Die Tertiärschichten des Berges zu Wendisch-Wehningen.

Archiv für Landeskunde in den Großherzogtümern Mecklenburg und Revue der Landwirtschaft. Band 4 (Des Mecklenburgischen Gemeinnützigen Archivs Neue Folge) Quelle: http://www.lexikus.de/bibliothek/Welchen-Einfluss-hat-die-Natur-auf-die-Entwicklung-des-Volkscharakters-und-Volkslebens
Autor: Koch, F. E. Dr. (?-?) Oberlandbaumeister in Güstrow, Bau-Konduktor zu Dömitz, Erscheinungsjahr: 1853

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Kulturgeschichtliche Entwicklung, Bodenbau, Geologie, Braunkohle, Brennstoff, Torf, Dömitz,
Der Ort Wendisch-Wehningen-Broda-Sandwerder wurde 1340 erstmals erwähnt und 1938 in Rüterberg umbenannt.

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Bietet der Berg zu Wendisch-Wehningen bei Dömitz durch seine nicht unbedeutende Höhe und seine isolierte Stellung in der meilenweiten Elbniederung, hart an diesem Strome, schon für jeden Beschauer ein nicht geringes Interesse, und fallen schon Jedem, der dieser Erscheinung eine etwas größere Aufmerksamkeit zuwendet, die durchaus verschiedene Zusammensetzung der Erdschichten dieses Berges, die zahlreichen auf demselben zerstreuten Gerölle im Vergleich zu den Schichten der umgebenden völlig geröllarmen Ebene ins Auge, so erhöht sich dieses Interesse in nicht geringem Grade für den Geognosten, der an verschiedenen Stellen des Berges Erbmassen zu Tage ausgehen sieht, in denen er sofort tertiäre Schichten und zwar die gewöhnlichen Begleiter der Braunkohlenformation erkennt: Glimmerreichen Quarzsand, Alaun-Erde und Tongebilde von großer Mächtigkeit und außerordentlich glastischer Beschaffenheit.— Dieser Fund wird um so interessanter, wenn man berücksichtigt, dass kaum eine Meile entfernt bei Bockup ein bedeutendes Braunkohlenflöz von großer Güte der Kohle ansteht, dass die geognostischen Verhältnisse der ganzen Gegend die Annahme höchst wahrscheinlich machen: es habe dieser Wehninger Berg einst im Zusammenhang gestanden mit der Hügelgruppe, deren südöstlichem Abfall jene Kohlen angelagert sind; und so erscheint es wohl motiviert, wenn der Berichterstatter sich erlaubte, die Aufmerksamkeit des hohen Großherzoglichen Kammer-Kollegiums auf die beregten Verhältnisse hinzulenken, und die Bewilligung einer Geldsumme zu Bohrungen und sonstigen Versuchsarbeiten zu beantragen.

Die Liberalität, mit der die genannte hohe Behörde die erbetenen Mittel bewilligte, gestattet es nun, das Publikum mit Verhältnissen bekannt zu machen, die in würdiger Weise sich den übrigen geognostisch und technisch wichtigen Punkten des in dieser Hinsicht so gesegneten südwestlichen Teiles von Mecklenburg anschließen und die bei sonst günstigen Verhältnissen Gelegenheit bieten zu ausgedehnten Fabrikanlagen, wie dies kaum in demselben Maße der Fall sein dürfte mit den bekannten Verhältnissen der Gegend von Bockup und Conow. — Denn wenn zwar nicht zu leugnen ist, dass von den hier anstehenden Erdschichten die Braunkohle an sich reiner und besser ist, als die zu Wehningen gefundene, so treten für letzteren Ort doch andere Vorteile, und ganz überwiegend die des leichteren Abbaus, sowie der für die Abfuhr so überaus günstigen Lage hart an der Elbe in die Waagschale.

