Die Insel Rügen in ihren charakteristischen Zügen und ihrer Einwirkung auf menschliche Verhältnisse

Aus: Zeitschrift für Preußische Geschichte und Landeskunde. Band 2
Autor: Kutzen, Joseph August Dr. (1800-1877) deutscher Professor, Historiker, Philologe, Geograph, Pädagoge und Politiker, Erscheinungsjahr: 1865
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Rügen, Ostseeinsel, Land und Leute, Landesgeschichte, Lage und Größe, Bewohner, Bräuche und Sitten
Eine in hohem Grade schmückende Beigabe am Küstensaum der Osthälfte des norddeutschen Tieflandes ist die Insel Rügen. Auch wer Poesie an den Gestaden des baltischen Meeres sucht, findet sie vorzugsweise auf ihr, und man hat in nicht unpassender Vergleichung darauf hingewiesen, dass sie gewissermaßen das deutsche Island sei an Sagen, Heldentaten und Wundern.

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Schon die Lage Rügens, dieses größten der ganz insularen Glieder Deutschlands, ist bedeutsam; denn in der Nähe von dessen Küsten gelegen, ragt es da in die Ostsee hinein, wo dieselbe einerseits durch das Odermündungsgebiet und Pommern, andererseits durch Süd-Schweden und die dänischen Inseln eingeengt zu werden und hierdurch die maritimen Wege und Interessen mehrerer Staatengebiete in regere Berührung zu bringen oder zu durchkreuzen beginnt. In nicht geringem Maße nimmt ferner die Eigentümlichkeit seiner Oberflächengestaltung unsere Aufmerksamkeit in Anspruch. Berücksichtigen wir nämlich zunächst seine horizontalen Entwicklungsverhältnisse und dabei insbesondere auch das Nebeneinander und das Ineinandergreifen des festen und flüssigen Elements, so ergibt seine größte Längenerstreckung von Süden nach Norden 7 Meilen, die größte Breite von Osten nach Westen, und zwar nur in dem ausgedehnteren südlichen Teil, 5 Meilen, während der Umfang an 28 Meilen, der Oberflächeninhalt an 20 Quadrat-Meilen beträgt. Bereits aus diesen Angaben können wir entnehmen, dass es nicht sowohl vorherrschend aus einer kompakten Masse, aus einem zusammenhängenden Kern bestehe, als vielmehr mit einer reichen Gliederung ausgestattet sei.

Und in der Tat, überblickt man die Insel von einem geeigneten Standorte, z. B. dem ziemlich in ihrer Mitte gelegenen Rugard bei Bergen, „dem Auge des Landes“, wie er genannt wird, einem ihrer markiertesten und höchsten Punkte (340 F. über der Ostsee); so erscheint sie in ihren Umrissen seltsam, fast spinnenartig ausgespreizt: um den inneren Kern oder Hauptteil, das eigentliche Rügen, welches etwa drei Fünftel des ganzen Areals enthält, und in welchem die Orte Bergen, Garz, Gingst und Putbus liegen, breiten sich im Norden, Osten, Süden und Westen Halbinseln von verschiedener Form und Größe aus oder streben demselben von entlegenen breiten Endabschnitten aus in schmalen Streifen und Spitzen zu und sind teilweise sowohl mit ihm als auch miteinander selbst durch mitunter sonderbar gestaltete und überkleidete Landengen verbunden. In tausenderlei Richtungen aber hat das Meer in das Land eingerissen; überall trifft das Auge auf Vorsprünge und Ausläufe aller Art, die in dasselbe hineinbringen, und tiefe und eigentümlich geformte Einschnitte im Norden und Westen, sowie weite und oft schroff ansteigende Buchten im Osten bekunden die heftige und erfolgreiche Arbeit der Wogen. Auch auf den inneren Seiten legen sich an die Halbinseln und an die verbindenden Landengen Meeresbuchten und Binnenseen, welche an Richtung, Umfang und Gestalt eine seltene Mannigfaltigkeit darbieten; ja selbst der Kern, ist von dergleichen Rissen und Durchlöcherungen nicht frei. Dazu kommt endlich, dass sich in Rügens Nähe eine Zahl kleiner Inseln befinden, die, teils von massiger, teils von dünner und langgezerrter Form, wie losgerissene Brücken und Streifen an verschiedene Seiten um das zusammenhängende Ganze der Hauptinsel herum liegen, gleichsam von ihm mehr oder, weniger angezogen.

