Deutsches Leben im XIV. und XV. Jahrhundert - 01 Stichelreden gegen die verschiedenen Stämme, Landstriche und Städte Deutschlands

Über das Leben und Treiben der Bürger im ausgehenden Mittelalter
Autor: Schultz, Alwin Dr. (1838-1909) Kunst- und Kulturhistoriker, Professor der Kunstgeschichte an der Deutschen Karl Ferdinands-Universität in Prag, Publizist, Erscheinungsjahr: 1892
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Das Reich des deutschen Kaisers umfasste noch im XIV. und XV. Jahrhundert ein großes, mächtiges Ländergebiet. Die Freigrafschaft Burgund, Savoyen, Lotringen und die Niederlande gehörten ihm zu; auch die Schweiz trat erst 1648 völlig aus dem Reichsverband aus. Die Karte, die 1493 Hartmann Schedel in seiner Weltchronik veröffentlichte, und die in verkleinertem Maßstabe hier (Fig. 1) mitgeteilt wird, gibt einen Überblick über das ganze weite Gebiet, das damals der deutsche Kaiser mit immer mehr geminderter Machtvollkommenheit beherrschte. Die politische Bedeutung der Reichsfürsten, der reichsunmittelbaren Grafen und Freiherren, der Reichsstädte war seit dem XIII. Jahrhundert stetig gewachsen, und mit ihrem Wachstum war die Macht des Kaisers verringert worden. Die einzelnen deutschen Landstriche fühlten sich kaum noch zusammengehörig, und frühzeitig schon finden wir Scherzgedichte, in denen die deutschen Volksstämme charakterisiert und verspottet werden. Ein solches lateinisches Gedicht ist uns erhalten. Es wird da Österreich als freigebig, aber Geschrei liebend und beweglich geschildert, sein guter Tisch gelobt, aber die leichtfertige Redeweise getadelt. Mähren sei fromm, aber leicht zu täuschen. Den Schwaben wird vorgeworfen, dass sie um eines Geschenkes willen ihre Versprechungen brechen; dagegen vermeiden sie unschicklich zu reden, sind edel und stolz. Witzlos, schwarz, furchtsam und trunksüchtig sei der Böhme, der Bayer freigebig, heiter, betrügerisch, nicht von zu feinem Verstande, beständig, gesellig.

Dann wird Frankens guter Wein gelobt, der Weinreichtum am Rhein um Speier gepriesen; bemerkt, dass Maestricht nur allein an Fischen reich sei, dass der Brabanter mäßig bei Tische, geschmeidig und beharrlich sei, der Flanderer geschwätzig, aber reich; Holland gilt für arm, nur reich an Milch, kühn, töricht, keusch; aufsetzig seien die Friesen, stark, Löwen im Kriege, bessere Trinker gebe es nicht unter dem Himmel; der „Elsasser" ist treu im Glauben, keines Menschen Freund; wenn er dir Willkommen zuruft, nimm du dich wie vor einem Feinde in acht; dumm sind die Sachsen, nicht aber züchtig, nicht zur Freigebigkeit geneigt, weil sie arm sind; Diebe sind die Thüringer, wenig gastfrei gegen fahrende Leute, dagegen tanzen sie hübsch; bei ihnen ist der gebratene Häring beliebt; aus dem Kopfe machen sie fünf Gerichte: in Westphalen ist man verschwiegen, ruhig, beharrlich; da herrscht die schöne Frau, die gastliche Aufnahme ist gering, grobes Brot, dünnes Bier, lange Meilen gibt es da u. s. w. Trier ist dem Alter nach, Köln des Reichtums halber, Mainz seines Ansehens wegen die erste Stadt.

Nach den von Mone veröffentlichten lateinischen Distichen wird der Kölner im Alter immer zaghafter, der aus Cleve geiziger, der aus Geldern stolzer, der Lütticher gröber, der Brabanter dümmer, der aus dem Hennegau klüger, der Flanderer schamloser, der Seeländer nichtsnutziger, der Holländer auf gutes Essen erpichter, der Maestrichter verschlagener. Ein anderes Gedicht, das er an gleicher Stelle anführt, sagt: „Brüssel erfreut sich der Edlen, Antwerpen des Geldes, Gent seiner Taue, Brügge der hübschen Mädchen, Löwen der Gelehrten und Mecheln der Dummköpfe.''