Zunächst sei es nun gestattet, diejenigen Erdschichten, die in Folge der angestellten Versuchsarbeiten sich gefunden haben, spezieller zu charakterisieren.

a. die Braunkohle ist eine zwar erdige, nicht regelmäßig geschichtete Kohle, die jedoch in mächtigen bauwürdigen Bänken ansteht, 50 Proz. Brennstoff enthält und, wie Versuche im Kleinen zeigen, mit Lebhaftigkeit und unter Entwicklung einer großen Hitze brennt. Sie wird freilich zu Torf geformt werden müssen, doch darf an der Ausführbarkeit und Rentabilität dieser Prozedur nicht mehr gezweifelt werden, wenn wir auf den blühenden Fabrikanlagen zu Findenwirunshier seit langen Jahren die als Abfall zurückgeworfene Gruskohle von Bockup, zu Torf geformt, als Brennmaterial benutzt sehen: Auch sind bereits Vorkehrungen getroffen, dass beim Eintritt günstiger Witterung Versuche im Großen mit dem Formen der Wehninger Kohle angestellt werden.

Aber selbst für den Fall, dass solche Versuche diese Kohle wegen ihrer erdigen Beschaffenheit als nicht allzu vorzüglichen Brennstoff darstellen sollten, so bleibt das Material an sich doch immer von großer Wichtigkeit für die Technik. Auf Veranlassung des Berichterstatters hat nämlich der Herr Apotheker Spangenberg zu Dömitz einige Versuche gemacht, aus der Asche der verbrannten Kohle, die nach Obigem gleichfalls 50 Prozent beträgt, Alaun darzustellen. Der Hauptbestandteil dieser feinen weißen Asche ist nämlich eine mit Schwefeleisen gemischte Tonerde, die leicht in schwefelsaure Tonerde umgewandelt und so zur Alaunbereitung tauglich gemacht wird, und zwar eignet sich die in Siede stehende Asche so sehr zu dieser Fabrikation, dass durch die genannten Versucht 37 Prozent kristallisierten Alauns derselben dargestellt wurden. Der Rückstand aber, also 63 Prozent der Asche, besteht aus fast reiner Kieselsäure, so dass also ein gewisses Gewichtsquantum der Wehninger Braunkohle bei geeigneter Behandlung abgeben würde:

      50 Prozent Brennstoff.
      18 ½ Prozent Alaun.
      31 ½ Prozent Kieselsäure.

b. Der Ton ist ein von jeder Beimengung kohlensaurer Erden völlig freier, glastischer, äußerst feiner Töpferton. Derselbe steht in bedeutenden Bänken und bis zu großer Ziest in unmittelbarer Nähe der Kohlenschichten an und erweist sich durch seinen Gehalt an zahlreichen Glimmerblättchen als zur Tertiärformation gehörig. — Proben, die damit sowohl von einem Töpfer, wie von einem Ziegler angestellt wurden, weisen die außerordentliche Brauchbarkeit des Materials nach, welches sich hellgelb brennt, von großer Feuerfestigkeit und so großer Leichtigkeit ist, dass, während die von gewöhnlicher Erde zu Wehningen gebrannten Steine 8 bis 8 ½ Pfd. wiegen, die von diesem Ton gebrannten nur ein Gewicht von 6 Pfd. haben. Noch ist zu bemerken, dass diese Versuche mit dem rohen Ton, wie er aus dem Bohrloch hervorkam, angestellt wurden, so dass man sicher erwarten kann, dass dieses Material, wenn es kunstgerechter Behandlung unterworfen wird, zur Fabrikation von Fayence und selbst von feinem Steingut zu verwenden sein wird.

Endlich findet sich

c. eine umbraartige Farbeerde, in großen Nestern-den Braunkohlenschichten eingelagert; dieselbe ist von großer Feinheit, und haben damit angestellte Versuche die völlige Brauchbarkeit derselben zu Ölfarbeanstrich bewiesen.