Auf diese Weise tritt in den horizontalen Verhältnissen Rügens ein großer Wechsel, eine große Ungleichmäßigkeit und Geteiltheit hervor, die sich, dann und wann zu vielfacher Zersplitterung, ja fast zu völliger Zerrissenheit steigert, hervorgebracht hauptsächlich durch das maritime Element.

Aber auch in dem plastischen Bau und dessen Hülle begegnet uns, wenn schon nicht so allgemein und in so hohem Grade, dieser individualisierte und dadurch anziehende Charakter Rügens. Die vertikale Beschaffenheit erscheint nämlich hier und da eben und flach, doch im Ganzen weit mehr wellig und hügelig, an einigen Stellen sogar von nicht unbeträchtlicher Höhe über dem umgebenden Meere, z. B. in der Umgegend von Bergen, in der forstreichen Granitz an der Ostseite des eigentlichen Rügens, in dem Hochlande der Halbinsel Jasmund und bei Arkona auf der Halbinsel Wittow.

Diese Erscheinungen gerade in den genannten Gegenden hängen zusammen mit der Art der Gesamterhebung Rügens. Reist man nämlich von Stralsund her oder Garz in der Richtung nach Osten oder Nordosten, so wird man unschwer erkennen, dass das Terrain durchgehend von Westen nach Osten oder vielmehr genauer genommen, von Südwesten nach Nordosten ansteigt, und zwar nicht bloß im Allgemeinen auf der ganzen Insel, sondern auch in einzelnen Teilen, wie auf der Granitz, auf Jasmund und Wittow. Daher die größten Landerhebungen im Nordosten dieser Abschnitte der Insel, daher auch, da die Küsten hier, wahrscheinlich seit vielen Jahrhunderten, abgespült und zerbröckelt sind, die großartigsten Gegensätze gerade auf dieser Seite.

Der Boden ist im Allgemeinen ausnehmend fruchtbar, indem er alle Getreidearten, Gemüse und Nutzpflanzen im Übermaße hervorbringt. Ebenso bewirken prächtige Waldungen, besonders Laubwaldungen und reich bewässerte Auen einen wohltuenden Eindruck. Auf einigen der letzteren strotzt die ganze Flur von der Fülle des kräftigsten Kräuterwuchses und spielen die in einander schmelzenden Farbentöne in höchster Mannigfaltigkeit. Doch bisweilen wird auf ganz unerwartete Weise dieser genussreiche Anblick unterbrochen - denn mitten hinein in den anmutigen Wechsel von Wiesen, Wäldern und ährenschwangeren Gefilden drängt sich hier und da auf einmal ein Sandstrich, und wiederum in manchen anderen Gegenden beginnt plötzlich Sand und Geröll in Dünenstrichen und unfruchtbaren Heiden, in denen bisweilen eine große Zahl mächtiger Granitblöcke liegen, weithin eine unbestrittene Herrschaft zu üben. Die sogenannte schmale Heide z. B., jene niedrige Landenge, durch welche wie durch ein dünnes Band die Halbinsel Jasmund an das innere Rügen geknüpft wird, ist eine vielfach mit Seekieselsteinen u. dgl. überdeckte Öde, auf der sich nur hin und wieder eine Hütte oder ein Baum blicken lässt, während sie zugleich als die Stätte gepriesener Bienenzucht gilt, die hellfließenden Honig vom lieblichsten Geschmack liefert, und der sichelförmige, auf beiden Seiten vom Meere bespülte Erdfaden zwischen den Vorländern Jasmund und Wittow, „die Schaabe“ (ein aus dem wendischen scoba, Klammer, korrumpierter Ausdruck) ist ein einförmiger, unbelebter, ermüdender Dünenstrich, auf dessen Sande nur maigrüner Strandhafer, einige Salzkräuter, wenige zwerghafte Sandweiden und in Masse Sumpfheide (Erica tretalix) zu finden sind, welche letztere in dieser melancholischen Verlassenheit den Wanderer zur Zeit der Blüte (im August) mit ihren rötlichen Doldenköpfchen angenehm überrascht.

