Die geheimnisvollen Reiter. (Historisch) Karl XII. Gewaltritt über 2.400 km, in 15 Tagen von Pitesti nach Stralsund. 1714

Aus: Unterhaltungen am häuslichen Herd. Herausgeber: Gutzkow, Karl. Neue Folge . Band 3
Autor: Ziehen, E. (?), Erscheinungsjahr: 1853
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Karl II. auf seiner Flucht von Bender in der Türkei, Dannenberg, Elbe, Stralsund, Gewaltritt
An dem vormaligen wendischen Gau Drawän, welcher mit den übrigen alten Wendengauen Nering, Chein und Lennigau den nordöstlichen, von Mecklenburg und Preußen umschlossenen Teil des Königreichs Hannover bildet, liegt ein kleines Dorf, über dessen unscheinbaren Häusern die Äste und Kronen hoher Eichen ein dichtes Laubdach wölben. Ringsumher breiten sich fruchtbare Felder und Wiesen aus, welche hier und da von anmutigen Gehölzen umkränzt sind; am westlichen und nördlichen Horizont gewahrt man die dunkle, schweigende Heide mit ihren Hünengräbern, Steinmalen und Föhrenwäldern, die finster von den Hügeln in die lachenden Gefilde hinabschauen. Vor Zeiten unterbrach die ländliche Stille des Dorfs gar manchmal der lustige Klang eines Posthorns, da die Verbindungsstraße zweier benachbarter Städte den Ort durchschneidet und auf derselben früher ein Postwagen hin und her ging; jetzt aber ist der Verkehr in neue Bahnen gelenkt und die fröhlichen Wandermelodien tönen nicht mehr durch die grünen Laubhallen des Dorfs — kaum dass dann und wann noch auf der verlassenen Straße eine altertümliche Landkutsche oder ein einsamer Fußgänger erschein k.

An einem trüben Novembernachmittage des Jahres 1714 saßen in dem niedrigen Gastzimmer des einzigen Wirtshauses im Dorfe vier Gäste rauchend und trinkend an dem großen, schweren tannenen Tisch und unterhielten sich mit Wirt und Wirtin von Welt-, Dorf- und Hausangelegenheiten. Da die meisten Personen flämischer Abkunft waren, so ward das Gespräch größtenteils in niedersächsisch wendischem Dialekt geführt, der mit dem unschuldigen Buchstaben h in ewiger Fehde liegt, ihn stets von dort vertreibt, wo ihm die Jahrhunderte eine Stelle angewiesen haben, und ihn da hinwirft, wo ihn die Etymologen und Orthographen einmal nicht dulden wollen.
Nur Einer bediente sich, im erhabenen Bewusstsein seiner edleren Abstammung und höheren Bildung, nicht dieses Dialektes — es war der Herr Schulmeister aus einem benachbarten Kirchdorfe, eine lange hagere Gestalt mit faltenreichem blassen Antlitz, dessen Nase etwas auffallend Storchschnabelartiges hatte. Als ein halber Geistlicher und „unendlich weiser“ Mann und als ein Sohn der Provinz Kalenberg, deren Bewohner da ein au hören lassen, wo sich die wendischen Bauern mit einem o begnügen und die als echte Germanen von der Feindschaft gegen das K nichts wissen, hielt er es unter seiner Würde, plattdeutsch zu sprechen. Aus einer langen Pfeife rauchend, hörte er dem lebhaften Geplauder mit tiefsinniger Miene zu und warf dann und wann einige hochdeutsche Worte dazwischen, welche von den übrigen Anwesenden in schweigender Ehrfurcht als wunderbare Orakelsprüche aufgenommen wurden.

