Die Insel Rügen - Eine Beschreibung aus dem 19. Jahrhundert

Rügen ist schön, aber für ein Paradies doch das Klima zu kalt
Autor: Von einem unbekannten Wanderer
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Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Rügen, Beschreibung, Land und Leute, Natur und Umwelt, Ostsee, Insel,
Die Insel Rügen ist der schönste Punkt Deutschlands, die größte deutsche Insel 18 1/4 Quadratmeilen mit 33.000 Seelen, in 2 Städten, 2 Flecken und 67 Dörfern, und auch die fruchtbarste, fruchtbarer als Pommern, von dem sie das Meer in einem schrecklichen Orkane 1309 losgerissen haben soll. Ein Dutzend kleinerer Inseln liegen um sie her, darunter Hittensöe [Hiddensee] und Ummanz die bedeutendsten sind. Rügen besteht aus dem westlichen oder Hauptteile Rügen, der östlichen Halbinsel Jasmund, der nördlichen Halbinsel Wittow, und der Halbinsel Mönchsgut im Süden. Von allen Seiten vom Meer zerrissen, ausgezackt, wie Morea oder ein Weinblatt, streckt die Insel so viele Erdzungen aus, als die Meerspinne Füße, ist dennoch aber das lieblichste Eiland der Ostsee und unser nördliches Arcadien — oder der Steiß der sattsam gerupften und gebratenen deutschen Gans, die Viele köstlich finden, daher auch schon mancher Steißliebhaber vom anderen mit der Gabel in Finger gestupft worden ist!

Rügen verdankt zwar seinen Schönheitsruf viel dem Umstande, dass man sich nur von Pommern oder zur See nähert, hat aber Naturschönheiten, die zwar der süddeutschen Natur nicht gleichkommen, aber doch an Erhabenheit Nichts nachgeben, denn die gigantischen Revolutionen der Natur, die hier so sichtlich sind, und die Denkmäler grauer Vorzeit erfüllen die Seele voll hohen Ernstes — ich meine die Hünengräber, die kolossale Granitblöcke decken, in denen man noch ganze sitzende Menschengerippe, die Arme über die Brust gekreuzt, gefunden hat, umgeben von Aschenkrügen, Waffen, Ketten und Ringen. Die Taten dieser Hünen ruhen in der Nacht der Vergessenheit, wie ihre Namen: Bäume bedecken die ovalen Grabhügel, und die Neugierigkeit schwacher Nachkömmlinge hat ihre Gebeine und Ruhestätten gestört, und viele Urnen ohne Untersuchung zerschlagen, um zu wissen: wat in den ollen Pott wol syn mag. Kant rief einst bei einem Stück Bernstein, in dem eine Fliege begraben lag: „Wenn du reden könntest, kleines Tierchen, wie anders ständ' es um unser Wissen!“

Voll der gespanntesten Erwartung, die nicht getäuscht wurde, schiffte ich von Stralsund, das sich von der Seeseite am besten ausnimmt, in einer halben Stunde hinüber auf dem Prahm (Fähre) nach der Zauberinsel, die überall üppige Natur zeigt und Fleiß der Menschen, jedoch gerade sich am Landungsplatze der alten Fähre am unvorteilhaftesten ausnimmt. Die stattlichen, gegen die Stürme gepflanzten Weidenbäume überraschten mich zuerst, denn wir kennen die Weide durch die ewige Verstümmlung nur als Krüppel. Vom Ufer bis zur Hauptstadt Bergen sind sechs Stunden, deren Kirchturm man fast überall erblickt, denn sie liegt so ziemlich in der Mitte, ohne Mauern und Tore, mit 1.600 Seelen. Die Stadt selbst gewährt wenig Interesse, man müsste sich denn für das Fräuleinstift interessieren, desto mehr der Rügard oder die Rügenburg, wo sich der Rügenfürst Jaromar gegen seine Erbfeinde, die Pommern, so tapfer verteidigte, obgleich nur hinter Erdwällen. Der Rügard ist ein wahrer Hochaltar der Insel, und die Aussicht erstreckt sich fast über ganz Rügen und einen guten Teil der Küsten Pommerns — wer vermag sie zu schildern? Die geschickteste Feder kann nur in der Zeit schildern, d. h. nach und nach darstellen und nach der Himmelsgegend, was die Augen im Raume, d. h. im Umblick, zugleich anschauen, folglich muss man selbst nach Rügen — reisen. Dreimal bestieg ich den Rügard, wunderschön im rosenfarbenen Schmelz der Abendbeleuchtung und las Kosegartens Rügard —

      Auf deinem schroffen Felsenscheitel,
      Empfange mich, alter Rügard!
      Mich lüstet zu schauen,
      Mit staunendem Blick,
      Die Riesengräber und Herthas Hain,
      Die Küsten, die Inseln und das donnernde Meer!

