Die irrfahrende Hamburgerin (3)

Aus: Zeitung für die elegante Welt. 36ter Jahrgang. 1836 (Karl Spazier)
Autor: Redaktion: Zeitung .f.d.e.W., Erscheinungsjahr: 1836
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Hamburg, Hamburgerin, Liebesgeschichte, Schicksal, Bordell, Prostitution, Hurenhaus, Freier, Prostituierte
Ich fand fast mehr Teilnahme und Glauben bei ihm, — fuhr Antonie fort — als ich erwarten konnte, denn nachdem er heftig und drohend mit der Wirtin des Hauses gesprochen, traf er Anstalten, für die ich ihm nicht Dank genug wissen konnte. Er war ein Baurat von bekanntem Namen, in dem ich einen augenblicklichen Beschützer gefunden. Er führte mich in diesen Gasthof, dessen Besitzer, ein alter würdiger Mann, sein Freund, und wo ich seit einigen Tagen die Stelle einer Oberaufseherin und Wirtschafterin vertrete, bis sich eine günstigere Gelegenheit trifft, die mich in das Gewohnheitsgleis des bürgerlichen Lebens, das ich eigenmächtig verlassen, zurückführe.

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In diesem Hause stand mir noch ein neues Ereignis bevor. In friedlicher Wehmut schlich ich durch die Säle und Zimmer, an den mir obliegenden Pflichten mir genügen lassend, als plötzlich ein ganz abgerissener, elend aussehender Mensch hereintrat, um ein Nachtquartier zu begehren. Eine größere Verwilderung hatte ich noch nie abgedrückt gesehen an einer menschlichen Gestalt, als an dieser. Ich weiß nicht, welcher Schauder mich ergriff, als er mich so auffallend anstarrte und einen kalten, höhnischen, durchbohrenden Blick an mir festheftete. Dann überflog sein Gesicht ein wundersames Lächeln, er streckte mir die Hand entgegen und sagte schneidend: Wie kommst Du hierher Antonie? Ich glaubte Dich in Hamburg, bei Vater und Mutter, und finde Dich hier! Bist Du die verlorene Tochter, wie ich der verlorene Sohn? — Heiliger Gott, es war mein Bruder Michael!
Nichts von meinen bisherigen Erlebnissen glich dieser Erschütterung, diesem Schreck meines innersten Herzens. Ich dachte an jenen Abend, wo ich Tränen um ihn vergoss, als er nicht wieder nach Hause kam, und die Mutter schrie: der Ungeratene ist fortgelaufen! Ich fühlte auf einmal eine grenzenlose Hinneigung zu ihm, trotz seiner abstoßenden Erscheinung. Ich fiel ihm um den Hals, weinte aus überströmender Seele, und nannte das Unglück süß, das Bruder und Schwester in solcher Lage gänzlicher Lebenszerschleuderung zusammenbringe. Er stieß mich leise von sich, sagte, ich möchte mich nicht beschmutzen an seinen schönen Pilgerkleidern, und forderte ein Glas Wein, wenn ich ihm Liebe erweisen wollte. Vor diesem saß er schweigend, und ich stand lange vor ihm, ihn betrachtend, mit gefallenen Händen und bittenden Augen. Ach, ei wäre mir die größte Genugtuung meines armen zerfahrenen Lebens gewesen, hätte ich etwas gewusst, ihn glücklich zu machen! Er stieß Schmähreden aus gegen unsere Eltern.

Er hatte sich in der ganzen Welt umhergetrieben, war in Griechenland gewesen, in Petersburg, und überall mit seinen Plänen gescheitert. Ich beredete mit ihm seine Zukunft, und vergaß das Leid meiner eigenen darüber. Ich schenkte ihm Alles, was ich noch irgend an Wert besaß, um ihn äußerlich wieder auf einen anständigen Fuß zu stellen. Er hatte immer ein bedeutendes musikalisches Talent gezeigt, und wollte es jetzt damit auf dem Theater versuchen. Ich riet ihm selbst dazu, auf die Bühne zu gehen, und sagte, durch die Kunst der Lüge könne er vielleicht die Wahrheit seines eigenen Lebens wiederfinden, wenn er es fortan treulich meine. Alles scheint jedoch bei ihm an der unseligen Leidenschaft des Trunkes zu scheitern. Was ich ihm gegeben, hat er bereits verschleudert, ohne dass es ihm für die Besserung seiner Lage zu gute gekommen wäre, und es scheint, dass ihn der Abgrund, über dem er taumelt, rettungslos verschlingen wird. In der heutigen Nacht wollte ich ihm meine goldene Uhr, die er mir mit Gewalt abgedrungen, wieder nehmen, um sie für einen Augenblick der Not, bei so banger Lebensaussicht, aufzusparen.

Hier endigte Antonie ihre Erzählung. Sie stand auf und schien außerordentlich blass geworden, aber in hoher, würdiger Haltung schwebte ihre leidtragende Gestalt aufrecht. Das Licht war heruntergebrannt, die Nacht verflossen, und sie ging hin, die Läden zu öffnen, durch deren Spalten schon die bleiche Morgendämmerung hereinbrach. Unten im Hause wurde es schon rührsam, mir fiel ein, dass ich in wenigen Stunden mich zur Abreise anschicken musste. Mich hielten aber Gedanken und Vorstellungen aller Art an dieser Stelle fest, wo ich die schicksalsvolle Geschichte eines so selten begabten Gemüts vernommen. Ich trat zu ihr hin und fragte, ob sich denn nichts für sie ereignen könne, um ihr armes schönes Leben wieder einzurichten? Sie sagte, ihr sei bald und leicht zu helfen. Sie hätte Kenntnisse, Geschick, guten Willen und Mut, um jede passende Situation zu ergreifen. Sie wünsche eine Stelle als Erzieherin und Lehrerin in irgend einem wohlwollenden und anständigen Hause.

