Die Baudenkmäler der Provinz Pommern - Regierungs-Bezirks Stralsund

Herausgegeben von der Gesellschaft für Pommersche Geschichte und Altertumskunde
Autor: Haselberg, Ernst von (1827-1905) Architekt, Stadtbaumeister von Stralsund, Erscheinungsjahr: 1881
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Pommern, Bau
In Folge einer durch das Königliche Ministerium der Geistlichen, Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten ergangenen Aufforderung übernahm die unterzeichnete Gesellschaft im Jahre 1875 die Aufgabe, nach dem Vorgang und Muster des Inventariums der Baudenkmäler des Regierungs-Bezirks Kassel von von Dehn-Rothfelser und Lötz (Kassel, 1870) ein entsprechendes Verzeichnis auch für die Provinz Pommern herzustellen und legt hiermit zunächst als ersten Teil desselben die Baudenkmäler des Regierungs-Bezirks Stralsund vor, welche in fünf Abschnitten die fünf Kreise desselben, Franzburg, Greifswald, Grimmen, Rügen und Stralsund, behandeln.

Das Erscheinen des Werkes hat sich, obwohl dem Herrn Herausgeber umfangreiche eigene Vorarbeiten zur Seite standen, dennoch bis jetzt verzögert, weil derselbe, fast ausschließlich auf sich allein angewiesen, ohne erheblichere Unterstützung von Mitarbeitern blieb und außerdem seiner Berufsgeschäfte wegen nur mit Unterbrechungen arbeiten konnte. Dabei ist es allein der geringen räumlichen Ausdehnung des Regierungs-Bezirkes, die keine längeren Reisen erforderte, zu verdanken, dass die Arbeit sich nicht noch weiter hinauszog. Einzelne Mitwirkende sind an den bezüglichen Stellen mit Namen aufgeführt; außerdem aber muss auch hier mit gebührendem Danke anerkannt werden, dass die Herren Stadtbibliothekar Dr. R. Baier und Landsyndicus Hagemeister in Stralsund jederzeit in bereitwilligster Weise durch ihre Auskunft das Unternehmen gefördert haben. Die in der Einleitung gegebenen historischen Mitteilungen beruhen auf C. G. Fabricius Urkunden zur Geschichte des Fürstentums Rügen (Stralsund und Berlin, 1841 — 1862) und Otto Fock Rügensch-Pommersche Geschichten aus sieben Jahrhunderten (Leipzig, 1861 — 1872).

Für die Auswahl der aufzunehmenden Denkmäler, die Art der Beschreibung und deren Umfang galten dieselben Grundsätze, welche in dem Inventarium des Regierungs-Bezirkes Kassel befolgt sind; heidnische Altertümer blieben ausgeschlossen, Kunstwerke wurden nur insoweit berücksichtigt, als sie zu den Baudenkmälern gehören oder sich in ihnen befinden. Aber auch die in öffentlichen Sammlungen befindlichen wurden besprochen, wenn vermutet werden durfte, dass sie in Pommern angefertigt sind oder sich in einem pommerschen Baudenkmale befunden haben. Die Illustrationen wollen nicht sowohl das Sehenswerte, als vielmehr das Charakteristische veranschaulichen; für dasjenige, was anderweitig schon publiziert war, genügte die Angabe des Werkes, in dem es zu finden ist.

Der zweite Band, welcher die Regierungs-Bezirke Stettin und Coeslin umfassen soll, wird voraussichtlich erst nach geraumer Zeit erscheinen können. Nachdem alle Versuche, das Material durch freiwillige Mitarbeit zu beschaffen, gescheitert sind, konnte die kostspielige Aufnahme der Denkmäler durch reisende Architekten erst vor Kurzem begonnen werden.

Die Kosten der Herstellung des Werkes sind durch die Provinzial-Vertretung bereit gestellt worden.

      Stettin im Oktober 1880.
            Der Vorstand der Gesellschaft für Pommersche
                      Geschichte und Altertumskunde.


                              Inhalt.

Ahrenshagen, Pantlitz, Barth, Berthke, Bootstede, Damgarten, Divitz, Drechow, Eixen, Flemdorf, Franzburg,
Langen-Hanshagen, Lepelow, Lüdershagen, Groß-Moordorf,
Niepars, Prerow, Prohn, Pütte, Richtenberg, Saal, Schemmin,
Steinhagen, Tribohm, Velgast, Voigdehagen, Wolfsdorf, Zingst


                              Einleitung.