Von Bergen kommt man nach der Halbinsel Jasmund, durch die Prora, eine schmale Heide und malerischen Hohlweg. Allerliebst, wie Eden, liegt das Inselchen Pulitz da, auf dessen Anhöhe eine Pächterwohnung steht unter schattigen Linden am Teiche, mitten in den üppigsten Fruchtfeldern. Die Halbinsel Jasmund ist größer als die von Wittow, aber weniger bevölkert, denn der Boden ist undankbarer, desto willkommener aber dem Mineralogen und Petrefactensammler. Die Grafen von Brahe besaßen mehr als die Hälfte von Jasmund mit dem alten Schlosse Spicker, vom General Wrangel erbaut; jetzt gehört es Putbus. Sagard hat einen wenig besuchten Gesundbrunnen, der Pastor zu Bobbin eine Sammlung rügischer Altertümer und Naturprodukte, die Hauptsache aber ist — die Stubnitz und Stubbenkammer! Kamm, slavisch = Fels).

Die Stubnitz ist ein bedeutender längs am Meere sich hinziehender Buchenwald, wo der geheimnisvolle Hain ist mit dem schwarzen See und Burg-Wall. Die Phantasie gefällt sich in der Idee, dass hier der heilige Hain und Opferplatz der Hertha gewesen sei, wie ihn Tacitus schildert. Es mag ein heiliger Hain gewesen sein, der See ist schwarz und tief genug, um Unglückliche zu ersäufen, aber ich glaube, dass hier bloß eine Raubburg gestanden und die dunkle Stelle des Römers eher von Helgoland gelten dürfte, zumal da man das Jahr wissen will, wo Rügen erst zur Insel geworden ist. Doch — Tacitus heiliger Schauer ruhet auf See, Hain und Wall, in der grünen Waldnacht und feierlichen Stille, wie wenn in der Kirche das Vater Unser gebetet wird — Nichts störet die Stille des Todes, als etwa das Glöckchen einer Herde, eine Ente oder ein Taucher, die plötzlich aus den Binsen hervorrauschen, man wandelt in so schauerlichen Betrachtungen, als zu Herculanum und Pompeji, die vor 1700 Jahren der Vesuv in Asche begrub, Vesuv, der noch heute des heiligen Januarius nur spottet! Die Phantasie belebt, was hier tot und stumm ist, Fingais Geister umschweben uns und das ist die rechte Stimmung, um aus dem Walde zu treten und an den Rand — der Stubben Kammer!

Einige 100 Schritte und wir sind am Rande dieser berühmten Kreiden- Wand, die zwar keine 600 Fuß, aber doch über die Hälfte zählen mag und zu ihren Füßen woget das heilige Meer! Diese Felsenwand ist fast ganz Kreide, vermischt mit Feuersteinen, und wenn es regnet, so ist das Meer umher weis wie Kreide. Der höchste Punkt ist der Königs- Stuhl, auf dem Carl XII. gesessen sein soll, ein Wagstück, das jeder Tyroler Scharfschütze bestehen würde. Ein Fußpfad leitet hinab zum Gestade und von Unten sieht man natürlich die abenteuerlichen Klippen-Gestalten am Besten. Oben ist unter dem Schatten einiger Buchen eine Rasenbank, die Seele versinkt in das Gefühl der Unendlichkeit, daher keine Schilderung! Eitle Toren aber schneiden in Ermanglung getünchter Wände ihren werten Namen in die Buchen, was immer noch poetischer ist, als die Namen-Verewigung in — Abtritten, denn die Stammbücher sind aus der Mode gekommen — aber in das Stammbuch des lieben Gottes schreiben sich noch Viele. Man kann es geschehen lassen und wir taten es ja wohl einstens seihst am Arme einer Phyllis nach Anleitung Gessners!

Über die Gefahren heim Hinab - oder Heraufsteigen und die Schilderungen mancher Reisenden würden Aelpler laut auflachen. Indessen darf man nicht glauben, weil Seiltänzer ihre Sohlen mit Kreide bestreichen, dass man auf der Kreide fest wandle — der Fall ist umgekehrt; aber wenn man auch ausgleiten sollte, so kann man sich ja beliebigst niederlassen und der Fall, selbst wenn man ins Meer fiele, würde immer weniger zu sagen haben, als vom Seile! Gott weiß, durch welche Ideen- Assoziation ich hier an das Vorgebirge Sunium dachte im Anacharsis, denn weit und breit ist kein Minerven-Tempel, kein Plato, kein griechischer Himmel und wer wird zu Bergen suchen: intactae Palladis urbem!
Mit der Kreide der Stubbenkammer könnte ganz Deutschland sich versehen, ohne dass in Jahrhunderten Mangel entstünde, wie in unsern Gold - und Silber-Gruben, selbst wenn unser künftiges Nationalkleid das Kriegskleid der Österreicher werden sollte, und alle Wirte nicht mit doppelter, sondern zwölffacher Kreide ankreideten! Wichtiger aber wäre noch, wenn die Feuersteine (unsre Hornsteine) Flintensteine wären, die nur, meines Wissens, in Frankreich gebrochen werden und zwar in weichen Massen, wie Speckstein. Der grelle Kontrast des weißen Kolorits mit dem blauen Meer und dem lebhaftesten Grün des Buchenwaldes auf der Höhe hat etwas Eigentümliches; der Anblick bleibt erhaben, selbst wenn die nasenweise Vernunft ihre beliebten Vergleichungen anstellt zwischen Felsen und Felsen, Kordmeer und Ostsee. Der Anblick des heiligen Meeres erfüllt allerwärts das Gemüt, selbst die bloße Idee des Ozeans, wie Sternes Haarkräusler beweist: this bukle won't stand? „You may immerge in into the Ocean, and it will stand!“

