Die Juden in Mecklenburg im Kampf um ihre staatsbürgerlichen Rechte. Von einem Christen. Lübeck 1847, H. G. Ratgens.“ 12 Oktavseiten. - Rezension

Aus: Allgemeine Zeitung des Judentums, 12. Jahrgang, 10. Januar 1848
Autor: Herausgegeben von Philippson, Ludwig Dr. (1811-1889) deutscher Schriftsteller und Rabbiner. 1837 begründete er die Allgemeine Zeitung des Judentums, die er bis zu seinem Tode im Jahr 1889 herausgab und redigierte., Erscheinungsjahr: 1848

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Juden, Judentum, Rechte und Pflichten, Judenverfolgung, Judenverbrennung, Sternberg, Judenberg, Judenhass
Bietet auch diese Broschüre wenig Neues dar, so enthält sie doch, sowohl in Hinsicht der Wahrheit, die darin offen und freimütig ausgesprochen wird, als auch wegen der fließenden, fasslichen und korrekten Darstellung, so viel Ansprechendes und Beherzigenswertes, dass ein jeder Wahrheits- und Menschenfreund, nach Durchlesung derselben, gewiss nicht ohne angenehmen Eindruck und wohltuende Wirkung davongeht; und wird Letzteres um so mehr der Fall sein, da der darin behandelte Gegenstand von einer christlichen Feder geflossen ist. Nachdem der Verfasser in kurzen Umrissen das Schicksal der Juden in Mecklenburg bis auf die neueste Zeit geschildert, geht er zur Betrachtung ihrer gegenwärtigen Stellung über, hebt die Beschränkungen derselben in staatsbürgerlicher Hinsicht hervor und unterziehet die Gründe, die die Regierung dazu veranlasst haben sollen, einer ernsten Prüfung und Widerlegung. Dass diese Flugschrift nicht ohne bedeutenden Nutzen geblieben ist, beweisen die Verhandlungen und die darauf gegründeten Beschlüsse des diesjährigen Landtags zu Sternberg. Allen Judenfeinden, die, aus Böswilligkeit oder Borniertheit in Bezug auf jüdische Religionsanschauung, die Bekenner des Judentums der Emanzipation für unfähig erklären, kann dieses Schriftchen nicht genug empfohlen werden und sie werden ohne Zweifel, wenn sie es nur mit Aufmerksamkeit lesen, eine andere Meinung von Juden und Judentum bekommen.

Wir können nicht umhin, die kräftigen, warmen und herzlichen Schlussworte des Verfassers hier selbstredend anzuführen:

„Glaubenszwang! Fort mit dem Gedanken! Er ist des Christen, des protestantischen Christen nicht würdig. Wohl hat der Jude um seines Glaubens willen schon viel gelitten. Ausgetrieben aus dem Lande der Verheißung, umhergestoßen durch alle Länder der Erde, geschmäht, geknechtet überall, ist er seinem Glauben doch treu geblieben. Das ist es, was wir an der jüdischen Glaubensgenossenschaft zu ehren haben, diese Glaubenstreue, mit der sie der Lehre ihrer Väter angehangen hat. Und diese Lehre, ist sie nicht geläutert worden von den Schlacken, welche eine frühere Zeit ihr angeheftet hatte Das Judentum hat, gleich wie das Christentum, die Befugnis, seine Religion für den wahren Glauben zu halten. Beide Bekenntnisse wissen in ihrer reinen Auffassung weder von einem Glaubenszwange, noch von einer Glaubensverfolgung, und wollen lediglich durch die Macht der Wahrheit und inneren Überzeugung siegen. Die Zeiten des Mittelalters, wo man den Juden hasste, weil sein Gott ein andrer war, als der des Christen, sind vorüber; die Zeiten, wo man ihn schmähte und verfolgte, weil er nur Schacher und Wucher trieb und weil man sich von ihm übervorteilt hielt, werden nie wiederkehren. Die allgemeine Bildung ist, sobald die Schranken fielen, welche die Juden von derselben fern hielten, auch zu diesen eingekehrt, und unter allen Ständen, vom Gelehrten bis zum Handwerker herab, finden wir Juden, die, wenn sie Christen wären, dem christlichen Staate zur Ehre und zum Ruhme gereichen würden.

Als am 24. Oktober 1492 die Juden zu Sternberg mit festem Mute, ohne Widerstreben und Wehklagen, auf den Judenberg geführt wurden, um dort mit alten heiligen Gesängen ihr Leben auszuhauchen, redete der Herzog Magnus den Juden Aaron mit den Worten an: „Warum folgst Du nicht unserem heiligen Glauben, um durch die Taufe mit uns gleicher himmlischer Seligkeit zu genießen?“ Da entgegnete Aaron: „Edler Fürst, ich glaube an den Gott, der Alles kann und Alles geschaffen hat, an ihn, dessen Verehrung unters Volkes Vater Abraham und sein Sohn Isaak und unsere anderen Vorfahren, welche nie von unserm Glauben abgefallen sind, geboten haben. Er, so glaube ich, ließ mich Mensch werden und Jude. Hätte er mich zum Christen haben wollen, so hätte er mich nicht meinem heiligen Bekenntnisse zugewandt. Wenn es ein Wille gewesen wäre, hätte ich ein Fürst sein können wie Du!“

Darum, Du Volk Israel, lasse nicht ab im Kampf um Deine staatsbürgerlichen Rechte. Wie Deine Vorfahren den Tod um ihres Glaubens willen nicht scheuten, so scheue auch Du nicht Streit, Opfer und Gefahr, um dasjenige zu erlangen, was der Christ bisher Dir vorenthalten hat. „Mein Schein ist mein Recht“, sagt Shylok im Kaufmann von Venedig. Dein Recht ist Deine Geburt. Das Land, welches Dich erzeugt, genährt und erzogen hat, ist verpflichtet, Dir dieselben Rechte zu gewähren, die es seinen übrigen Angehörigen bewilligt hat. Nicht des Juden Schuld ist es, dass er Jude geworden, ebenso wenig, wie es dem Christen ein Verdienst sein kann, dass er Christ ist. Ihre Geburt ist ihr Recht; sie haben. Beide die gleichen Ansprüche auf den Staat, dem sie dienen. Gerechtigkeit und Gewissensfreiheit sind Heiligtümer, welche in keinem zivilisierten Staat je verletzt werden sollten.“

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Philippson, Ludwig Dr. (1811-1889) deutscher Schriftsteller und Rabiner. 1837 begründete er die Allgemeine Zeitung des Judentums, die er bis zu seinem Tode im Jahr 1889 herausgab und redigierte.

Philippson, Ludwig Dr. (1811-1889) deutscher Schriftsteller und Rabiner. 1837 begründete er die Allgemeine Zeitung des Judentums, die er bis zu seinem Tode im Jahr 1889 herausgab und redigierte.

Philippson, Ludwig Dr. (1811-1889) deutscher Schriftsteller und Rabiner. Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Bonn-CastellJPG

Philippson, Ludwig Dr. (1811-1889) deutscher Schriftsteller und Rabiner. Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Bonn-CastellJPG