In der Zeit, als die ersten mittelalterlichen Baudenkmäler im Lande errichtet wurden, gehörte der größere Teil des jetzigen Regierungsbezirks Stralsund zu dem Fürstentum Rügen; dasselbe bestand nicht nur auf der Insel, welche noch jetzt diesen Namen führt, nebst den Halbinseln Wittow, Jasmund und Mönchgut und mehreren kleineren Inseln, sondern es umfasste auch den ganzen Kreis Franzburg, sowie den größeren Teil des Kreises Grimmen, namentlich auch die in letzterem belegene Landschaft Loitz, in welcher daneben vorübergehend ein kleines selbststündiges Herrengeschlecht auftritt. Im Greifswalder Kreise ist in der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts die Landschaft Wusterhusen wahrscheinlich als dänisches Lehen einige Zeit im Besitze der rügischen Fürsten gewesen. Die übrigen Bestandteile des Regierungsbezirks zwischen dem Ryck und der Peene befanden sich unter der Herrschaft der pommerschen Fürsten, wenngleich auch hier wieder ein besonderes Geschlecht in Gützkow seinen Sitz hatte. Erst um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts gestalten sich die Grenzen am Ryck und an der Trebel zwischen Pommern und Rügen allmählich fester. Aber schon im Jahre 1325 erlosch das rügische Fürstenhaus mit Witzlav dem Dritten und nach schwerem Kampfe mit den benachbarten, mecklenburgischen Herrschern kam das Land unter die Botmäßigkeit der pommerschen Herzöge; nach dem Aussterben dieses Hauses im Jahre 1637 nahm die Krone Schweden außer Anderem auch den ganzen Regierungsbezirk Stralsund für sich in Anspruch und behielt ihn bis zum Jahre 1815, in welchem er endlich an Deutschland zurückgegeben und dem Königreich Preußen einverleibt wurde.

Die Bekehrung zum Christentum geschah zuerst durch den Bischof Otto von Bamberg, dessen Missionsreisen in den Jahren 1124 und 1128 bis in die Gegend von Wolgast und Gützkow reichten; hier gestalteten die bereitwillig zum Christentum übertretenden Landesherren die Zerstörung der heidnischen Tempel; die sofortige Einweihung christlicher, schon im Bau begriffener Kirchen konnte sich selbstverständlich nur auf die begonnenen, notdürftig zusammen gezimmerten Räumlichkeiten erstrecken. Nur langsam schritt das Werk der Bekehrung weiter. Zu der Unterwerfung Mecklenburgs und des angrenzenden Landes Rügen hatte sich König Waldemar von Dänemark im Jahre 1160 mit Heinrich dem Löwen verbündet; Mecklenburg wurde auch gänzlich erobert; jedoch überließ Heinrich die Fortführung des Planes den Dänen allein, welche nach mehreren vergeblichen Versuchen und Raubzügen endlich durch die Eroberung der Burg Arcona auf der Halbinsel Wittow im Jahre 1168 das Werk vollendeten. Auch die rügischen Fürsten entschlossen sich gleich den pommerschen mit der persönlichen Annahme des Christentums sofort zu der gänzlichen Einführung desselben. Indessen dauerte es noch ein Vierteljahrhundert, bevor die ersten monumentalen Gotteshäuser geweiht werden konnten. Nachrichten Aber die Erbauungszeit sind uns im Ganzen nur spärlich überliefert. Im Jahre 1193 wurde die Klosterkirche zu Bergen geweiht, ein alleiniges Werk des Fürsten Jaromar I. Im Verein mit pommerschen Fürsten wurde vom Jahre 1207 ab das Zisterzienserkloster Eldena reich ausgestattet mit ländlichen Besitzungen und entstanden wahrscheinlich bald nachher die ersten Klostergebäude; aus alleinigem Antriebe gründete 1231 Fürst Witzlav I. das für denselben Mönchsorden bestimmte Kloster Neuencamp; das Dorf Starkow wird im Jahre 1242 dem Ritter Iwan verkauft mit der Erlaubnis, eine Kirche daselbst zu erbauen; die Kirchen in Brandshagen, Lanken und Vilmnitz, den Besitzungen der fürstlichen Familie, waren 1249 schon errichtet; für das zu große Kirchspiel Triebsees wurde durch Tochterkirchen gesorgt., deren Gebäude in Lepelow und Glewitz im Jahre 1293 schon vorhanden waren, während man in Drechow erst nach 1295 zu bauen begann. Eine kleine, klösterliche Niederlassung auf der Insel Hiddens-Oie wurde 1296 von Neuencamp aus ins Leben gerufen. Um die Mitte des 13ten Jahrhunderts halten die beiden Bettelmönchs-Orden der Franziskaner und Dominikaner ihren Einzug in Greifswald und Stralsund und beginnen bald nachher ihre Wohnungen zugleich mit den mächtigen Klosterkirchen aufzubauen; freilich gebrauchten sie dazu längere Zeit, denn noch im Jahre 1302 sind die Franziskaner in Stralsund mit Bauten beschäftigt und 1305 sehen sich die Franziskaner in Greifswald zu Neubauten veranlasst; aber unter der Gunst der Großen im Lande müssen ihre Gebäude doch rasch vorgeschritten sein, denn im Jahre 1258 wird Subislav, Sohn des Sambor, bei den Dominikanern in Stralsund und im Jahre 1270 die Fürstin Euphemia bei den Franziskanern daselbst im Chor der Kirche begraben.

