört denn auch in erster Reihe unser Heiliger Damm wie sich aus unserer Darstellung über die Kurmittel ergibt die wir zur Disposition haben.

Der Schluss jeder solchen Frühlingskur fällt natürlich in die
Zeit der kalten Bade-Saison, so dass ohne wesentlichen Aufwand an Zeit und Kosten der Patient an Einem Orte seine kombinierte Kur beenden kann. Dies ist besonders von Wichtigkeit für diffiziele Naturen, bei denen die Coincidenz günstiger Befindens- und günstiger Witterungsverhältnisse eine conditio sine qua non für den Gebrauch der kalten Seebäder ist, Verhältnisse, die fern von der See durch Wenn's und Aber's ihnen anschaulich zu machen platterdings unmöglich ist.

Wie oft wünscht man einer grazilen Konstitution, einem Asthmatiker, ja selbst einem Tuberkulösen einige kalte Bäder, wenn man sicher wäre, dass der konsequente Gebrauch derselben, der leider durch Zahlen häufig vorausbestimmt wird, nicht in das gerade Gegenteil von dem Erfolge ausschlüge, den man hoffte.

Wenn man gesehen hat, wie solche Kranke bei Molkengebrauch die Seeluft vertragen; wie sicher sie, oft ohne ihre Molken unterbrechen zu müssen, unter günstigen Verhältnissen kalte Bäder nehmen können; wie froh sie im nächsten Jahre zur Wiederholung der Kur wiederkehren, dann darf man sie wohl mit gutem Gewissen einladen. Ebenso verhält es sich mit den Damen, deren „hysterische" Krämpfe mit Spinalirritation und Lungenaffektion in Causalnexus stehen. Jeder Kollege weiß, wie unsicher es für Viele solcher Leidenden ist, ihnen ohne Weiteres die Seebäder zu empfehlen; Manchen von ihnen, die unter günstigen Verhältnissen die Kur gebrauchten, hatten schöne Erfolge; Andere mussten die Kur abbrechen, weil sie „die kalten Bäder nicht vertragen konnten" und zwar meistens, weil sie nicht die Geduld hatten, den richtigen Zeitpunkt für ihren Beginn abzuwarten. Mehr fast wie für andere gilt für sie die Empfehlung einer kombinierten Kur an der See.

Für solche und ähnliche Fälle ist es, wo sich die bipolare Wirksamkeit des Heiligen Dammes mit vollem Rechte geltend machen darf; für jene „riskanten" Naturen, von denen man wohl weiß, dass sie unter günstigen Umständen einige wenige Seebäder mit ausgezeichnetem Erfolge nehmen können, bei denen man sich aber schwer entschließt, ob man ihnen Molken, Ems, Stahl- oder Seebäder anraten soll; für scrophulöse Kinder, die man zuerst gern nach Kreuznach, und dann an die See schicken möchte; für Aspiranten auf Bäder wie Teplitz und Wiesbaden, denen man zur nachträglichen Kräftigung einige kalte Seebäder gönnt, die aber alle eine doppelte Kur in Einem Sommer nicht machen können.

Kommen solche und ähnliche Kranke zur Kur im Juni und Juli, vergessen sie dann aber nicht, dass sie den wesentlichsten Teil ihrer Erfolge von den warmen Bädern zu erwarten haben, und lassen sie sich nicht durch Beispiel und Zureden verleiten, früher in die See zu gehen, als ihre Verhältnisse es erlauben; bedenken sie, dass die kalten Bäder gewissermassen nur als Nachkur zu betrachten sind: so dürfen sie frohen Mutes auf reellen Gewinn rechnen. Außerdem finden sie bei uns gewiss, was ihnen in dieser Zeit in den südlichen Bädern ungewiss ist — die unendlich wohltätige Ruhe nämlich, die dort um diese Zeit schon dem Drange der Zerstreuung und Hilfe suchenden Gäste gewichen ist. Wer einmal während dieser Zeit bei uns gewesen ist, der wird gewiss bezeugen, dass im Juni und Juli — nicht für den, der Zerstreuung, wohl aber für den, der Ruhe und Gesundheit sucht, der Heilige Damm ein Aufenthalt ist, der keine Konkurrenz zu scheuen nötig hat.

Eröffnet werden unsere Bäder und Kuranstalten gewöhnlich am 1. Juni.

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Heiligendamm, Burg Hohenzollern

Heiligendamm, Burg Hohenzollern

Heiligendamm - Strandpartie

Heiligendamm - Strandpartie

Heiligendamm, Kurhaus und Chaussee

Heiligendamm, Kurhaus und Chaussee

Heiligendamm Strandvillen

Heiligendamm Strandvillen

Heiligendamm, Höhe Alexandrinencottage, Blick in Richtung Kühlungsborn

Heiligendamm, Höhe Alexandrinencottage, Blick in Richtung Kühlungsborn

Heiligendamm, Höhe Alexandrinencottage, Blick in Richtung Kühlungsborn, 1968

Heiligendamm, Höhe Alexandrinencottage, Blick in Richtung Kühlungsborn, 1968

Heiligendamm, Höhe Gespensterwald FKK, Blick in Richtung Börgerende

Heiligendamm, Höhe Gespensterwald FKK, Blick in Richtung Börgerende

Cover adaptiert

Cover adaptiert

Heiligendamm, Kurhaus und Kolonnaden

Heiligendamm, Kurhaus und Kolonnaden

Heiligendamm Strandansicht

Heiligendamm Strandansicht

Der Kamp mit dem Herzoglichen Palais.

Der Kamp mit dem Herzoglichen Palais.

Der Kamp in Doberan.

Der Kamp in Doberan.

Das Stahlbad zu Doberan.

Das Stahlbad zu Doberan.

Die Kapelle in Althof.

Die Kapelle in Althof.

Der Heilige Damm und die Ostsee.

Der Heilige Damm und die Ostsee.

Das Salon- und das Badehaus in Heiligendamm.

Das Salon- und das Badehaus in Heiligendamm.

Der Neue Markt in Doberan.

Der Neue Markt in Doberan.

Die Großherzoglichen Logierhäuser in Heiligendamm.

Die Großherzoglichen Logierhäuser in Heiligendamm.

Das Sommerhaus der Alexandriene.

Das Sommerhaus der Alexandriene.

Die Kirche - Das Doberaner Münster.

Die Kirche - Das Doberaner Münster.

Das Großherzogliche Palais in Doberan.

Das Großherzogliche Palais in Doberan.

Der Kamp nach Osten.

Der Kamp nach Osten.

Das Innere der Kirche zu Doberan.

Das Innere der Kirche zu Doberan.

Blick auf den Buchenberg zu Doberan.

Blick auf den Buchenberg zu Doberan.

Bademode um 1900 am Ostseestrand

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Badenixe um 1900

Badenixe um 1900

Badefreuden um 1890

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Bademode und Bakarren um 1900

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Sommerzeit ist Badezeit

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Badenixe 1930

Badenixe 1930

Zeit für eine Bootspartie

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Hart ist das Leben für die Fischer an der Ostsee.

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Ein Strandburgen-Baumeister

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Fischeralltag

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In der Saison wird jede Hand gebraucht

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Das verstehen wir unter

Das verstehen wir unter "Service"

Strandhäschen oder was?

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Sonne Sand und Meer

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Strandspaziergang

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Wie die Heringe

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