Es darf nicht Wunder nehmen, wenn eine so eigenartige Gestaltung und Ausstattung der Insel sich bis auf den heutigen Tag ganz unverkennbar im Volkstum, in der Lebens-, Beschäftigungs- und Anschauungsweise der Bevölkerung abspiegelt. Wie dort eine vielfache Gliederung stattfindet, und die Sonderung dieser einzelnen Glieder sowohl von einander als auch von dem Kerne der Insel durch schmale, zum Teil kulturlose Übergänge vergrößert wird, eben so wird auch im Volkstum der Rügener frühzeitig entschiedene Anlage zur Zersplitterung sichtbar, und die Enge und Öde der verbindenden Isthmen trug bei, die einmal in der Entwicklung begriffenen selbstständigen Gestaltungen des Volkslebens der verschiedenen Glieder und des Kerne der Insel aus einander zu halten. Daher kommt es z. B., dass die Bewohner der Halbinseln Mönkgut (Mönchsgut) und Jasmund, der Insel Hiddensee usw. jede von diesen ihren besonderen Heimatdistrikten so sprechen, wie wenn das lauter von einander getrennte, unabhängige und selbstständige Länder wären. Der Name „Rügen“ gilt ihnen nicht für die gesamte Insel, sondern nur für den von uns oben angedeuteten Teil; wollte man ihn, dem gemeinen Manne gegenüber, für gewöhnlich in jener weiteren Bedeutung gebrauchen, so wäre das für ihn, wie F. W. Riehl bemerkt, dem wir mehrere fruchtbare Anregungen und Winke über unseren Gegenstand verdanken, eine geographische Abstraktion, in die er sich kaum zu finden wüsste. So sehr liegt es ihm fern, in der gewöhnlichen Redeweise seine Insel als ein einheitliches Ganzes zu bezeichnen, innerhalb dessen seiner kleinen Heimat-Halbinsel oder Insel nur der Rang eines Teiles zukomme.

Somit entspricht die Auffassung der Bevölkerung, wie wenn in ihr noch eine Erinnerung daran lebte, der wahrscheinlichen einstigen Wirklichkeit; denn es ist von neueren Forschern mit gutem Grunde die Behauptung getan worden, dass nicht wenige der jetzigen Halbinseln von Rügen, z.B. Mönkgut, Jasmund, Wittow einst Inseln gewesen, die erst später durch allerlei Anschwemmungen mit einander und mit der Hauptmasse der Insel in Verbindung gesetzt worden seien, dass also das Ganze, welches wir jetzt Rügen nennen, vormals aus einem Insel-Archipel bestanden habe.

Ein Sondertum der Bevölkerung, wie das vorhin erwähnte, zeigt sich auch in eigentümlichen Schattierungen des Dialekts, nicht minder in eigentümlicher Volkstracht, wie dies vorzüglich auf Mönkgut jetzt noch sofort in die Augen fällt. So könnten noch verschiedene andere Zeichen angegeben werden, in denen sich die Neigung zum Sondertum und zwar mitunter in recht eigensinniger Weise kund gibt. Wie kommt es nun, dass das Gesamt-Volkstum Rügens (und eine bestimmte Volksindividualität in der sichersten Charakterzeichnung macht sich dem aufmerksamen Fremden unverkennbar daselbst bemerklich) der Gefahr entschlüpft ist, ganz auseinander zu fallen? Blicken wir weiter ins deutsche Binnenland hinein, so entdecken wir manches kleinere oder größere Ganze, wo eine solche Gefahr nicht überwunden würde. Wir machen dergleichen Wahrnehmungen vorzüglich da, wo die einzelnen Teile auf verlockende Weise in verschiedenen Richtungen leicht nach außen hingezogen und so wieder entzogen und wohl gänzlich entfremdet werden konnten.

