Die Universität Rostock

Aus: Die Universitäten Deutschlands in medizinisch-naturwissenschaftlicher Hinsicht
Autor: Kilian, Herman Friedrich von (1800-1863) Professor Dr. der Medizin, Erscheinungsjahr: 1828
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Hansestadt Rostock, Reformationszeit, Iniversitätsgeschichte
Zehn Jahre, nachdem Leipzig aus den Trümmern Prags seine blühende Hochschule entstehen sah, erhob sich an der fernen Ostseeküste, aus dem Schoße einer, wie man glaubte, den Wissenschaften weniger befreundeten Völkerschaft, eine neue Freistätte der Wissenschaften; deren Organisation nach einem umfassenden Plane entworfen wurde und deren Gerechtsame groß und unbeschränkt waren, wie das Meer, welches ihre Grundfesten bespülte.

Noch liegt es in Zweifel, ob die Entstehung Rostocks, als im Zusammenhange stehend mit jenen Auswanderungen der Studierenden aus Böhmens Hauptstadt, anzusehen sei, oder ob wir ihr Dasein als eine Folge jener mächtigen Umwälzungen in dem Reiche der geistlichen Ausbildung betrachten müssen, welche von der allberühmten Kirchenversammlung zu Konstanz ausgingen, und deren Licht sich über alle Völker Deutschlands ergoss. Wir finden unter den älteren Autoren zahlreiche Anhänger, sowohl dieser wie jener Meinung; doch will es uns bedünken, dass es weit natürlicher sei, den Grund des Entstehens der Universität Rostock aus der obenerwähnten Kirchenversammlung herzuleiten, als ihn in einem Ereignisse zu suchen, welches in dem Augenblicke, wo es sich zutrug, allerdings von dem höchsten Einfluss war, dessen Rückwirkungen jedoch keineswegs als so gewaltig betrachtet werden müssen, dass sie noch nach zehn verflossenen Jahren kräftig genug gewesen wären, eine neue Hochschule ins Leben zu rufen.

Die Stadt Rostock, deren Handel im fünfzehnten Jahrhundert bereits blühend war, fühlte das Bedürfnis einer Bildungsanstalt höherer Art, um so dringender, je reichere Gelegenheit sie durch ihre vielseitigen Berührungen fand, sich zu überzeugen, welch hoher Preis die Wissenschaften denen zuerkannten, die sich ihrer Führung überließen. Die beiden Herzöge Johann III. und Albrecht V. erfüllt von der innigen Überzeugung der hohen Wichtigkeit einer vollendeten Ausbildung ihres Volkes, stifteten im Jahre 1419 die Universität und erteilten ihr wichtige Privilegien, wogegen die Stadt für eine passende Anordnung der Einkünfte sorgte und eben durch die nicht unbedeutenden Opfer, welche sie brachte, den Beweis lieferte, wie sehr Ernst es ihr um das segensreiche Gedeihen ihrer neuen Hochschule war.

Die Privilegien wurden von dem Papst MARTIN V. sanktioniert und nur erst hiernach konnte man das ganze Werk als vollendet betrachten. Doch wandelbar, wie die Gunst der Päpste zu allen Zeiten war, traf auch Rostock schon nach achtzehn Jahren, und zwar im Jahre 1437 der päpstliche Bannstrahl, der um so vernichtender auf Stadt und Land fiel, je inniger der deutsche Kaiser sich mit dem heiligen Stuhl verbunden hatte und Roms Gebote mit der Schärfe des Schwertes befolgen lehrte. Dies geschah auch in Rostock, und die eingeschüchterten Lehrer der neuen Hochschule flohen nach Greifswald und verpflanzten dorthin die Universität, wo sie sechs Jahre lang mit wechselvollem Glück bestand. Das Jahr 1443 führte jedoch Eintracht und Frieden nach Rostock zurück und mit ihnen kehrte auch die Hochschule in die heimatlichen Mauern wieder. Allein noch immer blieb ihr Dasein bedroht und ihre Ruhe gestört, und als endlich die langjährigen Misshelligkeiten der beiden Herzöge mecklenburgischer Linie in offenen Unfrieden ausbrachen, wurde die Universität nach Lübeck verlegt: ein Ereignis, welches in das Jahr 1487 fiel.

