Die Physiognomie Bad Doberans unter Paul Friedrich um 1840

Aus: Geschichte der deutschen Höfe seit der Reformation. Die kleinen deutsche Höfe, 37. Band
Autor: Vehse, Karl Eduard (1802-1870) deutscher Geschichtsschreiber, Erscheinungsjahr: 1856
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Bad Doberan, Ostsee-Küste, Badeort, Seebad, Badekarren, Baderegeln, Badearzt, Sitten und Gebräuche
Die Physiognomie Doberans unter Paul Friedrich wurde in einer 1840 erschienenen biographischen Darstellung eines Engländers geschildert, von der Fragmente auch in die Rostocker gelehrten Beiträge übergingen.*)

*) 1840 25. März Nr. 12. S. 187. Fragmente von Archibald Steward. Episode aus dem Jugendleben eines Kaufmanns von William Fancy. Leipzig 1840. 8. S. 141 ff.

„Doberan ist ein höchst reizender Badeort, wenn gleich es etwas Gêne veranlasst, dass man nach den Badekarren erst eine ziemliche Strecke zurücklegen muss. Es gab eine Periode, wo Doberan sehr fashionable und von Fremden aus allen Ländern stark frequentiert war, indes ist es gegenwärtig durch andere Bäder aus der Mode verdrängt worden und die meisten Besucher sind lediglich Mecklenburger, an deren Spitze der Landesherr selbst steht. Doberan ist sehr artig eingerichtet und hat eine romantische Lage; das Leben während der Badesaison ist daselbst freilich etwas teuer,*) aber sehr zwanglos, indem der Hof alles Zeremoniell verbannt hat und es sogar für alle Beamte Vorschrift ist, ohne Uniform zu erscheinen, nur der Dienst tuende Adjutant macht hiervon eine Ausnahme.“

„In Doberan ist, wie in allen Bädern, Hazardspiel, es wird aber nicht zu sehr beträchtlicher Höhe getrieben, wenn man den Maßstab nach andern Badeorten anlegt. Das Spiel wird unter Aufsicht der Regierung, halb für deren, halb für der Badedirektion **) Rechnung betrieben und zur Zeit ungefähr nur achthundert Pfund Sterling aufgelegt. Was über diesen Betrag hinausgeht, wird nicht bezahlt. Die Bankiers und Croupiers sind besoldete Leute. Die Physiognomie um Spieltisch bildet eine bunte Musterkarte: elegante ältere und junge Damen von Stande, ländliche Schönheiten, Schauspieler des Hoftheaters, Offiziere, Pächter, Bürger, Alles sieht man hier durch einander und mehr oder mindere Leidenschaft charakterisiert die Gesichter in den verschiedenartigsten Nuancen. Dazu die wahrhaft lederne Geschäftsruhe der Bankiers und der Gehilfen: es waren alle ziemlich ältliche Herren, denen man die lange Gewohnheit des Spielens ansah.***) Besonders fielen zwei derselben, die bei der Roulette waren, auf.

*) Teuer waren besonders die Logis am glänzenden Kamp.
**) Die Badedirektion war eben die Regierung.
***) In der Regel nahm man dazu kassierte Offiziere, kompromittierte oder abgenutzte Hofchargen.


Der eine, ein beschnurrbarteter Fünfziger, saß mit der Ruhe des steinernen Komturs im Don Juan auf seinem Sitze, schweigend, ohne irgend bemerkliche Gemütsbewegung auszahlend oder einstreichend; er hatte einen militärischen Anstrich und war in einen ungewöhnlich langen dunkeln Oberrock gekleidet, den er beständig zugeknöpft trug und welcher bis auf die Hacken herunterfiel, an ein paar Orden fehlte es diesem Bankier auch nicht. Sein Croupier dagegen war ein dicker alter Herr im blauen Frack mit blanken Knöpfen; seine verwitterten Gesichtszüge, welche neben einer bedeutenden Riechmaschine hervortraten, erhielten durch eine braune Perücke einen gemütlicheren Ausdruck, als ihnen von Natur eigen sein mochte. Er schnarrte sein: „Faites le jeu, le jeu est fait, rien ne va plus“, Tag und Nacht in demselben Tone und mit der unermüdeten Tätigkeit eines Automaten etc.“*)

*) Der mecklenburgische Bundestags-Gesandte erklärte, als es sich um Aufhebung der Spielbanken handelte: „die Doberaner könne bleiben, indem sich dort nur auswärtige Badegäste ruinierten, Mecklenburg sei zu klein, um eine Bank aus und in sich zu halten usw.“

„Eine Mittagstafel im Logierhause zu Doberan hatte etwas Nobles an sich. Am Oberende derselben speiste der Hof und nächstdem folgte eine bunte Gesellschaft von Herren und Damen aus den verschiedensten Ständen. So lange der Hof nicht Platz genommen hatte, war es Gebrauch, dass auch die übrigen Anwesenden nicht saßen, eben so hob das Aufstehen des Hofes die Tafel auf.*) Diesem zeremoniösen Anstriche stand die Mode, dass Jeder während des Dinierens sein Couvert zu bezahlen hatte, seltsam kontrastierend entgegen; die regelmäßigen Badegäste fanden indes nichts darin, da dies immer Gebrauch gewesen war. In früheren Jahren frequentierten die Hamburger Doberan sehr regelmäßig und sollen sie in jener Zeit so stark die Exclusives daselbst gespielt haben, dass sie stets an eigenen Tischen Platz nahmen etc.“

*) So konnte es kommen, dass bei allerhöchst verdorbenem Magen eine namhafte Anzahl Untertanen für ihr Geld geradezu fasten musste.

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Heiligendamm, Burg Hohenzollern

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Heiligendamm - Strandpartie

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Heiligendamm, Kurhaus und Chaussee

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Heiligendamm Strandvillen

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Heiligendamm, Höhe Alexandrinencottage, Blick in Richtung Kühlungsborn

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Heiligendamm, Höhe Alexandrinencottage, Blick in Richtung Kühlungsborn, 1968

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Heiligendamm, Höhe Gespensterwald FKK, Blick in Richtung Börgerende

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