Die Reise nach Rügen

Aus: Meine Reise durch Schlesien, Galicien, Podolien nach Odessa, der Krim, Konstantinopel und zurück über Moskau, Petersburg, durch Finnland und die Insel Rügen im Sommer 1832. Zweiter Teil. Leipzig, 1834.
Autor: Behr, August von (?-?), Erscheinungsjahr: 1834
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Insel Rügen, Reisebeschreibung, Aale, Neuendorf, Pommern, Arkona, Jasmund, Wiek, Greifswald,
Nachdem unser „Adler“ sich aus den Fesseln, den Umgebungen des Hafens, losgemacht hatte, flog er, wie sein Namensvetter, stolz dahin. Das Wetter war schön und bald nach Mittag sahen wir schon den Leuchtturm von Arkona, später die weißen Kreidefelsen der Halbinsel Jasmund, die nördlichste deutsche Küste uns entgegen glänzen. Zu unserer Freude fuhren wir dicht an dem schroffen Uferrande des Königsstuhls entlang in gerader Richtung und von einem Vorsprung dieses gezackten, mit tiefen Buchten und Einschnitten versehenen, barocken Insellandes, zum andern, bis wir auf Wiek, den Hafen von Greifswald, welches letztere vom Meeresufer noch eine Stunde entfernt liegt, los steuerten. Unsere Schiffer hatten uns Angst gemacht und waren es selbst darüber, dass wir in Wiek noch eine Quarantäne würden zu bestehen haben (welche - wenn auch nur fünftägig – gerade hier uninteressant genug gewesen wäre), da Pommern bis jetzt immer frei von Cholera geblieben sei, sich abgesperrt hielt und die letzten Nachrichten über Petersburg gar zu bedenklich gelautet hätten.

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Wir erblickten auch schon an Rügens Ufer große, mit vielen Kosten errichtete Quarantänehäuser von Weitem und schauten drum gar ängstlich nach dem nahen Ufer von Pommern. Da wir aber hier keine neuerlichen Vorkehrungsmittel bemerkten, und man uns ganz ruhig landen und aussteigen ließ, schwand unsere Furcht; wir betraten mit freudigem Gefühl den so lange vermissten deutschen Boden und dachten an Schubarts schönes Lied:

Auf Deutschlands Grenze füllen wir
Mit Erde unsere Hand und küssen sie etc.

Von Furcht vor der Quarantäne befreit, fügten wir uns gern dem kleineren Übel und standen den Zöllnern Rede, übergaben ihnen den größten Teil unseres Reisegepäcks, dass es nach Greifswald aufs Hauptzollamt abgeliefert würde, behielten uns für den intendierten Ausflug nach Rügen nur wenige, schon früher separierte Kleidung und Wäsche vor, und eilten nach dem uns angewiesenen, über Erwarten großen und honorigen Gasthof, der auf norddeutsche Weise eingerichtet, und in Reinlichkeit, Speisen und Bedienung den Gasthöfen in größeren Seehäfen an die Seite zu setzen war.

An das Haus schloss sich ein Blumengärtchen mit Geisblattlaube und Apfelbäumen, deren Reichtum die übervollen Äste kaum zu tragen vermochten, ihre süße Last bis zur Erde neigten und vielfach unterstützt waren. Hier war alles auf einmal so ganz deutsch, wir hatten eben solchen Anblick so lange entbehrt, dass uns außerordentlich wohl und heimisch zu Mute war; der Vollmond blickte traulich durch die Zweige; wir ließen gutes deutsches Bier herbeiholen und das Abendessen in der Laube servieren, da wir von diesem traulichen Plätzchen durchaus nicht scheiden mochten. Was gilt alle Pracht der weiten Ferne, gegen den Ruhepunkt am heimischen Herd, im Vaterlande, im stillen Familienkreise! Nur durch die Entbehrung lernt man erst kennen, was man besaß, was man verlor. Wir rüsteten uns nun zu dem ersehnten Ausflug nach Rügen, wohin man von Wiek aus bei gutem Winde in wenigen Stunden gelangt, und mieteten zu dem Ende des Abends noch ein Boot. Wie bestellt, holten die Schiffer uns schon vor Sonnenaufgang ab. Der Morgen war schön, die Sonne hob sich prächtig aus dem Meere; die Schiffer luden uns ein ihr Frühstück zu teilen. Wir verschmähten es erst ekel und vornehm; da wir aber sahen, dass sie eine große Schüssel herrlicher gebratener Aale aus einem Winkel hervorholten, besannen wir uns eines Bessern, und übertrafen an gutem Appetit selbst unsere gutmütigen gastfreien Wirte. Die Aale sind an der ganzen Küste von Pommern so trefflich als gemein und wohlfeil, und wir fanden noch oft Gelegenheit, uns von ihrem Wohlgeschmack zu überzeugen. Der Wind blies kräftig aus Osten und brachte uns schon früh an die Küste von Putbus nach Neuendorf, unfern des neuen Seebades, wo wir landeten und das Schiff verließen.
Rügen, Jagdschloss Granitz

Rügen, Jagdschloss Granitz