Die Cholera-Epidemie in Mecklenburg. Teil 1

Aus: Mecklenburgisches Gemeinnütziges Archiv, Band 1
Autor: Redaktion, Erscheinungsjahr: 1850
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Hansestadt Rostock, Ausbreitung und Verlauf in Stadt und Land
Die verheerende Epidemie, welche auch unser Land neuerdings heimgesucht hat, ist nun endlich im Abzug begriffen und wird, wenn diese Zeilen an die Öffentlichkeit gelangen, als dem gänzlichen Erlöschen nahe betrachtet werden dürfen. Die Freude, dass die schwere Not überstanden, ist gewiss gerechtfertigt; aber man darf sich nicht dabei beruhigen. Ein so furchtbares Ereignis wie das massenhafte plötzliche Hinsterben von Einwohnern in allen Teilen des Landes muss schon an sich von ernsten Folgen begleitet sein. In den Familienkreisen, die durch die unselige Krankheit in Trauer und Leid versetzt sind, wird die Erinnerung daran nicht so bald verlöschen, unter den armen Witwen und Waisen, denen die Versorger durch die Seuche entrissen, wurden, wird das Andenken an ihre Grausamkeit durch das Elend wach erhalten werden. Aber auch der Staat und die Kommunen müssen sich gemahnen lassen an die großen Opfer von Menschenleben, von Familienvätern, die die Epidemie auf ihrem Verheerungszuge durch das Land gefordert; sie dürfen nicht vergessen, dass ihnen diese entsetzliche Kalamität die bestimmte und dringende Pflicht auferlegt, Maßregeln zu ergreifen, die dazu dienen, einmal dem durch die Seuche verurteilten Notstande nach Möglichkeit abzuhelfen, dann der Epidemie bei ihrer Wiederkehr kräftigen Widerstand zu leisten, ihrer Ausbreitung entgegenzuwirken. Denn nur zu sehr ist Grund zu der Annahme vorhanden, dass die gefürchtete Krankheit uns nicht mehr verlassen, sondern, periodisch wiederkehrend, bei uns einheimisch werden wird, wobei es nur ein geringer Trost ist, dass man sich sagen darf, sie werde mit der Zeit an Intensivität verlieren und je näher man sie kennen lerne, um sie weniger fürchterlich werden. Als zu Anfang der dreißiger Jahre die asiatische Cholera zum ersten Male ihren Umzug durch Europa hielt und lange Jahre vergingen, wo sie verschwunden schien, durfte man der Hoffnung Raum geben, sie in unserm Zeitalter nicht wieder auftreten zu sehen, wie in früheren Jahrhunderten die Pest oder der „schwarze Tod“ nur in so seltenen Fällen in unserm Weltteil sich zeigten, dass diese unter den geschichtlichen Denkwürdigkeiten aufbewahrt werden. Nachdem aber die Epidemie seit 1848 unsere Gegenden alljährlich und in zunehmendem Maße heimgesucht hat, muss eine solche Hoffnung leider aufgegeben werden.

Gehen wir dazu über, den diesjährigen Verlauf der Epidemie näher zu betrachten, so lässt sich zwar gegenwärtig noch nicht mit einiger Sicherheit bestimmen, wie viel Einwohner Mecklenburg durch die Seuche in diesen letzten Monaten verloren hat; wenn man aber diesen Verlust beiläufig auf 3.000 Seelen anschlägt, d. i. ca. 1/2 Prozent der Gesamtbevölkerung, so wird, fürchten wir, mit solcher Schätzung kaum zu hoch gegriffen sein. An der genannten Ziffer dürften zu ungefähr gleichen Teilen die fünf größeren Städte, die kleinen Städte und das platte Land partizipieren. Verhältnismäßig sind in den kleinen Städten weit mehr Menschen der Epidemie erlegen, als in den größeren, und noch ungünstiger ist das Sterblichkeitsverhältnis auf dem platten Lande, wo die Krankheit erschienen. In Neubukow und Sülz, die unter den Städten am meisten gelitten haben, sind ca. 6 Prozent der Bevölkerung hinweggerafft worden, während in Rostock, wo unter den größeren Städten die Cholera am heftigsten aufgetreten ist, nur 2—3 Prozent, in Schwerin noch keine 2 Prozent gestorben sind. Dennoch wird die Sterblichkeit in Neubukow und Sülz von derjenigen auf einzelnen Punkten des platten Landes, deren es Gottlob freilich Nicht viele gibt, noch übertreffen; in manchen kleinen Orten, so z. B. in Raben (zwischen Güstrow und Teterow) sind ein und mehrere Prozent der Einwohnerzahl an einem Tage gestorben. Unter den größeren Städten sind nur die beiden volkreichsten, Rostock und Schwerin, in starkem Grade von der Epidemie heimgesucht worden, in Wismar, Güstrow, Parchim ist das Sterblichkeitsverhältnis unter 1 Prozent geblieben: Waren scheint ganz verschont zu bleiben. Nährend in Schwerin, Wismar, Parchim, den Intentionen der Regierung gemäß, amtliche Bulletins über die Ausdehnung der Krankheit veröffentlicht werden, fehlt es in Bezug auf Rostock und Güstrow an jedem derartigen offiziellen Nachweis; in Güstrow namentlich scheint man über Vorhandensein der Cholera daselbst ganz im Dunkeln lassen zu wollen, während sie in dieser Stadt notorisch seit Monaten allwöchentlich und oft täglich mehrere Opfer gefordert hat.

