Die Hansestädte und das südwestliche Deutschland

Ein Beitrag zu Geschichte der Hansestädte
Autor: Kiesselbach, Wilhelm Dr. phil. (1824-1872) wirtschafts-politischer Schriftsteller, Erscheinungsjahr: 1854
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Hanse, Hansa, Hansestädte, Freihandel, Zollverein, Preußen, Österreich, Zölle, Handelsschranken, Freihandel, Europa, Welthandel, Hamburg, Bremen, Lübeck
Anknüpfend an den aus sehr kundiger Feder geflossenen Aufsatz in Nr. 128 des „Bremer Handelsblattes“, welcher sich über die Veränderung des Schienengleises auf der badischen Bahn und die Bedeutung derselben für Nord und Süd verbreitet, möchte ich einige ökonomisch-politische Bemerkungen über die Stellung der Hansestädte zum südwestlichen Deutschland gerade in unserer Übergangszeit aussprechen, die sich mir bei dem seit Beginn dieses Jahres wieder lebhafter geführten Kampf um den Anschluss von Hamburg und Bremen an den Zollverein aufgedrängt haben.

Wenn ich dabei etwas weiter aushole, so ist das dem Wirrwarr der Ansichten zuzuschreiben, welcher heut zu Tage in der öffentlichen Meinung hinsichtlich aller unserer wirtschaftlichen wie politischen Angelegenheiten herrscht. Wer gegenwärtig bei Erörterung einer Einzelfrage nicht zuvor seine Meinung über Zustand und Ziel der gesamten Reorganisation Deutschlands klar und bestimmt ausgesprochen hat, wird schwerlich im Stande sein, die von ihm gehegte Auffassung einer besonderen öffentlichen Streitsache einleuchtend darzustellen; geschweige sich mit den Andern über den Weg zu verständigen, welchen er zur Erreichung seines Zweckes einzuschlagen gesonnen ist. Darin scheinen mir alle die patriotischen Stimmen, die vor einigen Monaten den etwaigen Anschluss Bremens an den Zollverein im „Handelsblatt“ besprachen, ohne Unterschied gefehlt zu haben, dass sie immer nur einzelne Linien ins Auge fassten, ohne dabei zuvor über den Gesamtumriss mit seinen Entfernungen Rücksprache mit einander genommen zu haben. Der politischen Vermessung Deutschlands geht es jetzt wie der Triangulierung eines Feldbereichs. Ist die Grundlinie nicht möglichst scharf bestimmt, so werden alle darauf gestützten Winkel und Linien im weiteren Verlaufe immer unrichtiger; und bei einer etwa daran geknüpften Katastrierung fehlt vielleicht auf dem Papiere an einer gegebenen Stelle auch der kleinste Raum, wo sich in der Wirklichkeit noch ein großer fruchtbarer Acker ausgedehnt. Möge der freundliche Leser im Verlaufe dieser Denkschrift nicht ungeduldig werden; ich hoffe, ihn schließlich doch zu einem nüchternen, greifbaren Ziele zu führen, ob ich gleich mit den Worten eines Dichters beginne.

Inhaltsangaben

I. Die Grundlinien des deutschen Föderalismus.
II. Die norddeutsche Küste und das föderative Binnenland in der Vergangenheit.
III. Die norddeutsche Küste und das föderative Binnenland in der Gegenwart.
IV. Die Idee der österreichisch-deutschen Zolleinigung und die Stellung des südwestlichen Deutschlands.

