Die Kirche zu Doberan.

Aus: Deutsche Sagen: Herausgegeben von Heinrich Pröhle
Autor: Pröhle, Heinrich (1822-1895) deutscher Lehrer und Schriftsteller, Erscheinungsjahr: 1869
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Mecklenburg-Schwerin, Bad Doberan, Heiliger Damm, Münster, Zisterzienserkloster, Ostsee, Badegäste, Badeplatz, Badegesellschaft, Sagen und Märchen
Doberan, ein Mecklenburgischer Flecken, liegt zwischen Wismar und Rostock, eine gute halbe Meile von der Ostsee entfernt. Im Jahre 1793 gründete dort der Großherzog Friedrich Franz Deutschlands erstes Seebad. Richtiger könnte mau das Bad „am heiligen Damm" nennen, weil eben Doberan eine halbe Meile von der See entfernt liegt und ein großer Teil der Badegäste in den prächtigen Häusern am heiligen Damme wohnt. In Doberan wohnt der andere Teil der Gäste und es dient als Sammelplatz aller das Bad Besuchenden. Wer Doberan besucht, unterlässt es gewiss nicht, die dortige ehrwürdige Kirche in Augenschein zu nehmen.

In der Kirche von Doberan hängt ein mächtiges Hirschgeweihe. Daran knüpft sich die Sage von der Entstehung dieser Kirche. Mehrere Herren dieser Gegend waren zu deren gemeinschaftlichem Bau entschlossen. Sie konnten aber nicht einig werden, wo die Kirche stehen solle. Sie veranstalteten eine große Hirschjagd und machten aus, wo der erste Hirsch geschossen werde, da solle die Kirche stehen. Der erste Hirsch wurde geschossen, und als man zusprang, um ihn und die Stelle zu besichtigen, flog auch noch ein Schwan auf und kreiste mit seinem Rufe: „dobber, dobber!" über dem Orte. „Dobber" heißt auf Wendisch gut. So baute man denn hier die Kirche und nannte die Stadt, welche neben ihr entstand, Doberan.

Sie stammt in der Tat aus der ältesten christlichen Zeit des deutschen Nordens. In Kreuzform gebaut ist sie ein großes, bedeutendes Gebäude, und würde, mit einem entsprechenden Turme versehen, großartig erscheinen. Die Lage ist reizend. Ein Höhenzug, mit den schönsten Buchen bewaldet, an dessen Fuße sie sich erhebt, gibt ihr einen malerischen Hintergrund, während liebliche Baum- und Sträuchergruppen sie umgeben, als ob die Natur nichts versäumen wollte, um diesen Ort zu einem Aufenthalte der Ruhe, des Friedens und der Freude zu machen. Ursprünglich stand dicht neben der Kirche ein großes Zisterzienser Kloster, von welchem noch heute einige Gebäude übrig geblieben sind, die nun weltlichen Zwecken dienen.

Treten wir in das Innere der Kirche. Die starken, kolossalen Säulen ziehen unseren Blick empor und die fast eben so hohen Fenster lassen uns erkennen, wo sie oben enden. Es ist ein großartiges Kirchenschiff, welches unwillkürlich an das der Lorenz- und Sebaldus-Kirche in Nürnberg erinnert, nur finden wir hier nicht, wie dort, die unvergleichlichen Kunstwerke eines Peter Bischer und eines Adam Krafft, kein Sebaldus-Grabmal und kein Sakramentshäuschen. Indessen ohne wertvollen Schmuck ist diese Kirche nicht. Uns fesseln die kunstvollen Holzschnitzarbeiten, womit besonders der Altar geschmückt ist. Neben demselben erblicken wir auch ein Sakramentshäuschen, aus Holz geschnitzt, welches in dieser Art von Kunstarbeit dieselbe Stufe einzunehmen berechtigt ist, wie das in Nürnberg. Außerdem sind die Kirchenstühle der Mönche ebenfalls mit den meisterhaftesten Holzarbeiten geziert. Besonders erregen die Rosetten an den Seitenwänden der Stühle unsere lebhafte Bewunderung. Jede zeigt ein anderes Bild. Ein Maler kann fast keine sanftere, biegsamere und geschmeidigere Blatt- und Blumenform auf dem Papiere hervorbringen, als sie hier aus hartem Holze herausgearbeitet sind.

Wir treten hinter den Altar und finden hier zuerst eine stark beschädigte Statue, welcher der Kopf und ein Teil der Beine fehlen. Sie ist in gebückter Stellung und aus hartem Sandstein gearbeitet. Im ersten Buche Moses, Kapitel 19, Vers 26 heißt es: „Und sein Weib sah hinter sich und ward zur Salzsäule." Hier liegt sie, in der Kirche zu Doberan, die Frau des Lot. Eine geringere Bedeutung hat diese Antique nicht. — Daneben steht ein alter Schemel mit nur noch drei glatten Beinen; das eine Bein ist halb durch den Sitz gestoßen. Er ist auch biblischen Ursprungs. (5s ist der sogenannte Stuhl, auf welchem der achtundneunzigjährige Hohepriester Eli zu Silo saß und der Nachricht über den Ausgang der Schlacht zwischen den Juden und den Philistern harrete. Als der Bote mit der Nachricht kam, dass 30.000 von Israel gefallen wären und die Lade Gottes genommen sei, fiel Eli zurück vom Stuhl am Tor und brach seinen Hals entzwei und starb. — Hier steht dieser Unglücksstuhl.

In einem Winkel erblicken wir einen großen Wirbelknochen. Er hat vielleicht einen Fuß im Durchmesser. „Von einem Mammutstier?" bemerke ich dem Führer. Ach nein! das ist ein Schulterknochen des heiligen Christoph aus Palästina oder aus Syrien.

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Das Innere der Kirche zu Doberan.

Das Innere der Kirche zu Doberan.

Die Kirche - Das Doberaner Münster.

Die Kirche - Das Doberaner Münster.

Die Großherzoglichen Logierhäuser in Heiligendamm.

Die Großherzoglichen Logierhäuser in Heiligendamm.

Der Heilige Damm und die Ostsee.

Der Heilige Damm und die Ostsee.