Dass ein Gleiches auf Rügen nicht geschah, kam daher, weil dieses reich individualisierte Land eine Insel ist und zwar eine Insel im Meere. Mochte daher auch jener ihm eigentümliche bunte, unruhige Wechsel von Berg und Tal, Feld und Wald, Dünenland, Heideland, Sumpfland, Felsland auf die Natur und das Volkstum seiner Bewohner trennend einzuwirken geeignet sein, „das ringsum flutende Meer hielt wieder mit starkem Arme zusammen“ und hat sich in Beziehung auf die sozialen Verhältnisse daselbst als die oberste erhaltende Macht bewährt. In welchem Teile seiner Insel der Rügener auch wohnt, fast überall wird er in seinem seinen Tun und Lassen an die vielgestaltige Nachbarschaft des Meeres erinnert, und indem dieses weit mehr, als das innere Festland, eine gewisse Gleichartigkeit wichtiger Bestrebungen, Ziele, Interessen und liebgewonnener Genüsse fördert, wird es ein gemeinsames, unwiderstehlich anziehendes Zentrum für Alle. Daher die Anhänglichkeit der Bevölkerung an dasselbe auch eine allgemeine und allgemein der empfängliche Sinn für seine Gaben. Wir wissen z. B. mit wie lebendiger Erwartung sich die ganze Insel dem Ausfalle des Heringsfanges zuwendet. Er hat eine ähnliche Bedeutung für sie, wie für den Weinbauer am Rhein und an der Mosel die Weinlese. Wie dieser Ursache und Neigung hat zu lustigem Treiben fürs ganze Jahr, wenn recht voll sind im Herbste seine Weinfässer, so ist der Bewohner Rügens guter Dinge, wenn in der ersten Hälfte des Jahres die Heringe in zahllosen Schwärmen anschwimmen und später seine Fässer mit dergleichen Sprösslingen des Meeres von vorzüglicher Güte sich füllen. Es ist erklärlich, dass vor allen diejenigen, welche vermöge ihrer Lebensbeschäftigung tagtäglich mit dem Meere in Berührung kommen und persönlich Fischfang treiben, an diesen Hergängen große Teilnahme zeigen; aber auch der Bauer und andere Einwohner, bei denen jenes nicht der Fall ist, werden von der allgemeinen Aufregung berührt und halten darauf eine Tonne „selbst eingemachter“ Heringe im Hause zu haben. Noch jetzt erinnere ich mich von meiner letzten Bereisung der Insel her in voller Frische der selbstgefälligen Bemerkungen, und der nachdrucksvoll gesprochenen Worte stolzer Genugtuung, mit welchen mir und meinen Reisegefährten der Wirt, bei dem wir einkehrten, von dem Kleinod seiner Vorratskammer vorsetzte, gerade so, wie man bei dem Weinbauer, wahrnehmen kann, der seinen Haustrunk als eigenes Wachstum anbietet.