Vor der Bekehrung zum Christentum waren keine größeren Städte im Lande; die umgebenden Ansiedlungen der Burgen zu Barth, Wolgast, Triebsees, Gutzkow, Loitz, Garz können in baulicher Beziehung nur sehr unbedeutend gewesen sein. In zeitgemäßer Erkennung des Bedürfnisses gründet Jaromar I. im Jahre 1209 die Stadt Stralsund; 1234 ward sie mit ähnlichen Rechten ausgestattet, wie sie Lübeck und Rostock von ihren Landesfürsten empfangen hatten. Sie gelangte bald zu Macht und Wohlstand, aber wie die Zerstörung der Stadt im Jahre 1249 durch die Lübecker und der große Brand von 1271 zeigen, war die Mehrzahl ihrer Häuser noch aus Holz erbaut und wahrscheinlich erst nach dem letzteren, großen Unglück begann die Bürgerschaft ihre Pfarrkirchen und ihre Wohnhäuser mit massiven Wänden zu errichten. Die älteste Aufzeichnung im Stadtbuch über die S. Nicolai-Kirche ist vom Jahre 1276, diejenige über die S. Marien-Kirche von 1290. Das Rathaus wird zuerst 1274 oder 1275 genannt. Aus demselben Jahre stammt die erste Nachricht über die S. Jacobi-Kirche in Greifswald. Doch ist es sicher, dass der Bau sämtlicher Pfarrkirchen daselbst schon früher begonnen hat, da 1249 schon von ihnen die Rede ist. Die Gründung Greifswalds geschah 1241 durch das Kloster Eldena. Nicht viel später vollzog sich die Umwandlung der Burgflecken in Städte; Barth erhielt das Stadtrecht 1255, Damgarten 1258; im pommerschen Anteile wurden Loitz 1242, Triebsees vor 1267, Wolgast 1282 und Grimmen vor 1306 mit demselben Recht bewidmet. Es ist wahrscheinlich, dass die kirchlichen Gebäude dieser Städte nicht wesentlich später errichtet sind.

Im 14ten und 15ten Jahrhundert, als die Städte zu größerem Wohlstande gelangt waren, gründeten ihre Bürger noch eine Reihe kleinerer Stiftungen, Spitäler und Kapellen, über deren Erbauungszeit bestimmte Angaben vorliegen; die Mehrzahl dieser Gebäude ist aber architektonisch unbedeutend; auch sind viele derselben bereits wieder zerstört oder derartig verändert, dass von dem ursprünglichen Bau kein bezeichnendes Stück mehr übrig blieb. Immerhin gewähren die überlieferten Nachrichten einen Anhalt. Das Hospital S. Jürgen vor Rambin wurde 1334 gestiftet und bald hernach die noch erhaltene Kirche aufgeführt; die Kirche des Spitals S. Jürgen in Barth wird 1385 bereits genannt. Die S. Apollonien-Kapelle in Stralsund ist um 1410 erbaut; die S. Antonius-Kirche, der Gasthausstiftung in Stralsund zugehörig, wird 1430 genannt. Die Kapelle zu Bootstede wird 1463 als eine kürzlich erbaute bezeichnet; diejenige zu Bessin verdankt ihre Errichtung einem 1486 verstorbenen stralsundischen Bürgermeister.