In dem sogenannten Bauernhause, zwischen hohen Buchen versteckt, können Diejenigen übernachten, welche von der Stubbenkammer aus auch noch den erhabenen Anblick genießen wollen, trenn die Sonne aus dem Heere emporsteigt; unferne der Stubenitz ist das Gut Quoltitz mit dem kolossalen Hünen-Grab und eines der schönsten Panoramas der Insel, am Fuße der Stubbenkammer aber liegt ein Fischerdörfchen, das mir durch die Erzählung des großen Geographen Büsching in seiner Selbstbiographie, die ungemeine Ähnlichkeit mit der des großen Juristen Pütter hat, merkwürdig war. Büsching übernachtete hier, vergaß seine goldene Uhr und seine Brieftasche mit Wechsel — man schickte ihm Beides nach, dies war im Jahre 1765. Ob diese Leute noch jetzt so ehrlich sind, seit viele Reisende, vorzüglich die Kurgäste von Doberan, der Insel die Ehre ihres Besuches schenken?

Von der Halbinsel Jasmund geht man nach der flacheren Halbinsel Wittow, wo die äußerste Nordspitze Deutschlands ist, mit dem ganz italienisch klingenden Namen Arkona, unser ultima Thule, noch ganz, so wie es Saxo grammaticus schilderte. Scharf abgeschnitten springt das Vorgebirge in die See, und man sieht noch die Spur des Walles der Jomsburg, die wohl eine Burg, aber keine Stadt gewesen sein kann. Hier stand der Tempel Suanteviets, den Waldemar zerstörte, und den vierköpfigen Abgott der Heiden in den christlichen S. Veit verwandelte, auf dem Häfele, so wie das Volk den Götzenhof in Katzenhof. Es gibt noch ein drittes Vorgebirge Perd auf Montgut, wo einige alte Buchen, die von Ferne wie ein Pferd lassen, dem Schiffer zum Signale dienen, wie auf Hiddensee ein Dornbusch.
Die Höhe von Arkona ist bedeutend niedriger, als die Stubbenkammer, kaum 200 über dem Meeresspiegel, mit einem Leuchtturm, und doch nimmt sich das Element ganz anders aus, als von den öden Sanddünen Schevelingens, selbst zur Zeit der Fluten, wenn man nicht die kleinen Seegeschöpfe anschlagen will, die nach der Flut zurückbleiben. Auf Arkona steht man gerade wie auf dem Vorderteil eines Schiffes und sieht über Rügen und die Küste hinweg ins Unermessliche, wo Himmel und Meer zusammenfließen — der Anblick ist gleich erhaben, mag die See zürnen oder ruhig sein, die Schatten den Wasserspiegel decken, oder die Sonne ihn vergolden. Und wenn nun noch die Phantasie die Geister der Goten, Vandalen, Rügier und Slawen zitiert? den Dänen-König Waldemar, die alten Götzendiener Suantiviets und die neuen Götzendiener S. Veits? Ich ziehe Arkona der Stubbenkammer vor, und möchte wie in einer schönen Oper Ancora rufen; Furchau hat Arcona in einem Helden-Gedicht in 20 Gesängen, Berlin 1828, 8., besungen. Man erblickt auch die dänische Insel Moen, schwerlich aber Schwedens Küsten, die Einige sehen wollten, wobei sie ganz besondere Ferngläser gehabt haben müssen.

Wollen sie wissen, was meine lebhafteste Idee auf der nördlichsten Spitze Deutschlands gewesen ist? Odoacer, der tapfere Rügier, der erste deutsche König Italiens, der das letzte traurige römische Kaiserlein Romulus Augustulus zu Lucullano einsperrte? Nein! die Idee, dass man Deutschland nicht vom Süden nach Norden durchreisen soll, sondern umgekehrt, und man müsste höhern Genuss haben, so wie die Weltumsegler schneller vom Flecke kommen, wenn sie sich nach der Strombewegung des Meeres von Osten nach Westen richten und die Erde nach Westen umschiffen. Um mir diesen Genuss nicht zu verderben, suchte ich alle Vergleichungen möglichst zu entfernen. Man sollte es mit der deutschen Natur-Galerie, wie mit den Gemälde-Galerien, halten, wo man mit den Altdeutschen und Niederländern anfängt und mit Correggio und Raphael endet — vom Flachlande ins Hügelland, Sachsen, Hessen, Franken, Schwaben, Rhein — vom Hügellande aufwärts, Österreich, Alpen, Adria! Man gefällt sich gewiss besser in Berlin und Dresden, wenn man Prag und Wien noch nicht kennt. Am deutschen Nordkap ist der Gedanke an Europens Nordkap natürlich: furchtbare Felsen, an denen sich die Meereswogen zerschellen in Schaum, ohne Bäume und lebendige Wesen, nur eine Quelle in einer Grotte, wo Skiöldebrand mit seinen Gefährten sich von Treibholz ein Feuer machte, die furchtbar schone Felsenszene von der Mitternachts-Sonne erleuchtet betrachtete — die Gefahren und Mühen, die sie erduldet hatten, um diese nackten Felsen zu sehen, und dann — lachten!