Während der Zeit des Heringsfanges ist in den Gegenden, die diesem Geschäft vorzugsweise obliegen, alle Aufmerksamkeit und Tätigkeit nur von ihm ausschließlich in Anspruch genommen, und sogar für den Gottesdienst, den die schlichtfrommen Leute nicht entbehren wollen, muss wohl alsdann eine andere Wahl des Ortes getroffen werden. So herrscht auf der Halbinsel Wittow in dem Kirchspiel Altenkirchen der alte Brauch, dass der Prediger dieses Ortes während der gedachten Zeit acht Sonntage nach einander des Nachmittags Uferpredigten unter freiem Himmel hält, — ein Brauch, welchen der uns als Dichter bekannte Kosegarten, der 1792 bis 1808 in Altenkirchen Pastor war, auf veranschaulichende Weise schön beschrieben hat. Freilich mag es für den geistlichen Herren bisweilen keine kleine Aufgabe sein, die Aufmerksamkeit seiner Kirchkinder, wenn gerade mitten unter seinen Betrachtungen sich ein starker Zug Heringe in der Nähe bemerklich macht, rege zu erhalten, ja er selbst gerät wohl unter Umständen samt Gemeinde in großer Unruhe und soll einmal, wie uns ein Reisender in seinem Berichte mitteilt, in solcher Verwirrung dem Schlusse zueilend mit den Worten die Predigt geendet haben: Nun, der Herr erfülle eure Herzen mit Heringen und eure Netze mit Gnaden. Amen!

Auch mit anderen Gegenständen beschenkt die Ostsee die Bewohner ihrer Küsten und so insbesondere die Bewohner Rügens; denn nicht bloß Fische, nicht bloß gewisse minder bedeutende Gegenstände, z. B. Muscheln und verwesenden Seetang, den die Landleute zu wirtschaftlichen Zwecken benutzen, bietet sie ihnen an, sondern auch reiche und vornehme Badegäste und mit ihnen Erwerbsmittel bringt sie. Einst aber hat sie gebracht jene rätselhaften erratischen Blöcke aus Skandinavien, die noch in ungezählter Menge und oft in bedeutender Größe auf Rügen sich vorfinden, wiewohl sie bereits seit einer Reihe von Jahrhunderten zu baulichen Zwecken verwendet werden. Ein wahrhaft königliches Geschenk, welches mit ihnen das Meer der Insel sowie dem steinlosen Flachlande Deutschlands überhaupt gemacht hat; denn aus diesen Granitblöcken bestehen daselbst die Fundamente der Kirchen und der Landstraßen und aus ihnen sind unter anderen jene Art zyklopischer Bauten zusammengesetzt, welche häufig die Gartenmauern bilden.

Vergleichen wir die Lebensweise und den Volkscharakter der Rügener und überhaupt der entlegenen norddeutschen Küstenstriche mit anderen Teilen Deutschlands, so werden wir im höchsten Grade durch die Wahrnehmung überrascht, wie nahe die Verwandtschaft ist, welche zwischen dem Volkstum im äußersten Norden und dem im äußersten Süden stattfindet. Freilich müssen wir dabei von vielen Äußerlichkeiten und Zufälligkeiten desselben absehen, denn hierin sind unstreitig leicht kennbare Unterschiede vorhanden; anders dagegen das Volkstum in seinem Kern und Wesen. Hierin treten sich beide, die Marken Norddeutschlands und Süddeutschlands, erstaunlich nahe, viel näher, als dem zwischen ihnen gelegenen Mitteldeutschland.