Der Schulmeister hatte eben einen kleinen Exkurs über das Kriegsgeschrei fern in der Türkei begonnen, da rief die Wirtin, die mit ihrem jüngsten Söhnchen am Fenster stand, mit Hintansetzung alles Respekts gegen den redenden geistlichen Politiker plötzlich ganz laut ihrem Manne zu: Sieh einmal, Christoph, welch' sonderbare Menschen dort ins Dorf hereinreiten! Auf diese Worte hin eilten Alle ans Fenster und betrachteten die Ankömmlinge, zwei Reiter in fremder Tracht. Die müssen einen weiten Weg gemacht haben! sagte der Wirt; die armen Tiere können ja kaum schnaufen! Nun, die Menschen sind am Ende ebenso müde, meinte ein Bauer. Der Eine sitzt wenigstens so auf seinem Pferde, als ob er jeden Augenblick herunterfallen wollte!

Die Reiter stiegen ab. Der Wirt eilte ihnen entgegen. Ein Trupp jugendlicher Wenden mit glotzenden Augen und offenen Mäulern folgte ihnen. Der Wirt rief seinen Knecht, befahl ihm, die Pferde in den besten Stall zu führen und lud die Fremden ein, ins Haus zu treten. Ihre Erscheinung im Gastzimmer versetzte die Anwesenden in neue Verwunderung. Der Jüngere war eine hohe, wohlgewachsene, breitschulterige Gestalt unk mochte etwa dreißig bis fünfunddreißig Jahre zählen. Sein gebräuntes Antlitz trug einige Spuren von Pockennarben; Kinn und Lippen umgab ein vernachlässigter struppiger brauner Bart, seinen Scheitel bedeckte eine schwarze Perücke. Seine Miene war freundliche ernst, der Blick seiner dunkelblauen, lebhaften, feurigen Augen verriet einen unternehmenden Geist, einen festen Willen. Er trug einen Rock von grobem braunem Tuch mit einer Reihe Knöpfe, einen enganschließenden ledernen Koller, hohe Reiterstiefel mit eisernen Sporen. Seine Hände bedeckten hirschlederne Handschuhe, deren Stulpen bis an die Ellbogen reichten.Der andere Fremde schien etwa zehn Jahre älter zu sein als sein Begleiter. Sein Wuchs war minder kräftig und hoch; seine Gesichtszüge hatten nichts besonders Auffallendes, zeigten aber einen Ausdruck äußerster Erschöpfung, welche sich auch in seinem Gang und seiner Haltung kund gab. Aus seiner feineren Kleidung hätte man schließen können, dass er einem höheren Stande angehöre als Jener. Beide sprachen ein dialektloses Hochdeutsch, welches sich hier und da durch eine etwas fremdartige Betonung auszeichnete.
Wie heißt dies Dorf? begann der Ältere.
Waddeweitz, Herr! entgegnete der Wende.
Wie heißt die nächste Poststation nach der mecklenburgischen Grenze hin?
Dannenberg.
Dannenberg! rief der Reiter mit funkelnden Augen. In Dannenbergs Turm saß einst der Dänenkönig Waldemar! Wollte Gott, ich hätte — aber gleich als ob er sich vergessen, brach er ab und fuhr nach einer Pause mit ruhigem Tone fort.
Wie weit ist es bis dorthin?
Etwa fünf Stunden.
Besorge Er uns rasch eine kräftige Mahlzeit und verschaffe Er uns für heute Abend oder morgen früh zwei frische Pferde! Hört Er?
Das waren Kommandoworte. Der Wirt schob seine Pelzmütze zur Seite, kratzte sich mit bedenklicher Miene hinter dem Ohr und begann, während seine Ehehälfte für die Mahlzeit sorgte, von den Schwierigkeiten, die sich in Waddeweitz der Anschaffung von Pferden entgegenstellen würden.
Wie viel kostet denn hier zu Lande ein Pferd? sagte der Ältere. Er soll gut bezahlt werden, wenn Er uns ein paar starke Tiere verschafft.
Es stellte sich indessen heraus, dass in Waddeweitz der Pflug nicht von Pferden, sondern von Ochsen gezogen wurde, und so hieß es denn:
Nun, lieber Mann — so spann' Er in Gottes Namen morgen Seine Ochsen vor, wir werden unter Seinem Dache übernachten. Doch sind wir gewohnt, früh, sehr früh aufzubrechen — drum richt' Er sich danach, dass wir präzis 4 Uhr mit Seinen Ochsen von hier abfahren können. Unsere Pferde wird Er später nach dem Orte zurückführen lassen, den wir Ihm morgen bezeichnen werden.