Nach fünfjähriger Abwesenheit kehrte sie zuletzt Anno 1492 zurück, fernerhin nimmermehr das mit erneutem Glücke sich erhebende Rostock zu verlassen. Aber noch waren für das tieferschütterte Institut die Tage heiterer Ruhe nicht erschienen, denn abgesehen davon, das die Verheerungen der Pest sie ihrer Bevölkerung beraubte, drohte ihr noch zu Anfang der Reformation der härteste Schlag, indem sie plötzlich von ihren sämtlichen Lehrern und Studierenden verlassen wurde, und sie würde gewiss für eine lange Zeit sich nicht wieder erholt haben, hätte sie nicht Arnold Büren im Jahre 1530 mit männlicher Kraft emporgehoben und mit neuem Glanze umgeben. Sie heilte nur langsam von so vielen schweren Wunden und zögernd kehrten ihre Kräfte wieder. Ihr Wiederaufblühen war vielversprechend und konnte es ein ersprießliches werden, erteilte ihr der Kaiser Ferdinand im Jahre 1560 ihre ersten kaiserlichen Privilegien, die jedoch im Grunde nichts anderes waren, als eine Bestätigung der Bulle des Papstes Martin V.

So gelangte, denn nach einer langen, vielbewegten Zeit, diese Hochschule zu dem Genuss aller ihrer Gerechtsame, und einmal im vollen Besitze derselben, ließ sie sich dieselben auch nicht ferner entreißen, wie anhaltend und hartnäckig auch die Stadt mit ihren beiden Herzogen im unversöhnlichen Streite liegen mochte. Die Universität gewann daher mehr und mehr festeren Haltpunkt und sicherte sich ein ehrenvolles, wenn auch gleich kein mit hohem Ruhme geschmücktes Dasein, denn Männer wie Hugo Grotius gab es in der langen Reihe von Jahren, seit Rostocks Hochschule besteht, nur wenige auf ihr.

Mehr die Früchte des Jahrhunderts zur eigenen Ausbildung benützend, als sie selbst aus eigenem Schoße erziehend, ließ die hiesige Hochschule, welche dadurch, dass im Jahre 176o ihr die Universität von Bützow einverleibt wurde, eine neue Bewegung erhielt, Jahr auf Jahr über sich hinwegschreiten und ohne eben eines hohen Ruhmes teilhaftig geworden zu sein, bestritt ihr doch Niemand das Verdienst zur Verbreitung höherer Wissenschaft beigetragen zu haben, und nur selten traf sie der Vorwurf, an dem Alten und Herkömmlichen mit eisernen Banden geschmiedet gewesen zu sein.

Auch in unseren Tagen bewährt sich diese Behauptung. Die Universität ist immerdar den Wissenschaften eine gastliche Freistätte, sie bewegt sich mit glücklichem Erfolge in ihrem Wirkungskreise und sucht auf diese Weise möglichst ihrer Bestimmung und den Anforderungen einer rastlos fortschreitenden Zeit zu entsprechen. Höheres zu erwarten sind wir nicht berechtigt, denn damit wahrhaft Großartiges gedeihen könne, müssen auch die äußeren Verhältnisse und die zu Gebote stehenden Hilfsquellen nach gleichem Maßstabe berechnet worden sein und Letztes konnte hier nicht geschehen! –
Rostock, Universität

Rostock, Universität

Rostock, Kröpeliner Tor

Rostock, Kröpeliner Tor

Rostock, Kröpeliner Tor und Teufelsgrube

Rostock, Kröpeliner Tor und Teufelsgrube

Rostock, Giebelhäuser bei der Nikolaikirche

Rostock, Giebelhäuser bei der Nikolaikirche