Auch in Beziehung auf diese Erscheinung hat die geographische Lage und Natur der Landschaft ihren mächtigen Einfluss geübt. In dem für frühen und mannigfaltigen Verkehr bequemer gelegenem und leichter zugänglichen Mitteldeutschland sind seit langer Zeit verschiedenartiger Kultur alle Wege aufgeschlossen, steht gleichsam jeder Ort, ja jedes einzelne Haus an der großen Heerstraße. Ferner ist dasselbe durch einen sehr bunten Wechsel in den vertikalen Verhältnissen seiner Oberfläche charakterisiert; da finden sich in Menge kleine Hügel- und Flachlandpartien durcheinander, eine Zahl Mittelgebirge von verschiedener Richtung, Gestalt und der mannigfaltigsten geognostischen Zusammensetzung, eine Überfülle kleinerer Gewässer. Dieser Eigentümlichkeit der Landschaften entspricht in einem großen Teile des deutschen Binnenlandes das Volkstum: es erscheint zersplittert; denn wir stoßen daselbst auf bunt durcheinander geworfene und fast aufgelöste Trümmer originaler Stämme, auf ein fast durchweg verwischtes, vermischtes und in einander getriebenes bäuerliches und städtisches Wesen, auf eine bedeutend vorgeschrittene Auflösung und Verwitterung des Volksdialekts usw. Im äußersten Süden und Norden Deutschlands dagegen gibt es noch versteckte und entlegene Stätten mit einsamen Menschen, mit Volksgruppen, die der oben angedeuteten Kultur entrückt blieben, wiewohl in unserer Zeit auch zu ihnen die Mittel und Wege bereits gefunden sind. Hier herrschen ferner die massenhaften geographischen Gebilde vor, auf der einen Seite umfassende alpinische Gebirge, auf der anderen große Ebenen, das Meer, große Ströme, die in dasselbe sich ergießen. Diese Macht des Massenhaften hielt eben so die Bewohner einsamer Küstenschluchten an der Ostsee, wie entlegene Alpentäler, die sich oft, obwohl in gerader Entfernung einander nahe, in Beziehung auf den gewöhnlichen Verkehr so entfremdet sind, wie weit von einander getrennte Länder mit überwältigendem Einfluss, ohne dass es der Einzelne ahnte, zusammen und bewirkte die Erhaltung eines größeren Ganzen von einem massenhaft abgeschlossenen Volkstum, innerhalb dessen zugleich alle die partikularistischen Erscheinungen der einzelnen Zweige desselben in Frische und Geltung blieben. Somit finden wir bei den Alpenvölkern, wie bei den Küstenvölkern Deutschlands, insbesondere auch auf der Insel Rügen Zentralisation und Sondertümlichkeit in inniger Verbindung.

Aber nicht bloß in Betracht dieser Erscheinung, in Betracht der Art der gegenwärtigen Bildung, des Stoffes ihres etwaigen Wissens werden wir bei den Bewohnern Rügens großenteils auf die See hingewiesen; dahin müssen wir uns auch wenden im Rückblick auf die Vergangenheit, auf den ganzen Entwicklungsprozess in den großen Verhältnissen und Schicksalen dieses Eilandes. Auf der See fand einst das kriegerische Treiben der Rügener Wege und Erfolge; es geschah in jener alten Zeit, als sie noch im Verein mit den Pommern Kriegsflotten gegen Dänemark sendeten, dessen Küsten verheerten, Kopenhagen eroberten und selbst Norwegen bedrohten. Auf der See fanden auch nach Rügen Wege und Eingangspforten die auswärtigen Mächte, durch welche das selbständige Taten- und Unabhängigkeitsverhältnis seit der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts sein Ende erreichte. Zuerst gelang dieser Erfolg Dänemark, und später traten an dessen Stelle nach einander Pommern, Schweden und Brandenburg. Die Deutschen wurden bereits zur Zeit der dänischen Herrschaft herbeigezogen, und ihrer höheren Bildung erlag das slawische Element.

Nicht minder führte Rügens Bewohner die religiöse Sage und Geschichte an solche ganz besonders eigentümlich von der Natur geformte Stellen hin, die ihren, einen tieferen Eindruck bewirkenden Charakter hauptsächlich nur durch die unmittelbare und zugleich eine gewisse großartige Nachbarschaft des Meeres erhalten. Auf Arkona, der am weitesten nördlich in die See vorgeschobenen Inselspitze, auf dem bis zu 173 Fuß über sie emporsteigenden Kalkfelsen wo fast ringsum die Fluten branden, wo an mehreren Stellen der Küste allerhand wunderliche Gestalten, Türmchen, Pyramiden, senkrechte Wände, schroffe Abhänge gebildet sind, wo an dem öden Strande Tausende von Uferschwalben, Möwen, Tauchern und Strandläufern diese ihre Lieblingsstätten umschwärmen, hier stand das Heiligtum des vierköpfigen Swantewit, des großen Götzen der Wenden, hier rings um dasselbe und gewissermaßen unter dessen schützender Obhut ihre Feste, der Zufluchtsort der Rügener, wenn sie im Kriege mit mächtigen Nachbarn auf der eigenen Insel bedroht wurden, bis der Dänenkönig Waldemar I. im Jahre 1168 sie belagerte und zugleich mit dem Tempel, dem genannten Götzenbilde und den heiligen Fahnen der Wenden durch Feuer zerstören ließ.

