Die Insel Wollin und das Seebad Misdroy - 05. Beschreibung der Stadt Wollin um das Jahr 1070. Fabel von der versunkenen Stadt Wineta.

Historische Skizze
Autor: Raumer, Georg Wilhelm von (1800-1856) preußischer Verwaltungsbeamter und Direktor des geheimen Staatsarchivs, Erscheinungsjahr: 1851

Exemplar in der Bibliothek ansehen/leihen
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Pommern, Insel Wollin, Fischerdorf Misdroy, Seebad, Handelsstadt, Oder, Ostsee, Lokalgeschichte, Landesgeschichte, Kulturgeschichte, Norddeutschland, Lebensweise, Landbau, Landwirtschaft, Ackerbau, Gutsbesitzer, Forstwirtschaft, Ackerwirtschaft, Volk, Volkswirtschaft, Gesellschaft, Produktion, Ursache und Wirkung, Bodenkultur, Inselbewohner, Ostseestrand, Badeort, Seebad
Adam von Bremen, ein gleichzeitiger Geschichtsschreiber, hat uns eine merkwürdige Beschreibung von Wollin hinterlassen, wie es zur Zeit seiner Handelsgröße ausgesehen hat, doch ist er selbst wohl niemals da gewesen, sondern hat seine Beschreibung aus Erzählungen von Schiffern zusammengesetzt, aus deren Munde er, wie er sagt, kaum Glaubliches über die Herrlichkeit der Stadt gehört habe. Er bezeichnet nun die berühmt gewordene Stadt zunächst als einen Hauptstapelplatz des Handels zwischen den umliegenden Slawen und Russland, sie sei auch die größte von allen Städten an diesem Ende Europas und von Slawen, Russen und verschiedenen heidnischen Völkerschaften bewohnt. Auch viele Deutsche aus Niedersachsen hatten sich in der Stadt niedergelassen, doch war nicht erlaubt, dass sie öffentlich als Christen auftreten durften, da sonst die Politik eines Handelsortes, damals wie jetzt, mit sich brachte, dass man allen Nationen Niederlassungsrecht und Toleranz gewährte. Die eigentlichen Stadtbewohner, namentlich die, welche in Wollin das Regiment führten, waren alle Heiden, aber von großer Gastfreiheit, liberalen und humanen Sitten und großer Rechtlichkeit. Die Stadt war durch den Handel, den sie für den ganzen Norden Europas fast ausschließlich in Händen hatte, sehr reich geworden, man fand alle Annehmlichkeiten und Seltenheiten entfernter Gegenden dort beisammen. Merkwürdig war besonders in Wollin ein Topf des Vulcan *), welchen die Einwohner griechisches Feuer nannten. Nicht unwahrscheinlich ist hierunter ein großes Baakenfeuer zu verstehen, welches die Wolliner zum Nutzen der Schifffahrt bei Nacht unterhielten und von dem die Sage unter den Schiffern ging, es sei griechisches Feuer; möglich ist es aber auch, dass bei dem Handelsverkehr mit dem Orient, den die aufgefundenen arabischen Münzen ergeben, wirkliches griechisches Feuer in Töpfen nach Wollin gebracht worden ist. Als Götzenbild stand in Wollin ein dreiköpfiger Seegott oder Neptun, zur Andeutung, dass die Jnsel Wollin von drei verschiedenen Meeren umspült werde, nämlich einem ganz grünen, der Ostsee, einem weißlichen, worunter vermutlich die Dievenow zu verstehen ist, und einem, das von beständigen Stürmen in wütender Bewegung erhalten wird, dem Haff. Kurz sei von Wollin aus die Schifffahrt nach Demmin, einem Handelsplatz an der Peene, auch schiffe man von Wollin aus nach Samland in Preußen, in acht Tagen gelange man zu Lande von Hamburg nach Wollin oder zur See über Schleswig, und in 43 Tagen schiffe man von Wollin nach Ostragard in Russland. Diese Notizen ergeben den Haupt-Handelsverkehr Wollins zur See, nämlich mit Demmin, Hamburg, Schleswig und Holstein, Preußen und Russland.

*) Olla Vulcani, quae incolae Graecum vocant ignem, de quo etiam meminit Solinas fügt Adam von Bremen hinzu. Solinus redet von Öl oder vielmehr Erdpech aus Mösten, und es wäre nicht unwahrscheinlich, dass die Wolliner sich solches für ihre Feuerbaake in Töpfen hätten kommen lassen.

So prächtig lautet die Beschreibung des alten Wollin nach der Erzählung der Schiffer, doch muss man sich darunter nicht grade ein nordisches Venedig vorstellen, sondern nur einen dem Umfange nach großen, doch aber meist aus hölzernen Häusern bestehenden, mit Wällen und Pallisaden umgebenen Ort, in dem — verhältnismäßig gegen die sonstige damalige Rohheit und Dürftigkeit der Länder an der Ostsee — Reichtum und Handelsgüter aufgehäuft waren.

Hierbei ist es nun Zeit, der Fabel von der alten im Meere untergegangenen Stadt Wineta zu gedenken. Indem nämlich ein alter Chronist, Helmold, die Erzählung des Adam von Bremen über Wollin nachschreibt, setzt er durch einen Schreibfehler *) statt Julinum oder Jumne, welche Namen Adam von Bremen hat, Winneta; man konnte einen solchen Ort nirgends finden und entschied sich dafür, dass er vom Meere verschlungen sei; der berühmte Buggenhagen entdeckte zuerst im Anfange des 16. Jahrhunderts ein großes Steinlager in der See am Fuße des Streckelberges auf der Insel Usedom, und nun versetzte man alsbald den Ort Wineta dahin und wollte in dem Steinriff, welches neuerdings zum Swinemünder Hafenbau verwendet und verschwunden ist, lächerlicherweise die Trümmer einer vor tausend Jahren vom Meere verschlungenen Stadt entdecken, ja es fehlt bis auf den heutigen Tag nicht an Leuten, welche an dieser aus einem Schreibfehler hervorgegangenen Fabelei festhalten. Sie ist inzwischen zu einer Volkssage geworden und behauptet als solche ihren Wert; ein Wolliner Büdner erzählte mir die ergötzliche Geschichte, welche man in Barthold pomm. Gesch. I. pag. 419 nachlesen mag, ein derbes echtpommersches Phantasiegebilde von dem Übermut der durch den Handel reich gewordenen Bewohner von Wineta, welchen Gott dadurch bestraft habe, dass er die Meereswogen über die Stadt hinschickte. Die Stadt Wollin, auf welche diese Legende allein anwendbar wäre, ist freilich nicht vom Meer verschlungen, noch ganz untergegangen, wenn sie aber durch Übermut bei ihrer einstigen Größe Strafe verdient hatte, so ist ihr solche dadurch zu Teil geworden, dass sie von ihrer ehemaligen Größe ganz hinabgesunken ist.

*) Die ältesten Handschriften sollen diesen Fehler nicht haben.

.

.

.

Raumer, Friedrich Ludwig Georg von (1781-1873) deutscher Historiker und Politiker.

Raumer, Friedrich Ludwig Georg von (1781-1873) deutscher Historiker und Politiker.