Die Idee der österreichisch-deutschen Zolleinigung und die Stellung des südwestlichen Deutschlands

Aus: Die Hansestädte und das südwestliche Deutschland
Autor: Kiesselbach, Wilhelm Dr. phil. (1824-1872) wirtschafts-politischer Schriftsteller, Erscheinungsjahr: 1854
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Hanse, Hansa, Hansestädte, Freihandel, Zollverein, Preußen, Österreich, Zölle, Handelsschranken, Freihandel, Europa, Welthandel, Hamburg, Bremen, Lübeck
Wenn man heute auf das Jahr 1848 mit seinen vorherrschenden politischen Ansichten und Absichten zurückschaut und das Schicksal erwägt, dem das Frankfurter Parlament erlegen; dann lässt sich dieser Akt deutscher Geschichte seinem neuesten Wesen nach wohl kurz in die Worte zusammenfassen: Die auf die staatliche Einheit gerichteten Bestrebungen der sogenannten nationalen Partei scheiterten an der föderativen Wirklichkeit unserer Verhältnisse. Die Hauptstimmführer von damals kannten die Natur des Bodens nicht, auf welchem sie standen, und somit passten die Hausbalken nicht in einander, die sie, unbekümmert über die Beschaffenheit des Terrains, zugeschnitten hatten. Ist nun seit jener Zeit die klare Erkenntnis der staatlichen Grundkräfte Deutschlands etwas mehr gewachsen, hat das Wesen unseres föderativen Elementes seitdem eine weiter um sich greifende Anerkennung erlangt, so ist außerdem die Kraft des Föderalismus selbst durch die neue Politik Österreichs um ein Bedeutendes gestiegen. — Die Einigungs-Partei musste daher einen andern Charakter annehmen und ein anderes Ziel ins Auge fassen?

Drei Jahre haben genügt — ich sage das ohne persönliche Bitterkeit — um die Vorkämpfer der deutsch-österreichischen Zolleinigung nicht so ganz als die hirnverbrannten Toren erscheinen zu lassen, für die man sie 1849 und 1850 im deutschen Norden so bereitwillig ausgegeben. Der Februarvertrag ist inzwischen nicht nur eine Tatsache, sondern auch eine Wohltat geworden. Als Baron Bruck einige Wochen vor Abschluss desselben dem Schreiber dieser Zeilen den Stand der Berliner Unterhandlungen nach Heidelberg mitteilte und von dem Fernerstehenden ein Urteil darüber verlangte, konnte derselbe Wohl zurückschreiben, dass dieser Vertrag in ganz anderer Weise als der belgische vom 1. Sept. 1344 „ein Dutzend folgender im Leibe trage.“ Die Erfolge des Jahres 1852 lassen sich nicht mehr ableugnen; und was das Jahr 1860 bringt, müssen wir abwarten. Es hieße indessen, sich absichtlich täuschen, wenn man nicht die verschiedenen Richtungen scharf unterscheiden wollte, die sich für längere oder kürzere Zeit unter dem Panier der Zolleinigung gescharrt haben. Das Wiener Kabinett verfolgt dabei ganz andere Zwecke als die Ultramontanen; und die Politik der Koalition von Darmstadt ist noch keineswegs identisch mit den Bestrebungen der nationalen Großdeutschen. Oder glaubt man alles Ernstes, dass die Stimmführer dieser Letzteren in dem Frankfurter Fabrikantenvereine sich zu österreichischen oder päpstlichen Agenten hergegeben haben? Diese Männer gehören vorherrschend dem Protestantismus an, und es ist Keiner unter ihnen, der bei seinem Auftreten irgend ein persönliches Ziel verfolgte. Dass sie dabei im Hinblick auf die Menge ihrer Gegner nicht absichtlich in einen offenen Gegensatz zu ihren zufälligen Bundesgenossen traten, versteht sich doch von selbst. Wer Politik treiben will, muss sich gewöhnen, die vorhandenen Kräfte in seinem Sinne zu benutzen.