      No light, but rather darkness visible
      Serv'd only to discover sights of woe,
      Regions of sorrow! ...

Nicht so das deutsche Nordkap. Rügen hat wahre Naturschönheiten, wenn sich auch ihr übertriebener Ruhm; wie der Name Riesen-Gebirg, auf das Lob der Nachbarn, der Norddeutschen, die den Süden nicht kannten, wie auf schöngeisterische Gemälde phantasiereicher Reisenden gründen mag. So stand es auch wohl im Altertume mit dem berühmten Thal Tempe und den Hainen von Paphos? Rügen bleibt aber dennoch das Schönste, was Norddeutschland zu bieten hat, und der Rügard, die Stubbenkammer, Arkona und die Quodlitzer Höhen sind vier Punkte, die einzig sind. Arkona machte mich schwärmen.

Kein Lüftchen kräuselte des Meeres Spiegelglätte,
Der Seehund sonnte sich auf dem granitnen Bette,
Die Taucher plätscherten, es scherzten Möw' und Schwan
Im lauen Ocean.

Der Name Wittow kommt wohl eher von weißer Au, als von S. Vitus, und Weiß und Gut sind noch heute Synonyma auf Rügen; schmeichelnd sagen sie: min lewe witte Heer! Auf Wittow liegt auch Altenkirchen, wo Kosegarten lange Prediger war, und im Dörfchen Vitte am Strande, unter Gottes freiem Himmel, zur Zeit des Heringfanges die acht Herings-Predigten abzuhalten hatte. Ob die Leute wohl aufmerken, wenn sich ein rechter Heringszug nähert, ihre Kirmes? In der Vorhalle der Kirche zu Altenkirchen zeigt man eine alte unförmliche Statue als das Bild des Götzen Suanteviet, was es wohl nie war — aber recht sinnig ist ein altes Bild, auf dem 2 Lauten dargestellt sind, eine Hand aus den Wollten greift in die Saiten der einen, und die Inschrift ist: Hanc tange, movetur illa. „So rührt sich des Christen Herz bei seines Nächsten Schmerz!“ Kosegarten, durch den erst das Ausland auf Rügen aufmerksam wurde, hat uns in seinen Schriften eine schöne Uferpredigt aufbewahrt, wie sich von einem Manne von Geist erwarten lässt; ein anderer Uferprediger aber schloss seine dürre Heringspredigt, da die Leute über einem schönen Heringszug unruhig wurden, in der größten Verwirrung: „Nun der Herr erfülle eure Herzen mit Heringen und eure Netze mit Gnaden. Amen.“ Unser deutsches Wort Herr scheint das Wurzelwort zu sein von dem Hering abstammt; folglich sind gewisse Vergleichungen zu Recht beständig! Ob es einen Heringskönig gibt, der an der Spitze des Heeres einherziehen und noch einmal so groß als andere gemeine Heringe mit vergoldetem Kopf und rötlich glänzendem Körper sein soll, habe ich nicht erfahren körnten. Die Walfische sind ihre Verfolger und schwerlich hat je ein Heringskönig einen Walfisch herausgefordert, und Holländer noch weniger, die noch größere Verfolger des Herings sind; nach ihnen kommen die Britten — Franzosen, Schweden und Dänen — die Deutschen kaufen die Heringe lieber.

Von Vitte schifft man in zwei Stunden nach Hiddensee, ein Inselchen von vier Stunden Länge und einer Stunde Breite, mit 500 Seelen. Von ihrem Backenberg übersieht man sie ganz, und im ehemaligen Kloster lebt der Eigner der Insel und auch der Prediger. Vitte, das größte Dorf darauf, ist von armen Fischern bewohnt, deren Hütten von Torf mit Rasen gedeckt sind — die Kindheit der Baukunst, wenig verschieden von dem Bienenkorb des Caffern und der Jurte des Kamtschadalen! Torf und Kuhmist sind ihr Holz, und der Rauch mag sehen, wo er ein Loch findet: der Rauch des Herdes, wie der stinkende Qualm des Tabaks, der aus des Fischers Pfeifenstummel von 3 — 4“ emporwallet, im eigenen Gärtchen gepflanzt. — Nach Zöllner ist hier die Sitte, bei Familientrauer die Vorhänge des Himmels- oder Ehebettes abzumachen, und obgleich das Gesinde in einer Kammer schläft, soll man doch Nichts von unehelichen Geburten wissen. Die armen Leute nähren sich, nächst Viehzucht und Landbau, meist von Fischerei. Das weibliche Geschlecht kommt nie von seiner Hufe, die Männer aber schiffen in alle Welt, müssen aber für die Erlaubnis vier Thaler untertänigst entrichten — immer noch gnädiger, als der empörende Sterbfall, der schon einen der XII. Bauern-Artikel vom Jahr 1525 ausmacht. Sackmänner möchten die Leute immer bleiben, ob wir gleich Zeiten sahen, wo sie fragten: „Was geht Ew. Gnaden mein Sack an?“
Jeder Bewohner, der nicht verunglückt, kommt sicher wieder nach seinem Hiddensee, das ihm dat söke Länneken heißt, das süße Ländchen. Hält nicht auch der weit armseligere, durch Nordpol-Kälte zum Zwerg zusammengeschrumpfte, Esquimo seine traurige arktische Region, die höchstens Fische und der Hund mit ihm teilen, für ein Eden, das er nicht vertauschen möchte für alle Genüsse tropischer Länder, wie der Lipparote seine dürftigen vulkanischen Inselchen, die jedoch unter einem Klima liegen, wo Korinthen reifen und der Malvasier? Aber der Grönländer lacht über Malvasier, wenn er Tran saufen kann, und der Hiddenseer plagt sich als armer Fischer und Schiffer, und würde vielleicht, wenn hier die in Pappeln verwandelten Schwestern Phaetons Bernstein weinten, kaum seine Schiffermütze oder Jacke unterhalten! Und wer dächte nicht an St. Kilda, wo die Leutchen bei Ankunft fremder Personen oder Waren jedes Mal von einem zehn- bis vierzehntägigen Catarrh ergriffen werden, wie anderwärts von der Neugierigkeit? Nennen nicht auch die Malteser ihre kahlen Felsen il fiore del mondo und richten ihren Blick dahin, wie Ulysses auf Ithaca? Amor Patriae ist eine der größten Wohltaten des Himmels! Nur Vaterlandsliebe vermag den Aelpler an kahle Berge zu fesseln und den Westfalen an seine flachen Moorgefilde. Die armen Neuländer in Amerika verpflanzen die Eigennamen ihrer Heimat auf fremden Boden — so süß ist der Zauber des Vaterlandes in bloßer Erinnerung. Ohne Erinnerung an Diesseits scheint mir sogar das Jenseits geschmacklos — was freilich Theologen besser wissen müssen. Der Mensch hat zwei Vaterlande: das der Geburt und das des Schicksals; aber in der Regel liebt man die gute Mutter mehr, als den strengen Vater, sehnt sich, wie Homers Griechen nach der Rückkehr: ,,Griechisch,“ und stirbt in Italien, wie Virgils Argiver —

