Die Tätigkeit der Schweriner Sparkasse in dem Rechnungsjahre vom 1. Okt. 1848/49

Aus: Mecklenburgisches Gemeinnütziges Archiv, Band 1
Autor: Redaktion, Erscheinungsjahr: 1850
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin, Sparkasse, Finanzkrise, Vertrauen, Banken, Spekulanten
Die nachfolgenden Mitteilungen über die Verhältnisse der Schweriner Sparkasse während der großen Krisis von 1848/49 sind einem durch die gütige Unterstützung des Direktors der Kasse, Herrn Geh. Kanzleirat Faull uns zugänglich gemachten Berichte entnommen.

„..Im Verlauf der verflossenen zwei Jahre hat die Ersparnisanstalt eine bedeutende Krisis zu überstehen gehabt, welche teils durch die Umwandlung des Münzfußes, teils durch die ungünstigen Zeitverhältnisse herbeigeführt war, allein auch diese Krisis ist ohne irgend einen erheblichen Nachteil und ohne irgend erhebliche Geldeinbuße vorübergegangen.

Nach Beendigung des Konvertierungsgeschäfts nämlich, begann die Sparkasse ihren Verkehr wiederum am 1. Mai 1848 mit einem Kassenvorrat von ungefähr 4.000 Thlr. Kur., womit das Bedürfnis bis zum Joh.-Termin jenes Jahres bestritten werden sollte. Diese Silbermünze war damals hier noch so wenig verbreitet, dass die Geldwechsler sich das Thalerstück mit 43 ßl. N 2/3. (also um 1 ßl. höher, wie der frühere Umsatzpreis im gewöhnlichen Leben und um 1 6/7 ßl. höher, als der gesetzlich festgestellte Preis war) bezahlen ließen. Es war vorherzusehen, dass unter solchen Umständen jene 4.000 Thlr. in vierzehn Tagen verausgabt gewesen sein würden, wenn man jedem Einleger, auch selbst demjenigen, welcher seine Einlage nicht gekündigt hatte, dieselbe hätte zurückzahlen wollen. Es blieb also nichts anderes übrig, als von dem statutenmäßigen Rechte Gebrauch zu machen, und den nicht gekündigt habenden Einlegern die Auszahlung zu verweigern. Zu gleicher Zeit nahmen die Einlagen bedeutend ab; mancher Thaler, der sonst in die Sparkasse gekommen wäre, ward in den zahlreichen Volks- und Wirtshaus-Versammlungen aller Art verzehrt und die Teilnahme an denselben war auch die Veranlassung, dass mancher Handwerker und Tagelöhner während der Zeit, die er auf jene Art verbrachte, nichts verdiente. Die Furchtsamen aber hielten ihr Geld zurück. Rechnet man dazu die allgemeine Verstimmung, welche durch die mit der Münzveränderung für viele Leute verbundenen Verluste hervorgerufen war, so wird man es wohl erklärlich finden, dass ein großes Misstrauen gegen die Ersparnisanstalten, also auch gegen die hiesige, entstand. Während in Termine Antoni 1848 zur Zurückzahlung in Termino Johannis 1848 von einzelnen Einlegern nur die Gesamtsumme von 40.826 Thlr. Kur. gekündigt war, stieg in Termino Johannis 1848 die Summe der zu Antoni 1849 gekündigten Einlagen auf 77.426 Thlr. Diesem Andrange konnte noch durch die disponiblen Geldmittel, insbesondere durch Sistierung aller Bewilligungen von Anleihen, abgeholfen werden, und es ward ihm auch demnächst in Termino Antoni 1849 wirklich abgeholfen, da im Monat Januar 1849 die neuen Einlagen noch in ziemlichem Verhältnisse zu den zurückgezahlten blieben (erstere betrugen ca. 91.000 Thlr., letztere 96.800 Thlr.); allein nach Johannis 1848 nahm die Agitation noch immer mehr zu, von böswilligen Wucherern ward absichtlich das Gerücht angeregt und verbreitet, als wenn es schlecht mit der Sicherheit der Sparkasse stehe, es wurden einigen leichtgläubigen Inhabern von Einlage-Büchern diese für einen geringen Preis abgekauft, und das Misstrauen erreichte einen solchen Grad, dass die Summe der in Termino Antoni 1849 zur Zurückzahlung in Termino Johannis 1849 gekündigten Einlagen über 135.500 Thlr. stieg. Diese aus disponiblen Geldmitteln zu decken, war unmöglich, außerdem aber musste das gesunkene Vertrauen wiederhergestellt werden, und dies konnte nur durch die Herbeischaffung eines größeren Kassenvorrats geschehen, der es möglich machte, jedem Einleger seine Einlage zurückzuzahlen, er mochte dieselbe nun gekündigt haben, oder nicht.

In der damaligen aufgeregten Zeit schien es geraten, die zu ergreifenden Maßregeln in möglichster Stille zu treffen. Dass man darin nicht unrecht gehandelt, zeigte der Erfolg, denn obgleich die Zusammenkunft nicht im Sparkassenlokal, sondern im Hause des Direktors stattgehabt hatte, so ward dieser doch kurze Zeit hinterher befragt, ob es wahr sei, dass die Ersparnisanstalt beschlossen habe, von ihren Forderungen eine Menge zu kündigen und die Namen derjenigen Schuldner, denen gekündigt werden solle, durch das Los zu ermitteln? — es herrsche darüber große Aufregung in Schwerin!