Was nun die Lagerungs-Verhältnisse der oben charakterisierten Schichten betrifft, so haben die angestellten Bohrungen und Schürfarbeiten freilich ergeben, dass regelmäßige Schichtung in Flözen nicht stattfindet, dass vielmehr die für den Geognosten höchst interessante Aufrichtung und Verwerfung der verschiedenen Schichten, wie sie das im Abbruch liegende steile Elbufer zeigt, uns ein Bild gibt von der Zusammensetzung des ganzen Berges, die offenbar das gleichzeitige Resultat von Erderhebungen und von mächtigen Fluteinwirkungen ist. Hierin haben wir höchst wahrscheinlich zugleich die Erklärung für die eigentümliche Beschaffenheit der Braunkohle, in der wir jedenfalls ein zerstörtes und mit Alaungebirg vermischtes Braunkohlenflöz, sicher einst im Zusammenhange mit dem noch auf ursprünglicher Lagerstätte befindlichen Bockuper Lager, erkennen müssen; wie denn schon vor Jahren der Geheime Medizinalrat Brückner*) darauf hindeutet, dass diese Lager an dem steilen Abhänge bei Bockup „wie abgebrochen und in ihrer südwestlichen Richtung hinweggerissen" erscheinen.

*) Dr. G. A. Brückner: Wie ist der Grund und Boden Mecklenburgs geschichtet. Neustrelitz, 1825, S. 75.

Trotz dieses nicht ganz günstigen Verhältnisses sind aber dennoch an verschiedenen Stellen des Berges so mächtige Bänke der oben beschriebenen Gebirgsarten im Zusammenhange erhalten, dass ein Abbau sehr wohl zu beschaffen und unbedingt der Mühe Wert sein würde, namentlich bei der Leichtigkeit desselben hart am Ufer der Elbe, wo große Massen dieser Schichten steil aufgerichtet hoch über Tage anstehen, Massen von solcher Mächtigkeit, dass eine etwaige Aufräumung des Lagers für jetzt ganz außer Acht gelassen werden kann.

Soll dem Berichterstatter nun schließlich noch erlaubt sein, einige Andeutungen zu machen über die Art und Weise, wie die bisher besprochenen Erdschichten am besten nutzbar für die Technik zu machen sein dürften, so wird man zunächst durch die ausgezeichnete Beschaffenheit des Tons einmal auf die Anlage einer Kunstziegelei, dann aber selbst, wie schon oben angedeutet, auf die Fabrikation von Fayence und Steingut hingeleitet, für welche Fabrikationen kaum eine bessere Lage als unmittelbar an einem schiffbaren Hauptstrome gedacht werden kann. — Jedenfalls würde die Braunkohle, zu Torf gebacken, ein gutes Hilfsfeuermaterial abgeben und um so mehr zu verwenden sein, als die Asche, wie oben gezeigt, ihre zweckmäßige und rentable Verwendung zur Alaunbereitung als Nebenbetrieb findet, während der Rückstand bei dieser Fabrikation, die oben erwähnte Kieselsäure, wiederum einmal als Zusatz zum Ton bei Verarbeitung desselben zu Steingut zu verwenden sein würde, andererseits aber dieselbe als hauptsächlichster Bestandteil des Glases den Gedanken nahe legt, auch einen Glashüttenbetrieb einzurichten, der um so mehr gerade hier am Platze sein dürfte, als außer den voraufgeführten Erdschichten, teilweise in Verbindung mit denselben, teilweise in besonderen Nestern abgelagert, große Massen reinen weißen Quarzsandes sich finden von der Feinheit des Mehls bis zu grobem Grand, mit großen Quarzkieseln durchsetzt.