Es hieße ja gar zu viel Kindlichkeit in die Politik der nationalen Großdeutschen tragen, wenn man ihnen zumuten wollte, sie hätten die Ultramontanen an ihren Bestrebungen für die Zolleinigung verhindern sollen. Dass die Männer der Kirche das Wesen des Protestantismus im Glaubensbekenntnisse und nicht in der gesamten Lagerung der sozialen und politischen Verhältnisse suchen, dass sie nicht wissen, wie der Protestantismus bereits einige Jahrhunderte vor Luther existierte, und endlich den preußischen Staat für einen protestantischen halten, haben sie ja ganz allein mit sich selbst abzumachen. Wir hatten keine Verpflichtungen, sie darüber aufzuklären. Und ebenso ging es die Partei nichts an, was das Wiener Kabinett mit seinen Plänen bezweckte. In der Politik schiebt Jeder seine Interessen so weit vor, bis sie auf einen Widerstand stoßen. Widerkräfte gibt es aber in Deutschland genug. Auch Österreich wird nicht wieder über das Reich gebieten oder die föderativen Elemente desselben zerbrechen können. Die Letzteren haben durch die Zolleinigungsidee der preußischen Gravitation gegenüber erst recht einen neuen Halt bekommen!

Denn mit der Wandlung der Wiener Politik sieht sich zunächst einmal die preußische Hegemonie beschränkt. Die süddeutschen Staaten, welche bisher trotz der Verfassung des Zollvereins in handelspolitischer Abhängigkeit von Berlin gewesen waren, erhielten nun plötzlich eine selbstständige Position. Diesen Gesichtspunkt hat man auf beiden Seiten klar genug erkannt. Die moralischen Auslobungen der preußischen Presse gegen Österreich sowohl als gegen das südwestliche Deutschland, die heftige Opposition derselben gegen das Zustandekommen des Februarvertrages geben dafür ein nicht minder klares Zeugnis ab, als der Abschluss der sogenannten Darmstädter Koalition. Und dieser Gesichtspunkt war es, den die nationalen Großdeutschen zuerst als nächstes Ziel ins Auge fassten. Preußens bisherige Präpoderanz musste zurückgewiesen werden, damit dadurch die mannigfach gebundenen naturgemäßen föderativen Elemente Deutschlands wieder frei werden konnten, und auf solche Weise ein Boden gewonnen ward, der die Durchführung einer positiven nicht bloß negativen gemeinsamen handelspolitischen Organisation zu tragen vermag. Dass das preußische Staatsgebäude zu seiner Erhaltung als europäische Großmacht des übrigen deutschen Landeskörpers zur Ergänzung bedarf, ist natürlicher Weise vollkommen begreiflich. Allein nicht minder klar liegt es auf der Hand, dass die verschiedenen anderen souveränen Staaten Deutschlands es nicht in ihrem Interesse finden, sich zu dieser Ergänzung herzugeben. Gestehe man sich das Vorhandensein eines solchen Widerspiels in Deutschland nüchtern zu.

Was seit Jahrzehnten unter den Männern der süddeutschen Schutzzollpartei mehr oder weniger dunkel gefühlt worden war, ward mit dein Hervortreten der Bruck’schen Idee alsbald hell erleuchtet. Handelt es sich nämlich bei der Frage: ob Schutzzoll oder Freihandel? in höchster Instanz um das Aufrechterhalten von nationalen Staaten im Gegensatze zu dem immer stärker werdenden Drängen auf eine freie Gesellschaft, handelt es sich dann weiter in zweiter Linie dabei, einem jetzt vorhandenen Staate die Möglichkeit von Repressalien gegen die ökonomischen Ausschweifungen anderer Nationen darzubieten; so war speziell für Süddeutschland das Protektionssystem seit Jahren eine Waffe geworden, mit der man sich von der lästigen handelspolitischen Abhängigkeit von Preußen zu befreien suchte. Als Preußen im Anfange des Zollvereins sich der Annahme höherer Industriemauten zuneigte, rief man von diesseits des Maines nach Freihandel; und als dann später der Norden auf Ermäßigung des Tarifs hinarbeitete, nach Schutzzoll! Das haben die Herren des absoluten Freihandelssystems oder die Vorkämpfer des freien Gesellschaftstums in ihrem Streit gegen die süddeutsche Partei niemals begriffen, sonst würden sie wohl weniger mit den Sätzen von Smith und Say gefochten, dagegen mehr die Stellung Süddeutschlands überhaupt angegriffen haben. Konnte es doch die publizistischen Stimmführer des Südens sehr wenig kümmern, ob die Twistfabrikanten zu Augsburg, die von ihren Spinnereien 5 % Zinsen und 9 % jährlicher Dividende per Aktie ziehen, und dessen ungeachtet behaupten, sie vermöchten nicht zur Produktion von feineren Nummern überzugehen, des Jahres 3 — 4 % mehr verdienen oder nicht. Sie hatten kein Interesse daran, dass die Runkelrübenzuckerfabrikation zu Waghäusel in zwei Jahren fast eine Million Gulden Schulden abbezahlte, und dennoch die Rübe schien, sie müsse dem Rohr erliegen. Was sie erstrebten, gipfelte zunächst in dem einen Gedanken, der preußischen Gravitation einen Damm entgegenzusetzen. Diesem Zwecke mussten alle vorhandenen Kräfte als Mittel dienen. Denn nur auf dem Boden einer offenen Anerkennung der einzelnen Länder Deutschlands nach ihrem Verhältniswert zum Ganzen lässt sich eine gesunde dauernde Gesamtorganisation erreichen.