Die sehr großen Abmessungen, welche man den kirchlichen Gebäuden gab, führten im Laufe der Zeit Unfälle und daher auch Umbauten herbei; so wird in einer Chronik berichtet, dass der Turm der S. Nicolai-Kirche zu Stralsund im Jahre 1366 herabgestürzt sei; der geschehene Umbau der Kirche ist allerdings deutlich bemerkbar; ein Grund, die Richtigkeit der angegebenen Zeit zu bezweifeln, liegt nicht vor. Ferner ist in ähnlicher Weise überliefert worden, dass im Jahre 1384, nach Anderen schon im Jahre 1382 ein Teil der S. Marien-Kirche zu Stralsund eingestürzt sei; die urkundlich verbürgten Nachrichten über den Wiederaufbau, mit chronikalischen vermischt, reichen fast durch das ganze fünfzehnte Jahrhundert, bis sie mit der Errichtung der Turmpyramide im Jahre 1478 schließen. Mithin vollzog sich der Umbau der S. Nicolai-Kirche nach dem Jahre 1366, während derjenige der S. Marien-Kirche erst zwanzig Jahre später beginnen konnte; der Beginn des Turmbaues schob sich sogar bis zum Jahre 1416 hinaus.

Die angegebenen Jahreszahlen genügen trotz ihrer Lückenhaftigkeit, um auf die Entstehungszeit der meisten übrigen Gebäude mit annähernder Sicherheit zu schließen. Die redenden Merkmale an den Baudenkmalern selbst helfen uns dabei; nur wenige minder wichtige Gebäude entbehren gänzlich solcher Anzeichen.

Die ersten Anfänge monumentaler Baukunst im Lande fallen mit den letzten Dezennien zusammen, in welchem noch Entwürfe nach romanischer Bauweise festgestellt wurden; die Anzahl rein romanischer Bauwerke ist daher sehr gering. Alle nach dem Jahre 1200 errichteten Gebäude zeigen anfangs weniger, hernach immer umfassender den Übergang zu der gotischen Bauweise; es verging hierüber eine halbes Jahrhundert, denn nach dem Jahre 1242 entstand noch ein Entwurf im Übergangsstil; in dem Fehlen der Strebepfeiler liegt das wesentlichste Kennzeichen der noch nicht vollzogenen Umwandlung. Den ausgebildeten, frühgotischen Stil brachten vielleicht zuerst die Franziskaner und Dominicaner mit; Beispiele des Übergangsstiles aus der zweiten Hälfte des 13ten Jahrhunderts sind nicht mehr vorhanden; vielmehr sehen wir im achten Jahrzehnt des dreizehnten Jahrhunderts die S. Nicolai-Kirche in Stralsund entstehen, an deren älteren Teilen schon der frühgotische Stil dem vollausgebildeten gotischen weicht. Die Zeit der Ausartung des letzteren, des Verfalls der künstlerischen Auffassung, der alleinigen Schöpfung von großen Räumlichkeiten in nüchterner, handwerksmäßiger Weise lässt sich weniger scharf begrenzen; schon um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts zeigen sich solche Kennzeichen in mehrfacher Richtung, während in einzelnen, besonders bevorzugten Bauwerken noch ein Wiederaufblühen wahrgenommen wird, wie es Auch in anderen Provinzen Norddeutschlands bei Backsteinbauten bemerkt worden ist; namentlich wurde mit Hilfe glasierter Formziegel das Äußere von kirchlichen und weltlichen Gebäuden reich geschmückt. Am Schlusse des vierzehnten Jahrhunderts schwindet indessen künstlerische Auffassung fast ganz; die spätgotische Zeit beginnt und dauert bis zur Reformation. Sie ist zugleich Entstehungszeit für die überwiegende Mehrzahl der bis auf unsere Zeit erhaltenen Werke der mittelalterlichen Skulptur und Kleinkunst; ihre früheren Leistungen in dieser Richtung sind wiederum wesentlich wertvoller, als die späteren.