      coelumque
      aspicit, et dulces moriens reminiscitur Argos!

Auf Rügen ist es noch der Mühe wert, Prediger zu sein: denn sie stehen in patriarchalischem Ansehen, wie das Geschichtchen von der glücklichen Ohrfeige beweist. Ein Prediger zu Hiddensee unterrichtete den dummen Jungen eines Müllers, daher es nicht an Ohrfeigen fehlte; — der Junge ging zur See, kam reich zurück, und besuchte mit seinem Knaben den Prediger, der ihn nicht mehr kannte: „Herr Pastor! haben Sie die Güte, meinem Söhnchen eine tüchtige Ohrfeige zu geben.“ Der Prediger stutzte, der Mann gab sich zu erkennen, versicherte, seinen ganzen Wohlstand den Ohrfeigen zu verdanken, und da sein Sohn so dumm sei, wie er ehemals, so verspreche er sich von seiner Segenshand die ersprießlichsten Folgen. Kosaken scheinen jetzt noch allein solchen einst Küche und Keller beseligenden Glauben zu haben — alle Einquartierten küssten den Predigern die Hand, nannten sie Vater, und das brachte ihnen, wo nicht Himmelssegen, doch manches Gläschen Branntwein!

Unsere Schullehrer wären noch reicher, wenn ihre Schüler so erkenntlich wären, als jener Seemann, und ich begreife nicht, wie die Alten auskommen konnten. Die Ohrfeigen und Maulschellen kosteten sie freilich Nichts; aber der schwäbische Schulmeister Häberle verbrauchte während seiner 50jährigen treuen Amtsführung noch eine Menge Lineale, drei Dutzend Bibeln, Katechismen, Gesangbücher und Grammatiken allerwenigstens, die er stets zur schnellen Handhabung der Disziplin in der Hand hatte! Zur Zeit der Schläge war Alles gründlicher — die Natur selbst gibt uns einen Fingerzeig — wir schlagen uns selbst vor den Kopf, wenn wir Etwas nicht wissen, was wir hätten wissen können und sollen, und nun erst die derben Schläge einer Respekts-Person! Ich kann es Österreich nicht verargen, wenn es in diesem Punkte möglichst beim Alten bleibt, und bei der Schranne!

Von Bergen ging ich nach Putbus (bei dem Busch), das am Abhange eines waldigen Hügels recht angenehm liegt, mit dem 1/2 Stunde entfernten Seebade, das eine Allee und Anlagen mit dem Städtchen verbinden. Die Natur scheint mir hier schöner als zu Doberan, aber das Seewasser hat zu wenig Salz. Der Fürst Putbus hat viel für das Bad getan, aber wenn es auch Doberan überflügelt, wird es Ritzebüttel überflügeln können? Es ist anerkannt, dass das Wasser der Nordsee spezifisch schwerer ist, stärker angreift, und unsere nervenschwache Zeit, welcher Landbäder nicht mehr genügen, wird natürlich die stärkeren Bäder vorziehen, bis sie überstärkt ins Erdbad eilet oder ins Fegefeuer. Die Gewässer der Ostsee sind wegen der vielen sich hier mündenden Flüsse so wenig salzig, dass sie vielleicht ganz süß wären, ohne die Stürme der kräftigen Nordsee, die sich diesem bloßen Meerbusen mitteilen; das Wasser ist leichter, daher segeln die Schiffe langsamer, die Wellen fallen kürzer und niederer, folgen sich aber schneller, Ebbe und Flut ist so unmerklich, wie im Mittelmeer, und die Tiefe so unbedeutend, dass die Ostsee schon oft in strengen Wintern zugefroren war. Dieses Baltische Meer (vom friesischen Belt, Einbruch des Meeres) ist 130 Meilen hin preußisch, Preußen aber dennoch so wenig Seemacht als Österreich, man müsste denn einige bewaffnete Fahrzeuge Stralsunds Seemacht nennen!