Und fast im äußersten Osten der Insel, in der unmittelbaren Nachbarschaft des hier am weitesten, teilweise in unübersehbare Ferne geöffneten Meeres, wo auf Rügen am großartigsten und wunderbarsten die Küstengebilde mit dem Vorgebirge Stubbenkammer, den aus Milliarden von Panzern mikroskopischer Geschöpfe bestehenden Kreidewände, in dasselbe vortreten, hier in der Nähe finden sich jenen herrlichen Buchen- und Eichenhaine mit ihren Höhen und Tiefungen, welche vorzugsweise vor allen anderen Gegenden Rügens von der Sage ehrfurchtsvoll behandelt werden, deren Nachklänge selbst heute noch in den Gefühlen und der Anschauungsweise der Landleute sich wirksam zeigen. Dort die Hertha-Burg, der Hertha-See und die Opfersteine mit den Blutrinnen, dort der Königsstuhl, dort die Schluchten, an denen grausige Erzählungen haften.

Und was ist es denn endlich, wodurch Rügen selbst noch in unseren Tagen, wo die Eisenbahnen leicht und schnell die Wanderlustigen genussreichen Zielen zuführen, für so viele deutsche Ohren einen eigentümlichen zauberischen Klang hat und jährlich Tausende von Reisenden zu sich hinüberlockt? Man hat behauptet, die Hälfte jenes Zaubers mit dem es diese still glückliche Insel fast jeglichen Besucher antut, liegt in den geringen Reizen oder wohl gar in der Reizlosigkeit ihrer festländischen Nachbarschaft. Allerdings wirkt dieser Effekt des Kontrastes nicht nur in Beziehung auf das Land, sondern auch in Beziehung auf dessen Bevölkerung. Die Mehrzahl der Besucher kommt aus dem nahen deutschen Tiefland, und besonders finden sich noch immer ansehnliche Scharen aus der preußischen Hauptstadt ein, die zu Hause eine frische, freie Natur und nicht minder, während sie daselbst Menschen aus aller Herren Länder, Gesichter von jedem Schnitt und Stempel vor die Augen bekommen, geschlossene Gruppen eines bestimmt geprägten Volksschlages vermissen. Auf alle diese muss die Wahrnehmung einer frei und ursprünglich schaffenden Natur so wie einer bestimmten Volksindividualität, wie sie ihnen auf Rügen entgegen tritt, beruhigend und erquickend wirken. Aber hier werden auch noch Solche überrascht und erfreut, die in der Ferne bereits des Anblicks schöner Gegenden und eines eigentümlichen Volkslebens genossen haben.