Man hat seiner Zeit über die Idee der deutschen Trias Hohn genug ausgegossen; David Hansemann wie Wilhelm Dänniges bildeten mit ihren publizistischen Ausführungen die Zielscheibe eines mehr als wohlfeilen Spottes. Dessen ungeachtet haben gleichfalls drei Jahre genügt, um den scharfblickenden Politikern auf der Gegenseite ein wenig den Star zu stechen. In der Darmstädter Koalition trat es offen zu Tage, was das südwestliche Deutschland als Mehrgewicht in der einen oder der andern Waagschale bedeutet. Hätten in den Tagen der Erneuerung des Zollvereins Baiern, Württemberg und Baden ebenso energisch zu Preußen gestanden, als sie statt dessen mit Österreich gegen Berlin auftraten, der Plan der deutsch-österreichischen Zolleinigung wäre ein für allemal abgetan worden. So jedoch gaben sie samt Hessen recht eigentlich den Endentscheid in dem heißen Kampfe; und indem sie, wie wir oben sagten, mit dem Hervortreten der Bruck’schen Entwürfe alsbald ihre naturgemäße Position zurückeroberten, setzten sie zugleich den deutschen Föderalismus endlich einmal außerhalb der Debatte. Nun war vielmehr das gothaische Preußentum, selbst in der doktrinären Politik, geschweige in der Wirklichkeit, für immer beseitigt, und die Arbeit für einen positiven deutschen Handelskörper hatte wieder freien Spielraum.

Es hieße nämlich die Lage der Dinge völlig verkennen, wollte man sich einbilden, Österreich habe nun in dem südwestlichen Deutschland die handelspolitische Provinz gewonnen, die Preußen seit lange daselbst für sich in Aussicht genommen hatte. Ein Blick auf die Karte von Deutschland genügt ja, um zu der Einsicht zu gelangen, dass ein Gebiet, welches vom Böhmerwalde bis über den Rhein hinaus reicht, schon an sich auch von Osten her ebensowenig verschluckt und politisch verdaut werden kann, als es von der gothaischen Konstruktion wirklich absorbiert worden wäre.

Erwägt man indessen obendrein, wie auf diesem Bereiche eine mehr als tausendjährige eigentümliche Geschichte ruht, schaut man auf die selbstständige Durchbildung der dort wohnenden Völkerstämme, und bedenkt man endlich, wie jetzt durch das französische Eisenbahnwesen und durch den völkerrechtlich nach der Kongressakte nicht zu verschließenden Rheinstrom den genannten Staaten nach dem Westen hin alle die handelspolitischen Möglichkeiten geboten werden, die ihnen etwa der Norden oder Osten verlegen wollte; dann wird schwerlich selbst ein eingefleischter Unitarier dem südwestlichen Deutschland gegenüber in noch so aufgeregten Zeiten zu Gewaltmaßregeln raten wollen, die auf die Dauer doch Nichts ausrichteten. Wer nicht kann, was er will, der wolle, was er kann! Die Staaten der Darmstädter Koalition haben mit Österreich nur zunächst den Antagonismus gegen das übergreifende Preußen gemein; im Übrigen bildete sie neben Österreich, wie neben Preußen ein selbstständiges Drittes. Die so oft besprochene Mainlinie, sobald sie über eine transitorische Mautlinie hinausgeht, vermittelst deren Preußen die Abhängigkeit seiner Industrie von dem südlichen Markte erkennen sollte, ist eine reine Chimäre. Es wird daher auch nur eine solche Gesamtorganisation Deutschlands von Dauer sein, in welcher dieses Dritte zu seiner vollberechtigten Anerkennung kommt.