Ich habe kaum jemals einen freudigem Moment in meinem Leben gehabt, als jetzt, wo ich die Möglichkeit vor mir sah, ihr zu helfen. Ich konnte ihr nämlich sehr bestimmte Hoffnungen machen, dass ich sogar den Auftrag hatte, für eine mir unverwandte Familie, die in Oberschlesien auf dem Lande wohnte, eine gute Hauslehrerin zu gewinnen. Ich sagte es ihr mit fast triumphierender Freude, sie lächelte dankbar auf, ihre Wangen röteten sich mit Zuversicht und Vertrauen. Dann legte sie mir die Hand auf die Schulter, ließ sie langsam an mir herabhängen, und sagte wieder traurig werdend: sie wolle und dürfe nicht zu rasch hoffen, um ihr eifersüchtiges Schicksal nicht zu erzürnen. Ich sprach ihr noch einmal Worte des Trostes zu, und nach einigen Verabredungen trennten wir uns.

Ich will Euch jetzt kurz diese seltsamen Ereignisse zu Ende bringen. Ihre leuchtenden Blicke beim Abschiede begleiteten mich auf der Reise und spornten meinen Eifer zu ihrem Dienste. Es gelang mir Alles für sie anzuordnen, und nach Verlauf von acht Tagen war sie schon in Schlesien und trat ihren Beruf mit freudestrahlender Bereitwilligkeit an. Bei dem enggemessenen Horizonte unseres Familienlebens fand ich es aber für gut, über Antoniens frühere Verhältnisse den Schleier des Verschweigens zu decken. Ihr Benehmen in dieser Familie war musterhaft, sie leistete viel und machte sich durch ihr holdseliges Wesen, ihren gediegenen Charakter und ihre Kenntnisse und Talente so beliebt und geachtet, dass sie fast den Mittelpunkt dieses kleinen, schlesisch gemütlichen Kreises zu bilden schien. Ich sprach von Zeit zu Zeit auf diesem Landgute als Gast ein, und weidete mich an den neuen Lebensbewegungen der Glücklichen, die sich eine Genesene vom unruhigen Fieber des Lebens nannte. Sie war heiter und hingebend geworden wie ein Kind. Dann entfernten mich wieder Reisen von diesem Orte.

Die erste Nachricht, die ich wieder von Antonien erhielt, war, dass sie Braut sei. Ein wackerer Landedelmann in der Nachbarschaft hatte eine Neigung zu dieser herrlichen Gestalt gefasst, und ihr seine Hand angeboten, in die sie auch einwilligte. Sie war edel genug, alle phantastischen Verletzungen des Hergebrachten, an denen ihr Lebensschiff leck geworden war, jetzt rächen zu wollen durch eine feste Einfriedigung des Daseins an der ehelichen Hand eines kaltverständigen, pflichtstrengen, aber treugesinnten Mannes.

Der Tag der Hochzeit war herangerückt. Er sollte in der Familie, der Antonie die letzte Zeit angehört hatte, gefeiert werden, und im Zimmer des ländlichen Schlosses hatten sich die Gäste zur Trauung versammelt. Als der Priester eben im Begriffe stand, zum Werke zu schreiten, wurde die Tür aufgerissen, und ein junger Mann, dessen drohende Miene alle Anwesenden befremdete, trat herein. Er stellte sich mitten unter die Versammelten und behauptete, dass er die Braut vor fünf Monaten in Berlin in einem Hause gesehen habe, das zu bezeichnen hinreichend sei, um dem Bräutigam die beabsichtigte Verbindung mit ihr zu verbieten. Er weist Zeugnisse auf, woraus sich ergibt, dass Antonie am 15. Mai 1834, als in das Haus der Madame ** in der ***Straße eingezogen, polizeilich angemeldet worden ist. Der Schrecken und die Niederschmetterung der ganzen Gesellschaft sollen unbeschreiblich gewesen sein, totenbleiche Gesichter umstanden den erschütterten Bräutigam, der die Hand der beispiellosen Dulderin fahren ließ und sich von ihr abwandte. Sie aber verhüllte ihr Haupt und ging langsam zur Tür hinaus. Als man sich endlich wieder sammelte, als man zu prüfen und nachzudenken begann und seine Augen auf das geschmähte Mädchen richten wollte, war sie nirgends zu finden. Auch der Fremde war verschwunden. Antonie ist seitdem nie wieder gesehen worden.

Nachdem mir die Kunde von diesem beweinenswerten Ausgange geworden, setzte ich den beteiligten Personen die Bewandtnis mit jenem Hause auseinander, in welchem Antonie in Berlin allerdings an dem einzigen Abend gesehen worden sein konnte. Alle Nachforschungen nach ihr, alle Andeutungen in den öffentlichen Blättern, dass man sie wieder zurückkehren zu sehen wünsche, blieben jedoch unerfüllt. Man hat nie wieder etwas von ihr vernommen. Das kleine Mädchen, dessen Erziehung ihr übertragen gewesen, verfiel in eine Krankheit aus Sehnsucht nach der Lehrerin, der sie sich so zärtlich angeschlossen hatte.

Unser Freund, der Maler, schloss hier mit bewegter Stimme seine Novelle. Wir sahen es ihm an, dass ihm diese Erzählung zu Herzen gegangen war, und ehrten eine Zeitlang durch Schweigen sein Nachdenken, das sich auch uns über das Lebensbruchstück dieser rätselhaften Hamburgerin mitteilte.

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