Das Bad Putbus, Friederich - Wilhelms - Bad genannt, (mit den Gasthäusern: Bellevue und Fürstenhof) hat den Reiz der Neuheit — und in dem schönen Schlosse des Fürsten findet man vaterländische Altertümer und schöne Gemälde. Wer nicht in offener See oder in Badekarren à 7 1/2 gr. baden mag, kann in marmornen Wannen und schönen Zimmern für 15 gr. baden, aber wohnen kann man nur im Städtchen. Die table d'hôte zu vier Schüsseln kostet 15 gr., eben so viel das Zimmer täglich — und nun erst Wein, Frühstück, Abendtisch, Trinkgelder? Nach dem Bade muss man fahren. — O bleibt zu Hause, Landsleute! stärket euch ehrlich und redlich in einheimischen Wildbädern, oder auch Soolbädern, die dem Seewasser nahe kommen — ein voller Beutel ist der Gesundheit noch zuträglicher, hundert Melancholien haben ihren Sitz lediglich im Beutel, und nicht alle Melancholiker sind so humoristisch, dass sie behaupten, den Teufel im Beutel zu haben, und wenn Neugierige hineingucken und Nichts sahen, lachend erwidern: „Das ist eben der Teufel!“
Ein guter Fußgänger wandert von Putbus nach dem waldigern Vorgebirge Granitz, wo man, an einem Jagdschloss des Fürsten vorüber, nach einem kleinen Belvedere kommt, von dem man sich nur mit Mühe trennen kann; — aber an das Wort, een Feldwegs (immer 1/4 Meile) muss man sich nicht so genau kehren. Wer die Eigentümlichkeiten Rügens ganz will kennen lernen, muss auch die dritte Halbinsel Mönkgut besuchen, die einst dem Kloster Eldena gehörte. Sie ist in Ansehung der Naturschönheiten die uninteressanteste, aber das Fischervolk, ohne Verkehr mit Menschen, hat noch die meisten Eigentümlichkeiten in Sitten, Sprache und Kleidung. Ihr Pastor schreibt vielleicht, wie Zimmermann in Hannover und an Höfen über die Einsamkeit schrieb, mitten in seiner Einsamkeit ein Werk über die Geselligkeit. Nicht bloß die Mannspersonen, sondern auch die Mädchen können hier auf die Freierei gehen, was sie Jagd nennen (se stellt na em ut); wenn sie nämlich ein Erbgut haben, und sie tun es natürlich mit besserem Erfolge, als jene Predigers-Töchter in Franken, denen die sorgsame Mutter, so oft sie einen fremden Herrn einher reiten sah, zurief: „Madle! geschwind, pudert euch, guckt r'aus, es reit Einer d'Staige 'rauf!“

Die Fürsten Putbus leiten ihre Abkunft von den alten Fürsten Rügens ab, ihre Einkünfte sollen 20 000 Thaler betragen, was viel ist für das arme Rügen, wo 3/4 der Bewohner leibeigen sind, und der Adel den größten Teil der Insel besitzt. Dem Fürsten gehört auch das Eiland Vilm, in dem Meerbusen Bodden , das man mir als sehr reizend geschildert hat. Vielleicht ist jetzt unter Preußen die Leibeigenschaft aufgehoben, und billig sollte Ehren-Geistlichkeit in christlicher Liebe dem Adel mit gutem Beispiel vorangehen, da sie hier dem Adel fast gleich steht, sich aber mehr im Titel Doktor, als in einem Von zu gefallen scheint. Es gibt hier Pastorats-Bauern, wie in Liefland und Curland, über die sie Patrimonial-Gerichtsbarkeit haben: der Pfarrhof heißt Wiedem, d. h. geheiligtes Gut, was immerhin sein mag — nur nicht Patrimonialgerichtsbarkeit des Adels und der Pastoren, sonst bleibt das durch die Leibeigenschaft entstandene Sprichwort ewig wahr: „de Buur is n' Schelm van Natur.“ Aber die Pastoren werden wohl sprechen, wie anderwärts: „Ich wollte wohl, aber ich darf meinem Nachfolger Nichts vergeben!“