Der Wirt war nur Gehorsam. Die Wirtin deckte den Tisch, trug ein einfaches Abendessen auf, wünschte den Reisenden guten Appetit und eilte auf Geheiß ihres Mannes wieder hinaus, um ihren Gästen eine Schlafstelle herzurichten. Inzwischen, da die Reiter wacker und ganz menschlich zusprachen und das schwarze Brot sich munden ließen, fasste der Wirt Mut und getraute sich mit einer Art von ihn selbst belehrender Unterhaltung hervor.

Die Herren kommen gewiss weit her? sagte er.
Sehr weit! entgegnete der Ältere.
Wie weit wohl? forschte der Wirt in seinem und sämtlicher Zuhörer Namen.
Es mögen etwa drittehalbhundert Meilen sein, die wir zurückgelegt haben, sagte der Jüngere gelassen, indem er einen tüchtigen Hieb mit seinem Riesenmesser gegen das dampfende Fleisch führte.
Ein allgemeines, maßloses Staunen. Drittehalbhundert Meilen! Der Schulmeister sollte als Mann der Wissenschaft Erklärung einer so fabelhaften Entfernung geben. Alle Blicke schössen sogleich auf ihn und er flüsterte: St! Stille! Afrika!
Afrika! ging es von Mund zu Mund.
Wollen die Herren in Dannenberg bleiben? fuhr der Wirt fort. Da man seine Speisen aß, hatte er mehr Mut als die Andern.
Nein! war die barsche Antwort.
Wohin soll die Reise denn gehen?
Über die Elbe.
Vielleicht nach Mecklenburg?
Nach Pommern.
Vor- oder Hinterpommern?
Vorpommern, wenn Er’s durchaus wissen will!
Afrika also und Vorpommern! Diese beiden Gegensätze standen fest. Der Schulmeister zeichnete stumm mit der Hand die Landkarte.
Was für ein Geschäft haben die Herren wohl? fing wieder der Wirt an. Es war ja sein Schwarzbrot, das man schnitt.
Wir reisen! erwiderte der Ältere.
Es sind Reisende, sagte der Schulmeister; diese Tatsache war unwiderleglich. Es fehlte nur noch der Übergang: Zu welchen Zwecken?
Dann werden die Herren gewiss Kaufleute sein? warf der Wirth hin.
Nein!
Angestellte?
Nein!
Lieber Mann, wenn Er sich aufs Raten verlegt, fiel der Jüngere lachend ein, da könnten wir uns lange gegenübersitzen! Ich will Ihm und Seinen Gästen sagen, womit ich mich seither beschäftigt habe — obgleich Er es vielleicht nicht recht begreifen wird.
Aha, jetzt kommt’s! raunte der Schulmeister seinem Nachbar zu. Sagt’ ich’s nicht, dass Fragen immer hilft?
Ich habe niemals ein Amt besessen, bei dem ich hätte fett werden können, war des jüngeren Reiters Erklärung. In einem Alter, wo Andere noch kaum an ein Amt und an Geschäfte denken, musste ich schon die schwersten Arbeiten verrichten. Wär’ich schlecht gewesen, so hätt’ ich vielleicht Diesem oder Jenem meine Arbeit zuschanzen und mich nachher damit entschuldigen können, dass dieselbe über meine Kräfte gehe — ich hab’ es nicht getan. Vom frühen Morgen bis spät in die Nacht hab’ ich erst für Andere gesorgt und dann für mich und habe nicht gemurrt, wenn ich wochenlang hungern und durften, frieren und auf harter Erde schlafen musste. Meine schönsten Hoffnungen hab’ ich eine nach der andern zunichte werden sehen — das Wenige, was ich gewonnen, hab' ich verloren — meine besten Freunde und Genossen sind tot, arm und verlassen; müd’ und alt kehr’ ich nach meiner Heimat zurück. Meinem Reisegefährten ist es etwas besser ergangen — am Ende ist auch er nicht viel glücklicher als ich.