Es ist eine alte geschichtliche Erfahrung, dass große, nach Außen geführte Kriege die föderativen Elemente einer Nation inniger verbinden, oder den bisherigen lockeren politischen Verband eines Volkes aufs Neue schärfer anziehen. Was daher auch das Endergebnis; der zur Weltfrage emporgewachsenen orientalischen Verwickelung sein wird, wir haben den patriotischen Mut, zu hoffen, dass Deutschland gestärkt und gehoben aus derselben hervorgehen wird, und wir hegen die Überzeugung, dass mit dem wiedereintretenden Frieden die vernünftigen Wünsche in Bezug auf eine Gesamtorganisation unserer inneren Verhältnisse ihre Befriedigung erhalten. Der einfache aus diesem Vordersatze zu ziehende Schluss besteht nun eben darin: Wir leben in einer Übergangszeit, welche gar keine definitiv gültige staatliche oder ökonomische Maßregeln zulässt. Die Hansestädte würden mithin geradezu unvernünftig handeln, wenn sie jetzt einen Entschluss über ihren Anschluss an den Zollverein fassen wollten, von dem man gegenwärtig vollends gar nicht weiß, wie lange er noch bestehen wird. Ist nämlich schon in einem Zusatzartikel zum Februarvertrage zwischen Österreich und Preußen festgesetzt worden, dass mit dem Jahre 1860 eine Kommission zusammentreten solle, um über die wirklich auszuführende Zolleinigung Deutschlands mit dem Kaiserstaate zu unterhandeln; sind schon damals die Ideen über eine gemeinsame handelspolitische Administrativbehörde bis zu diesem Zeitpunkt vertagt worden; so lässt sich annehmen, dass nach Beendigung des orientalischen Krieges alle jene Pläne entweder mit voller Lebenskraft wieder auftauchen oder für immer abgetan sind. Denn Österreich kehrt aus dem Kampfe im Osten entweder „nimmer oder kehrt als Sieger.“ Es hat seine so grenzenlos verspottete „Mission an der untern Donau“ entweder gelöst, es bringt dann das reiche Donautal mit dem offenen Wege nach Trebisonda und Täbris als Morgengabe mit, die anzunehmen Deutschland nicht mehr widerstreben kann; oder es ist wieder ein badenbergisches Herzogtum geworden, und der Rest des Gebietes zwischen dem Rhein und Russland mag sich einrichten, so gut wie es gehen will!

Wir können hier natürlich nur die erster Eventualität in Rechnung ziehen, da die zweite sich weder berechnen lässt noch überhaupt der Berechnung wert ist. Wie man auf Trümmern und aus Trümmern Häuser errichtet, ist ja nicht Sache der Baukunst. Demnach wird aller Wahrscheinlichkeit nach auf einem europäischen (etwa zweiten Wiener) Kongress über die Wiederherstellung des europäischen Gleichgewichtes und auf einem daran geknüpften deutschen Kongress über die Reorganisation des Gesamtvaterlandes Beschluss gefasst werden. Auf dem ersteren wird die Karte von Europa, auf dem zweiten die Karte von Deutschland revidiert; ganz so wie es 1815 geschah, nur mit dem einen Unterschied, dass in den deutschen Angelegenheiten die Fremden dann nicht mehr mitzusprechen haben. Wie alsdann die neuen politischen Linien des Erdteils sich gestalten mögen, das zu erwägen ist hier nicht unsere Sache, obschon wir im Allgemeinen versichert zu sein glauben, dass nur das geographisch Naturgemäße auch das staatlich Lebensfähige sein wird. Hinsichtlich der Revision der deutschen Karte indessen lässt sich wohl das Eine im Voraus feststellen, dass man weder über die föderative Grundlage unseres ganzen Staatslebens, noch über die früher besprochene Idee der Trias in Bezug auf die binnenländischen Verhältnisse hinauskommen wird. Was wirklich lebensfähig ist, dem entgeht auch gewiss nicht die Möglichkeit, sich seine politische Anerkennung zu erringen; und so wird es denn auch zunächst von der Küste selbst und ihrem Auftreten abhängen, welches Los ihr zu Teil wird.

Auf dem Wiener Kongress nach den Freiheitskriegen, wo von ganz Europa über die deutschen Verhältnisse entschieden wurde, kamen die Hansestädte bloß in Betreff ihrer europäischen Bedeutung in Betracht; es gab ja damals weder eine deutsche Handelspolitik, noch hatte man schon eine Ahnung davon, dass sie überhaupt einmal eintreten könnte. Charles de Villers berühmtes Mémoire sur le commerce des villes Anséatiques sowohl als L. v. Heß’ Denkschrift: Über den Wert und die Wichtigkeit der Freiheit der Hansestädte fassten daher zu der Zeit Lübeck, Hamburg und Bremen nur in ihrer kommerziellen Tätigkeit im Hinblick auf den Gesamtkörper Europas auf. Seitdem haben jedoch die genannten Städte einmal ihre frühere muschelartig an den Felsen des Binnenlandes geklebte Position mit einem organischen Verwachsensein vertauscht: sie selbst sind voll deutsche Städte geworden; und zum andern wird auf einem deutschen konstituierenden Kongresse bei der Begründung einer deutschen Handelspolitik eben nur nach ihrer Eigenschaft als deutsche Seeplätze gefragt werden. Auf diese Zukunft hin haben sich also die Hansestädte in jeder Hinsicht wohl zu wappnen. Als Anhängsel des preußischen Zollvereins würden sie mehr oder weniger dessen Geschicken unterworfen sein; als souverän und ungebunden gebliebene Küste bilden sie neben Österreich, Preußen und dem südwestlichen Deutschland die vierte Gruppe, welche von dem Lande die Anerkennung des Meerlebens und seiner unerlässlichen Bedingungen zu erwirken hat.