So sind es vielleicht die inneren Gebiete Rügens, welche einen tieferen Eindruck bei dem Betrachter zu Wege bringen und zurücklassen? Denn gewiss können denselben eine Menge Vorzüge nicht abgesprochen werden: ihre üppigen Saaten, ihre lieblichen Wiesengründe, duftigen Heine und traulichen Buchenwälder, überhaupt die ganze Fülle einer frischen und fröhlichen Pflanzenwelt, die gewaltig das ganze Menschengemüt zu ergreifen vermag, dann ihre Bäche und Seen und jene interessanten Rätsel für uns, ihre zahlreichen altehrwürdigen Hünengräber in Wachholderhecken und auf grünen Heidestrecken, so wie die schmückende Zutat von Seiten des begüterten Teiles der Bevölkerung, die meist geschmackvollen und heiteren Bauten von Schlössern, Gehöften, Jagd- und Forsthäusern mit ihrer behaglichen und friedlichen Ruhe, mit ihrem hier und da, besonders aber im Park zu Putbus bezaubernden, scheinbar regellosen und doch so harmonischen Durcheinander der verschiedenartigsten Baumcharaktere sind unstreitig geeignet, den Blick des Beschauers mit Wohlgefallen auf ihnen ruhen zu lassen; doch alles Dieses allein würde nicht jene anziehende Kraft üben, zumal die schöneren Punkte der Insel einigermaßen weit von einander entfernt sind und die Zwischenstrecken oft wenig bieten; es ist vielmehr hauptsächlich das eindringende Meer mit seinen Buchten, Bodden, Landengen, Erdzungen und Vorgebirgen, an denen einsame Fischerdörfer liegen mit den Sitten alter Einfachheit; es ist vor Allem der erhabenste Anblick des vorflutenden offenen Meeres, des „alten, ewigen, heiligen“ mit seinem Wellenrauschen, seinem Wüten, seiner erschütternden Stille, welches immer neuer Reize voll, den Blick an sich fesselt und die angedeuteten inneren Vorzüge des Landes erst mit einem verklärenden Zauber umgibt, sei es, dass der Betrachter, wie auf Arkona, wenn er lange sinnend über die Flut hinschaut, seinen festen Standpunkt unter den Füßen zu verlieren und mitten in den Wogen zu stehen vermeint, sei es, dass er, wie auf Stubbenkammer, diesem Juwel von Rügen die gewaltigsten Eindrücke aus Land und Meer zugleich einsaugt, wenn er in den Anblick der seltsam gegliederten, wie unmittelbar den Wogen an 400 Fuß hoch ragenden weißglänzenden Steilhöhen und ihres köstlichen Buchenwaldes, dann von dem vorspringenden Gipfel des Königstuhls in die Aussicht über die von hier endlos erscheinende Ostsee versunken ist, — ein Naturbild, das er in solcher Eigentümlichkeit schwerlich in deutschen Landen wiederfindet. Dieses tiefe Blau des Himmels über die nicht minder blaue Meeresfläche hin, auf die er in solchen Momenten wie auf einen Himmel zu seinen Füßen blickt, und über den dunklen, saftig schwellenden Buchenkronen, durch welche die Sonnenstrahlen weben und wallen, diese gigantischen kreidigen Uferwände mitten in dem Waldesgrün, - wahrlich, ein so wunderbarer Kontrast, dass er eine Sinnestäuschung zu erleben glaubt. Hier ist einer der bedeutenden, von der Schönheit gleichsam geweihten Höhenpunkte unseres Vaterlandes, nach welchem ihn eine beständige Sehnsucht fortan zurückzieht. Er hat einen Punkt in der Erinnerung, um den sich, wie ein gefühlvoller Reisender bemerkt, unsere sonst flüchtigen Wünsche und Gedanken bewegen, und er begreift, wie Goethe von seinem Vater sagen konnte, dieser habe sich niemals ganz unglücklich fühlen können, weil er Neapel gesehen.

Somit ist es auch in Beziehung auf Naturgenuss hauptsächlich das Meer, welches auf und für Rügen eine so eigentümlich stimmende und bestimmende, eine so bewältigende Macht geworden.

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Rügen - Kleine Stubbenkammer.

Rügen - Kleine Stubbenkammer.

Bergen auf Rügen

Bergen auf Rügen

Rügen, Jagdschloss Granitz

Rügen, Jagdschloss Granitz

Rügen, Schloss Ralswieck

Rügen, Schloss Ralswieck

Arcona

Arcona

Schloss Puttbus auf Rügen

Schloss Puttbus auf Rügen

Vitte bei Arcona

Vitte bei Arcona