Die Burg Wehningen

Zur Baukunde - 1. Zur Baukunde der vorchristlichen Zeit
Autor: Lisch, Georg Christian Friedrich (1801 Strelitz - 1883 Schwerin) Prähistoriker, mecklenburgischer Altertumsforscher, Archivar, Konservator, Bibliothekar, Redakteur, Heraldiker und Publizist (Freimaurer), Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Wenden, Konow, Dömitz, Wismar, Broda, Burgwall,
Das wendische Land Waninke lag zwischen der Elde und Rögnitz und erstreckte sich westlich bis an die Elbe (vgl. Wigger Meckl, Annalen, S. 111); in der Mitte desselben lag die hohe Landschaft Wanzeberg (— Waninkesberg?) mit der Pfarre Konow. Es liegt nun sehr nahe, einen wendischen Burgwall bei Wehningen an der Elbe bei Dömitz zu suchen. Nun ist aber in Jahrb. XXVI, S. 196 flgd. und S. 204 flgd., nachgewiesen, dass die wendische Burg dieses Landes, die Connoburg, an der Rögnitz bei Menkendorf, in der Nähe von Konow oder Glaisin, lag. Freilich kann diese Connoburg älter, als die jüngere wendische Zeit und nach der Zerstörung im Jahre 809 nicht wieder aufgebaut sein (Jahrb. XXVl, S. 210), worauf denn Wehningen an deren Stelle gerückt sein könnte. Aber wenn auch bei Wehningen nicht die Hauptburg des Landes lag, so lässt sich doch hier, an einem passenden Übergange über die Elbe, ein fester Platz alter Zeit vermuten, wie hier auch in neuern Zeiten die Festung Dömitz angelegt ist, wenn auch keine Hauptburg gefunden werden sollte. Es ist nun nicht weit von Wehningen eine alte Burgstelle entdeckt, welche wohl noch zum Lande Waninke oder Wehningen gehört haben wird, da sich nicht gut annehmen lässt, dass sie schon zum Lande Dirtzink (Amt Neuhaus) gerechnet werden könnte.

Der Unteroffizier Herr Büsch aus Wismar, welcher im Frühling des Jahres 1861 zur Festung Dömitz kommandiert war, hat es sich mit Eifer angelegen sein lassen, eine Burg in dieser Gegend zu entdecken, auf derselben Nachforschungen und Nachgrabungen anzustellen und Nachrichten und Berichte einzusenden.

Er fand die alte Burgstelle an der Elbe, eine halbe Stunde nordwestlich von Dömitz, bei dem Orte Broda (wendisch, auf deutsch: Fähre), welcher jetzt von einem Holzwärter und einem Büdner bewohnt wird. Der Ort Wendisch-Wehningen liegt sehr hoch und zeigt keine Spur von den Eigentümlichkeiten, welche die Lage eines wendischen Burgwalles bezeichnen; auf der höchsten Höhe bei Wendisch-Wehningen, welche dort jetzt der „Kalkstiegenberg" genannt wird, soll früher ein Leuchtturm gestanden haben. Auch stimmen die ältesten Leute des Dorfes in der Sage und Ansicht überein, dass eine Burg nicht bei Wendisch-Wehningen, sondern südlich davon, nach Broda hin, gestanden habe. Broda ist von Hügeln umgeben. Der höchste von diesen erhebt sich an einer Seite 45 Fuß hoch und ist 1500 Schritte von den Gebäuden von Broda, 3.000 Schritte von der Elbe und eine Viertelstunde von Wendisch-Wehningen entfernt; diese Höhe hat einen Flächeninhalt von 5 []Ruthen. Vor dieser Höhe liegt ein niedrigerer Burgwall, der an drei Seiten von Wiesen umgeben ist, welche aber an einer Seite in früheren Zeiten durch Deichbruch so sehr versandet sind, dass sie hier ziemlich festen Boden bilden. Dieser Burgwall ist an der einen Seite 5 Fuß hoch, an den übrigen drei Seiten 10 — 14 Fuß hoch; in der Mitte ist eine kesselförmige Vertiefung; die Oberfläche beträgt 30 - 40 [] Ruthen. Die Erde ist stufenweise aufgebracht; das Ganze ist aber so sehr zerstört, dass sich auf den ersten Blick kaum eine menschliche Anlage erkennen lässt.

Auf dieser niedrigeren Höhe sind an der Seite nach der Elbe hin in früheren Jahren beim Sandgraben stets Urnen und Scherben mit Knochen gefunden; oft sind auch Urnen durch den Wind frei geweht. Herr Büsch fand hier beim Nachgraben selbst eine zerbrochene Urne mit zerbrannten Knochen; die Urne scheint nach allen Kennzeichen noch der Bronzeperiode anzugehören.