Zwei Hauptmomente sind es nun, die dabei für sie als mitwirkende in Betracht kommen; nämlich einmal die große Bedeutung des heutigen Seeverkehrs selbst — ist doch sogar der orientalische Krieg weit mehr eine See- als eine Landfrage — und zweitens eine innige Verständigung der Hansestädte mit dem südwestlichen Deutschland. Ich brauche natürlicherweise von den Ufern eines binnenländischen Nebenflusses aus den Hanseaten nicht auseinanderzusetzen, welche Wichtigkeit für das gesamtdeutsche Güterleben ihrer Handelsflotte zukommt; aber umgekehrt haben die beiden Städte es unausgesetzt dem Binnenlande handgreiflich deutlich zu erörtern, welch’ gewaltige wirtschaftliche Macht in einem kommerziellen Verbindungsnetze liegt, das seine Fäden über den gesamten Erdball breitet. Die Schnelligkeit des heutigen Verkehrswesens, das unausgesetzte Benutzen aller neu sich darbietenden Mittel, die in dem großen Wettstreit der Völker das Vaterland zur kräftigen Konkurrenz immer mehr befähigen könnten, steht leider bei dem Gange des administrativen Räderwerkes im Binnenlande noch vielfach zurück. Ja auch die Bevölkerung selbst setzt noch den heutigen Anforderungen des Wirtschaftsgetriebes zu viel Phlegma entgegen. Man macht zwar, wenn man uns den Norden Deutschlands als das Gebiet des Verstandes und den Süden als das Bereich des vorherrschenden Gemütes gewöhnlich bezeichnet, den Kurszettel von Frankfurt und Wien „auch nicht mit dem Gemüt.“ Allein wer gewöhnt an das norddeutsche Verwerten von Zeit, Geld und Produktionskraft, nach den Süden, namentlich nach Österreich kommt, der erstaunt billig über die namenlose Verschwendung, die sich dort in allen Branchen des Arbeitslebens zeigt. Dasselbe Wort, welches man mit Stolz von der kaiserlichen Armee gesagt hat: „der österreichische Offizier ist zuerst Kavalier, und das vergisst sich nie“, kann mit der nämlichen Berechtigung tadelnd auf den dortigen Gewerbestand angewandt werden. Auch der österreichische Kaufmann ist mehr „Ritter“ als Mann des Geschäftes, und so hoch man auch die vielfach gepriesene „königliche Ader“ des Großhändlers in der Handelsgeschichte erhoben hat — der Kaufmann soll vor allen Dingen zuerst rechnen können! Der mehr herauszufühlende als zu definierende Geschäftssinn des Nordens, in dessen Anerkennung der Minister Bruck einst zu einem jungen Bremer Kaufmanne in Wien sagte: „Wenn ich wieder Kaufmann bin, wollen wir beide Geschäfte mit einander machen“, muss eben vom Norden herunter ins Binnenland verbreitet werden. In ihm liegt eine Hauptkraft des hanseatischen Lebens — möge man sie zu gebrauchen wissen!
Heidelberg, 18. Mai 1854

.

.

.

Hansewappen

Hansewappen

Hanse Kogge

Hanse Kogge

Bremen Marktplatz

Bremen Marktplatz

Lübeck Das Holstentor

Lübeck Das Holstentor

Rostock Stadtansicht

Rostock Stadtansicht

Hamburg, Flet in der Altstadt

Hamburg, Flet in der Altstadt