In der stattgehabten Besprechung am 23. März v. J. wurden Beschlüsse gefasst, deren Ausführung auf eine für die Ersparnisanstalt überaus günstige Weise gelungen ist. Zwar war es nicht möglich, auch nur ein einziges Hauspapier anzubringen, weshalb denn die Verwertung nur von Guts- und Reluitions-Kassen-Papieren vorgenommen werden konnte, allem das Geschäft hatte einen so raschen Fortgang, dass bereits im Laufe des Monats April über 39,999 Thlr. zur Kasse geflossen waren und nun wieder alle Einlagen, ohne Rücksicht auf vorherige Nichtkündigung, zurückgezahlt werden konnten. Verkauft wurden an Guts-Papieren für ca. 64.499 Thlr., an Reluitions-Kassen-Papieren für 16.999 Thlr., an Chausseebau-Kassen-Papieren für 2.333 Thlr. in Summa für 82.746 Thlr. Auf alle vor dem Johannis-Termin versilberten Papiere haben die Abnehmer pro rata temporis Zinsen vergütet, und die gesamten Unkosten, welche die Sparkasse von dieser Versur gehabt hat, betragen 83 Thlr. 16 ßl., welche durch die Stempel und Umschreibungsgebühren entstanden sind.

Der Verlauf des Johannis-Termins 1849 rechtfertigte die getroffenen Maßregeln vollkommen: die Zurückzahlungen von Einlagen im Monat Juni 1849 erreichten die Höhe von 135.271 Thlr., während die neuen Einlagen nur 73.934 Thlr., also 62.2I7 Thlr. weniger betrugen. Gleichzeitig wurden an Einlagen zur Zurückzahlung in Termins Antoni 1859 ca. 93.499 Thlr. gekündigt, und da es ungewiss war, wie groß die neuen Einlagen in Termins Antoni 1859 sein würden, so musste man zu dem in der vorerwähnten Besprechung vom 23. März v. J. für diesen Fall bereits beschlossenen Mittel schreiten und ließ daher hiesige Hauspöste im Bettage von 24.859 Thlr. Kurant kündigen, wobei natürlich nur solche Schuldner ausgewählt wurden, für welche die Herbeischaffung des Geldes grade keine Schwierigkeiten haben konnte. Allein schon im verflossenen Herbste kehrte das alte Vertrauen zur Sparkasse allmählich zurück, die Einzahlungen wurden stärker, so dass bei 12.133 Thlr. 16 ßl. von den eben bemerkten, gekündigten 24,859 Thlr. Kur. die Kündigung wiederum rückgängig gemacht werden konnte. Während die Summe der Einlagen im Januar 1849 nur ca. 91.000 Thlr. betrug, stieg sie im Monat Januar 1859 auf 119.659 Thlr., da. gegen wurden nur 92.459 Thlr. zurückgezahlt, also 27.299 Thlr. weniger; im Januar 1849 aber wurden 5.800 Thlr. mehr zurückgezahlt, als neu eingelegt.

Wenn nun auch in Termins Antoni d. J. zur Zurückzahlung in Termins Johannis d. J. über 90.000 Thlr. gekündigt sind, so braucht man dieserhalb keine Besorgnisse zu hegen, da Antoni d. J. ein beträchtlicher Kassenvorrat verblieben ist, von dem ein großer Teil auf deponierte Papiere bis Johannis d. J. hat untergebracht werden können.

Überhaupt wird jetzt stets darauf Bedacht genommen, einen größeren Kassenvorrat, wie früher, zu haben, da es sich herausgestellt hat, dass es für die Erhaltung des Kredits der Ersparnisanstalt notwendig ist, von dem statutenmäßigen Rechte, nur die gekündigten Einlagen zu bezahlen, so wenig als möglich Gebrauch zu machen und jedem Einleger, ohne Unterschied, ob er gekündigt hat oder nicht, seine Einlage, wenn er sie begehrt, zurückzuzahlen. Dazu genügt aber, bei der jetzigen Größe der Einlagen-Summe von ca. 1.600.000 Thlr. kein Kassenvorrat von einigen Tausenden.

Die Summe aller im Rechnungsjahre vom J. Okt. 1848/49 gemachten Einlagen betrug 193,245 Thlr.
Die Summe der an die Einleger zurückgezahlten Einlagen 269.591 Thlr.
an belegten Kapitalien wurden zurückgezahlt an die Sparkasse 96.487 Thlr.
neu belegt wurden 21.479 Thlr.
an Zinsen wurden erhoben 61.499 Thlr.
an Zinsen wurden bezahlt 31.972 Thlr.
die Verwaltung kostete 3.400 Thlr.
und zwar
an Gehalten 1.778 Thlr.
für Hilfsarbeiten 680 Thlr.
für Druckkosten 89 Thlr.
Buchbinderlohn 86 Thlr.
u. s. w.
die Gesamteinnahme betrug 354.284 Thlr.
die Gesamtausgabe dagegen 339.835 Thlr.
das eigene Vermögen vermehrte sich in diesem Jahre um 7.418 Thlr.
am 1. Okt. 1849 betrugen
a) die belegten Kapitalien 1.719.714 Thlr.
darunter zinslos verliehen 19.399 Thlr.
b) die Einlagen 1.599.381 Thlr.
c) das eigene Vermögen incl.
des Kassen-Vorrates und des
Zinsrückstandes 138.612 Thlr.

mithin ca. 8 5/8 Prozent der bemerkten Einlage-Summe von 1.599.381 Thlr.
Schließlich wird noch in Bezug auf die zur Begründung einer Vorschussanstalt für Gewerbetreibende in Schwerin bewilligte Beihilfe von 2.999 Thlr. Kur. bemerkt, dass dieselbe ausbezahlt ist, auch das Institut einen guten Fortgang hat.

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Schwerin, Schloss 4

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Schwerin, Schloss 1

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Schwerin, Schloss 5

Schwerin, Schloss 5

Schwerin, Dom 2

Schwerin, Dom 2

Schwerin, Schloss 6

Schwerin, Schloss 6