Nach diesen friedlichen und fast rührenden Worten, die der Sprecher mehr an seinen Begleiter als an den Wirt und dessen Gäste gerichtet hatte, sprang er auf und schritt mit gesenktem Haupt und umwölkter Stirn sporenklirrend einige mal im niederen Zimmer auf und ab. Der Wirt und die Bauern, die nichts weiter von seinen Worten begriffen zu haben schienen, als dass er ein unglücklicher Mann sei, folgten jeder seiner Bewegungen mit starren Blicken; der Schulmeister aber legte den Zeigefinger an die Nase und gab sich das Ansehen, als ob ihm plötzlich ein sehr Helles Licht aufgegangen. Es sind — sagte er, schnalzte ein paar mal und blieb doch die Antwort schuldig. Jedenfalls entstand in ihm der Gedanke, dass diese aus Afrika nach Vorpommern reisenden Reisenden wenn auch nicht gerade Schulmeister, doch Gelehrte sein müssten wie er. Der Mensch hat immer die Neigung, alles Unerklärliche nach sich zu erklären. Und so ergriff er, da die Reiter sich abwandten, die Bibel vom Fenstersims, rief die Lene, des Wirts Tochter, und ließ sie eine Stelle lesen, die er mit den Worten aufschlug: Kannst du schon deinen Wochenspruch? Das Mädchen las:
„Der — Herr — ist — nahe — bei — Denen — die — zerbrochenen — Herzens — sind — und — hilft — Denen — die — zerschlagenes — Gemüt — haben.“
Gut gelesen! sagte der Schulmeister mit Nachdruck. Beherzige die Worte, mein Kind. Es ist ein Spruch des großen Königs David, des frommen Psalmisten, den Gott aus vieler Not und Trübsal errettete. Zum nächsten mal magst du einen ähnlichen Spruch desselben lesen lernen, welcher zu Anfang des siebenundzwanzigsten Psalms steht und folgendermaßen lautet: „Und ob ich schon wandere im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du, Gott, bist, bei mir; dein Stecken und Stab trösten mich.“
Herr Schulmeister, Er irrt sich — der Spruch steht im dreiundzwanzigsten Psalm’ fiel der jüngere Reiter mit großer Gelassenheit ein.
Der Schulmeister blickte den Redenden mit maßlosem Staunen, aber auch mit Wohlgefallen an, gleich als ob er sagen wollte: Richtig, es sind lateinische Reiter! Schulmeister! Ludi magistri!
Herr Schulmeister, nehm’ Er sich’ vor meinem Reisegefährten in Acht — der kennt die Bibel in- und auswendig! sagte der Ältere, ergriff die Bibel und schlug die streitige Stelle nach. Der Spruch stand im dreiundzwanzigsten Psalm.
Er braucht sich deswegen nicht zu grämen, Schulmeister, versetzte der bibelfeste Fremde. Irren ist menschlich.

Die Reiter erhoben sich, wünschten Allen eine gute Nacht und baten den Wirt, ihnen ihr Schlafgemach anzuweisen. Der Wirt ergriff eine Lampe und führte seine Gäste über die geräumige Lehmdiele in ein entlegenes Stübchen an ungeheure Betttürme.
Leg’ Er sich zeitig aufs Ohr, damit wir morgen zur bestimmten Stunde abfahren können, rief der Jüngere noch der Guten Nacht hinzu, indem er einige von den Decken, Pfühlen und Kissen des einen Bettes wie Bälle auf einen in der Ecke des Zimmers stehenden Tisch warf, sodass nur die Matratze und eine leichte Decke nebst den Leintüchern im Bettgestell zurückblieben. ... Es sind Gelehrte! blieb des Schulmeisters Erklärung, und mit dem Erstaunen, wie bibelfeste Leute auch so sattelfest sein könnten, zerstreute man sich und ging zur Ruhe.