Schwieriger als das Mortalitätsverhältnis, worüber wir, wenn nicht früher, in einigen Monaten durch den Staatskalender einen (hoffentlich recht vollständigen) Nachweis zu erwarten haben, hält es jedenfalls, über Ursachen, Bedingungen, Charakter, Behandlung etc. der Krankheit etwas festzustellen. Es gibt freilich Ärzte und Laien auch bei uns, die sich einer großen Wissenschaft in dieser Beziehung berühmen, und sich viel darauf zu gute tun, der Cholera in jeder Hinsicht auf den Grund gekommen zu sein, die stets geneigt sind, gewisse Schutzmittel als untrüglich und erprobt zu empfehlen. Leider aber beweist die Erfahrung täglich, dass diese Männer in der Täuschung befangen sind: die unbefangene Beobachtung und Verfolgung der Erscheinung unter denen die Krankheit auftritt, führt vielmehr immer nur zu der trostlosen Überzeugung, dass die Cholera eine Sphinx ist, die aller Mühe, in ihr rätselhaftes Wesen einzudringen, spottet.

Es fehlt nicht an Tatsachen, die dafür sprechen, dass die Cholera ansteckend sei und verschleppt werden könne, und das aller Orten verlangte und bewirkte Aussetzen der Jahrmärkte zeigt, wie allgemein diese Ansicht verbreitet ist. Aber die Zeugnisse für das Gegenteil sind weit stärker und zahlreicher. — Die Annahme, dass die Krankheit das Wasser aufsuche, an niedrig und sumpfig gelegenen Orten besonders günstige Bedingungen für ihre Ausbreitung finde, wird bald bestätigt, bald durch die Tat widersprochen. Die Beispiele von Sülz, Neustadt etc. würden solche Annahme bekräftigen, ständen ihnen nicht so viele Fälle gegenüber, wo der Einfluss des Wassers außer Berechnung liegt. Doch bleibt in dieser Hinsicht immerhin bemerkenswert, dass in Dassow die Epidemie auf einige wenige Häuser, welche am Ufer der Stepnitz auf sumpfigem Boden liegen, sich beschränkt hat, und außerdem in dem ganzen Flecken, der an einem freiliegenden Hügel sich hinaufzieht, kein Cholerasterbefall vorgekommen ist. — Auch die Behauptung, dass die Krankheit in den dichtbevölkerten, an Licht und Luft Mangel leidenden Quartieren des Proletariats zu Hause gehöre, wird durch so viele Beweise des Gegenteils wankend gemacht, wie denn z. B. in Schwerin die Epidemie von dem am ungünstigsten gelegenen Stadtteil unversehens nach einem Fleck übersprang, dem man die gesundeste Lage zugesteht. Ähnliches hat sich an anderen Orten gezeigt: so in Rostock, wo die am stärksten von der Cholera heimgesuchten Straßen keineswegs die Wohnungen der Armen enthalten. Die Insel Poel, wo die frische Seeluft jede Seuche fern halten sollte, und andere Punkte des platten Landes, die durch eine gesunde Lage ausgezeichnet, sind nicht verschont geblieben. Manches dichtbewohnte, die größte Dürftigkeit, bergende Arbeiterquartier ist voll der Seuche befreit geblieben, während sie in einem vornehmen Hause daneben ihre Opfer forderte; Personen, denen man die beste, Konstitution zumutete, die die regelmäßigste Lebensweise. führten und die, äußerste Vorsicht anwendeten, wurden plötzlich Hinweggerafft, und wieder andere, die auf ihre Gesundheit einstürmten, durch unerhörte Unmäßigkeit und Liederlichkeit die Cholera gleichsam herauszufordern schienen, gingen frei aus.

Dieselbe Ratlosigkeit zeigt sich, wenn man die Symptome, unter denen die Krankheit sich ankündigt und verläuft, in Betracht zieht. Wir haben Ärzte, die mehr als eine Cholera-Periode durchzumachen hatten, das freimütige Geständnis ablegen hören, diese Krankheit sei so voller Seitensprünge und „Tücken“, nehme so verschiedenartige Gestalten an, dass sie den denkenden Arzt an sich selbst irre werden lasse, sie entschlüpfe ihm in dem Augenblicke, wo er sie zu fassen wähne. So offenbart die Cholera überall dasselbe unergründliche Wesen, und gerade dieses immerwährende Rätselhafte ihrer Erscheinung trägt hauptsächlich dazu bei, ihr den gespenstigen fürchterlichen Charakter zu geben. Der Vergleich des Sterblichkeitsverhältnisses bei dem jetzigen Auftreten der Epidemie mit demjenigen bei ihrem ersten Erscheinen zeigt, wie geringe Fortschritte wir in der Bekämpfung der Cholera gemacht haben.
(Ein zweiter Artikel folgt im nächsten Hefte.)

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Schwerin, Schloss 4

Schwerin, Schloss 4

Schwerin, Dom 2

Schwerin, Dom 2

Rostock, Kröpeliner Tor

Rostock, Kröpeliner Tor

Wismar, Turm der Marienkirche

Wismar, Turm der Marienkirche