Die erfolgreichen, dänischen Bestrebungen, Rügen zum Christentum zu bekehren, hatten die unmittelbare Folge, dass die Insel Rügen dem dänischen Bistum Roskild im Jahre 1169 zugelegt wurde; sie blieb mit demselben bis zur Reformation dauernd verbunden. Kaiser Friedrich aber, um dem dänischen Einflüsse entgegenzutreten, legte das Land Triebsees und somit das Festland Rügen nebst der Insel Hiddens-Oie dem Bistum Schwerin zu, ebenso wie die Grafschaft Loitz und den namentlich genannten Pfarrort Wotenik. Die sonstigen Landschaften des Regierungsbezirks Stralsund, auch Gutzkow, gehörten zu dem 1140 errichteten Bistum Cammin. Wenn das Land Ziethen vorübergehend dem Bistum Havelberg zugelegt gewesen ist, so kann ein solches Verhältnis nur für den südlich von der Peene belegenen Teil stattgefunden haben. Die pommerschen Fürsten suchten die Grenzen des Camminer Bistums gegenüber dem Schweriner zu erweitern, so dass der Einfluss des letzteren über Loitz hinaus nicht von Bestand war und auch diese Herrschaft kirchlieh dem Camminer Bistum untergeben blieb. Wenn sich auch Jaromar I. an der Gründung Eldenas vorwiegend beteiligte und wenn auch von diesem Kloster aus Greifswald gegründet wurde, so war doch die Annahme der Belehnung mit dieser Stadt, sowie die fernere Ausstattung und Bewidmung derselben wiederum ein Schritt der pommerschen Fürsten, welcher auch dem Bistum Cammin zu Statten kam.

Mit der Gründung der Städte nahm die Einwanderung der Deutschen in die bisher wendischen Lande einen großen Umfang an; sie war auch gerade an der Ostsee besonders stark; aus Westfalen, Niedersachsen, Brandenburg zogen deutsche Ansiedler und städtische Bürger herbei und gewannen bald umso mehr die Oberhand, als die wendische Bevölkerung wahrscheinlich überhaupt nicht besonders dicht gewesen war. Insofern letztere sich nicht mit der deutschen vermischte, zog sie sich auf das Land zurück, wurde hier bald auf eine geringe Zahl von Ortschaften beschrankt und starb zu Anfang des loten Jahrhunderts völlig aus. Von der Vermischung beider Stämme zeugt noch heute die große Zahl der beibehaltenen, wendischen Ortsnamen. Die Einwanderung von Dänemark her ist anscheinend überhaupt gering gewesen und war nur in dem Orte Wieck bei Greifswald von einiger Bedeutung.

Sehr viel mehr zeigt sich dänischer Einfluss bei den zuerst entstehenden Baudenkmalern der Insel Rügen; bis in stilistische und technische Einzelheiten hinein lässt sieh hier die Beziehung zu dänischen Vorbildern verfolgen, so dass man die Mitwirkung von dänischen Werkleuten annehmen muss; mit ihnen kam auch die Kunst, Ziegel anzufertigen, bei Herstellung der ersten Denkmäler nach der Insel Rügen und wurden hier vorzugsweise Backsteine angewendet, wogegen an der Grenze Mecklenburgs mit Granitgeschieben des Flachlandes gemauert wurde, so dass mau dort bei einigen der ältesten Gebäude kaum Ziegel zu finden vermag.

Nach den Städten brachten die deutschen Einwanderer die Kenntnis der Bauweise ihrer Heimat mit. Ein erheblicher Einfluss ist jedenfalls auch von Lübeck her ausgeübt, welches scholl seit der Mitte des 12ten Jahrhunderts im Wachstum begriffen und den übrigen wendischen Städten des nachmaligen Hansabundes auch in der baulichen Entwickelung voran war; an einzelnen Bauwerken lässt sich eine Ähnlichkeit der ganzen Auffassung nachweisen, wie beispielsweise die S. Nicolai-Kirche in Stralsund nicht allein in ihrem ersten Entwurf, sondern auch bei einem späteren Umbau der S. Marien-Kirche in Lübeck nachgebildet ist. Die Franziskaner und Dominikaner verwerteten ebenfalls in ihren neuen Niederlassungen, was sie anderswo gelernt hatten. Die Abhängigkeit der Stadt Greifswald von dem Kloster Eldena in den ersten Zeiten ihres Bestehens zeigt sich anscheinend in der Bauweise der Zisterzienser bei der Marien- und Jacobi-Kirche, welchen ein rechtwinkliger Abschluss gegen Osten gegeben wurde. Auch bei der Erbauung der Dorfkirchen auf seinen Besitzungen hat derselbe Orden seine eigene Weise verfolgt. Überhaupt wurde Herkömmliches genau wieder hervorgerufen; das Festhalten an überlieferten Eigentümlichkeiten des Stiles ist ein so getreues, dass man aus einzelnen Überresten oft sichere Schlüsse ziehen kann.