Im kleinen Dörfchen herrschte noch tiefe nächtliche Stille, als sich in dem Wirtshause und dessen nächsten Umgebungen schon einzelne menschliche Stimmen und tagverkündende Laute vernehmen ließen. Die Türen knarrten in ihren Angeln, schwere Schrille erschallten auf der Hausflur, im Kamin knisterte ein luftiges Feuer und über den gepflasterten Hof rasselte ein standfester vierräderiger Wagen. Der Wirt hatte Wort gehalten. Ehe seine Gäste noch zum Vorschein gekommen waren, hatte er schon sein ganzes Hauspersonal geweckt und Alles zur Abreise in Bereitschaft gesetzt. Die beiden Fremden nahmen ein einfaches Frühstück ein, stiegen auf den mit weichen Strohsitzen versehenen Wagen, der Wirt setzte sein Ochsengespann in Bewegung und in gemessenem Schritt ging es in die dämmernde Morgenröte hinein. Die Fahrt war seltsam. Aus den leichten weißen Wolken schauten einzelne Sterne hervor. Im Osten stand noch die schmale Sichel des abnehmenden Mondes und goss ein bleiches Licht auf das schlafende Dorf und die herbstlich öden Felder. Die beiden Fremden schienen das Eigentümliche ihrer Situation auch in vollem Maß zu fühlen, denn in ihre Mäntel gewickelt, saßen sie nebeneinander und unterhielten sich bald mit lächelnder, bald mit ernsthafter Miene eifrig in der fremden Sprache, welche der Schulmeister für Lateinisch gehalten hatte. Dann und wann richteten sie auch einige Fragen auf Hochdeutsch an ihren Wagenlenker, der dieselben treuherzig in seinem niedersächsisch: wendischen Dialekt beantwortete.

Der Weg führte über bleiche, mondbeschienene Felder und dunkle Haiden, durch schlafende Dörfer und düstere, totenstille Föhrenwälder; weit und breit war nichts zu hören als das Knirschen der Räder im tiefen Sande, das Bellen der Hunde und das Krähen der Hähne in den entlegenen Gehöften; dann und wann wehte auch der leise Klang der Glocke einer Dorfturmuhr aus der Ferne durch die stille Morgenluft herüber. So ging es mehre Stunden fort. Endlich hellte es sich im Osten; das Morgenroth siegte über Mond- und Sternenschein und der Sonne freundliche Strahlen brachen durch die herbstlichen Nebelschichten am Horizont.

Das ist der Schlossturm von Dannenberg! rief der Wirt den beiden Reisenden zu, indem er mit der Peitsche auf einen hohen runden Turm deutete, der durch die Zweige der letzten Bäume eines kleinen Gehölzes schimmerte, dessen Ausgang man soeben erreicht hatte. In einer Stunde werden wir dort sein.
Der Jüngere machte eine ungeduldige Bewegung, gleich als ob er sagen wollte: Die Strecke würd’ ich in zehn Minuten zu Pferde zurücklegen!
Die Herren werden aber genötigt sein, bis Mittag in der Stadt zu bleiben, sagte der Wirt. Die Postpferde kommen gewöhnlich erst in der Nacht oder früh am Morgen von den nächsten Stationen zurück und müssen sich doch ein paar Stunden ausschnaufen, ehe sie wieder fortgeschickt werden können.