Wattenbach teilt dann aus einer Münchener Handschrift des XV. Jahrhunderts ein paar lateinische Verse mit. ,,Frömmigkeit in Italien, Wahrhaftigkeit in Ungarn, Demuth in Österreich, Keuschheit in Bayern, Armut in Venedig, schöne Weiber im Mohrenlande, Religiosität in Böhmen, Glückseligkeit in Bologna, Brot in Köln, Trunkenheit in Sachsen, Treue in Thüringen, Meilen in Westphalen. Einfalt in Schwaben, Auslegungen der Juden, Erfurter Bier — taugen alle samt und sonders nichts." Interessant ist ferner eine Art Sequenz, welche R. Peiper veröffentlicht hat. In derselben wird die Kunstfertigkeit und die Verfassung von Nürnberg gerühmt; die Elsässer, Pfälzer, Württemberger werden wegen ihrer Liebe zum Wein geneckt. Dann preist der Dichter das schöne Belgien, die feinen Brabanter und ihre anmutigen Mädchen. Fischer und Hirten, Schiffer und Kaufleute sind die Holländer und Seeländer. Die Dänen stechen mit Dolchen; die Holsteiner sind wild und grausam. Die benachbarten Lübecker, Bremer, Hamburger werden ihres Handels wegen gerühmt, die Sachsen wegen ihres Mutes; aber sie sind Trunkenbolde, doch stark von Körperbau. Die Thüringer sind ungastlich, die Meissner nicht ganz so schlimm, aber große Heuchler. Die Lausitzer und Slaven sind diebisch und feig, und schmutzig" die Märker, Schlesier sind verliebt, haben schöne Frauen, sprechen aber bäuerisch . . . Die Mährer und Böhmen sind gotteslästerliche Ketzer; trunksüchtig (madidi) sind die Österreicher.“

Eine deutsche Priamel, die Eschenburg in seinen Denkmälern (Bremen 1799), 417 mitteilt, lautet:

„In Bayern zeucht man viel der schwein, Der treib man viel hinab an Rein. In Pohland, in Winden bös gebäu, Die Ungarn lausig und ungetreu. In Mähren auch desselben gleichen, Die Swarczfelder tückisch schleichen. Vogtländer kühdieb und auch rauben. Der Rockenzan mit dem ketzers glauben. Den thät der Huss in Böheim pflanzen. Die Schweizer gern fechten und tanzen. In Oestreich viel käsbrüh und langes haar. In Kärnthen mancher trunkner thor. Preussen und Sachsen trinken zu, An der see mit fischen wenig ruh. Und in Westphal göttlich gericht. Am Rhein schön frauen, als man spricht.In Meissen teutsche sprach gar gut, In Franken manches edle blut, We hüt, we hodels,*) frommes volk. In Flandern mancher grosse schalk. Elsasser schelten, fluchen und schwören. Die Schwaben überflüssig zehren; Vor allen landen sie doch geben Buben, henker, gemeiner weiber leben. Es ist ein gut land, aber selten komm ich heym. Die Fleminger ich desgleichen meyn. In den landen findt man reich und arm: Schwaben hüpft auf mit leerem darm."

*) Schöne Hüte, schöne Dirnen.

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001 Karte von Deutschland

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001 Karte von Deutschland (1493) L

001 Karte von Deutschland (1493) L

001 Karte von Deutschland (1493) R

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Mittelalter zirka 1320 Kostüme, Glasgemälde der Klosterkirche zu Königsfelden (1-4)

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Mittelalter Miniaturen aus der Biblia Pauperum 1-2

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Mittelalter Miniaturen aus der Weltchronik

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Mittelalter Miniaturen aus der Legenda Aurea von 1362

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Oktober

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Mittelalter zirka 1320 Kostüme, Glasgemälde der Klosterkirche zu Königsfelden (5-7)

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