Bei den frühesten Denkmälern sind Arbeit und Material von vorzüglichster Beschaffenheit; noch die jetzige Erscheinung der Gebäude legt davon Zeugnis ab. Ebenso bemerkenswert ist die Sachkenntnis, mit welcher man in der Zeit des Überganges von der romanischen zu der gotischen Bauweise, sowie in der frühgotischen Zeit mauerte und wölbte. Kühne Entwürfe, Ebenmaß der Verhältnisse und gewerbliche Tüchtigkeit waren mit einander verbunden und zeigten sich vereint nicht allein bei den größeren, städtischen Gebäuden, sondern auch bei einer Reihe von Dorfkirchen; wo man Feldsteine verwendete, leistete freilich das Material der feineren Ausbildung Widerstand. Allmählich nimmt indessen die Gewissenhaftigkeit der Technik ab; statt des Ebenmaßes bemerkt man Übertreibung in den Abmessungen, statt der zierlicheren Ausbildung der Profile Nüchternheit und Wiederholung; im Äußeren zeigt sich, namentlich bei den größeren städtischen Kirchen der spätgotischen Zeit, Rohheit und Vernachlässigung der Form kleinere Dorfkirchen sind vielfach nach einem wiederkehrenden Schema erbaut; die Türme derselben sind im Verhältnis zu dem Schiff gewöhnlich viel zu schwer. Die Ziegel sind weniger sorgfältig gebrannt und nicht selten stark verwittert. So vereinigt sich Alles, um den künstlerischen Wert der Baudenkmäler aus der spätgotischen Zeit herabzudrücken.

Außer dem Ziegel und dem Feldstein wird von frühester Zeit an ein ans Schweden stammender, gelblich grauer Kalkstein angewendet, vorzugsweise zu Grabplatten, jedoch auch zu Profilen, Gesimsen und Sockeln, zu Gewölbschaften, sowie zu gewöhnlichen Quadern; am Äußeren der Gebäude ist er indessen im Laufe der Zeit stark verwittert. Sandstein tritt erst im 16ten und 17ten Jahrhundert auf und zwar bei Grabplatten und Epitaphien; seine Anwendung in der gotischen Zeit ist nur vereinzelt; ebenso kommt Marmor nur selten vor. Stuck wurde in gotischer Zeit bisweilen zu inneren Gesimsen und Kragsteinen verwendet. Die Dächer waren ursprünglich der Mehrzahl nach mit Hohlziegeln gedeckt; noch jetzt sind solche bei vielen Kirchen teilweise erhalten; große Stadtkirchen deckte mau mit Kupfer, wie an mehrfachen Beispielen noch jetzt ersichtlich ist.

Von Ornamenten in gebranntem Ton ans der Renaissance-Zeit ist einiges Wenige erhalten, im Stile ähnlich der in Mecklenburg so glänzend vertretenen Richtung; auch deuten vielfach aufgefundene Reste von Ofenkacheln darauf hin, dass im 16ten und 17ten Jahrhundert hier ein nicht zu unterschätzendes Kunstgewerbe betrieben wurde.

Die Baukunst in Holzfachwerk ist im Äußeren von Gebäuden nirgend vertreten; dagegen finden sich im Innern verschiedener Kirchen mittelalterliche Arbeiten aus Holz, teils noch au ihrem ursprünglichen Aufstellungsorte, teils in aufbewahrten Überresten; eigentümlich ist diesen Werken die Herstellung aus stärkeren Rahmen und eingesetzten, dünnen Füllungen aus Brettern, mit kräftigen Kehlungen und roher Verbindung der einzelnen Teile. Die meisten Beispiele dieser Art finden sich in S. Nicolai zu Stralsund, woselbst die Chorschranken, einzelne Türen, Emporen und Überreste von Gestühl erhalten sind. Im Innern von Wohnhäusern sind vereinzelt noch starke hölzerne Stützen im Innern und Fensterwandungen mit grober Schnitzerei erhalten.