Ein solcher Glashüttenbetrieb würde wiederum auf das günstigste auf die Alaunfabrikation zurückwirken, indem diese bei der Billigkeit des Alauns nur da rentieren kann, wo man statt des teuren kohlensauren Kalis billigere Zusätze in den Abgängen anderer Fabrikanlagen hat; ein solches Surrogat würde man aber aus den Abgängen bei der Glasfabrikation in der sogenannten Glasgalle finden.

Übrigens dürfte, abgesehen von dem nutzbaren Gehalte an brennbaren Stoffen, die Wehninger Braunkohle selbst zu einem direkten Betrieb auf Alaun sich empfehlen, wenn man den oben nachgewiesenen sehr bedeutenden Ertrag von ca. 18 Prozentberücksichtigt, während schon Erze, die 2 Prozent Alaunertrag abwerfen, mehrfach verarbeitet werden; auch stehen, abwechselnd mit dieser Braunkohle, eigentliche Alaunerdeschichten am Wehninger Berge an, die von ersterer sich Wohl nur durch einen größeren Tongehalt, teilweise auch etwas mehr sandige Beschaffenheit unterscheiden, die aber bei einem einmal eingerichteten Betriebe gewiss mit Nutzen gleichfalls auf Alaunproduktion abgedankt werden dürften.

Einen ganz rentablen Nebenbetrieb würde außerdem noch die Ausbeutung der oben erwähnten Erdfarbe abgeben, die anscheinend aus einer modifizierten, mit sehr seinen
Tonteilen vermischten Kohlenerde besteht, und die so bituminös ist, dass sie, auf glühende Kohlen geworfen, lebhaft brennt.

Außer den bisher besprochenen der Tertiärformation zuzuzählenden Schichten möge hier beiläufig noch zweier Vorkommen an dem in Rede stehenden Berge Erwähnung geschehen, von denen das eine nicht zwar in bergmännischer, wohl aber in landwirtschaftlicher Hinsicht von großem Interesse ist. Es ist dies ein sehr kalkhaltiger strenger Lehmmergel, mit großen Kreideknollen durchsetzt, der bei dem völligen Mangel an diesem Material in der ganzen Gegend und bei dem schwarzen humussauren Boden, der sich überall in der Niederung findet, von großer Wichtigkeit für den Landbau weiden dürfte. Das andere Vorkommen, welches Wiedel um von Wichtigkeit für einzelne der oben besprochenen Fabrikanlagen sein möchte, ist die Anwesenheit von zahlreichen großen Feuersteinknollen bis zu Kubikfuß Größe in den eben erwähnten Mergelschichten.

Somit bietet denn der Berg zu Wendisch-Wehningen auf einem verhältnismäßig kleinen Räume einen Reichtum an Naturprodukten dem industriellen Unternehmungsgeiste dar. die so leicht kein anderer Platz in Mecklenburg. Fasst man dazu die überaus günstige Lage hart an der Elbe ins Auge, berücksichtigt man den im ganzen billigen Tagelohn hiesiger Gegend im Verhältnis zu anderen Gegenden, sowie den günstigen Umstand, dass fast das ganze Terrain zur freiesten Disposition der Landesbehörden steht, so kann man kaum begreifen, dass so Gewinn versprechende Naturprodukte so unbenutzt daliegen, ja dass, seit Jahrzehnten dem Angriffe des Hochwassers ausgesetzt, große Massen derselben Jahr für Jahr mit fortgerissen werden und für die Industrie verloren gehen; und in der Tat kann man den Grund hierfür nur in der Unbekanntschaft des Publikums mit diesen Verhältnissen suchen.

Mögen denn diese Zeilen dazu beitragen, diesen Übelstand zu beseitigen und die besprochenen interessanten Verhältnisse und Vorkommenheiten in weiteren Kreisen bekannt zu machen.
                  Dömitz, im Dezember 1853.

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Elde bei Rüterberg

Elde bei Rüterberg

Dömitz, Festungsmauer

Dömitz, Festungsmauer

Dömitz, Stadtansicht um 1650

Dömitz, Stadtansicht um 1650