Erwägt man nun aber, wie heut zu Tage ein binnenländisches Gebiet nur dann die ihm naturgemäß angewiesene Stellung einzunehmen und zu behaupten vermag, wenn es mit dem Meere, d. h. mit irgend einer Küste in Verbindung tritt; so lässt sich das südwestliche Deutschland recht eigentlich als das Hinterland der Nordsee bezeichnen! Nach dem Süden hin wird es ja durch die Alpen von der Thalatta abgeschnitten; und gesetzt auch, die Überbrückung der hohen Gebirge durch Eisenbahnlinien käme zu Stande, so ist doch kein politischer Verband zwischen Italien und dem deutschen Südwesten möglich, abgesehen davon, dass, wie wir oben erwähnt haben, das mittelländische Meer vom allgemeinen Welthandel verhältnismäßig nur wenig berührt wird. Nach Westen ferner grenzt ein Staat, dessen politische Schicksale, was man von einer Erneuerung der Rheinbundgelüste reden mag, wahrhaftig keine sonderlichen Sympathien hier zu Lande mehr erwecken. Mit der Erkenntnis der inneren Hohlheit der sogenannten französischen Ideen, mit dem Gewahrwerden, dass der französische Untertan fast doppelt so viel Steuern bezahlen muss als der diesseitige Bürger, ist Alles, was früher in jener undeutschen Richtung sich im Südwesten geltend gemacht hatte, so gut als verschwunden. Es ist allerdings richtig, dass die beiden von Straßburg und Ludwigshafen direkt nach Havre führenden Schienenwege das hiesige wirtschaftliche Leben vielfach mit der französischen Nordküste in Verbindung bringen; französische Auswanderungsagenten haben sich außerdem selbst in den kleinsten Städtchen bei uns eingenistet; dessen ungeachtet — ich glaube das mit Bestimmtheit versichern zu können — ist diesseits des Rheines eine Wiederholung der Politik vom Beginne unseres Jahrhunderts so lange unmöglich, als man nicht geradezu von Osten oder Norden her die Selbstständigkeit des deutschen Südwestens in Frage stellt. Die Gesinnung der Bevölkerung in diesen Gegenden ist so durchweg deutsch, wie nur in irgendeinem andern Striche des deutschen Vaterlandes. Nicht das Aufblühen des französischen, sondern des deutschen Gestades liegt in ihren Wünschen. Die Flottenanfänge auf der Weser fanden daher auch gerade hier in den verschiedenen Städten die wärmste Teilnahme. Ließen sich nun die zwischen dem Südwesten und den Hansestädten bereits bestehenden Beziehungen wirtschaftlich wie politisch noch immer fester ziehen, wäre es möglich, ein klares Verständnis; der beiderseitigen gemeinsamen Interessen einzuleiten, und auf solchem Wege für die nähere oder fernere Zukunft zwischen beiden Teilen ein gemeinschaftliches Handeln anzubahnen, wenn es gilt, eine Gesamtorganisation für Deutschland zu finden; so dürfte es wohl nicht schwer fallen, der Küste wie dem Hinterlande zu ihrem Rechte zu verhelfen. Noch freilich versteht man sich gegenseitig vielfach gar nicht. Die Broschüre des Herrn Senator Geffken in Hamburg, die vor einigen Monaten, anknüpfend an die bekannten „sechs Artikel der Weserzeitung“, den Zoll-Anschluss der Hansestädte bespricht, fasst noch den Süden unter dem Gesichtspunkte des „Manuskriptes aus Süddeutschland“ auf. Ich bin nun aber seit den letzten zehn Jahren mit jeder ökonomischen oder politischen Partei des Südens als Freund oder Feind in nahe Beziehung gekommen, habe aber niemals jene Denkschrift eines ehemaligen diplomatischen Polizei-Agenten auch nur nennen hören. Ich selbst würde sie nicht kennen, wenn ich sie nicht im Verlaufe handelshistorischer Studien im Staube der Bibliothek aufgesucht hätte, wobei ich auch sogar nur einen Auszug fand. Mit Erinnerungen aus den zwanziger Jahren darf man in den Hansestädten den deutschen Südwesten nicht mehr messen wollen, sonst wird man sich allerdings niemals verstehen lernen!
Hansewappen

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Hanse Kogge

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