Rügen zählt 27 Pastorate und unter den Predigern muss man die eigentlich Gebildeten suchen. Ihre Wohnungen gleichen Edelsitzen unter den dürftigen Hütten der Bauern, meist ein grüner Rasenplatz mit Linde vor dem Hause, hübsche Gärten und Lauben mit Weinreben, allerwärts Einfachheit, Reinlichkeit, Gastfreiheit und etwas Idyllenartiges. Sie haben mehr als der gute Vicar of Wakefield, der mit 40 Pfund so vergnügt war, den Seinigen und den Wissenschaften lebte, und auch mehr als Pastor Adams, der in der Einfalt seines Herzens zu London Glück zu machen hoffte mit seinen — Predigten im Mantelsack. Pastor auf Rügen wäre mein höchster Wunsch, wenn ich Theologe geworden wäre. Der Sohn des Pastors wird gewöhnlich sein Nachfolger, und ist keiner da, so heiratet die Wittwe oder Tochter des Verstorbenen einen Kandidaten, und das heißt conserviren — so sind diese Pastoren wahre Erbpfarrer, und leben ein patriarchalisches Leben. Die vier Pastoren auf Sagard, Bobbin, Altenkirchen und Wieck heißen scherzweise die Vierfürsten, und so muss man ihnen ein Bisschen Orthodoxie zu Gute halten, und wer wollte der Pfarr-Witwe, der am Trauungstage ihrer Tochter einfiel, dass sie ja selbst noch conservirt genug sei, um zu conserviren, nicht verzeihen, wenn sie dem hochzeitlich gekleideten Kandidaten zurief: „ik will den Herrn sülfst!“

Den Pastoren auf Rügen können es die unserigen nicht nachtun, so gerne sie vielleicht wollten und sich vielleicht selbst das Conserviren gefallen ließen, wenn sie sich anders nicht schon auf der Universität nach einer Gehilfin umgesehen haben, die um sie sei, wie es auch die Bibel haben will — aber unsere Küster könnten die Rügischen nachahmen — nicht in Hochzeit, Tauf- und Leichen - Carminibus — sondern in Fertigung von Leichensteinen: die Kunst unserer Steinmetzer würden sie leicht erreichen. Die Sprache ist etwas vom pommerischen Platten unterschieden. Sie sagen von Einem, der gegen die Kälte Handschuhe trägt: n'hanscher Keerl, halber Keerl — was würden sie zu unseren Elegans sagen, die mitten im Sommer sie tragen, einen an der Hand, den andern elegantissime in der Hand? Von Einem in Verlegenheit sagen sie: „de kam recht in de Brummelbeeren,“ denn die sich gerne anhäkelnden Brombeersträucher ranken hier allerwärts. — Der Platz für das Reserve-Futter in der Scheune heißt der Hill (Heilig). Stankt dat 11p de Hill! und so rufen sie auch einem jungen allzuhitzigen Liebhaber zu: Staak dat up de Hill!“ Der Großknecht nimmt mit dem Jungknecht förmlichen Ritterschlag vor, gibt ihm im Angesicht Aller eine Maulschelle und spricht: „So Keerl, dat lyd van my un von keenem annern!“ — Von einer derben Ohrfeige sagen sie: „he gaw am eenen dügtigen Audi,“ so wie für: „das ist lange her — „dat is van Anno cen her“ — und beweisen, dass sie auch Latein verstehen. Aber wie kommen diese Deutschen zu den Worten, wenn sie nicht gerne vom Düwel sprechen: Dat di de Dütscher! di shall de Dütscher! Jetzt, wo sie nicht mehr Schweden angehören , werden sie es doch wohl bleiben lassen? Das Na spielt eine große Rolle: „Na — geh he mit God — na, blive hesund! Der weibliche Beistand (in Schwaben Kriegsvogt) heißt hier Tred up (Auftreter), und ein ausgezeichneter, trefflicher Mann (l'homme par excellence) Sehrmann. Wären alle Excellenzen solche Sehrmanner, wir hätten nicht bloß Sterne — wir hätten den Himmel selbst auf Erden!

Was nächst der Natur an Rügen fesselt, ist die alte Einfachheit. In den armen Fischerhütten wohnen noch alte Tugenden, die überhaupt in Hütten leichter gedeihen, als in Palästen, und auf den Pastoraten wohnt alte Gastfreiheit, die natürlich verschwinden muss, je mehr sich die Gäste vermehren: ich küsste die Hand zweier Pastoren auf gut Österreichisch. Im hohen Altertume gab es keine Wirtshäuser, wie noch heute im Morgenlande, ja man konnte nicht wissen, ob hinter dem Incognito nicht gar — ein Engel stecke, von denen wir jetzt gar nichts mehr hören. Einfach ist die Nahrung dieser Insulaner, Bier (Oele) ihr gewöhnliches Getränke und der Rundgesang hat mir gefallen :

Hans Naber, ik hewe ju dat to gebröcht,
Helt ji mal dumen un finger dran,
He, kuke maal drinn — —
Noch Oele, noch Oele, noch Oele darinn!

Dieses letztere wird so lange wiederholt, bis rein ausgeleert ist, dann zeigt der Zecher sein leeres Glas und singt:

He kuk maal drinn
Niks Oele, niks Oele, niks Oele darinn!

Bisher kannte ich unter allen Bischöfen den am besten, der aus Burgunder, Pomeranzensaft und Zucker erzeugt ist, hier lernte ich auch einen Erzbischof kennen, der aus Rheinwein, gerösteten Pomeranzen und Zucker hervorgeht, mehr als Bischof, wohl aber nur ein Luxus der Stadt Bergen ist, und vielleicht der zweiten Stadt Garz, wenn man einen Ort von 900 Seelen für eine Stadt will gelten lassen. Die fruchtbarste Gegend ist um Gingst, daher sie das Paradies heißt und von da geht man am besten nach der Insel Ummanz, die so bedeutend ist als Hiddensee, den besten Flachs Rügens liefern soll und reiche Seevögel - Jagd hat, wie die umliegenden kleinern Inselchen. Die Bewohner nennen ihr Inselchen das Land, sich die Upländer, alle übrigen sind ihnen Van-Länder, ohne Land, und ein Mann vom Lande heiratet nie eine ohne Land. Wie viele Ummanzer gibt es nicht außer Ummanz.