Auf einem mit zwei wendischen Ochsen bespannten Wagen lernt selbst der Hitzigste Geduld. Die beiden Reisenden ergaben sich ohne Murren in ihr Schicksal, obgleich der Jüngere dann und wann einen sehnsüchtigen Blick dem uralten Turme zuwarf, der von seinem Hügel stolz auf das kleine Städtchen hinabschaute, dessen rote Dächer freundlich in den Morgensonnenstrahlen schimmerten., Endlich hielt das Fuhrwerk vor dem Postgebäude in Dannenberg. Der Ältere eilte sogleich hinein und verlangte zwei Reitpferde bis zur nächsten Station auf der nach Mecklenburg führenden Poststraße. Man erwiderte ihm, dass die Pferde noch eine volle Stunde der Ruhe bedürften, da sie am vorhergehenden Tage stark angestrengt gewesen wären. Man ersuchte ihn, während der Zeit mit seinem Begleiter in dem nahegelegenen Gasthof verweilen zu wollen. Gegen die eiserne Notwendigkeit ließ sich nicht ankämpfen und so begaben sich Beide nach dem Wirtshause, in dessen Gastzimmer sie den Amtmann des Städtchens und einen ihm befreundeten Kaufmann aus Hamburg antrafen, welcher schon um Mittag seine Reise nach Magdeburg fortsetzen wollte und dem Jener bis dahin Gesellschaft leistete. Beim Eintritt der beiden Fremden brachen der Amtmann und sein Freund ihr Gespräch ab und betrachteten sie mit verwunderten Blicken. Besonders den Jüngern betrachteten sie mit stets wachsender Neugierde und wechselten leise Worte miteinander. Die Aufmerksamkeit Jener steigerte sich von Minute zu Minute und endlich flüsterte der Kaufmann mit triumphierender Miene dem Amtmann einen Namen ins Ohr. Dieser eilte darauf hinweg und verschwand im Postgebäude. Gleich darauf erhob sich ein gewaltiges Leben im Postgebäude und dessen Umgebungen. Postillione und Knechte liefen hin und her, schrien durcheinander, Wagen und Pferde wurden aus dem Stall gerissen, gestriegelt, geputzt, gebürstet, einige Minuten später kam der Posthalter in den Gasthof, trat mit tiefen Verbeugungen ins Zimmer und fragte die beiden Fremden mit unendlicher Devotion, ob sie es nicht vorziehen würden, ihre Reise nach Mecklenburg in einem bequemen Wagen fortzusetzen.

Die Letztem schauten den untertänigen Posthalter mit dem unverkennbarsten Missvergnügen an und der Ältere sagte in einem fast barschen Tone: Ich hab’ es ja ausdrücklich gesagt, Herr, dass wir unsere Reise zu Pferde fortfetzen wollen. Hat Er etwa keine Reitpferde?

O das wohl, erwiderte der Posthalter mit einer tiefen Verbeugung, aber ich möchte ...
Nun, so sorge Er dafür, dass die Pferde zur bestimmten Stunde gesattelt und gezäumt vor der Tür stehen. Sobald wir einen kleinen Imbiss eingenommen haben, reiten wir von dannen.

Der Posthalter zog sich zurück. Die Reiter sprachen dem inzwischen aufgetragenen Frühstuck zu. Kauf- und Amtmann betrachteten Beide starr. Als dass Frühstück beendet, wurden die Pferde vorgeführt. Vor der Tür des Gasthofs hatte sich eine Gruppe von Neugierigen gesammelt, unter denen sich auch der Waddeweitzer Lenker des Ochsengespanns befand, der seinen Gästen eine glückliche Reise wünschen wollte. Die Letzteren schwangen sich in den Sattel, der Jüngere reichte dem Dorfwirt zum Lohn für seine Dienste ein ansehnliches Geldstück, empfahl ihm noch einmal, wie schon geschehen, die ihm anvertrauten in Waddeweitz gebliebenen Pferde sobald als möglich nach dem Poststationsorte zu bringen, den er ihm unterwegs bezeichnet, und freundlich die Umstehenden grüßend, sprengte er im Galopp mit seinem Begleiter davon. . .

Man riet. Man ahnte. Man forschte. Und was man geraten, geahnt und erforscht hatte, bestätigte sich durch die Zeitungen: Karl XII.*), auf seiner Flucht von Bender in der Türkei, war mit seinem Adjutanten bei Dannenberg über die Elbe gegangen und begab sich durch Mecklenburg nach Schwedisch-Pommern.

In Waddeweitz blieb Karls XII. geheimnisvolle Durchreise und seine Ochsenfahrt nach Dannenberg bis zum heutigen Tage die glanzvollste Erinnerung der dortigen Chronik, und von meinem eigenen Großvater hab’ ich dies kleine Stück aus der Geschichte des nordischen Alexander ganz so vernommen, wie es in den Hauptpunkten vorstehend erzählt wurde.
E. Ziehen

*) Karl XII. (1682-1718) König von Schweden.

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 Karl XII. (1682-1718) König von Schweden

Karl XII. (1682-1718) König von Schweden