Arbeiten in Schmiedeeisen aus dem Mittelalter sind äußerst selten erhalten und nur roh ausgeführt. Rotgussarbeiten finden sich vereinzelt. Der Messingschnitt ist in einem größeren Beispiele in S. Nicolai in Stralsund erhalten, und zwar bei einer wahrscheinlich nicht im Lande gefertigten Grabplatte; dagegen darf vermutet werden, dass die kleineren Messingplatten, mit welchen man vielfach die Grabsteine zu belegen pflegte, an ihren Verwendungsorten selbst hergestellt sind; von diesen meistens zu leicht befestigten Platten ist leider nur Weniges erhalten. Aus dem sechszehnten Jahrhundert stammen die älteren, erhaltenen Hängeleuchter und Wandleuchter; der Gebrauch, solche Leuchter in den Kirchen anzubringen, scheint sich vorwiegend noch bis zur Mitte des siebzehnten Jahrhunderts erhalten zu haben.

Glockengießereien bestanden sowohl in Greifswald, als auch in Stralsund während des ganzen Mittelalters; auch in den späteren Jahrhunderten sind die neuen Glocken meistens in einer diesen beiden Städte gegossen.

Die mittelalterlichen Altargeräte bestehen durchweg aus vergoldetem Silber; hin und wieder ist Emaille bei ihnen angebracht.

Bildwerke waren gewöhnlich aus Eichenholz geschnitzt, bei besseren Arbeiten mit Leinwand und Kreidegrund überzogen und dann bemalt. Ein einzelnes älteres Bildwerk, die heilige Anna in der S. Nikolai-Kirche zu Stralsund, ist aus Stuck hergestellt. In der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts und bis in das sechszehnte Jahrhundert hinein nahm vorzugsweise die Anfertigung von Altarschreinen mit geschnitzten Gestalten einen sehr großen Umfang an, so dass einzelne städtische Pfarrkirchen mehr als vierzig solcher Werke enthielten.

Schließlich möge in Betreff von Inschriften noch erwähnt werden, dass auf Grabsteinen bis zum Jahre 1357 Majuskeln, dann aber ausschließlich Minuskeln angewendet wurden; der älteste datierte Grabstein stammt aus dem Jahre 1315. Wenn auch einzelne deutsche Worte vorkommen, bediente man sich doch bis zur Mitte des 15ten Jahrhunderts ausschließlich der lateinischen Sprache bei Grabschriften; von der zweiten Hälfte des 15ten Jahrhunderts an kommen auf Laiengräbern auch niederdeutsche Inschriften vor.

Auf einigen nicht datierten Glocken sind noch Majuskeln angewendet. Die älteste mit Jahreszahl versehene Glocke ist von 1415 und hat schon Minuskel-Inschrift. Mit vereinzelten Ausnahmen behielt man bei den Glocken-Inschriften die lateinische Sprache bis zur Reformation bei.
Stralsund, alte Giebelhäuser in der Semlowerstraße

Stralsund, alte Giebelhäuser in der Semlowerstraße

Stralsund - Hafenpartie

Stralsund - Hafenpartie

Stralsund, Am Kütertor

Stralsund, Am Kütertor

Stralsund, Frankenkaserne

Stralsund, Frankenkaserne

Stralsund, Gedenkstein, Ferdinand Schill, gefallen am 31. Mai 1809

Stralsund, Gedenkstein, Ferdinand Schill, gefallen am 31. Mai 1809

Stralsund, im Hofe des Johannis-Klosters

Stralsund, im Hofe des Johannis-Klosters

Stralsund, Jakobiturm-Straße u. Jakobi-Kirche

Stralsund, Jakobiturm-Straße u. Jakobi-Kirche

Stralsund, Kniepertor

Stralsund, Kniepertor

Stralsund, Partie an der Böttcherstraße mit St. Jacobi-Kirche

Stralsund, Partie an der Böttcherstraße mit St. Jacobi-Kirche

Stralsund, Räucherbodenhaus im Johanniskloster

Stralsund, Räucherbodenhaus im Johanniskloster

Stralsund, Rathaus

Stralsund, Rathaus

Stralsund, Semlowertor

Stralsund, Semlowertor