Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger - Übungs- und Probefahrten

Aus: Archiv für Landeskunde in den Großherzogtümern Mecklenburg. Achtzehnter Jahrgang
Autor: Redigiert unter Verantwortlichkeit des Verlegers Hofbuchdruckers Sandmeyer, Erscheinungsjahr: 1868
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Hansestadt Rostock, Rostock, Warnemünde, Seenotrettungsapparat, Lotsenkommandeur, Rettungsboote, Übungsfahrten
Am 29. August fand eine Übungsfahrt mit dem in Wustrow stationierten Rettungsboote „Dr. Emminghaus" statt. Bei ungestümer Witterung und WNW-Winde ward das genannte Boot, auf einem Wagen ruhend, soweit wie möglich ans Wasser geschoben, und als kaum der Kommandeur, Navigationslehrer Agrell, sowie die 6 Ruderer ihre Plätze eingenommen hatten, glitt das Boot vortrefflich zu Wasser. Obgleich ziemlich starke Strömung nach Norden und an der Ablaufsstelle der Strand sehr flach war, so kam man doch glücklich über das erste Riff hinweg. Nicht so gelang es bei dem etwa 70 Faden entfernt liegenden zweiten Riff. Hier rollten die Wellen mächtiger, mit Schiebestöcken ließ sich bei dem tiefen Grunde nichts machen, und so konnte man es trotz aller Anstrengung nicht ausführen, das Boot durch die hohe See zu bringen. Inzwischen war dasselbe etwa 600 Schritt nach Norden getrieben. Der Versuch, durch die zweite Brandung zu dringen, wurde aufgegeben, und das Boot dem Lande wieder zugesteuert. Auf dieser Rückfahrt ereignete sich der Vorfall, dass eine starklaufende See das Boot quer in die Wellen legte. So gefahrvoll diese Lage auch war, so bewies das Boot sich so tüchtig, dass es nicht umschlug und, nachdem es wieder in die steuerbare Lage gebracht worden, vor den Wellen in den Strand gesetzt wurde.

Bei dieser etwa eine Stunde dauernden Probefahrt stellte sich heraus, dass das Fahrzeug schwere Wellen nach Wunsch übersteigt, nicht leicht umschlägt, jedoch bei hohem Seegange schwer fortzubringen ist. Man hofft, diesen Übelstand durch irgend welche Einrichtung zu beseitigen.

Am 16. September wurden ebendaselbst wiederum beide Boote (das eine vor einigen Jahren aus London angekauft, das andere, „Dr. Emminghaus", in diesem Jahre von der Gesellschaft nach Wustrow gegeben) einer Probe unterzogen. Es war die Absicht, zu ermitteln, welches der beiden Fahrzeuge am leichtesten bei sturmerregtem Meer zu Wasser und durch die Brandung zu bringen sei. Zu diesem Zwecke wurden die beiden Böte auf ihren Wagen an den Ostseestrand gebracht und, soweit es ging, ins Wasser hineingeschoben. Der Wind wehte frisch aus West, stand gerade auf die Küste und erzeugte kräftigen Seegang; die Strömung lief von Norden. In Anwesenheit vieler Zuschauer begann man mit dem „Dr. Emminghaus" zu manövrieren. Die Besatzung, mit Schwimmjacken versehen, bestieg unter Anführung des Navigationslehrers Agrell das Fahrzeug, und auf Kommando ward dasselbe ins Meer gelassen, erreichte aber keine genügende Tiefe und stand sofort fest. Mehrere der anwesenden Seeleute mussten ins Wasser waten und das Boot abschieben, bis es flott wurde; aber die nächste See warf es kräftig wieder auf Grund zurück. Mehrere Male musste dieser Abbringungsversuch wiederholt werden; dann war das Fahrzeug zwar frei, allein auch diesmal zeigte sich dasselbe in seiner früher beschriebenen Eigenschaft: es schlägt nicht um, aber es ist trotz der größten Anstrengung nicht durch die Brandung zu bringen. Nach vergeblichem Bemühen, über das zweite Riff hinwegzukommen, ward dem Lande zugesteuert. Man setzte Segel und begann die Fahrt aufs Neue, jedoch das Boot trieb rasch ab und wurde vor dem Winde weit südwärts von der Abfahrtstelle in den Strand gesetzt.

Während der "Dr. Emminghaus" noch mit den schweren Wogen kämpfte, ließ man in einiger Entfernung davon auch das englische Boot, welches von dem Vogt Dade kommandiert wurde, ins Wasser. Sowie der Kommandoruf erscholl, glitt das Fahrzeug pfeilschnell vom Wagen gleich auf flottes Wasser und durchschnitt, obgleich es beim Ablaufen das Ruder verlor, unter dem Jubel der am Strande stehenden Zuschauer mächtig die hochlaufende See. Ohne erhebliche Schwierigkeit ward die Brandung auf dem ersten wie zweiten Riff überwunden, und weit hinaus ins Meer bis mindestens auf eine Tiefe von 4 Faden lief das Fahrzeug sicher fort. Nachdem die freie See erreicht war, wendete der Kommandeur. An derselben Stelle, wo das Boot abgelaufen, traf es wieder an und entließ die Mannschaft mit vollkommen trockener Kleidung. Diese etwa eine Stunde dauernde Probefahrt mit den beiden Rettungsbooten bei gleicher Witterung, gleichem Strande und gleich hohem Seegange stellte unzweifelhaft fest, dass das englische Boot bei etwa an unserer Küste vorkommenden Schiffbrüchen dem anderen zum Gebrauch vorzuziehen sein werde.

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