Rügen ist schön, aber für ein Paradies doch das Klima zu kalt. ... Raue Ostwinde, Stürme und Nebel umlagern das hochgelegene Land, der Winter ist lang und strenge, vom Frühling gar keine Rede und selbst im Sommer die Witterung unbeständig, der Tag heiß, der Abend kühl. — Nebel verbreiten sich selbst in der schönen Jahreszeit über die Insel, und nur der Herbst ist angenehm. Die Insel hat keinen Fluss, nur Bäche und einige Landseen, Kunststraßen gibt es nicht, und die Wege sind, wie überall im Norden, d. h. schlecht. Die Erde ist fruchtbar, üppig der Getreidewuchs, blühend die ganze Pflanzenwelt— aber dieses Klima — diese Abgelegenheit — manche Oede — die geringe Zahl Gebildeter — ich möchte doch nicht Pastor loci sein und bleibe im Schwabenlande!

Rügen ist das Vaterland Arndts, und hier empfing auch Hakert die Weihe zur Kunst und Landschaftsmalerei; man findet mehrere seiner Jugend-Arbeiten, z. B. die Stubbenkammer, und Stücke, die er aus Italien zum Andenken sandte. Hier dichtete Kosegarten als Pastor zu Altenkirchen und mag bei den häufiger gewordenen Lustreisen nach seiner Insel so gut unter dem Fluche der Zelebrität gelitten haben, als das Weimarer Kleeblatt. Kosegarten war es auch, der die treffliche pommer'sche Chronik des Ranzow der Vergessenheit entrissen hat. Der beste Begleiter auf Rügen ist Crümbke oder Indigenas Streifzüge durch Rügland.

Rügen ist und bleibt der schönste Punkt des deutschen Nordens und ist das, was im Süden der Bodensee, das Traunviertel und Vater Rhein. Was an Erhabenheit der Berge und üppiger Natur fehlt, ersetzt das erhabene Meer und ist der Altvater ruhig und langweilig, so findet man stets Leute, die von Stürmen und Schiffbrüchen wenigstens erzählen können, und von ihm so viel Böses zu sprechen wissen, als mancher Mann von seiner artigen Frau, und mancher Diener von seinem bewunderten Herrn! Und wenn sie erst vom Waffeln der Schiffe sprechen? Sie sehen nämlich die Schiffe umgehen in dunklen Luftgefilden, und ihr Glaube ist so stark, als der Gespenster-Glaube — sie sehen Häuser waffeln (wafian, sächsisch = sich hin und her bewegen), ja sie sehen Menschen waffeln — alles Waffeln ist Vorbedeutung des Untergangs. Recht sinnvoll ist das Volksmährchen, dass die vielen Totenhügel in der Geisterstunde umgegraben würden von Hagestolzen und zwar mit Nähnadeln (als ob er es immer von ihnen abhinge, eine eigene Näherin im Hause zu haben!) und geheuer ist es um kein Grab! Fürchtet euch nicht, ihr Kleingläubigen, vor den Wohnenden in Gräbern — wie ihrer, harret eurer der Tod! oder wie ich so eben eine schwäbische Mutter ihren kleinen Wagehals warnen höre: „Wart’, du musst ins Kirchenlöchle!“ Hagestolze sind schon hienieden bestraft, wenn sie alt werden, und fremde Nähnadeln — mit Gold aufwiegen müssen. Mit der Wonne der Wehmut schiffte ich von Rügen zurück nach Stralsund —

      Lebe wohl mit deinen heiligen Bergen,
      Mit deinen säuselnden Hainen,
      Mit deinen freundlichen Töchtern,
      Mit deinen gastlichen Hüttnern,
      O lebe, lebe, lebe wohl!

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Bergen (Rügen), Jagdschloss Granitz

Bergen (Rügen), Jagdschloss Granitz

Bergen (Rügen), Marktplatz 1917

Bergen (Rügen), Marktplatz 1917

Bergen (Rügen), Marktplatz 1921

Bergen (Rügen), Marktplatz 1921

Johann F. Zöllner

Johann F. Zöllner

Arcona

Arcona

Kleine Stubbenkammer auf Rügen

Kleine Stubbenkammer auf Rügen

Schloss Puttbus auf Rügen

Schloss Puttbus auf Rügen

Stralsund vor der Alten Fähre

Stralsund vor der Alten Fähre

Vitte bei Arcona

Vitte bei Arcona

Ostseebad Binz auf Rügen

Ostseebad Binz auf Rügen

Ostseefischer

Ostseefischer

Kreidefelsen auf der Insel Rügen

Kreidefelsen auf der Insel Rügen

Insel Rügen - Königsstuhl

Insel Rügen - Königsstuhl

Ausfahrt der Ostseefischer

Ausfahrt der Ostseefischer