Auf der erst genannten Höhe, welche eine Erhebung von 45 Fuß und einen Flächeninhalt von 5 Ruthen hat, stellte der Herr Busch Nachgrabungen an. In einer Tiefe von 3 Fuß lagen Fundamentsteine von Granitblöcken und Ziegeln von 4 1/2" Dicke (vgl. Jahrb. XIII, S. 253). Überall fand sich aufgebrachter Lehm und schwarze Erde, Holzkohlen, Vieh- und Menschenknochen, Glasscherben, Gefäßscherben, Ofenkacheln und Altertümer allerlei Art. Auch lag in der Tiefe ein Menschenschädel, welcher jedoch so verwittert war, dass er bei der Entblößung von Erde gleich zusammenfiel. Nach der Aussage des Holzwärters sollen hier in früheren Zeiten einige silberne Esslöffel mit rundem Blatt, ein Schwert, ein dicker goldener Ring und andere Gerätschaften gefunden fein. Die älteste Zerstörung dieser Burg im Mittelalter scheint im Jahre 1315 geschehen zu sein, da nach dem Bruderstorfer Vertrage vom 10. Juni 1315 die Festungen: Hitzacker, Wehningen, Oldenburg und Kobelbrok gebrochen werden sollten (vgl. Jahrb. XXVI, S. 76, und Nachtrag S. 303, über Kobelbrück).

Die von dem Herrn Büsch gefundenen und eingesandten Altertümer sind nun im höchsten Grade merkwürdig, indem sie aus fast allen Perioden der Vorzeit stammen.

I. Die heidnische Bronzeperiode. Es wurden
1) viele hellbraune und gelbliche, glatte Urnenscherben, mit grobem Granitgrus durchknetet, gefunden, welche nach allen Zeichen der Bronzeperiode angehören und mit der Urne auf der niedrigeren Erhebung ganz übereinstimmen. Drei Randstücke gehören verschiedenen Gefäßen an.
Höchst merkwürdig ist aber, dass sich hier auch
2) eine bronzene Framea, mit Schaftloch und Oehr fand, welche hellgrün gerostet ist und ohne Zweifel der Bronzezeit angehört. An einigen Stellen der Seiten ist der Guss nicht gekommen.
II. Die heidnische Eisenperiode scheint auch vertreten zu sein, indem
3) mehrere feinkörnige Gefäßscherben gefunden wurden, welche mutmaßlich der Wendenzeit angehören.
III. Das christliche Mittelalter, etwa das 14. und 15. Jahrhundert, hatten viele Spuren hinterlassen. Es fanden sich, außer den oben genannten Ziegeln,
4) viele Scherben von fest gebrannten schwarzen und blaugrauen Gefäßen, auch von weißlichen Krügen, ohne Zweifel dem christlichen Mittelalter angehörend;
5) viele Scherben von grünlichem Fensterglas, von der Dicke des doppelten und auch des einfachen grünen brabanter Fensterglases;
6) eine lange, dünne eiserne Pfeilspitze und
7) ein kurzer, dicker eiserner Pfeilbolzen, ohne Zweifel dem Mittelalter angehörend, eben so
8) eine eiserne Lanzenspitze;
9) ein ungewöhnlich kleines, einfaches, eisernes Pferdegebiss (Trense), welches spätestens dem Mittelalter angehört, aber auch noch in die heidnische Wendenzeit hineinreichen könnte, da der Rost die ganze Oberfläche sehr tief bis auf einen inneren festen Kern zerstört hat;
10) zwei gleiche, große, eiserne Messer von einer unbekannten Schneidemaschine, an einer Seite abgerundet, Schlittschuhen ähnlich, 11" lang und 3" breit, welche nach dem Ansehen alt zu sein scheinen.
IV. Die Renaissancezeit oder doch die allerletzte Zeit des Mittelalters gab folgende Gegenstände. Es fanden sich:
11) ein eiserner Sporn mit Rad, zierlich gearbeitet;
12) die Hälfte eines sehr großen eisernen Pferdegebisses (Stange);
13) zwei eiserne Hufeisen;
14) ein eiserner Sperrhaken;
15) ein eiserner Feuerhaken;
16) eine eiserne Fußangel;
17) eine eiserne Hülse;
18) zwei große eiserne Nägel;
19) zwei bronzene Zapfhähne, in Bruchstücken;
20) Bruchstücke eines bronzenen Mörsers;
21) Bruchstücke von grün glasierten Ofenkacheln, von denen eines noch die Inschrift IOHANS trägt, daher sicher der Zeit des Herzogs Johann Albrecht I., also der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, angehört.

Alle diese verschiedenartigen, sichern Funde lassen nur schließen, dass diese im hohen Grade merkwürdige Stelle von den allerältesten Zeiten bis in das 16. Jahrhundert ununterbrochen bewohnt gewesen ist.
                                    G. C. F. Lisch.
Lisch, Georg Christian Friedrich (1801-1883) mecklenburgischer, Archivar, Altertumsforscher, Bibliothekar, Redakteur, Publizist

Lisch, Georg Christian Friedrich (1801-1883) mecklenburgischer, Archivar, Altertumsforscher, Bibliothekar, Redakteur, Publizist